Homöostase und Autonomie erhalten: Die Rolle des Anästhesisten bei Fast-track
Prof. Dr. Thomas Standl
Ziel der Fast-track Rehabilitation ist es, den Organismus des Patienten möglichst
stressfrei durch die perioperative Phase zu geleiten. Um die normale körperliche
Integrität des Patienten möglichst schnell wieder herzustellen, sollte
deshalb eine kurze präoperative orale Nahrungs- und Flüssigkeitskarenz,
eine schonende Anästhesie und eine effektive Schmerztherapie erfolgen.

Optimal steuerbare intravenöse und volatile Anästhetika ermöglichen ein sehr angenehmes rasches Einschlafen und Erwachen aus der Narkose. Durch Messung der Narkosetiefe mittels spezieller EEG-Geräte kann die Steuerung
der Allgemeinanästhesie noch exakter und effektiver durchgeführt
werden, so dass die Narkose nur noch wenige Minuten länger als die Operation
dauert. Das Auswaschverhalten des volatilen Anästhetikums Desfluran wird
dabei im Vergleich zu den anderen Inhalationsanästhetika am wenigsten
von der vorangegangenen Anästhesiedauer beeinflusst. Gleiches gilt für
das Opioid Remifentanil, das auch nach mehrstündiger Infusionsdauer nicht
kumuliert. Mit der Kombination von Desfluran und Remifentanil liegt gerade
bei langen Operationen die derzeit am besten steuerbare Anästhesieoption
vor, da Patienten selbst nach sechs- bis zehnstündigen Eingriffen planbar
und schnell extubiert werden können.
Neben der Anästhesietechnik sind für die effektive Fast-track Rehabilitation
eine Reihe weiterer Maßnahmen erforderlich, die jeweils individuell an
die Operationssituation angepasst werden müssen. So können bestimmte
Narkoseverfahren und Medikamente auch bei Risikopatienten postoperative Übelkeit
und Erbrechen (PONV) unterdrücken. Eine konvektive Wärmezufuhr mittels
Warmluftdecken und angewärmten Infusionen verhindert eine intraoperative
Auskühlung der Patienten, die eine Vielzahl von Komplikationen wie z.B.
Blutgerinnungsstörungen und postoperatives Muskelzittern mit erhöhtem
Sauerstoffverbrauch verursachen. Neue Erkenntnisse zeigen, dass die präoperative
Nüchternheitsphase vor einer Allgemeinanästhesie auf zwei Stunden
reduziert werden kann, wenn man klare und fettfreie Flüssigkeit ohne feste
Bestandteile reicht. Der Patient kann somit selbstständig seinen Flüssigkeitshaushalt
regeln und sein allgemeines Wohlbefinden steigern. Die perioperative Infusionstherapie
sollte gezielt den Verhältnissen des einzelnen Patienten angepasst sein
und möglichst zurückhaltend erfolgen. Die Quote chirurgischer und
allgemeiner Komplikationen kann dadurch z.T. um mehr als 50 Prozent gesenkt
werden.

Für die postoperative Schmerztherapie ist die thorakale Epiduralanästhesie
(TEA) die Methode der Wahl. Möglicherweise wird durch die TEA sogar die
Ausbildung eines „Schmerzgedächtnisses“ auf Rückenmarkebene
verhindert und so das Risiko einer Schmerzchronifizierung minimiert. Im Aufwachraum
wird die TEA mit einem niedrig konzentrierten Lokalanästhetikum fortgesetzt,
um postoperative Schmerzen wirksam zu bekämpfen und die Rekonvaleszenz
von Risikopatienten zu verbessern. Systemische Verabreichungen von starken
Schmerzmedikamenten (Opioiden), die durch ihre sedierende Wirkung und die Verursachung
von Darmträgheit einer raschen Erholung entgegenstehen, sind bei Patienten
mit einer TEA praktisch nicht mehr notwendig. Häufig empfiehlt es sich,
die TEA als patientenkontrollierte Epiduralanalgesie (PCEA) fortzusetzen. Der
Patient ist durch die Bolusapplikation von Anfang an aktiv in die postoperative
Phase eingebunden. Außerdem beugt die PCEA starken Schwankungen der Analgetikakonzentration
vor und kommt somit den Anforderungen einer kontinuierlichen adäquaten
Analgesie am nächsten.
Mit Hilfe der TEA und einer schonenden Anästhesie kann ein Patient bspw.
nach großen Darmoperationen bereits am Operationstag schmerzfrei durchatmen,
umhergehen, trinken und kleine Mahlzeiten zu sich nehmen. Dies ist die Voraussetzung
dafür, den Patienten nach einer Überwachungsphase im Aufwachraum
möglichst bald auf die operative Pflegestation verlegen zu können.
Prof. Dr. Thomas Standl
Städtisches Klinikum Solingen
Klinik für Anästhesie und operative Intensivmedizin
Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Köln
Gotenstraße 1
42653 Solingen
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