Patienten mit respiratorischer Insuffizienz verschiedener Schweregrade bis hin
zum ARDS haben einen erheblichen Anteil am Alltag auf der Intensivstation.
So hat allein auf unserer internistischen Intensivstation der Anteil beatmeter
Patienten in den letzten fünf Jahren von etwa 51 % im Jahr 1997 auf über
65 % im Jahr 2002 kontinuierlich zugenommen.
Die Therapie der respiratorischen Störung stützt sich im Wesentlichen
auf drei Säulen, deren Effekte darauf abzielen, eine Steigerung der Überlebensrate
zu erzielen.
Als die drei wesentlichen Aspekte dieser Therapie lassen sich die
individuell angepasste Respiratorunterstützung,
eine situationsbezogene Volumentherapie sowie
eine krankheitsbildbezogene Lagerungstherapie
ansehen.
Die Bauchlage als Teilaspekt der kinetischen Therapie hat sich mittlerweile
zu einem etablierten Verfahren in der Intensivpflege bzw. Intensivmedizin entwickelt.
Während zunächst fast ausschließlich die komplette Bauchlage
angewandt wurde, hat auch die inkomplette Bauchlage (häufiger auch als
135°-Seitenlage bezeichnet) sehr viele Anhänger gefunden.
So kann man zusammen mit der lateralen Rotationstherapie von drei eigenständigen
Verfahren innerhalb der kinetischen Therapie sprechen.
Allerdings ist es sehr schwierig, den Effekt der einzelnen Lagerungsverfahren
einander gegenüberzustellen. So ist es bisher nicht erwiesen, ob die inkomplette
Bauchlage, die allgemein als risikoärmeres Verfahren angesehen wird, der
kompletten Bauchlage hinsichtlich der Nebenwirkungsrate in diesem eher pflegerischen
Kompetenzbereich tatsächlich überlegen ist.
Ebenso gibt es bis dato keinen Beweis dafür, dass die inkomplette Bauchlage
auch tatsächlich den gleichen positiven Effekt auf die Oxygenierung erzielt
wie die komplette Bauchlage.
Dies wurde in einer randomisierten Multicenterstudie untersucht, an der sich
unter Leitung von Prof. T. Bein von der Klinik für Anästhesiologie
am Klinikum der Universität Regensburg die Intensivstationen des Zentralklinikums
Augsburg, des Klinikums Stuttgart (Katharinenhospital) und des Klinikums der
Universität Regensburg beteiligten.
Bauchlage:
Drehung des Patienten um seine Längsachse um 180°
Complete Prone Position (CPP)
inkomplette Bauchlage:
etwas weniger invasive Form der Bauchlage
(135°-)Bauchlage
Incomplete Prone Position (IPP)
Der Wirkmechanismus, den man sich bei der Drehung des Patienten auf den Bauch
zunutze macht, ist die Wiedereröffnung vormals dorsobasaler Atelektasen,
welche bereits nach kurzer Zeit der immobilen Rückenlage entstehen und
so die normalerweise zur Verfügung stehende Gasaustauschfläche erheblich
verkleinern.
Gleichzeitig scheint eine Veränderung der diaphragmalen Geometrie in Kombination
mit einer Reduzierung der globalen Ventilations-Perfusions-Fehlverteilung hier
einen positiven Beitrag zu leisten.
Während diese beiden Effekte im Tierexperiment bereits nachgewiesen werden
konnten, ist die Drainage tracheobronchealen Sekrets bisher durch keine Studie
belegt, wenngleich der geplagte Betrachter vielfach einen steigenden Sekretfluss
nach der Drehung in die Bauchlage beobachten und absaugen kann.
Grundlagen der Studie
Eingeschlossen wurden Patienten, welche aus traumatischer oder nicht traumatischer
Ursache eine respiratorische Insuffizienz (acute lung injury, ALI) mit einem
Oxygenierungsindex (paO2/FiO2, Horowitz-Index) von 220 oder kleiner unter Beatmung
erlitten.
Dieser Index musste für mindestens zwei Stunden unterschritten worden
sein.
Ausgeschlossen wurden Patienten mit akutem Schädel-Hirn-Trauma, Kinder
und Jugendliche unter 18 Jahren sowie Patienten mit dekompensierter Herzinsuffizienz,
instabiler Angina Pectoris und manifestem Schocksyndrom.
Nach Einverständnis der Angehörigen bzw. des Betreuers und der Meldung
an die Studienzentrale wurden die Patienten dann dem Randomisierungsverfahren
zugeführt und in die Studie eingeschlossen.
Die Lagerung erfolgte standardisiert nach einem Cross-over-Design, bei dem
die Patienten auch gewissermaßen die eigene Kontrollgruppe bildeten.
Gruppe A:
sechs Stunden inkomplette Bauchlage (IPP)
sechs Stunden komplette Bauchlage (CPP)
zwei Stunden Rückenlage
Gruppe B:
sechs Stunden komplette Bauchlage (CPP)
sechs Stunden inkomplette Bauchlage (IPP)
zwei Stunden Rückenlage
Die Blutabnahmen für die Blutgasanalysen sowie die Erhebung weiterer Daten
erfolgten im Rahmen der Auswahl für die Studie sowie
1) unmittelbar vor Lagerungsbeginn,
2) 30 Minuten nach der 1. Lagerung und
3) sechs Stunden nach der 1. Lagerung.
Nun wurde der Patient in die nach seiner Randomisierung vorgesehene zweite
Lagerung positioniert.
Daraufhin erfolgte wieder die Datenerhebung
4) 30 Minuten nach der 2. Lagerung und
5) sechs Stunden nach der 2. Lagerung zum Ende der Bauchlagerungsphase.
Nach diesen insgesamt zwölf Stunden wurde der Patient wieder auf den Rücken
gelagert und
6) zwei Stunden nach Rückenlage zum letzten Mal die für die Studie
relevanten Daten erhoben.
Die dabei dokumentierten Parameter gingen dann in das Studienprotokoll ein.
Darüber hinaus wurde bei jedem Patienten der Hautstatus nach jedem Lagerungsintervall
beurteilt.
Hierbei wurde eine vereinfachte Vierstadieneinteilung angewandt:
Der Focus lag auf der Entstehung und Ausdehnung von Ödemen und Druckulcera.
Ebenso wurden unvorhergesehene Ereignisse während des kompletten Studienintervalls
abgefragt und dokumentiert.
Um Fehlerquellen hinsichtlich der Oxygenierungssituation auszuschließen,
sollten Beatmungs-, Volumen- und Analgosedierungsregime während des Studienintervalls
nicht geändert werden.
Lediglich bei einer deutlichen Verbesserung der Compliance in Bauchlage mit
einem Anstieg des Tidalvolumens (> 12 ml/kg KG) musste so gegenreguliert
werden, dass das Tidalvolumen wieder =10 ml/kg KG betrug.
Diese Anpassungsmaßnahmen mussten dann auch dokumentiert werden.
Der Empfehlung für streng einseitige Lungenerkrankungen („down with
the good lung”) folgend, wurde bei der inkompletten Lagerung die schwerer
betroffene Seite nach oben gelagert.
Zur Vergleichbarkeit der beiden Randomisierungsgruppen wurde für jeden
Patienten der Simplified Acute Physiology Score (SAPS II Score) und der Lung
Injury Score (LIS) erhoben. Diese beiden Scores sind zum besseren Verständnis
im Anhang (1 und 2) aufgeführt.
alle Patienten (n = 52)
Gruppe A (n = 27)
Gruppe B (n = 25)
Signifikanz
Geschlecht (m/w)
37/15
20/7
17/8
Alter (Jahre)
58,4 ± 15
56,8 ± 15
60,2 ± 14
p = 0,70
SAPS II
35,5 ± 13
33,7 ± 14
37,5 ± 12
p = 0,25
Lung Injury Score
2,6 ± 0,5
2,7 ± 0,6
2,6 ± 0,5
p = 0,35
Beatmungstage vor Studieneinschluss
5,3 ± 4
5,4 ± 4
5,3 ± 4
p = 0,65
ARDS-Ursache:
- Pneumonie
24
12
12
- Chirurgie (postop.)
10
6
4
- Herzchirurgie (postop.)
8
3
5
- Trauma
5
3
2
- Neurochirurgie
3
2
1
- andere
2
1
1
Tab. 1 Charakteristika Patientendaten
Ergebnisse zur Oxygenierung
Insgesamt wurden 59 Patienten in die Studie eingeschlossen, von denen letztendlich
52 Patienten ausgewertet werden konnten.
1 Patient erfüllte die Einschlusskriterien nicht mehr.
1 Patient wurde nach der Randomisierung kurzfristig verlegt.
1 Patient musste akut einer diagnostischen Maßnahme zugeführt werden.
1 Patient wurde wegen fehlender Einverständniserklärung ausgeschlossen.
3 Patienten mussten wegen einer vitalen Gefährdung ausgeschlossen werden.
Von den ausgewerteten Patienten waren 27 Patienten der Gruppe A zugeordnet,
welche zunächst der inkompletten Bauchlage zugeführt wurden und 25
Patienten der Gruppe B zugeteilt, welche initial komplett auf den Bauch gelagert
wurden.
Ergebnisse
Wie aus Abb. [1] ersichtlich ist, resultierte aus beiden Lagerungsvarianten
eine signifikante Verbesserung der Oxygenierung.
Allerdings erfolgte dieser Effekt bei der kompletten Bauchlage (B) deutlich
schneller.
Außerdem fiel auf, dass in der Gruppe, die zuerst komplett auf den Bauch
gelagert war, kein Patient mehr von der anschließenden inkompletten Bauchlage
wesentlich profitierte, die Patienten sich im Gegenteil meist sogar moderat
verschlechterten, um im weiteren Verlauf wieder etwas im Oxygenierungsindex
anzusteigen. Das Niveau der kompletten Bauchlage wurde allerdings nicht mehr
erreicht.
Abb. 1 Oxygenierungsverlauf. In der Gruppe der Patienten, die zunächst
inkomplett (A) und dann komplett auf den Bauch gelagert wurden, verbesserten
sich über die Hälfte der Patienten nach dem Weiterdrehen in die komplette
Bauchlagerung nochmals gegenüber ihren Ausgangswerten nach sechs Stunden
inkompletter Bauchlage.
Tab. 2 Änderungen in der arteriellen Oxygenierung, der Kohlendioxyd Elimination
und des Atemminutenvolumens während inkompletter (IPP) und kompletter (CPP)
Bauchlage
„Responder” = Patienten mit einem PaO2/FIO2-Benefit größer
oder gleich 20 % des Ausgangswerts oder einem Abfall des PaCO2 = 1 mm Hg.
Dies lässt den Schluss zu, dass die CPP der IPP bei der Oxygenierung sowohl
hinsichtlich der Geschwindigkeit des Wirkungseintritts überlegen ist als
auch im Hinblick auf den Totaleffekt eine signifikant bessere Wirksamkeit zeigt.
Ergebnisse zur Nebenwirkungsrate
Die als Argument für die inkomplette Bauchlage häufig vom pflegerischen
Personal gebrauchte niedrigere Nebenwirkungsrate war der zweite Teilaspekt,
der zur Untersuchung kam.
Hier zeigte sich, dass entgegen der häufig angeführten Bedenken hinsichtlich
akzidenteller Extubation oder Dislokation von so genannten Life Lines lediglich
bei einem Patienten der ZVK versehentlich entfernt wurde. Dies geschah aber
nicht beim eigentlichen Drehvorgang in die Bauchlage, sondern passierte zum
Zeitpunkt des Einlagerns in das Bauchlagerungssystem und kann somit nicht als
Nebenwirkung der Bauchlagerung im eigentlichen Sinn interpretiert werden.
Trotzdem ist dieses Vorkommnis ein Zeichen dafür, dass ohne die entsprechende
Vorbereitung und Konzentration jederzeit Problempotenzial vorhanden ist, welches
es zu minimieren gilt.
Bei der Durchführung der vergleichenden Lagerungsstudie kam aus Gründen
der Standardisierung bei allen Patienten das Bauchlagerungssystem Pro Nimbus®
(Fa. HNE, Hilden D) zum Einsatz.
Dieses Wechseldrucklagerungssystem verbindet in praktischer Weise die Vorteile
der entsprechenden Druckentlastung mit diversen Einstellmöglichkeiten,
die für die Durchführung der Bauchlage ohne zusätzliches Lagerungsmaterial
genutzt werden können.
So besteht die Möglichkeit, die Luftkissen im Kopfbereich für die
Bauchlage zu entlüften und den Kopf des Patienten auf einem u-förmigen
Luftkissen, welches über eine separat steuerbare Druckregulierung verfügt,
zu positionieren.
Mittels der verschiedenen Verstellmöglichkeiten in Höhe, Breite und
Tiefe lassen sich viele der immer wieder auftretenden Lagerungsprobleme des
Kopfbereichs lösen (Abb. [2]).
Abb. 2 Positionierung des Kopfes auf dem transparenten Luftring, entweder mit
dem Gesicht zur Seite oder frontal Blickrichtung Matratze.
Ein sehr angenehmer Nebeneffekt ist der daraus resultierende „Stauraum”
zur Unterbringung der Beatmungsschläuche und anderer Zu- und Ableitungen.
Einzelne Luftkammern lassen sich punktuell und bedarfsgerecht entlüften,
um so für eine Hohllagerung des Bauchs oder anderer druckgefährdeter
Körperbereiche zu sorgen.
Vorteilhaft ist eine sensorüberwachte Druckregulierung, die es ermöglicht,
Patienten von 45 kg bis 160 kg auch ohne Idealmaße? bei optimaler Druckverteilung
auf diesem Matratzensystem zu lagern.
Wichtig dabei ist aber, wie bei allen Therapiesystemen dieser Art, eine umfassende
Schulung, um alle tatsächlich nutzbaren Vorteile auch zielgerichtet einsetzen
zu können und auch, um mögliche Anwendungsfehler zu verhindern bzw.
Berührungsängste beim erstmaligen Anwender abzubauen.
Wie entscheidend diese sachgerechte Anwendung ist, lässt sich später
bei der Ausführung über die Nebenwirkungen der Bauchlagerung noch
sehr anschaulich darstellen.
In Tab. [4] wird eine zwar oft beobachtete, aber dennoch beängstigende
Aufstellung zum Auftreten von Ödemen und Lagerungsschäden bei der
Bauchlagerung gegeben.
alle Patienten (n = 52)
IPP (Gruppe A) (n = 27)
CPP (Gruppe B)
(n = 25)
Signifikanz
Druckschäden Grad I
(gerötete Stellen mit
intakter Haut)
4/52 (7,7 %)
1/27 (3,7 %)
3/25 (12 %)
p = 0,157
Druckschäden Grad II
(oberflächlicher Hautdefekt, Blasen oder flacher Gewebsdefekt)
3/52 (5,8 %)
1/27 (3,7 %)
2/25 (8 %)
p < 0,05
Ödembildung
36/52 (69,2 %)
16/27 (59,2 %)
20/25 (80,0 %)
p < 0,05
Tab. 4 Inzidenz und Schwere von Druckschäden sowie Ödembildung während
IPP und CPP
Diese doch recht hohe Zahl von Patienten, die bei der Lagerung zur Ödembildung
neigen, sollte uns bereits vor der Entstehung von Lagerungsdefekten zu einer
sehr gewissenhaften und immer wieder kontrollierten Lagerung veranlassen.
Bauchlage kann kein statischer Prozess sein, wenn Nebenwirkungen minimiert
werden sollen.
Die Ödemneigung wurde visuell ausgewertet, ohne eine genauere Quantifizierung
hinsichtlich der Ödemausbreitung und Größe der betroffenen Fläche
vorzunehmen.
Alle 36 Patienten, bei denen im Lauf des ersten Lagerungsintervalls Ödeme
aufgetreten waren, wurden noch einmal nach Lagerungsgruppen getrennt ausgewertet,
um nach Hinweisen für die Neigung zur Ödembildung zu suchen (Tab.
[5]).
Messwerte
(Ödemgruppe)
gesamt
Gruppe A (n = 16)
Gruppe B (n = 20)
ZVD
12,86
11,5
14
PEEP
12,29
12,94
11,74
SAPS II
35,54
32.06
38,48
Lung Injury Score
2,50
2,75
2,50
Tab. 5 Messdaten zur Ursachensuche der Ödembildung
Aber auch diese Gruppenstatistik für beide Lagerungsvarianten konnte weder
signifikante Unterschiede zwischen den beiden Gruppen A und B noch einen Unterschied
zu allen eingeschlossenen Patienten (also auch gegenüber denen, die gar
keine Defekte erlitten) zeigen.
Lediglich ein Trend zu höheren Messwerten und einem damit einhergehenden
höheren Risiko war in der CPP-Gruppe für den ZVD und den ermittelten
SAPS-II-Wert feststellbar.
Dafür war in der IPP-Gruppe der durchschnittlich verabreichte PEEP höher.
Beide Aussagen bieten aber keinen Ansatz für eine Problemlösung.
So waren also alle Daten, die primär für die Ausbildung von Ödemen
relevant erscheinen, im Hinblick auf die Defektinzidenz wenig aussagefähig
(Tab. [6]).
Ödeme (Lokalisation)
Gruppe A
(IPP)
Gruppe B
(CPP)
Patienten
16
20
Ödeme gesamt
22
27
Augen
5
8
Cornealödem
2
1
Augenlid(er)
3
5
Gesicht
5
4
Lippen
5
6
Stirn
1
Zunge
1
Ohren
1
Hände
1
1
Tab. 6 Lokalisation der aufgetretenen Ödeme
Die Anzahl der Lokalisationen übersteigt die in Tab. [4], genannte Gesamtzahl,
da Mehrfachnennungen enthalten sind.
Bei der Einteilung der Hautdefekte, die aus der vorgenommenen Lagerung resultierten,
wurde eine vereinfachte vierstufige Dekubitusstadieneinteilung verwendet.
Zur Auswertung brachten wir auch in diesem Teilbereich nur diejenigen Lagerungserscheinungen,
welche nach der ersten sechsstündigen Lagerung auftraten.
Dies erschien uns deshalb sinnvoller, da eine eindeutige Zuordnung zum zweiten
Lagerungsintervall mit zunehmender Lagerungsdauer nicht mehr möglich war.
So liegt die Vermutung auf der Hand, dass mit der steigenden Lagerungsdauer
die Defektinzidenz steigt. Dies ist aber nicht nur dem zweiten Lagerungsintervall
allein anzulasten. Vielmehr muss hier noch eine genauere Evaluation erfolgen,
nach welchem Zeitpunkt der Wirkungshöhepunkt der einzelnen Lagerungsverfahren
erreicht ist. Eine Übersichtsarbeit die noch nicht publiziert ist, zeigt
diesen Höchstwert für die Bauchlage nach durchschnittlich achteinhalb
Stunden.
Es zeigt sich zwar eine geringgradig höhere Inzidenz in der Gruppe, die
zuerst der kompletten Bauchlagerung zugeführt wurde, es lässt sich
aber unserer Meinung nach daraus nicht generell ableiten, dass die CPP generell
der IPP im Hinblick auf Nebenwirkungen unterlegen ist.
Wir sehen eher als Grund dafür, dass die Probleme einer korrekten Lagerung
zuallererst auf „Handling”-Schwierigkeiten beim Kennenlernen des Lagerungssystems
zurückzuführen waren.
So traten nämlich beim letzten Viertel aller untersuchten Patienten keine
Dekubitusfälle mehr auf. Dies spricht unserer Meinung nach ganz deutlich
dafür, dass ein sicheres Handling des eingesetzten Lagerungssystems durch
„Lerneffekt” die Dekubitusgefahr für den Patienten deutlich reduzieren
kann.
Kardiale und pulmonale Nebenwirkungen
Es trat in vier Fällen ein Abfall des gemessenen Horowitz-Index von über
20 % des Ausgangswerts auf, so dass bei einem dieser Patienten die Lagerung
sogar abgebrochen wurde und er aus der Studie genommen werden musste.
Bei den ermittelten Kreislaufparametern wurde in den meisten Fällen eine
Steigerung des arteriellen Mitteldrucks festgestellt, wobei dieses Phänomen
einer hämodynamischen Stabilisierung während der Bauchlage bereits
von Hering et al. beschrieben ist. Lediglich direkt mit dem Drehvorgang verbundene
Blutdruckschwankungen traten auf, waren aber in aller Regel schnell in den Griff
zu bekommen und wurden zumeist als Ausdruck eines Volumenmangels interpretiert.
Auffallend war, dass diese Effekte meist kurz vor Ende des Bauchlagerungsintervalls
bzw. nach dem Zurückdrehen auf den Rücken auftraten. Dies spricht
dafür, dass die zunehmende Lagerungsdauer auf dem Bauch eine sichere Beurteilung
des Volumenstatus zumindest erschwert und das Risiko von Volumenschwankungen
mit der Dauer des Lagerungsintervalls ansteigt.
Wenn man dies aber mit dem vorhin genannten Höhepunkt der Wirkung der
Bauchlage nach achteinhalb Stunden in Beziehung setzt, sollte dieser eher negative
Effekt keinen wesentlichen Einfluss mehr haben.
Schlussbetrachtung
Die Verbesserung der arteriellen Oxygenierung beim akuten Lungenversagen zeigt
eindeutige Vorteile hinsichtlich der Ausprägung des Wirkungseintritts und
der Nachhaltigkeit der Wirkung zugunsten der kompletten Bauchlage im Vergleich
mit der inkompletten oder 135°-Lage.
Dies bedeutet nicht, dass die inkomplette Bauchlage im individuellen Fall nicht
auch für zufrieden stellende Ergebnisse sorgen kann. Allerdings sollte
man sich hier sehr genau an den physiologischen Gegebenheiten (einseitige Lungenfunktionseinschränkung
etc.) orientieren.
Nach unseren Daten sollte die IPP beim schweren ARDS nicht angewendet werden,
da hier der Effekt ungewiss und sehr eingeschränkt ist.
Bei Patienten mit schwerstem Lungenversagen sollte die komplette Bauchlage
die Methode der Wahl sein.
Bei der Beurteilung der Nebenwirkungen der beiden Lagerungsverfahren ist es
tatsächlich so, dass die inkomplette Bauchlage weniger Probleme nach sich
zu ziehen scheint. Dies trifft sowohl für die Häufigkeit als auch
für die Schwere der Nebenwirkung zu. Wie aber bereits erwähnt, sind
in diesem Bereich sicher noch Verbesserungen im Handling und bei der Ausführung
der Lagerung zu erzielen, die dann die Nebenwirkungsrate noch deutlich senken
könnten.
Diese Tatsache wird auch dadurch unterstrichen, dass es sehr viele Möglichkeiten
zur Durchführung der Bauchlage gibt und diejenige, die man in einem Bereich
erfolgreich praktiziert, auch diejenige mit den wenigsten Nebenwirkungen sein
wird.
Befund
[*]
Punkte
1. Röntgen - Thorax
keine Transparenzminderung
0
Transparenzminderung 1 Quadrant
1
Transparenzminderung 2 Quadranten
2
Transparenzminderung 3 Quadranten
3
Transparenzminderung 4 Quadranten
4
2. arterielle Oxygenierung
PaO2/FiO2 = 225 - 299
1
PaO2/FiO2 = 175 - 224
2
PaO2/FiO2 = 100 - 174
3
PaO2/FiO2 < 100
4
3. statische Lungencompliance (ml/cm H2O)
Compliance
>80
0
Compliance
60-79
1
Compliance
40-59
2
Compliance
20 - 39
3
Compliance
<20
4
4. PEEP (mbar)
PEEP
<6
0
PEEP
6-8
1
PEEP
9-11
2
PEEP
12-14
3
PEEP
>14
4
Anhang 1: Lung Injury Score. Murray JF, Matthay JM, Luce JM et al. An expanded
definition of the adult respiratory distress syndrome. Am Rev Respir Dis 1988;
138 : 720 - 723
Die Punkte der einzelnen Parameter werden addiert und anschließend durch
4 dividiert.
Danksagung
Abschließend möchte ich allen Schwestern und Pflegern der teilnehmenden
Intensivstationen der Kliniken Stuttgart, Augsburg und Regensburg dafür
danken, dass wir zeigen konnten, dass auch das Pflegepersonal bei der Umsetzung
wissenschaftlicher Fragestellungen im Rahmen klinischer Studien einen nicht
unerheblichen Beitrag leisten kann.
Literatur
Bein T. Patientenlagerung - Kinetische Therapie in der Intensivmedizin. Anaesthesist
1998; 47: 74-80
Lange R, Heinen F, Rüdebusch S. Beatmung in Bauchlage. Einstellungswandel
zur Bedeutung der Lagerung. Teil 1 und 2. Die Schwester/Der Pfleger 1997; 36:
Hering R. Prone positioning, systemic hemodynamics, hepatic indocyanine green
kinetics, and gastric intramucosal energy balance in patients with acute lung
injury. Intensive Care Medicine 2002; 28: 53-58
Tryba M. Wirkungshöhepunkt bei der Bauchlage. Auszug einer Reviewarbeit.
Publikation in Vorbereitung
Dies ist ein Ausdruck des Online-Journals zwai PORTAL - JOURNAL - FORUM - WEITERBILDUNG
für Anästhesie- & Intensivpflege.
Das Dokument ist unter folgender Adresse zu finden:
http://www.zwai.net/ZW0028