To PEEP Or Not To PEEP?
Hanno H. Endres - Redaktion zwai
Im ARDS könnte positiv-endexspiratorischer Druck (PEEP) durch den Respirator
verursachte Lungenschäden verringern, indem Lungenbereiche offen gehalten
werden, die ansonsten kollabieren würden.
Dabei sind die PEEP-Effekte wahrscheinlich davon abhängig, inwieweit
das Lungengewebe rekrutierbar ist. Gattioni (Milan) und
Kollegen haben daher im New England Journal of Medicine den Zusammenhang zwischen dem per Computer-Tomografie (CT) dargestellten Anteil potenziell rekrutierbarer Lunge und den klinischen und physiologischen Auswirkungen des PEEP untersucht.

Methode
Bei 68 Patienten mit einer akuten Lungenschädigung oder ARDS wurde während
der Inspiration mit Beatmungsdrücken von 5, 15 und 45 cmH2O ein CT der Lunge durchgeführt.
Den Anteil potenziell rekrutierbarer Lunge haben die Autoren definiert als den Prozentsatz des Lungengewebes, das bei Drücken zwischen 5 und 45cm
Wassersäule wieder belüftet wurde.
Ergebnisse
Der Prozentsatz der potentiell rekrutierbaren Lunge variierte zwischen „vernachlässigbar“ und
50 % Prozent des Lungengewichts - durchschnittlich 13 +/- 11% - und korrelierte negativ mit dem Prozentsatz des Lungengewebes, das mit Hilfe von PEEP belüftet
werden konnte.
Im Mittel konnten 24% der Lunge nicht rekrutiert werden – auch nicht
mit einem PEEP von 45cm H2O.
Patienten mit wenig rekrutierbarem Lungengewebe profitierten kaum von der
PEEP-Anwendung, sondern erlitten eher eine Lungenschädigung.
Patienten mit einem höheren Prozentsatz als den durchschnittlichen 9
% potenziell rekrutierbarer Lunge hatten ein höheres Lungengewicht, gemessen
am Horowitz-Index (PaO2/FiO2) eine schlechtere Oxygenierung und Compliance, erhöhten
Totraum und wiesen höhere Sterberaten auf als Patienten mit einem niedrigeren
Prozentsatz potenziell rekrutierbarer Lunge.
Mit den kombinierten physiologischen Variablen konnte mit einer Sensitivität
von 71% und einer Genauigkeit von 59% vorherbestimmt werden, ob der Anteil
potenziell rekrutierbarer Lunge höher oder niedriger war als der Durchschnitt.
Rückschlüsse
Der Prozentsatz potenziell rekrutierbarer Lunge ist im ARDS extrem variabel
und steht in einem engen Bezug dazu, ob der Patient auf den PEEP anspricht
oder nicht.

Diskussion
Die Einstellung des PEEP-Niveaus ohne Kenntnis des Anteils der potenziell
rekrutierbaren Lunge kann also die möglicherweise positiven Effekte des
PEEPs zu nichte machen und eine Gefährdung bedeuten.
Der federführende Autor, Dr. Gattinoni, macht deutlich, dass noch eine
formale Studie notwendig sei, um zu untersuchen, welchen Einfluss verschiedene
PEEP-Niveaus auf ARDS-Patienten haben. Eine solche Untersuchung sollte jedoch
auf Patienten mit einem höheren Anteil potenziell rekrutierbarer Lunge
begrenzt werden.
Während noch auf eine solche Studie gewartet wird, empfiehlt Gattinoni,
ein PEEP-Niveau von über 15cm H2O nur bei Patienten mit einem höheren
Anteil rekrutierbarer Lunge anzuwenden. Ist der Prozentsatz geringer als der
Durchschnitt, soll der PEEP 10cm H2O nicht übersteigen.
In dem Editorial der NEJM-Ausgabe bescheinigen Arthur Slutsky (Toronto) und
Leonard Hudson (Seattle) den Autoren, dass sie mit den Ergebnissen eine eventuelle
Lösung des Problems vorlegt haben, die Patienten, die von PEEP profitieren
von denen zu unterscheiden, denen PEEP schadet - geben aber gleichzeitig auch
folgendes zu denken:
- Ein Teil der untersuchten Patienten reagierte nicht auf Beatmungsdrücke
von 45cm H2O, würde aber auf höhere Drücke ansprechen.
. Die Forscher sprechen nicht das Problem an, wie viel rekrutierbares Lungengewebe zur Erwägung eines höheren PEEP-Niveaus ausreicht.
- Die Studie konnte nicht klären, welches PEEP-Niveau angewandt werden
sollte - auch nicht für Patienten mit einem hohen Anteil rekrutierbarer
Lunge.
- Eine CT-Untersuchung ist bei den meisten klinischen Gegebenheiten nicht
durchführbar.
Die Hauptaussage der Studie sei, dass zukünftige Studien der PEEP-Strategien
vor allem den Grad, bis zu dem die Lunge rekrutiert werden kann, berücksichtigen
müssen.
In der postgenomischen Ära zeigten Dr. Gattinoni und seine Kollegen,
dass stichhaltige physiologische Grundlagen noch immer für das Verständnis
des Krankheitsgeschehens von Bedeutung seien.
Literatur
New England Journal of Medicine 2006, Volume 354:1775-1786
Lung Recruitment in Patients with the Acute Respiratory Distress Syndrome
Luciano Gattinoni, M.D., F.R.C.P., Pietro Caironi, M.D., Massimo Cressoni,
M.D., Davide Chiumello, M.D., V. Marco Ranieri, M.D., Michael Quintel, M.D.,
Ph.D., Sebastiano Russo, M.D., Nicolò Patroniti, M.D., Rodrigo Cornejo,
M.D., and Guillermo Bugedo, M.D.
(29.06.2006)
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