Nierenersatztherapie auf Intensivstationen
Pascal Lubin
Der Artikel stellt eine Übersichtsarbeit über alle relevanten Aspekte
der Nierenersatztherapie dar. Sowohl die physikalischen Grundlagen als auch die
verschiedenen Verfahren werden beleuchtet. Es werden Fragen wie die Antikoagulation, verschiedene Zugangstechniken und der Beginn der Behandlung erörtert und am Ende die Gefahren und Probleme, wie etwa die psychische Situation des Patienten, behandelt.
Indikationen
Indikationen laut der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv-
und Notfallmedizin: Akutes Nierenversagen mit Oligurie/Anurie unter 0,5 ml/kg
KG pro Stunde und einem Serumharnstoff > 150-200 mg/dl. Kreatininanstieg pro
Tag > 0,5-2 mg/dl [1].
Andere Autoren plädieren für einen früheren Einstieg in die Nierenersatztherapie.
Ihr Schwellenwert für Harnstoff liegt bei 120-150 mg/dl.
In diesem Bereich lässt sich ein Patient unter Nierenersatztherapie einstellen,
so dass es keinen Grund gibt, den Patienten vor Therapiebeginn einer höheren
ürämischen Intoxikation auszusetzen [2].
Physikalische Grundlagen
Bei der Nierenersatztherapie kommt es zwischen zwei Flüssigkeitsräumen
(Blut und Dialysat) durch eine semipermeable Membran zu einem Austausch von Teilchen,
z. B. Harnstoff, und Flüssigkeiten. Dies geschieht aufgrund vier verschiedener
physikalischer Prinzipien.
Diffusion
Hierbei passieren Teilchen so lange die semipermeable Membran, bis es zum Ausgleich
kommt, also in beiden Medien die gleiche Teilchenkonzentration existiert.
Diffusion ist das Hauptprinzip der Hämodialyse.
Osmose
Bei der Osmose tritt so lange Flüssigkeit durch die Membran, bis es auch
hier zu einem Ausgleich der Teilchenkonzentration kommt.
Ultrafiltration
Übertritt von Flüssigkeit entlang eines Druckgradienten. Ist also der
hydrostatische Druck im Blut höher als auf der anderen Seite der Membran,
so tritt Wasser über.
Konvektion
Beim Übertritt von Flüssigkeit, also bei der Ultrafiltration, werden
zusätzlich noch gelöste Teilchen mitgerissen.
Konvektion ist das Hauptprinzip der Hämofiltration.
Adsorption
Als weiteres physikalisches Prinzip, gibt es die Adsorption. Hierbei wird die
zu eliminierende Substanz an einen Stoff, z. B. Aktivkohle, gebunden. Zu diesem
Verfahren gehört die Hämoperfusion.
Prinzipielle Überlegungen zur Nierenersatztherapie
Intermittierend/kontinuierlich
Wird in der Dialysepraxis bei Patienten mit einer terminalen Niereninsuffizienz
in der Regel ein intermittierendes Verfahren gewählt, um dem Patienten eine
möglichst kurze Therapiezeit zu bieten, so ist in der Intensivtherapie ein
kontinuierliches Verfahren vorzuziehen.
Das kontinuierliche Verfahren hat den Vorteil, dem Patienten das Volumen über
24 Stunden und damit wesentlich schonender zu entziehen. So wird pro Zeiteinheit
weniger entzogen, es kommt damit nicht zu großen Volumenverschiebungen.
Blutdruckabfälle können so weitgehend vermieden werden.
Der zweite wesentliche Vorteil ist in der Vermeidung eines Disäquilibrationssyndromes
zu sehen. Hierbei kommt es bei einem zu schnellen Abbau der harnpflichtigen Substanzen
zu einem Missverhältnis der intrazellulären und intravasalen Konzentration.
Da die intravasale Konzentration durch forcierte Dialyse rascher abnimmt als es
von intrazellulär nach strömen kann, kommt es zum Ausgleich des Gefälles
durch Osmose, dabei strömt Flüssigkeit von intravasal nach intrazellulär
(Abb. [1]). Dies kann vor allem zu einem Hirnödem mit Kopfschmerzen und Übelkeit
und im Extremfall zu Bewusstlosigkeit führen.
Der große Vorteil der intermittierenden Hämodialyse ist ihre hohe Effektivität.
Der Blutfluss ist ungefähr doppelt so hoch und der Durchsatz an Dialysat
ist mit ca. 30 Litern rund 15mal höher als bei den Geräten, die auf
der Intensivstation zur Anwendung kommen. Sie kommt zum Tragen, wenn es z. B.
gilt, eine lebensbedrohliche Hyperkaliämie zügig zu therapieren. Des
Weiteren ist die intermittierende Hämodialyse bei Patienten mit einer hämorrhagischen
Diastase von Vorteil, da sie problemlos ohne den Einsatz von Antikoagulantien
zu realisieren ist [3].

Abb. 1 Entstehung des Disäquilibrationssyndromes.
Dialysatoren
In der Kapsel strömt das Blut durch 10 000-15 000 Kapillaren, sie haben zusammen
eine Oberfläche zwischen 1 und 2 Quadratmetern.
Der Innendurchmesser einer Kapillare beträgt 100-300 Mikrometer, die Wandstärke
5-40 Mikrometer.
Durch Ansteigen des Hämatokrits in der Kapillare kommt es zu einer Verminderung
der Viskosität und damit zu einem Ansteigen des Druckes. Es könnte deshalb
von Vorteil sein, wenn das Lumen der Kapillaren sich nach distal hin weitet [4].
Das Füllvolumen eines Hohlfaserdialysators beträgt, je nach Hersteller,
50-120 ml, das Restvolumen 1 ml.
Dialysatormaterial
Es existieren verschiedene Membranmaterialien auf dem Markt.
Zellulose, als regenerierte Zellulose (z. B. Cuprophan, Fa. Enka), Zelluloseacetat
(CD-Medical, NIPRO) oder modifizierte Zellulose (z. B. Hemophan der Firma Enka).
Verbreiteter sind jedoch synthetische Membranen, hier als Beispiel Polyamid (PA),
Polyacrylonitrile (PAN) oder Polysulfan (PS).
Diese werden von verschiedenen Firmen, wie etwa Fresenius, Hospal, Belco oder
Ashai, hergestellt.
Es wird in der Literatur kontrovers diskutiert, welches Material zu präferieren
ist. Es gibt mehrere Studien, die die Vorteile synthetischer Materialien nahe
legen. Sowohl die Komplementaktivierung, die Aktivierung des inflammatorischen
Systems wie auch die Granulozytentätigkeit sollen geringer ausgeprägt
sein als bei Cuprophandialysatoren, wobei die unterschiedlichen Materialien und
sogar gleiche Materialien bei verschiedenen Herstellern zu unterschiedlichen Ergebnissen
führen. Als Beispiel seien Untersuchungen über PAN-Membranen der Firmen
Hospal, Frankreich und Ashai, Japan genannt. Die Studien geben aber noch keine
Empfehlungen, so dass größere, prospektive Studien abzuwarten sind
[5][6].

Das Dialyse-ABC
Siebkoeffizient
Bei Hämofiltern wird zur Bestimmung der Reinigungsleistung weniger die Clearance
als vielmehr der Siebkoeffizient herangezogen.
Ein Siebkoeffizient von 1 bedeutet für die Substanz ein ungehindertes Passieren
der Membran, einer von 0 dagegen die Unmöglichkeit der Passage. Der Siebkoeffizient
ist abhängig von der Molekülgröße (D), der elektrischen Ladung,
der Form und dem Aggregationszustand der Substanz.
Ultrafiltrationskoeffizient
oder auch Ultrafiltrationsfaktor
Er gibt an, wie viel Milliliter Flüssigkeit bei einem Transmembrandruck (TMP)
von1 mm Hg/Stunde entzogen werden.
Kt/V = K (Harnstoffclearence) x t (Zeit)Verteilungsvolumen des Harnstoffs im Patienten
Er sollte größer 1 sein, er dient der Quantifizierung der Dialyseleistung
anhand des Harnstoffabbaus.
Transmembrandruck (TMP)
Der Transmemembrandruck ist vereinfacht der Druckgradient zwischen der Blut- und
der Wasserseite der Dialyse.
Der Blutdruck wird auf der arteriellen Seite vor der Pumpe gemessen, der Wasserdruck
an der Filtratseite z. B. in der Kammer des Ultraschalldetektors.
Die Formel vereinfacht:
Arterieller Druck - Filtratdruck= mittlerer Transmembrandruck
Die korrekte Formel ist etwas komplizierter, sie lautet:
TMP = Bluteingangsdruck-Blutausgangsdruck2minusDialysateingangsdruck-Dialysatausgangsdruck2
Aus dem Transmembrandruck und dem Ultrafiltrationsfaktor (UF) lässt sich
die Gewichtsabnahme bestimmen:
UF Faktor x mittlerer TMP = Gewichtsabnahme/h
Diese Formel ist aber von mehr theoretischer Natur, da bei modernen Geräten
der Entzug aktiv mittels einer Pumpe erfolgt.
Antikoagulation
Heparin
Das konventionelle Antikoagulans
Dosierung nach PTT oder besser nach der Activated Clotting Time (ACT); sie sollte
bei 120-150 Sekunden liegen.
Von Vorteil ist der Einsatz von niedermolekularem Heparin, da es die Inzidenz
einer Heparin-induzierten Thrombopenie (HIT), im Vergleich zu unfraktioniertem
Heparin, siknifikant senkt [7].
Danaparoid (Orgaran)
Danaparoid wird zur Antikoagulation des Filters bei Patienten mit einer HIT gegeben.
Es kommt aber bei ca. 3 % der Patienten zu einer Kreuzallergie.
Hirudin (Refludan)
Ein Alternativpräparat zu Danaproid
Über Kreuzreaktionen liegen keine Literaturangaben vor, es ist jedoch deutlich
teurer.
Die Gerinnungskontrolle erfolgt nach der Reptilasezeit. Sie steht in linearer
Beziehung zur Wirkung, während die PTT exponentiell ansteigt und daher nicht
zu verwerten ist.
Prostaglandine
Prostaglandine wie Prostacyclin (PGI2, Epoprostenol) und Prostaglandin E1 (PGE1,
Alprostadil) hemmen die gemeinsame Endstrecke der plättchenaktivierenden
Mechanismen.
In klinischen Studien erlauben sie in Kombination mit Heparin eine sichere Antikoagulation
des extrakorporalen Kreislaufes, verbessern die rheologischen Eigenschaften des
Blutes und sie verlängern die Standzeit des Filters. Vor allem wird die durch
den extrakorporalen Kreislauf ausgelöste Thrombozytopenie verringert. Systemische
Auswirkungen, wie ein Abfall des Blutdruckes, waren durch die Kombination und
der daraus resultierenden Dosisminderung der Prostaglandine gering [8].
Der relativ hohe Preis und die fehlende klinische Erfahrung verhindern den Einsatz
auf breiter Basis.
Beginn der Behandlung
Immer wieder umstritten ist die Frage des Beginns der Behandlung.
Ich möchte ethische Fragen hierbei explizit ausklammern.
Neben Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen und hämorrhagischer Gastritis
kann es bei schwerer Urokämie vor allem zu einer Perikarditis mit nachfolgendem
Perikarderguss kommen und den Patienten vital bedrohen.
Schlussendlich kommt es zu einer Immunsuppression, deren Gefahr bei der geführten
Diskussion über den Stellenwert inflammatorischer Prozesse außer Frage
steht.
Mit den z.Zt. zur Verfügung stehenden Eliminationsmethoden gelingt ein Einstellen
des Kreatinins bei 3-5 mg/dl und des Harnstoffs bei etwa 100 mg/dl. Dies stellt
auch den Schwellenwert für den Behandlungsbeginn dar, um die Komplikationen
der Urokämie zu vermeiden und ein mühsames Herunterarbeiten auf den
Schwellenwert zu vermeiden [9].
Eine neue Arbeit von Ronco, Bellomo und Mitarbeitern zeigt eine geringere Mortalität
bei einem frühen Behandlungsbeginn [10].
Verschiedene Verfahren der Nierenersatztherapie
CVVH
Kontinuierliche venovenöse Hämofiltration
Hierbei wird ein Doppellumenkatheter (Shaldon-Katheter) in eine große Vene
eingeführt.
Das Blut wird mit einer Rollenpumpe durch den extrakorporalen Kreislauf geführt.
Die Clearancerate ist somit vom Blutdruck relativ unabhängig.
Der Blutfluss beträgt 100-150 ml/min.
Das physikalische Prinzip der Hämofiltration ist die Ultrafiltration und
Konvektion. Das Ultrafiltrat wird in der Dialysekapsel durch den hydrostatischen
Druck abgepresst.
Der Großteil wird mit einer Substitutionslösung ersetzt. Je höher
der Flüssigkeitsumsatz, umso größer der Effekt der Konvektion.
In der Praxis werden üblicherweise zwei Liter Ultrafiltrat pro Stunde angestrebt
[11]. Die Menge der Substitutionslösung richtet sich nach der angestrebten
Bilanz.

Abb. 2 CVVH mit Postdilution.
Wird die Substitutionslösung hinter dem Filter dem Blut beigegeben, spricht
man von Postdilution, sie war bisher der Standard. Im Prinzip gelingt ihr eine
gute Elimination größerer Moleküle, die Trenngrenze liegt bei
etwa 20 000 Dalton [12].

Abb. 3 CVVH mit Prädilution.
Erfolgt sie vor dem Filter, spricht man von Prädilution. Mit ihr gelingt
auch eine gute Elimination kleinmolekularer Stoffe [13].
Ihre Effektivität ist um etwa 20 % niedriger als die Postdilution [14], der
Vorteil dieses Verfahrens liegt in dem geringeren Hämatokritgehaltes des
Blutes während der Filterpassage und der damit verbundenen Gefahr eines Verclottens
des Filters.
CAVH
Kontinuierliche arteriovenöse Hämofiltration
Hierbei wird statt einer Pumpe das arteriovenöse Druckgefälle genutzt.
Das Blut wird einer Arterie entnommen, durchläuft den extrakorporalen Kreislauf,
um venös wieder zurückzukehren.
Die Filtrationsrate ist stark vom Blutdruck abhängig. Bei hämodynamisch
instabilen Patienten ist die Clearencerate nicht ausreichend.
Schließlich ist auch die Katheterisierung einer großen Arterie nicht
ungefährlich, auch wenn moderne Geräte über Alarmfunktionen verfügen
und damit Diskonnektionen rasch erkannt werden.
Vorteil der Methode ist der geringe apparative Aufwand. Jedoch muss aufgrund der
geringen Effizienz oft zusätzlich intermittierend hämodialysiert werden.
CVVHD
Kontinuierliche venovenöse Hämodialyse
Bei dieser Methode strömt die Dialyselösung (= Substitutionslösung)
im Gegenstrom zum Blut durch die Dialysekapsel. Hauptprinzip ist hier die Diffusion.
Effektiv ist auch hier ein Dialyseflow von zwei Litern pro Stunde [15].
Mit der Hämodialyse gelingt eine gute Elimination kleiner Moleküle wie
z. B. Kreatinin. Die Trenngrenze liegt hier bei ca. 7000 Dalton [16].
Die Clearencerate ist aufgrund niedriger Umsätze pro Stunde geringer als
die der intermittierenden Dialyse. Da sie in der Regel 24 Stunden am Tag betrieben
wird, ist sie dann wieder höher.

Abb. 4 CVVHD
CAVHD
Kontinuierliche Ateriovenöse Hämodialyse
Das Prinzip ist das gleiche wie bei der CVVHD.
Nur wird statt einer Blutpumpe das arteriovenöse Druckgefälle ausgenutzt.
an Autor: den folgenden Satz bitte prüfenVor und vor allen Nachteile sind
unter der CAVH bereits beschrieben.
CVVHDF
Kontinuierliche venovenöse Hämodiafiltration
Hierbei werden Hämofiltration und Hämodialyse miteinander verschmolzen.
Bei diesem Verfahren realisiert man technisch eine Hämodialyse, generiert
aber eine so hohe Abnahme, dass ein Teil wieder substituiert werden muss. Dadurch
wird dem Prinzip der Diffusion das Prinzip der Konvektion hinzugefügt. Ziel
ist eine gute Elimination sowohl kleiner wie auch großer Teilchen zu erreichen.
Sprachen die ersten Ergebnisse weniger dafür, das Verfahren auf Intensivstationen
zu etablieren [17], so zeigen neue Studien eine Verbesserung der Harnstoffclearence
um 10-15 % [18] bei gleichzeitiger Verfügbarkeit von Maschinen, die den apparativen
Aufwand minimieren (z. B. Prisma der Firma Hospal, Frankreich). Analog zur CVVH
kann das Verfahren in Prä- oder Postdilution angewandt werden. Auch hier
gelten die dort beschriebenen Grundsätze.

Abb. 5 CVVHDF
Plasmaseparation
Sie ist technisch weitgehend identisch mit der Hämofiltration. Die Trenngrenze
ist jedoch ungleich höher und liegt bei ca. 3 000 000 Dalton. Die Substitutionslösung
enthält unter anderem 2,5 -5 % Humanalbumin oder Frischplasma. Während
der Plasmaseparation ist deswegen eine fortlaufende genaue Bilanz unverzichtbar.
Indikationen für die Plasmaseparation sind einige autoimmunologische Erkrankungen,
wie systemischer Lupus erythematodes und Myasthenia gravis, und nichtimmunologische
Erkrankungen wie Morbus Waldenström oder eine Knollenblätterpilzintoxikation.
Der Blutfluss beträgt in der Regel 50 ml/min.
Hämoperfusion
Bei der Hämoperfusion fließt das Blut durch eine mit Aktivkohle oder
Adsorberharzen gefüllte Kapsel. Diese binden Stoffe an sich. Eingesetzt wird
es bei verschiedenen Intoxikationen, z. B. Digoxin, Barbiturate, Codein, Knollenblätterpilze
u. a.
Hierbei ist jedoch zu beachten, dass einige Indikationen umstritten sind und Medizin
ist, wie immer und alles, im Fluss.
Single Needle
Bei dieser Form der Nierenersatztherapie reicht ein Einlumenkatheter aus.
Blut wird in den Filter gepumpt, bis gegen die venöse Klemme der eingestellte
Grenzdruck erreicht ist. Danach wird die Blutpumpe gestoppt und die venöse
Klemme geöffnet, das Blut strömt in den Körper zurück.
Dieses Verfahren hat gravierende Nachteile:
1. Wegen der geringen bewegten Blutvolumina sind nur sehr niedrige Eliminationsraten
realisierbar.
2. Dieses Prinzip arbeitet, systemimmanent, mit hohen Drücken.
3. Schwer kalkulierbare Pendelvolumina.
Aus den vorgenannten Gründen wird die Single-Needle-Dialyse im Akutbereich
nur angewandt, wenn die Anlage eines Shaldon-Katheters unmöglich ist.
Dialysedosis
Die DIVI empfiehlt zum Behandlungsbeginn eine Ultrafiltrationsrate von 300-1000
ml/h, wenn dies nicht ausreicht, eine Steigerung auf 2000 ml/h. In der Praxis
hat sich in unserer Klinik eine Ultrafiltrationsrate von 2000 ml/h von Behandlungsbeginn
an etabliert.
Bei chronischen Dialysepatienten ist schon länger bekannt, dass eine Steigerung
der Dialysedosis die Mortalität und Morbidität verbessert. Leblanc,
Tapolyai und Paganini haben diese These 1995 auch für das akute Nierenversagen
postuliert [19].
Eine Arbeit aus dem Jahre 2000 im Lancet [10] zeigt eine höhere Überlebensrate
in Abhängigkeit von der Ultrafiltrationsrate.
Untersucht wurden 20 vs. 35 vs. 45 ml Ultrafiltration pro kg Körpergewicht
pro Stunde.
Die Gruppe mit 20 ml/kgKG/h wies eine signifikant höhere Mortalität
auf:
20 ml/kg KG/h = 41 %, 30 ml/kg KG/h = 57 % und 45 ml/kg KG/h = 58 %.
Das bedeutet, für einen 57 kg schweren Patienten wären 2000 ml Ultrafiltration
ausreichend. Bei 90 kg KG wären es nach diesem Modell bereits 3150 ml/h.
Dies legt den Schluss nahe, dass in Zukunft höhere Ultrafiltrationsraten
zu erwarten sind und sozusagen, die Dosis Nierenersatztherapie wichtiger ist
als das gewählte Medikament. Also weniger das gewählte Verfahren
entscheidet (CVVH, CVVHDF, etc.) über Mortalität und Morbidität
als vielmehr die Höhe der gewählten Dialysemenge respektive Ultrafiltrationsrate.
Substitutionslösungen
In Dialysezentren wird die Substitutions- bzw. Dialyselösung on-line, d.
h. aus dem Wasserhahn über einen Wasseraufbereiter, hergestellt, um dann
mit Zusätzen versehen zu werden.
Auf der Intensivstation wird üblicherweise auf Fertigprodukte der Industrie
zurückgegriffen.
Als Beispiel seien die Lösungen SH04, SH05 und SH44 der Firma Braun, Melsungen,
genannt.
Sie unterscheiden sich hauptsächlich in ihrem Kaliumgehalt (SH04 mit Kalium,
SH05 ohne Kalium) bzw. der Puffersubstanz. Werden aus technischen Gründen
noch häufig laktathaltige Lösungen bevorzugt (Bicarbonat greift die
Kunststoffbeutel an), so zeigt sich immer deutlicher der Vorteil bicarbonathaltiger
Lösungen vor allem bei Patienten mit hohen Laktatspiegeln (Schock, Sepsis)
[20][21].
Laktat scheint die Regenerierung von Adenodiphosphat zu Adenotriphosphat zu
behindern sowie eine Katabolie zu forcieren [22].
Die Forderung nach hohen Umsätzen, neue Geräte und ein immer höherer
Kostendruck lassen erwarten, dass auch auf Intensivstationen die Bedeutung der
On-line-Bereitung der Substitutionslösung zunehmen wird.
Bilanzierung
War noch vor wenigen Jahren Standard, dass die Bilanzierung vom Personal vorgenommen
wurde, ist es heute in der Regel die Maschine, die dies übernimmt. Dies
erfolgt über ein oder zwei Waagen und einem damit verbundenen Mikroprozessor,
der wiederum die Ultrafiltrat- und die Substitutionspumpe ansteuert.
Nach eigener Erfahrung sollte dies aber überwacht werden, um die deletären
Folgen einer Fehlbilanzierung aufgrund eines technischen Fehlers zu vermeiden
bzw. zu minimieren. In der Praxis ist es weiterhin eminent wichtig, Begrifflichkeiten
wie Umsatz, Abnahme u. a. zu klären. Allein hiermit ist es schon möglich,
Fehler zu vermeiden.
Weiter gibt es oft Missverständnisse mit der Bilanz in der Weise, dass
der eine von der Filterbilanz und der andere von der Gesamtbilanz des Patienten
spricht. Auch hier gilt es, präzise zu formulieren, um Fehlern vorzubeugen.
Zugang
Shaldon-Katheter
Ist in der chronischen Dialyse der Cimino-Shunt die Regel, wird auf der Intensivstation
zur Akutdialyse ein Shaldon-Katheter gelegt.
Dies ist ein Doppellumenkatheter, der alle venovenösen Verfahren der Blutreinigung
erlaubt.
Aufgrund seines großen Lumens neigt er bei Nichtbenutzung besonders zur
Thrombosierung. Es hat sich deshalb bewährt, ihn mit Heparin benetzten
Kochsalzspritzen zu spülen.
Ein großes Problem kann die Rezirkulation darstellen (frisch entnommenes
Blut geht sofort wieder in den Körper zurück, ohne die Dialysemembran
zu passieren).
Die Höhe der Rezirkulationsrate hängt von drei Faktoren ab:
- Ort des Katheters
- Länge des Katheters
- Blutfluss
So wird die Rate bei längeren Kathetern (> 20 cm) in der Vena jugularis
und der Vena subclavia im Mittel mit unter 5 % angegeben.
Dagegen wird sie bei kurzen Kathetern in der Vena femoralis mit über 10
%, bei hohen Blutflüssen bis über 40 % angegeben [23].
Des Weiteren bewirkt auch das Umpolen der Schenkel, also venöser Schlauch
an den arteriellen Schenkel und arterieller Schlauch an den venösen Schenkel
des Katheters eine Erhöhung der Rezirkulationsrate, sie kann hier 20-40
% betragen [24].
Single Needle
Dies ist eine Sonderform des Zuweges. Hier kommt man mit einem Lumen aus, so
dass im Prinzip jeder zentralvenöse Katheter in Frage kommt, wobei das
geringe Lumen normaler Katheter effektive Blutflussraten unmöglich machen
(s. a. auch bei „Verschiedene Verfahren der Nierenersatztherpie).”
Cimino-Shunt
Bei chronischen Dialysepatienten wird operativ sehr häufig ein Cimino-Shunt
angelegt. Eine oberflächliche Vene wird arterialisiert, d. h. mit einer
Arterie verbunden. Die arterialisierte Vene kann dann zur Dialyse punktiert
werden.
Vor allem bei niedrigem Blutdruck kann auch er thrombosieren. Deshalb sollte
der Shunt zweistündlich auskultiert werden, um die Durchgängigkeit
zu prüfen.
Optimaler Blutfluss
Der optimale Blutfluss errechnet sich nach der Formel:
(Umsatz ml/h + Abnahme ml/h) x 560= Blutfluss in ml/min
Das Problem bei der praktischen Umsetzung ist oftmals die nicht ausreichende
Flowleistung der Shaldon-Katheter. Nach meiner Erfahrung sind hierbei die Herstellerangaben
oftmals sehr optimistisch gestellt. Mit anderen Worten ist auch hier wieder
ein Kompromiss zwischen dem wünschenswerten hohen Blutfluss und dem Erreichbaren,
d. h. ohne ständigen Alarm „Arterieller Druck zu niedrig”, zu
finden.
Überwachung
Auf der maschinellen Seite werden arterieller und venöser Druck gemessen.
Weiter wird das Ultrafiltrat mittels eines Infrarotdetektors auf Blutbeimengungen
gemonitort, um einen Kapillarriss zu erkennen.
Im venösen Teil ist ein Luftdetektor integriert, der mit einer Klemme gekoppelt
ist, um eine Luftembolie zu vermeiden.
Aus dem arteriellen Druck und dem Ultrafiltrationsdruck wird dann noch der Transmembran-
druck berechnet, siehe dazu den Abschnitt „Transmembrandruck”.
Diese apparative Überwachung ersetzt aber nicht die engmaschige visuelle
Kontrolle, da z. B. Haarrisse zu einem Blutverlust führen können,
ohne dass es zu einem signifikanten Abfall des arteriellen Drucks bei der Dialysemaschine
kommt, der einen Alarm auslösen würde.
| Alarme / Meldung |
Ursache > Fehlerbehebung |
| arteriell „zu hoch” |
Pumpe hat sich festgesaugt > Lage des Katheters kontrollieren,
evtl. Blutfluss vermindern |
| arteriell „zu niedrig” |
Druck nicht ausreichend > Volumenstatus des Patienten
kontrollieren, Bett höher pumpen |
| venös „zu hoch” |
Rückfluss gestört > Lage des Katheters kontrollieren,
evtl. Blutfluss vermindern, Bubblecatcher auf Thrombenbildung kontrollieren |
| Luft „Luftalarm” |
Luftdetektor hat Luft erkannt > System auf Luft kontrollieren und ggf. entfernen, Verbindungen kontrollieren |
| Blut „Blutalarm” |
Blutdetektor hat Blut im Ultrafiltrat entdeckt > Ultrafiltrat auf Blut überprüfen, ggf. Filterpatrone wechseln |
| TMP „zu hoch” |
Filterpatrone verstopft, Clearenceleistung sinkt > Filterpatrone wechseln |
| TMP „zu niedrig” |
Tritt meist in Verbindung mit „Arterieller Druck zu niedrig” auf > Lösung siehe dort |
Tab. 1 Übersicht der häufigsten Alarme, mit möglichen Ursachen
und deren Behebung
Gefahren
Kreislauf
Vor allem bei dem Beginn und der Beendigung der Behandlung ist mit Kreislaufreaktionen
zu rechnen.
Beim Beginn der Therapie wird dem Körper Blut entzogen und dieses durch isotone
Kochsalzlösung ersetzt. Also Dickes raus und Dünnes rein, dies kann
natürlich zu einem Blutduckabfall führen.
Bei der Beendigung der Behandlung passiert genau das Umgekehrte, das Blut aus
den Schläuchen fließt wieder in den Körper zurück. Bei prädisponierten
Patienten kann das zu einem kardialen Versagen führen.
Aber auch während der Therapie sind Kreislaufreaktionen möglich. In
der Hauptsache sind sie durch einen zu schnellen Entzug bedingt. Der Patient ist
überwässert, klinisch erkennbar an den ubiquitär vorhandenen Ödemen.
Wenn dies zu einem forcierten Entzug führt, kann es passieren, dass das Wasser
extravasal nicht in dem Maße mobilisiert wird, wie es intravasal entzogen
wird. Dies führt dann zu einem Blutdruckabfall, der wiederum mit Volumengabe
kompensiert wird, dies kann ad extenso erfolgen.
Will man diesen Circulus vitiosus durchbrechen, hilft nur der schonende Entzug.
Infektionen
Durch das große Lumen ist der Shaldon-Katheter besonders infektgefährdet.
Tägliche Kontrolle der Einstichstelle und des Verbandes nach sterilen Kautelen
ist daher selbstverständlich.
Jegliche Manipulation am System, Beutelwechsel, Blutentnahmen etc. muss ebenfalls
nach sterilen Richtlinien erfolgen.
Auch der Aufbau des Filters muss nach sterilen Gesichtspunkten erfolgen.
Artifizielle Diskonnektion
Durch den hohen Blutumsatz kann eine versehentliche Diskonnektion sehr schnell
zu erheblichen Blutverlusten führen. Zwar werden die Pumpen nach Auslösung
des Druckalarms gestoppt, aber die Erfahrung zeigt, dass Technik fehlbar ist.
Deswegen sind alle Verbindungen immer wieder sorgfältig auf ihren festen
Sitz zu kontrollieren. Aber nach fest kommt ab, wie der Handwerker sagt, die Verbindungen
sind also maßvoll anzuziehen. Sonst besteht die Gefahr von Haarrissen.
Inflammatorische Mediatoren
Auf der einen Seite wird durch extrakorporale Kreisläufe, mit ihrer mehr
oder minder guten Biokompatibilität (s. a. „Prinzipielle Überlegungen
zur Nierenersatztherapie”), u. a. eine Komplementaktivierung sowie eine Granoulozytenaktivierung
mit ihren kaskadenförmigen Auswirkung auf den gesamten Organismus provoziert.
So wird auf der anderen Seite gerade der Einsatz der Nierenersatztherapie zur
Elimination dieser Mediatoren im Rahmen eines Systemischen Inflammatorischen Response
Syndroms (SIRS) kontrovers diskutiert. So wurde z. B. über eine leichte Verschiebung
unter CVVH zugunsten der Inhibitoren IL-10 berichtet [25]. Weiter wird von einer
Zytokininelimination unter CVVH mit hohen Volumenumsätzen berichtet [26].
Sie sind aber z.Zt. von experimenteller Natur und stellen keine Indikation im
klinischen Alltag dar. Was die Forschung in Zukunft bringt, bleibt abzuwarten.
Psychische Aspekte
Bei vielen Menschen ist Dialyse assoziiert mit dem Themenkreis Transplantation,
Tod und Sterben und der Problematik des Hirntodes.
Die evidente Ausweitung der apparativen Therapie löst oft Fragen nach der
Sinnhaftigkeit intensivmedizinischen Tuns und der daraus resultierenden unnötigen
Verlängerung von Leiden aus.
Dialyse oder besser die Dialysemaschine mit ihren Schläuchen kann das Gefühl
des Verlustes der körperlichen Integrität auslösen oder zumindest
verstärken. Dieses Gefühl der Entkörperlichung, des Kontrollverlustes
über den eigenen Körper kann schwerste Depressionen auslösen.
All diese Problematiken und ihre daraus resultierenden Auswirkungen lassen sich
aber verhindern oder zumindest in ihrer Intensität mildern. Auf der einen
Seite gehört dazu das Gespräch auf der rationalen Ebene in einer dem
Patienten gemäßen Sprache. Dieses Gespräch sollte in Ruhe erfolgen
Und es sollte nicht als einmaliges Ereignis betrachtet werden, nach dem Motto
„Herr Meyer, das habe ich ihnen doch schon alles gestern erklärt”.
Es muss vielmehr als eine kontinuierliche Begleitung verstanden werden. Es muss
einem klar sein, dass vieles für den Patienten im wahrsten Sinne des Wortes
unfassbar ist, dass er vieles verdrängt und verdrängen muss, will er
neben der physischen nicht auch noch seine psychische Integrität verlieren.
Er ist sozusagen gezwungen, die Wahrheit in Häppchen zu verdauen, um nicht
an der Wucht des Ganzen zu zerschellen.
Auf der anderen Seite ist es fast noch wichtiger, dem Patienten auf einer professionell-empathischen
Ebene zu begegnen, ihn in seinen Ängsten ernst zu nehmen, es ihm oft erst
überhaupt möglich zu machen, seine Ängste zu zulassen, um ihn darin
auch aufzufangen.

Literatur
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und Notfallmedizin (DIVI). www.uni-duessedorf. de/AWMF/divi0003.htm.
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