Therapie der Sepsis
Prof. Dr. Hans-Georg Bone
Einleitung
Sowohl Sepsis als auch die ernsteren Verlaufsformen der Sepsis, die schwere
Sepsis und der septische Schock sind wichtige Faktoren für Morbidität
und Mortalität im Rahmen der modernen Intensivtherapie. Daten aus verschiedenen
westlichen Ländern belegen die Bedeutung der Sepsis in der Intensivmedizin.
2 % aller Krankenhauspatienten erleiden eine Sepsis [1] und 9 % aller auf einer
Intensivstation aufgenommenen Patienten weisen eine schwere Sepsis, d. h. eine
Sepsis mit assoziierter Organdysfunktion, auf [2].
Die 28-Tage-Mortalität der Sepsis insgesamt liegt zwischen 16 und 34 %.
Bei der schweren Sepsis steigt die 28-Tage-Mortalität hingegen auf Werte
zwischen 24 und 60 %. In der Gesamtpopulation der USA wurde in den letzten Jahren
ein Anstieg der Mortalität durch Septikämie und deren Folgen festgestellt
[3]. Die durchschnittlichen Kosten zur Behandlung eines Patienten mit schwerer
Sepsis betragen in den USA ca. 22 100 $, die Gesamtkosten zur Behandlung aller
Patienten mit schwerer Sepsis werden in den USA jährlich auf ca. 16,7 Milliarden
$ geschätzt [4].
Aufgrund dieser großen klinischen und auch sozioökonomischen Bedeutung
der Sepsis hat es in den letzten zwei Jahrzehnten erhebliche Forschungsanstrengungen
auf diesem Gebiet gegeben. Mit einer Reihe verschiedener Substanzen gelang es,
im Tierexperiment die Inflammationskaskade der Sepsis zu stoppen und die Letalität
zu senken. Leider konnte bislang in klinischen Phase-III-Studien nur für
das aktivierte Protein C (APC) eine eindeutige Überlegenheit gegenüber
Plazebobehandlung gezeigt werden [5]. Auch wenn mit Ausnahme des APC spezifische
Medikamente zur Behandlung der Sepsis fehlen, haben sich doch verschiedene Behandlungsstrategien
als sinnvoll herausgestellt. Im Weiteren sollen einige dieser Strategien näher
erläutert werden.

Kausale Therapie
An vorderster Stelle der effektiven Sepsistherapie steht die Beseitigung der
auslösenden Ursachen. Dazu gehören z. B. chirurgische Drainage, Debridement,
Entfernung von Fremdkörpern, Korrektur anatomischer Defekte, die zu dauernden
Infektionen führen. Im Rahmen der kausalen Therapie ist selbstverständlich
auch die effektive Antibiotikatherapie zu nennen, ohne die eine sinnvolle Behandlung
der Sepsis nicht möglich ist. Bei unbekanntem Erreger empfiehlt es sich,
mit einer breiten antibiotischen Therapie zu beginnen und nach Vorliegen eines
Antibiogramms die antibiotische Therapie entsprechend des Erregers zu verändern.
Praxisrelevante Empfehlungen zur antibiotischen Therapie der Sepsis wurden von
der Paul-Ehrlich-Gesellschaft erarbeitet [6] (http://www.wissenschaftliche-verlagsgesellschaft.de/CTJ/CTJ2001/CTJ2-01/43-55.pdf).
Volumensubstitution
Kristalloide und Kolloide
Die meisten Patienten mit Sepsis, septischem Schock oder SIRS weisen eine absolute
oder relative Reduktion des intravasalen Volumens auf. Ventrikuläre Füllungsdrücke
sind meist erniedrigt, aber auch normale Füllungsdrücke können
bei der reduzierten Compliance des Myokards in der Sepsis trotz Hypovolämie
vorkommen. Eine ausgeprägte intravasale Hypovolämie kann selbst dann
vorliegen, wenn periphere Ödeme vorhanden sind. Erstes und therapeutisch
wichtigstes Ziel zur Optimierung der Hämodynamik in der Sepsis ist deswegen
eine schnelle und adäquate Volumensubstitution. Durch diese initiale aggressive
Flüssigkeitszufuhr ist es bei den meisten septischen Patienten möglich,
Sauerstoffangebot und -verbrauch zu steigern [7].
Eine Steuerung der Volumensubstitution alleine über den ZVD oder Wedgedruck
ist nicht sinnvoll, da es bei septischen Patienten so gut wie keine Korrelation
zwischen dem Blutvolumen und dem ZVD oder Wedgedruck gibt [8]. Eine Flüssigkeitssubstitution
im septischen Schock sollte bis zu einem Punkt erfolgen, bei dem das Herzzeitvolumen
bzw. die DO2 nicht weiter ansteigt.
Ob Kristalloide oder Kolloide die geeigneten Substanzen zur Volumentherapie
bei Sepsis, SIRS und septischem Schock sind, ist umstritten [9]. Bei einer Therapie
mit Kristalloiden verbleiben nur ca. 20 % des verabreichten Volumens intravasal.
In Abhängigkeit vom Ausmaß der initialen Hypovolämie können
deswegen während der ersten 24 Stunden eines septischen Schocks bis zu
8 Liter Kristalloide benötigt werden [10]. Auch wenn einige tierexperimentelle
Ergebnisse eine Überlegenheit von kolloidalen Volumenersatzlösungen
gegenüber kristalloiden Lösungen nahe legen, so fehlen doch randomisierte
klinische Studien, die diese Ergebnisse stützen könnten.
Unlängst wurde eine französische Multizenterstudie publiziert, in
der gezeigt wurde, dass Patienten mit Sepsis oder schwerer Sepsis nach Volumensubstitution
mit HAES signifikant häufiger eine Einschränkung ihrer Nierenfunktion
haben als Patienten, die mit der gleichen Menge Gelatinelösung behandelt
wurden [11]. Der Einsatz von Albuminlösungen, die bis vor kurzem auch zur
Volumensubstitution in der Sepsis benutzt wurden, wird zunehmend infrage gestellt
[12]. Eine Metaanalyse zum Thema Albumintherapie bei kritisch kranken Patienten
beobachtete eine erhöhte Mortalität nach Albumingabe [13]. Auch wenn
die Methodik und die Schlussfolgerungen dieser Metaanalyse z. T. heftig kritisiert
wurden [14], so unterstreicht diese Studie doch unser mangelndes Wissen über
die Wirkungen der Albuminsubstitution in der Sepsis.
Solange keine neueren klinischen Studien die Bedenken gegenüber Albumingabe
in der Sepsis ausgeräumt haben, sollte aufgrund der hohen Kosten und der
begrenzten Verfügbarkeit von Albumin diese Substanz nicht als Volumenersatz
in der Sepsis benutzt werden.
Fasst man die Erkenntnisse zur Volumensubstitution in der Sepsis zusammen,
so ergibt sich:
1. Prompte und adäquate Flüssigkeitstherapie ist die Hauptstütze
der Behandlung des septischen Schocks.
2. Eine Überlegenheit von kolloidalen Lösungen gegenüber kristalloiden
Lösungen zur Volumensubstitution in der Sepsis ist bislang nicht nachgewiesen.
3. Eine Volumensubstitution mit HAES (mittleres Molekulargewicht 200 000,
Substitutionsgrad 0,6-0,66) kann die Nierenfunktion in der Sepsis beeinträchtigen.
4. Eine Indikation für eine Volumensubstitution mit Albumin gibt es nicht
[15].
Erythrozytentransfusion
Als weitere Methode zur Erhöhung des Sauerstoffangebots in der Sepsis
wurde neben der Volumensubstitution mit Kristalloiden und Kolloiden die Gabe
von Erythrozytenkonzentraten empfohlen. Der erhöhte Hämoglobingehalt
des Blutes nach Transfusion kann zur Steigerung des DO2 beitragen. Bei einer
vorhandenen Oxygen-Supply-Dependency würde dies eine Steigerung des Sauerstoffverbrauchs
nach sich ziehen.
Dies konnte auch in einigen klinischen Studien für verschiedene Untergruppen
von septischen Patienten gezeigt werden [7][16]. Neuere Studien hingegen konnten
trotz Transfusion keine Steigerung des Sauerstoffverbrauchs bei septischen Patienten
nachweisen [17][18]. Marik et al. zeigten sogar, dass die Transfusion von Erythrozytenkonzentraten,
die älter als 15 Tage waren, bei septischen Patienten eine Erniedrigung
des Magenwand-pH bewirkte [19].
Diese Veränderung kann als Verschlechterung der regionalen Oxygenierung
gedeutet werden. Mögliche Ursache für diese negativen Auswirkungen
älterer Erythrozytenkonzentrate kann die reduzierte Verformbarkeit
länger gelagerter Erythrozyten sein. Diese rigiden Erythrozyten können
dann zu Kapillarverschlüssen führen und die Gewebsoxygenierung weiter
verschlechtern [20].
In der Sepsis sind Mechanismen zur Kompensation von Anämien nur beschränkt
verfügbar. Sowohl Steigerungen des HZV, regionale Umverteilungen des Blutflusses
als auch Adaptationen der Mikrozirkulation sind in der Sepsis nur beschränkt
möglich [20]. Deswegen wird in der Literatur als Transfusionstrigger für
septische Patienten ein höherer Wert angegeben als z. B. für Patienten
mit akutem intraoperativen Blutverlust.
Hämoglobinkonzentration von 10 g/dl oder ein Hämatokrit von 30 %
werden meist als untere Grenze bei septischen Patienten genannt [20][21]. Diese
untere Grenze von 10 g/dl entspricht der klinischen Gewohnheit auf vielen Intensivstationen.
Während viele neuere Studien auch niedrigere Transfusionstrigger sinnvoll
erscheinen lassen [22][23][24], konnte in einer aktuellen Untersuchung von Rivers
et al. [25] gezeigt werden, dass Patienten, die in einem frühen Stadium
der schweren Sepsis bei zentralvenösen Sättigungen unter 70 % u. a.
ihren Hämatokritwert auf Werte über 30 % angehoben bekamen, ein besseres
Outcome hatten.
Zusammenfassend ergibt sich für die Erythrozytentransfusion in Sepsis:
1. Ein Hb-Wert, ab dem transfundiert werden sollte, ist in der Sepsis nicht
sicher bestimmt.
2. Bei Patienten mit niedriger zentralvenöser Sättigung kann eine
Erhöhung der Hämoglobinwerte auf über 10 g/dl sinnvoll sein.
3. Transfusion lange gelagerter Erythrozytenkonzentrate kann zu einer Verschlechterung
der Gewebsoxygenierung in der Sepsis führen.
Differenzierte Katecholamintherapie
Ungeachtet der Diskussion über den Sinn von supranormalen Werten für
Cardiac-Index, DO2 und VO2 in der Sepsis steht außer Frage, dass die ausgeprägte
Hypotension bei septischem Schock und SIRS behandelt werden muss, um eine adäquate
Durchblutung und eine ausreichende Sauerstoffversorgung der Organe zu garantieren
und damit einem Multiorganversagen vorzubeugen [21][26].
Des Weiteren sollten normale Werte für CI, DO2 und VO2 angestrebt werden
[27]. Können diese therapeutischen Ziele nicht alleine durch Volumensubstitution
erreicht werden, so ist die zusätzliche Gabe von Katecholaminen, entweder
einzeln oder als Kombination, notwendig. Weder für die Gabe von einzelnen
Katecholaminen noch für die Kombination von Katecholaminen liegen zurzeit
Ergebnisse aus randomisiert-kontrollierten Studien vor, die die eindeutige Überlegenheit
einer einzelnen Substanz oder Kombination belegen würden [28][29][30].
Dies erklärt die z. T. divergierenden Empfehlungen zur Katecholamintherapie
in der Sepsis [26][31][32]. In der europäischen Literatur wird jedoch zur
Sicherstellung einer ausreichenden Pumpfunktion des Herzens und zur Sicherstellung
einer normalen DO2 die Gabe von Dobutamin empfohlen [33]. Sollte trotz ausreichender
Volumengabe und Normalisierung des HZV der Perfusionsdruck zu niedrig bleiben,
wird die Gabe von Noradrenalin empfohlen [33].
Die Gabe von Dopamin in „Nierendosis” ist medizinisch nicht mehr
zu rechtfertigen [34].
Fasst man die umfangreiche Literatur zur Katecholamintherapie in der Sepsis
zusammen, so ergibt sich:
1. Bei septischen Patienten kann der Einsatz von vasoaktiven Substanzen notwendig
sein, um durch eine Steigerung von Blutdruck und HZV Organschäden zu vermeiden.
2. Bislang ist nicht gänzlich geklärt, welche „optimalen”
hämodynamischen Werte durch die Therapie mit vasoaktiven Substanzen erreicht
werden sollen. Dennoch gibt es viele Hinweise darauf, dass bei septischen Patienten
ein arterieller Mitteldruck von 70-90 mm Hg anzustreben ist [33] und als Zielwert
für den Herzindex Werte über 3-4 l/min/m2 angestrebt werden.
3. Je nach klinischer Situation können sowohl vornehmlich positiv-inotrope
oder primär vasokonstriktive Substanzen als auch Kombinationen dieser
Substanzen eingesetzt werden.
4. Nach den vorliegenden Daten erscheint Dobutamin das geeignete Katecholamin
zur Steigerung des HZV und Noradrenalin das geeignete Katecholamin zur Steigerung
des MAP in der Therapie des septischen Schocks zu sein [33].
Vasopressin
Eine Reihe von Untersuchungen hat zeigen können, dass Vasopressin oder
seine Analoga zu einer Stabilisierung bei Patienten mit septischem Schock beitragen
können. Insbesondere waren diese Effekte zu beobachten, wenn mit Noradrenalin
alleine keine ausreichende Normalisierung des Blutdrucks zu erreichen war [35][36][37].
Allerdings ist zu beachten, dass es aufgrund der ausgesprochen starken Vasokonstriktion
durch Vasopressin zu gefährlichen Störungen der Mikrozirkulation kommen
kann [38]. Deswegen sollten Vasopressin und seine Analoga nur als Ultima Ratio
und nur in niedrigen Dosen (0,04 U/min) gegeben werden.
Beeinflussung der Koagulation in der Sepsis
Im Rahmen einer großen Multizenterstudie konnte gezeigt werden, dass
aktiviertes Protein C (APC) die Mortalität von Patienten mit schwerer Sepsis
erheblich senken kann [39]. In dieser Studie betrug die Mortalität in der
Kontrollgruppe 30,8 und in der Behandlungsgruppe 24,7 %. Wegen dieser beeindruckenden
Ergebnisse wurde die Studie vorzeitig abgebrochen.
Aufgrund der Beeinflussung der Gerinnung und der Fibrinolyse durch aktiviertes
Protein C ist es nicht verwunderlich, dass die Inzidenz schwerer Blutungen in
der Behandlungsgruppe mit 3,5 % deutlich höher war als in der Kontrollgruppe
mit 2,0 %. Unter allen in verschiedenen Studien mit APC behandelten Patienten
(n = 2786) kam es insgesamt bei 16 Patienten zu intrakraniellen Blutungen [40].
Von diesen 16 Patienten hatten 10 Patienten entweder eine Meningitis oder
aber Thrombozytenwerte unter 30 000 pro mm3. Seit Herbst 2002 ist rekombinantes
Protein C als Xigris® in Deutschland zur Behandlung von Patienten mit schwerer
Sepsis zugelassen. In der oben beschriebenen Multizenterstudie, die zur Zulassung
des Medikaments führte, mussten die Patienten strenge Einschlusskriterien
erfüllen, u. a. mussten die Patienten drei und nicht wie in der üblichen
Sepsisdefinition zwei Sepsiskriterien erfüllen [41].
Ferner durfte der Beginn des Organversagens bei diesen Patienten nicht mehr
als 48 Stunden vor Therapiebeginn liegen. Alle Bedingungen, die mit einem erhöhten
Blutungsrisiko einhergingen, waren Ausschlusskriterien für die Teilnahme
an der Studie. Durch diese engen Einschlusskriterien sind chirurgische Patienten
mit schwerer Sepsis in dieser Studie unterrepräsentiert. Dennoch deuten
Subgruppenanalysen der Studiendaten darauf hin, dass auch chirurgische Patienten
von der Gabe von aktiviertem Protein C profitieren [42].
In den Zulassungsunterlagen von APC für Deutschland wird als Einsatzindikation
für das Medikament die Behandlung von erwachsenen Patienten mit schwerer
Sepsis und multiplem Organversagen zusätzlich zur Standardtherapie angegeben.
Gegenanzeigen gegen die Gabe von APC sind in Tab. [1] aufgeführt.
Tab. 1 Gegenanzeigen gegen die Anwendung von APC in
der schweren Sepsis
- Überempfindlichkeit gegen Xigris®
- Thrombozytenzahl < 30 000 µl, selbst wenn die Thrombozytenzahl durch
Transfusion angehoben wurde
- jede größere Operation innerhalb von 12 Stunden vor Gabe von APC
oder die Wahrscheinlichkeit einer Operation innerhalb der 96 Stunden der kontinuierlichen
APC-Gabe
- schweres Schädel-Hirn-Trauma
- Epiduralkatheter
- Trauma mit erhöhtem Blutungsrisiko
- gastrointestinale Blutung innerhalb der letzten 6 Wochen
- aktive innere Blutung
- Patienten mit intrakranieller pathologischer Veränderung
- gleichzeitige Heparintherapie mit mehr als 15 i. E./kg/h
- bekannte Blutungsneigung
- schwere chronische Lebererkrankung
Die Kosten einer Behandlung mit Xigris® sind sehr hoch (ca. 7000 €
für eine 96-stündige Behandlung). Berechnet man die Kosten für
ein durch Xigris® gerettetes Leben (Kosten aller mit Xigris® behandelten
Patienten in Relation zu den durch Xigris® geretteten Patienten), so kostet
ein durch Xigris® gerettetes Leben ca. 160 000 € [43]. Die Kosten für
ein durch Xigris® gerettetes Lebensjahr betragen ca. 48 000 €.
Auch wenn diese Kosten auf den ersten Blick sehr hoch aussehen, so sind sie
doch im Vergleich zu anderen Standardmaßnahmen (Kosten für gerettetes
Lebensjahr durch Beifahrerairbag ca. 72 000 €, Kosten für gerettetes
Lebensjahr durch Lyse bei Myokardinfarkt mit rtPA anstelle von Streptokinase
ca. 62 000 €) nicht zu hoch.
Mit APC steht der klinischen Medizin zum ersten Mal ein spezifisches Medikament
zur Behandlung der schweren Sepsis zur Verfügung. Aufgrund der hohen Kosten
der Behandlung und der eingeschränkten Anwendbarkeit bei Patienten mit
Blutungsrisiken muss aber sehr sorgfältig abgewogen werden, wann und bei
welchem Patienten Xigris® eingesetzt werden soll.
In mehreren klinischen Studien wurde auch die Wirkung von Antithrombin III
auf Morbidität und Mortalität in der Sepsis untersucht. Nach sehr
ermutigenden Phase-II-Studien wurden vor kurzem die Ergebnisse der großen
Phase-III-Studie zur Hochdosistherapie mit AT III in der Sepsis publiziert [44].
Leider hatte die Gabe von AT III keinerlei Einfluss auf die Mortalität
der Patienten. Damit kann eine Therapie der Sepsis mit AT III zurzeit nicht
empfohlen werden.
Hydrokortisontherapie
In den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurde gezeigt, dass die hoch dosierte
Kortikoidtherapie in der Sepsis nicht effektiv ist bzw. für einzelne Patientensubgruppen
sogar zu einer erhöhten Mortalität führt [45]. Anders als die
hochdosierte Steroidtherapie erscheint die Gabe von niedrigen Dosen von Hydrokortison
(so genannte Stressdosen) zu einer Stabilisierung der Hämodynamik bei Patienten
mit septischem Schock zu führen. Erkenntnisse der modernen Immunologie
weisen darauf hin, dass Kortisol wichtige modulierende und integrierende Funktionen
in der Immunanwort übernimmt. Zur Abwehr schwerer Infektionen ist daher
eine ungestörte Funktion der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse
(HHNA) sowie der zellulären Glukokortikoid-Rezeptoren erforderlich.
Eine zunehmende Zahl von experimentellen und klinischen Untersuchungen belegt,
dass unter den Bedingungen eines prolongierten septischen Schocks sowohl die
funktionelle Integrität der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse
gestört wird als auch die Sensitivität der Gewebe für Glukokortikoide
abnimmt. Da zudem der septische Schock und die Nebennierenrindeninsuffizienz
hinsichtlich ihrer hämodynamischen Veränderungen Gemeinsamkeiten aufweisen,
erscheint es sinnvoll, im hyperdynamen septischen Schock Stressdosen von Hydrokortison
zu applizieren.
Wie kontrollierte Studien zeigen, reduzieren Stressdosen von Hydrokortison
die überschießende inflammatorische Reaktion im septischen Schock
und verkürzen die Dauer der Therapie mit Vasopressoren [46][47][48][49].
Hämodynamisch wichtigster Effekt ist ein Anstieg des periphervaskulären
Widerstands. In einer aktuellen randomisierten doppelblinden Multizenterstudie
konnte gezeigt werden, dass die Gabe von 4 × 50 mg Hydrokortison i. v.
zusammen mit 1 × 50 µg Fludrokortison pro Tag über 7 Tage zu
einem Überlebensvorteil bei Patienten mit septischem Schock führt
[50].
Dieser Effekt trat besonders bei Patienten auf, die eine mit einem ACTH-Test
nachgewiesene Nebenniereninsuffizienz aufwiesen. Ein pragmatischer Ansatz zur
Therapie mit Hydrokortison im septischen Schock ist, auf einen ACTH-Test und
die Gabe von Fludrokortison zu verzichten, Hydrokortison in der Dosis von 4
× 50 mg pro Tag zu infundieren und bei einer hämodynamischen Besserung
diese Therapie so lange fortzuführen, wie eine Katecholaminpflichtigkeit
des Patienten besteht (längstens 7 Tage). Führt die Gabe von Hydrokortison
zu keiner Besserung der Hämodynamik innerhalb von 24 - 48 Stunden, sollte
die Therapie beendet werden.
Early goal-directed therapy
Ein Therapiekonzept zur Behandlung von septischen Patienten war das Anstreben
eines supranormalen Sauerstoffangebots bei septischen Patienten. Basis für
dieses Konzept war die Beobachtung, dass in der Sepsis der Punkt, bei dem der
Sauerstoffverbrauch des Körpers vom systemischen Sauerstoffangebot abhängig
wird, zu höheren Werten des Sauerstoffangebots verschoben ist.
Einige Untersucher fanden bei septischen Patienten sogar bei Sauerstoffangebotswerten,
die über den Normalwerten für gesunde Menschen lagen, noch eine Abhängigkeit
des Sauerstoffverbrauchs vom Sauerstoffangebot. Diese Beobachtungen führten
über die Annahme einer „Sauerstoffschuld” bei kritisch kranken
Patienten [51] zum Versuch, durch Anheben des Sauerstoffangebots auf supranormale
Werte das Outcome dieser Patienten zu verbessern.
Eine Vielzahl verschiedener klinischer Studien wurde zur Untersuchung dieses
Sachverhalts durchgeführt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass
das Anstreben supranormaler Sauerstoffangebotswerte zu keiner Verbesserung des
Patientenoutcomes bei Sepsis geführt hat [52].
Unabhängig vom Anstreben eines supranormalen Sauerstoffangebots ist bei
septischen Patienten das Erreichen eines normalen Sauerstoffangebots entscheidend
für das Überleben des Patienten. In einer aktuellen viel beachteten
Untersuchung haben Rivers et al. versucht, bei Patienten mit schwerer Sepsis
anhand der zentralvenösen Sättigung die Behandlung zu steuern und
ein ausreichendes Sauerstoffangebot zu gewährleisten [25].
Hierfür wurden Patienten, die mit einer schweren Sepsis in einem Emergencydepartment
aufgenommen wurden, in zwei Gruppen aufgeteilt. In der Kontrollgruppe wurde
durch Volumensubstitution und Katecholamingabe versucht, die Zielgrößen
ZVD (Ziel = 8 - 12 mm Hg), mittlerer arterieller Druck (Ziel = 65 mm Hg) und
Urinproduktion (Ziel = 0,5 ml/kg/h) zu normalisieren.
In der Gruppe mit der „Early goal-directed therapy” wurde zusätzlich
zu den Zielgrößen ZVD (Ziel = 8 - 12 mm Hg), mittlerer arterieller
Druck (Ziel = 65 mm Hg) und Urinproduktion (Ziel = 0,5 ml/kg/h) noch die zentralvenöse
Sättigung gemessen (Ziel = 70 %). Wenn die zentralvenöse Sättigung
niedriger als 70 % war, wurde durch Erythrozytentransfusion der Hämatokrit
auf Werte über 30 % angehoben, das Herz-Minuten-Volumen wurde durch Gabe
von Dobutamin erhöht und der Patient wurde evtl. sediert und beatmet. Diese
Interventionen wurden nur in der Notfallaufnahme durchgeführt. Nach spätestens
6 Stunden wurden die Patienten auf eine Intensivstation verlegt, ohne dass dort
bekannt war, ob der Patient zur Kontrollgruppe oder zur „Early-goal-directed-therapy”-Gruppe
gehörte.
Die Krankenhaussterblichkeit betrug in der Kontrollgruppe 46,5 und in der „Early-goal-directed-therapy”-Gruppe
30,5 % (p = 0,009). Durch diese Studie wurde erneut gezeigt, dass bei der Behandlung
der Sepsis zum einen der möglichst frühe effektive Behandlungsbeginn
einen entscheidenden Einfluss hat und zum anderen die Steuerung einer Sepsistherapie
mithilfe der zentralvenösen Sättigung zu einer Outcomeverbesserung
führen kann.
Schlussfolgerungen
Die Ecksteine einer erfolgreichen Sepsistherapie sind:
- möglichst früher Therapiebeginn;
- möglichst schnelle kausale Therapie;
- möglichst effektive antibiotische Therapie;
- Steuerung der hämodynamischen Therapie mithilfe der zentralvenösen
Sättigung;
- großzügige Volumensubstitution;
- ist nach ausreichender Volumensubstitution der Herzindex niedriger als 3-4
l/min/m2: Gabe von Dobutamin
- ist nach ausreichender Volumensubstitution der mittlere arterielle Druck
niedriger als 70-90 mmHg: Gabe von Noradrenalin
- ggf. kombinierte Gabe von Noradrenalin und Dobutamin;
- Vasopressineinsatz nur als Ultima Ratio und dann auch nur in niedriger Dosierung;
- Versuch der Therapie mit 4 × 50 mg Hydrokortison beim septischen Schock;
- bei ausgewählten Patienten Gabe von aktiviertem Protein C.

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Priv.-Doz. Dr. H. G. Bone
Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin
Universitätsklinikum Münster
Albert-Schweitzer-Straße 33
48149 Münster
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