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14.11.2009
Funktionsdienstesymposium
Marburg


zwai Home : Intensiv : Journal : Intensivpflege : Angehoerige im Intensivbereich
 


Drei pflegewissenschaftliche Studien

Angehörige im Intensivbereich

Peter Nydahl

Angehörige im Intensivbereich

Im deutschsprachigen Raum gibt es drei herausragende Studien über Angehörige im Intensivbereich.

Sie untersuchen die Aspekte Besuchsregelungen sowie die Beziehungen Angehörige-Pflegende und Angehörige-Patienten.


Im Anschluss folgt eine Diskussion.

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1. Besuchsregelungen auf Intensivstationen

1. Besuchsregelungen auf Intensivstationen

Sabine Metzing und Julika Osarek untersuchten in einer Literaturarbeit die Besuchsregelungen.

Besuchsbedingungen

Besuche können von verschiedenen Faktoren reglementiert werden:

Wann Zeitpunkt
Wie oft Häufigkeit pro Tag
Wie lange Dauer
Wer Familie / Fremde
Wie alt Mindestalter
Wie viele Anzahl (max. 2!)

Besuchsmodelle
Im englischsprachigen Raum können drei verschiedene Modelle zur Regelung von Besuchen heraus kristallisiert werden, die sich auf unsere Krankenhauskultur übertragen lassen:

Restriktionsmodell (>80%)
Besuche werden durch Institution zum Schutz des Patienten eingeschränkt

Offenes Besuchsmodell (4-40%)
Besuche werden durch Patient bestimmt

Vertragsmodell (?%)
Mitarbeiter handeln Besuche mit Patienten aus Studien innerhalb des Restriktionsmodells konnten keinen Nachweis erbringen, dass dieses Modell den Patienten „schützen“ würde. Restriktionsmodell und offenes Modell zeigen keine Unterschiede im Stress auf den Patienten.

In Studien des Vertragsmodells geben 85% der Patienten die Kontrolle über den Besuch als wichtigstes Bedürfnis an. Daraus resultieren weniger Angst, Depression, Feindseligkeit aufgrund höherer Selbstbestimmung. Die Dauer des Besuchs ist hierbei unerheblich.

Bedürfnisse von Patienten
Studien zu den Bedürfnissen von Patienten ergeben, dass die Patienten innerhalb des Restriktionsmodells durchaus zufrieden sind, aber individuelle
Anpassungen wünschen. Innerhalb aller Modelle kann als gesichert gelten, dass Pflegende telefonische Auskunft geben sollen und eine Beteiligung von Angehörigen in die Pflege nur von wenigen gewünscht wird. Insgesamt bestimmen viele Faktoren das Besuchsbedürfnis, was eine erhöhte Variabilität erfordert.

Fazit
Das Besuchsmodell ist vom Pflegeverständnis abhängig. Osarek und Mentzing favorisieren das Vertragsmodell, betonen dabei auch die notwendige pflegerische Kompetenz. Pflegende brauchen spezielle Assessmentinstrumente (zB. Scores, Kriterien oa), um die Situation des Patienten und der Familie einschätzen zu können.



2. Beziehung zwischen Angehörigen und Pflegenden auf Intensivstationen

Barbara Kuhlmann interviewte Angehörige und Pflegende. In den meisten Pflegemodellen sind Angehörige Mitaufgabe der Pflege.Angehörige beeinflussen die Gesundung des Patienten, sind „Mittel zum Zweck“, wobei Anngehörige selbst Pflegeempfänger sind (familienorientiertes Pflegemodell).

Es gibt auch Pflegende, die die Betreuung von Angehörigen ausschließen, bzw. vermeiden.

In einer Literaturrecherche wird deutlich, dass Angehörige es als hilfreich erleben, wenn Pflegende ...

• trösten
• Zuversicht und Hoffnung vermitteln
• Mitgefühl vermitteln
• Veränderungen des Patienten erkennen


Nach Ansicht der Pflegenden ist der Patient die „eigentliche Arbeit“, Angehörige sind Zusatzarbeit.
Angehörige sehen dies anders: Sie erwarten nicht, dass Pflegende sich um sie kümmern. Sie schätzen es allerdings, wenn Pflegende sich um sie kümmern. Entscheidend ist, dass der Patient gut versorgt wird.

Beide, Pflegende und Angehörige, sehen sich als Gruppe mit dem Patienten; Angehörige erleben Pflegende und Ärzte als eine Gruppe, Pflegende fassen Angehörige ähnlich zusammen.

Kuhlmann beschreibt sieben zentrale Situationen:

Erster Kontakt
Der erste Kontakt ist für eine vertrauensvolle Beziehung wichtig. Der Patient ist gut aufgehoben. Bienstein formuliert hierfür drei Kernfragen, die den Angehörigen zum Ende ihres ersten Besuches gestellt werden sollten und sehr vertrauensfördernd wirken:

Wie geht es Ihnen jetzt?
Wie kommen Sie nach Hause?
Ist zu Hause jemand, der sich um Sie kümmert?

Informationen
Angehörige wollen offene, ehrliche und zeitnahe Informationen über die Diagnose, den aktuellen Zustand und die Prognose des Patienten. Sie trennen nicht zwischen Informationen von Ärzten oder Pflegenden. Pflegende trennen sehr wohl. Kuhlmann empfiehlt für Pflegende die persönliche Meinung („Meiner Meinung nach wird ihr Angehöriger bald wieder gesund“).

Gefühle
Alle Angehörigen schätzen es, Gefühl und Herzenswärme zu erleben. Pflegende reagieren auf Gefühlsäußerungen oft mit Mitleid / Vermeidung / standardisiertem Verhalten.

Anwesenheit und Warten
Angehörige erleben Warten als schrecklich. Es gibt AusnahmeAngehörige, die immer da sein dürfen: diese sind nicht fordernd, können den Zustand des Patienten einschätzen, die Situation der Pflegenden verstehen, halten sich an deren Empfehlungen und bieten Mitarbeit an.

Umgang mit Patienten
Angehörige brauchen die Gewissheit, dass ihr Patient gut versorgt wird. Sie sind froh, wenn sie erleben, dass Pflegende ihren Patienten menschlich behandeln und als Persönlichkeit wahrnehmen.

Angehörige können während einer Reanimation durchaus „dabei“ sein und erleben, dass alles getan wird, um Leben zu retten. Sie können die Situation dann eher verarbeiten und dem Team vertrauen als wenn sie es nicht miterleben.

Rückmeldungen
Pflegende brauchen Rückmeldungen von Angehörigen zur Anerkennung ihrer Arbeit. Angehörige bestätigen einzelne Pflegende oder äußern sich lobend über das Team.

Regeln
Regeln geben Angehörigen wie auch Pflegenden Sicherheit. Diese Regeln müssen den Angehörigen bekannt sein. Pflegende können dadurch kontrollieren.

Fazit
Nicht Intensität, persönliches Engagement und lange Gespräche mit den Angehörigen sind für diese wichtig, sondern die Art und Weise, wie man mit ihnen umgeht

• Anwesenheit der Angehörigen ist erwünscht
• Sie fühlen sich ernst genommen
• Ihre Bedürfnisse werden registriert (nicht: erfüllt!)



3. Ohne Familie geht‘s nicht

3. Ohne Familie geht‘s nicht

Die Bedeutung von Angehörigen für Patientinnen und Patienten auf Intensivstationen

Sabine Metzing interviewte Patienten.
Unter Bedingungen, in denen der Aufenthalt auf einer Intensivstation von den Betroffenen als existentielle Krise oder Bedrohung erlebt wird, bekommen und übernehmen Angehörige eine existentiell bedeutsame Rolle, die den Betroffenen die Verbindung zur Welt ermöglicht und deren Überleben sichert. Angehörige sind Menschen, mit denen der Patient vertraut ist.

• Sie kümmern sich
• geben emotionalen Beistand
• haben Anteil

Wenn Angehörige am (Intensiv-)Alltag teilhaben, so vermittelt dies eine Idee von Normalität und Sicherheit. Sie müssen nicht immer im Zimmer sein, aber sind – wie zu Hause – einfach da. Pflegende haben eine andere Rolle und können die Angehörigen oder die Familie nicht ersetzen. Sie müssen nicht nahe sein.

Fazit: Angehörige sind kein Besuch!

"Wenn einer nur fünf Tage da ist, der muss nicht Besuch haben. Das reicht wenn die Frau oder die Kinder da sind." (Patientenzitat). Hier muss zwischen vertrauten und fremden Angehörigen unterschieden werden. Vertraute Angehörige, mit denen der Patient zusammen lebt, sind für ihn kein Besuch.

Offene Türen ohne Einflussmöglichkeit will niemand.

Je schlechter es den Betroffenen geht, je mehr sie sich mit sich selbst und ihrer Erkrankung auseinandersetzen, je ungeschützter und ausgelieferter sie sich fühlen, desto eingegrenzter wird der Kreis derer, die willkommen sind und gebraucht werden.

Ein Maßstab für Grenzen des Besuchs ist der lebensgeschichtliche und situative Kontext, dh. würde der Patient dies zu Hause auch so machen: dürfte der „fremde“ Arbeitkollege den Patienten zu Hause besuchen? Waren die vertrauten Angehörigen zu Hause dabei, wenn der Patient im Bad, auf Toilette, im Schlafzimmer war?

Diskussion
• Sind Angehörige für Pflegende tatsächlich Mehrarbeit?
• Könnte für nahe Angehörige ein offenes Besuchsmodell, für „fremde“ Angehörige das Restriktionsmodell sinnvoll sein?
• Welche Regeln haben wir für Angehörige?
• Wann müssen Angehörige kurz das Zimmer verlassen?


Literatur

Metzing, S.; Osarek, J.: Besuchsregelungen auf Intensivstationen. Pflege 13 (4) Hans Huber Bern, 242-252

Kuhlmann, B.: Die Beziehung zwischen Angehörigen und Pflegenden auf Intensivstationen. In: Abt-Zegelin, A.: Fokus: Intensivpflege. Schlütersche Verlagsgesellschaft Hannover 2004, 219-274

Metzing, S.: Bedeutung von Besuchen für Patientinnen und Patienten während ihres Aufenthaltes auf einer Intensivstation. In: Abt-Zegelin, A.: Fokus: Intensivpflege. Schlütersche Verlagsgesellschaft Hannover 2004, 159-217

Alle Studien wurden an dem Institut für Pflegewissenschaft Witten/Herdecke durchgeführt.

(20.01.2006)

Emailadresse Autor:




Links zum Artikel:
    Universität Witten-Herdecke
    Kuhlmann B, Die Beziehung zwischen Angehörigen und Pflegenden auf Intensivstationen
    Metzing S, Besuchsregelungen auf Intensivstationen
    Besuchsregelungen für Kinder auf Intensivstationen






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Letzte Aktualisierung: 11.03.2010 Der Webcode dieser Seite lautet ZW0131

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