Angehörige im Intensivbereich
Peter Nydahl
Im deutschsprachigen Raum gibt es drei herausragende
Studien über Angehörige im Intensivbereich.
Sie untersuchen
die Aspekte Besuchsregelungen sowie die Beziehungen
Angehörige-Pflegende und Angehörige-Patienten.
Im Anschluss folgt eine Diskussion.

1. Besuchsregelungen auf Intensivstationen
Sabine Metzing und Julika Osarek untersuchten in einer Literaturarbeit die Besuchsregelungen.
Besuchsbedingungen
Besuche können von verschiedenen Faktoren reglementiert
werden:
| Wann |
Zeitpunkt |
| Wie oft |
Häufigkeit pro Tag |
| Wie lange |
Dauer |
| Wer |
Familie / Fremde |
| Wie alt |
Mindestalter |
| Wie viele |
Anzahl (max. 2!) |
Besuchsmodelle
Im englischsprachigen Raum können drei verschiedene
Modelle zur Regelung von Besuchen
heraus kristallisiert werden, die sich auf unsere
Krankenhauskultur übertragen lassen:
Restriktionsmodell (>80%)
Besuche werden durch Institution zum Schutz des
Patienten eingeschränkt
Offenes Besuchsmodell (4-40%)
Besuche werden durch Patient bestimmt
Vertragsmodell (?%)
Mitarbeiter handeln Besuche mit Patienten aus
Studien innerhalb des Restriktionsmodells konnten
keinen Nachweis erbringen, dass dieses Modell
den Patienten „schützen“ würde. Restriktionsmodell
und offenes Modell zeigen keine Unterschiede
im Stress auf den Patienten.
In Studien des Vertragsmodells geben 85% der
Patienten die Kontrolle über den Besuch als wichtigstes
Bedürfnis an. Daraus resultieren weniger
Angst, Depression, Feindseligkeit aufgrund höherer
Selbstbestimmung. Die Dauer des Besuchs ist
hierbei unerheblich.
Bedürfnisse von Patienten
Studien zu den Bedürfnissen von Patienten ergeben,
dass die Patienten innerhalb des Restriktionsmodells
durchaus zufrieden sind, aber individuelle
Anpassungen wünschen. Innerhalb aller
Modelle kann als gesichert gelten, dass Pflegende
telefonische Auskunft geben sollen und eine Beteiligung
von Angehörigen in die Pflege nur von
wenigen gewünscht wird. Insgesamt bestimmen
viele Faktoren das Besuchsbedürfnis, was eine
erhöhte Variabilität erfordert.
Fazit
Das Besuchsmodell ist vom Pflegeverständnis
abhängig. Osarek und Mentzing favorisieren das
Vertragsmodell, betonen dabei auch die notwendige
pflegerische Kompetenz.
Pflegende brauchen spezielle Assessmentinstrumente
(zB. Scores, Kriterien oa), um die
Situation des Patienten und der Familie einschätzen
zu können.
2. Beziehung zwischen Angehörigen und Pflegenden auf Intensivstationen
Barbara Kuhlmann interviewte Angehörige und
Pflegende.
In den meisten Pflegemodellen sind Angehörige
Mitaufgabe der Pflege.Angehörige beeinflussen
die Gesundung des Patienten, sind „Mittel zum
Zweck“, wobei Anngehörige selbst Pflegeempfänger
sind (familienorientiertes Pflegemodell).
Es gibt auch Pflegende, die die Betreuung von
Angehörigen ausschließen, bzw. vermeiden.
In einer Literaturrecherche wird deutlich, dass
Angehörige es als hilfreich erleben, wenn Pflegende
...
•
trösten
• Zuversicht und Hoffnung vermitteln
•
Mitgefühl vermitteln
•
Veränderungen des Patienten erkennen
Nach Ansicht der Pflegenden ist der Patient die „eigentliche Arbeit“, Angehörige sind Zusatzarbeit.
Angehörige sehen dies anders: Sie erwarten
nicht, dass Pflegende sich um sie kümmern. Sie
schätzen es allerdings, wenn Pflegende sich um
sie kümmern. Entscheidend ist, dass der Patient
gut versorgt wird.
Beide, Pflegende und Angehörige, sehen sich als
Gruppe mit dem Patienten; Angehörige erleben
Pflegende und Ärzte als eine Gruppe, Pflegende
fassen Angehörige ähnlich zusammen.
Kuhlmann beschreibt sieben zentrale Situationen:
Erster Kontakt
Der erste Kontakt ist für eine vertrauensvolle Beziehung
wichtig. Der Patient ist gut aufgehoben.
Bienstein formuliert hierfür drei Kernfragen, die
den Angehörigen zum Ende ihres ersten Besuches
gestellt werden sollten und sehr vertrauensfördernd
wirken:
Wie geht es Ihnen jetzt?
Wie kommen Sie nach Hause?
Ist zu Hause jemand, der sich um Sie kümmert?
Informationen
Angehörige wollen offene, ehrliche und zeitnahe
Informationen über die Diagnose, den aktuellen
Zustand und die Prognose des Patienten. Sie trennen
nicht zwischen Informationen von Ärzten
oder Pflegenden. Pflegende trennen sehr wohl.
Kuhlmann empfiehlt für Pflegende die persönliche
Meinung („Meiner Meinung nach wird ihr Angehöriger
bald wieder gesund“).
Gefühle
Alle Angehörigen schätzen es, Gefühl und Herzenswärme
zu erleben. Pflegende reagieren auf
Gefühlsäußerungen oft mit Mitleid / Vermeidung /
standardisiertem Verhalten.
Anwesenheit und Warten
Angehörige erleben Warten als schrecklich.
Es gibt AusnahmeAngehörige, die immer da sein
dürfen: diese sind nicht fordernd, können den Zustand
des Patienten einschätzen, die Situation der
Pflegenden verstehen, halten sich an deren
Empfehlungen und bieten Mitarbeit an.
Umgang mit Patienten
Angehörige brauchen die Gewissheit, dass ihr
Patient gut versorgt wird. Sie sind froh, wenn sie
erleben, dass Pflegende ihren Patienten menschlich
behandeln und als Persönlichkeit wahrnehmen.
Angehörige können während einer Reanimation
durchaus „dabei“ sein und erleben, dass alles getan
wird, um Leben zu retten. Sie können die Situation
dann eher verarbeiten und dem Team vertrauen
als wenn sie es nicht miterleben.
Rückmeldungen
Pflegende brauchen Rückmeldungen von Angehörigen
zur Anerkennung ihrer Arbeit. Angehörige
bestätigen einzelne Pflegende oder äußern sich
lobend über das Team.
Regeln
Regeln geben Angehörigen wie auch Pflegenden
Sicherheit. Diese Regeln müssen den Angehörigen
bekannt sein. Pflegende können dadurch kontrollieren.
Fazit
Nicht Intensität, persönliches Engagement und
lange Gespräche mit den Angehörigen sind für
diese wichtig, sondern die Art und Weise, wie
man mit ihnen umgeht
•
Anwesenheit der Angehörigen ist erwünscht
•
Sie fühlen sich ernst genommen
•
Ihre Bedürfnisse werden registriert (nicht:
erfüllt!)

3. Ohne Familie geht‘s nicht
Die Bedeutung von Angehörigen für Patientinnen
und Patienten auf Intensivstationen
Sabine Metzing interviewte Patienten.
Unter Bedingungen, in denen der Aufenthalt auf
einer Intensivstation von den Betroffenen als existentielle
Krise oder Bedrohung erlebt wird, bekommen
und übernehmen Angehörige eine existentiell
bedeutsame Rolle, die den Betroffenen die
Verbindung zur Welt ermöglicht und deren Überleben
sichert. Angehörige sind Menschen, mit
denen der Patient vertraut ist.
•
Sie kümmern sich
• geben emotionalen Beistand
• haben Anteil
Wenn Angehörige am (Intensiv-)Alltag teilhaben,
so vermittelt dies eine Idee von Normalität und
Sicherheit. Sie müssen nicht immer im Zimmer
sein, aber sind – wie zu Hause – einfach da. Pflegende
haben eine andere Rolle und können die
Angehörigen oder die Familie nicht ersetzen. Sie
müssen nicht nahe sein.
Fazit: Angehörige sind kein Besuch!
"Wenn einer nur fünf Tage da ist, der muss nicht
Besuch haben. Das reicht wenn die Frau oder die Kinder da sind." (Patientenzitat). Hier muss zwischen vertrauten und fremden Angehörigen unterschieden
werden. Vertraute Angehörige, mit denen
der Patient zusammen lebt, sind für ihn kein
Besuch.
Offene Türen ohne Einflussmöglichkeit will niemand.
Je schlechter es den Betroffenen geht, je
mehr sie sich mit sich selbst und ihrer Erkrankung
auseinandersetzen, je ungeschützter und ausgelieferter
sie sich fühlen, desto eingegrenzter wird der
Kreis derer, die willkommen sind und gebraucht
werden.
Ein Maßstab für Grenzen des Besuchs ist
der lebensgeschichtliche und situative Kontext,
dh. würde der Patient dies zu Hause auch so machen:
dürfte der „fremde“ Arbeitkollege den Patienten
zu Hause besuchen? Waren die vertrauten
Angehörigen zu Hause dabei, wenn der Patient im
Bad, auf Toilette, im Schlafzimmer war?
Diskussion
•
Sind Angehörige für Pflegende tatsächlich
Mehrarbeit?
•
Könnte für nahe Angehörige ein offenes
Besuchsmodell, für „fremde“ Angehörige
das Restriktionsmodell sinnvoll sein?
•
Welche Regeln haben wir für Angehörige?
•
Wann müssen Angehörige kurz das Zimmer
verlassen?
Literatur
Metzing, S.; Osarek, J.: Besuchsregelungen auf Intensivstationen.
Pflege 13 (4) Hans Huber Bern, 242-252
Kuhlmann, B.: Die Beziehung zwischen Angehörigen und Pflegenden auf
Intensivstationen. In: Abt-Zegelin, A.: Fokus: Intensivpflege.
Schlütersche Verlagsgesellschaft Hannover 2004, 219-274
Metzing, S.: Bedeutung von Besuchen für Patientinnen und Patienten
während ihres Aufenthaltes auf einer Intensivstation. In: Abt-Zegelin,
A.: Fokus: Intensivpflege. Schlütersche Verlagsgesellschaft Hannover
2004, 159-217
Alle Studien wurden an dem Institut für Pflegewissenschaft Witten/Herdecke durchgeführt.
(20.01.2006)
Emailadresse Autor: