Angehörigenbetreuung: der Wunsch nach Information
Uwe Ulsamer
Erschienen in der 'intensiv' - Fachzeitschrift für Anästhesie & Intensivpflege, Georg Thieme Verlag [intensiv 2005; 13: 158-163]
Über die Bedürfnisse der Angehörigen von Intensivpatienten und
kritisch
Kranken ist in den letzten drei Dekaden eingehend geforscht und veröffentlicht
worden [1][2][3][4]. Alle Studien zu diesem Thema belegen, dass Angehörige
ein ausgesprochen hohes Informationsbedürfnis haben [1][3][4]. Dieses Informationsbedürfnis
wird in der Praxis leider sowohl von Ärzten als auch von Pflegekräften
oftmals unterschätzt oder missachtet.
Dieser Artikel geht der Frage nach,
wie es zu erklären ist, dass das Bedürfnis der Angehörigen nach
Informationen zu den „am wenigsten erfüllten Bedürfnissen” Angehöriger
von Intensivpatienten zählt [5][6]. Obwohl das Gespräch und die Kommunikation
mit Angehörigen kritisch Kranker oder sterbender Patienten an Pflegekräfte
höchste emotionale und kommunikative Anforderungen stellen, werden Pflegende
nur unzureichend auf diese schwierige Aufgabe vorbereitet. Hier besteht dringend
curricularer Nachbesserungsbedarf. Das Thema der Angehörigenbetreuung
muss sowohl in den Fachweiterbildungen als auch im Rahmen innerbetrieblicher
Fortbildungen
und Stationsbesprechungen thematisiert werden.

Das ungestillte Bedürfnis Angehöriger nach Information
Die Aufnahme schwer- und schwerstkranker Patienten auf die Intensivstation
stellt nicht nur für die Patienten, sondern auch für deren Angehörige
eine extreme Krisensituation dar [1].
In einigen Fällen wird ein solcher
Aufenthalt von den Angehörigen sogar als belastender und negativer erlebt
als dieser von den Patienten selbst empfunden wird [7][8]. In Studien konnte
belegt werden, dass die Aufnahme von Patienten auf Intensivstationen für
deren Angehörige nicht nur ein akutes Stresserleben darstellt, sondern
dass bei sieben von zehn Familienangehörigen (72,7 %) und sogar bei
acht von zehn Ehepartnern (84 %) Symptome von Angst und Depression auftreten
[9].
Um sich in der fremden Umgebung einer Intensivstation zurecht zufinden und
um sich einen Eindruck vom Zustand ihres erkrankten Familienmitglieds machen
zu können, benötigen die Angehörigen Informationen. Ihr ausgesprochen
hohes Informationsbedürfnis [1][3][4] wird sowohl von Ärzten als
auch von Pflegekräften oftmals unterschätzt [1] und gehört trotz
seiner offensichtlichen Bedeutung für die Angehörigen zu den „am
wenigsten erfüllten Bedürfnissen der Angehörigen” [5][6].
Diese Missachtung oder das Ignorieren des Informationsbedürfnisses der
Angehörigen hat gravierende Auswirkungen auf deren Befinden. „Unzureichende
Aufklärung verstärkt die Angst, führt zu Misstrauen und vermittelt
das Gefühl, der Macht der Mitarbeiter ausgeliefert zu sein”, konstatiert
Kuhlmann [10]. Verschiedene Autoren bestätigen diese Aussage und weisen
daraufhin, dass mit der Missachtung der Bedürfnisse der Angehörigen
auch deren emotionale (Dis-)Stresssymptome ansteigen [2][11].
Pflegetheoretisch wird übereinstimmend die Auffassung vertreten, „dass
Pflegende nicht nur für den Patienten, sondern auch für die Betreuung
und Unterstützung der Angehörigen verantwortlich sind” [10].
Trotzdem neigen Intensivpflegekräfte dazu, all ihr Tun und Handeln auf
den Patienten, seine enge Überwachung, die aufwändige Versorgung
und den Umgang mit den dazu erforderlichen technischen Geräten zu konzentrieren.
Mag die Absicht, die Angehörigen in der für sie so belastend erlebten
Situation zu unterstützen, auch vorhanden sein, so gerät sie in
der Praxis oftmals in Vergessenheit oder wird ignoriert [1][3][12].
Darüber hinaus kommt Kuhlmann in der von ihr durchgeführten Untersuchung
zu dem Ergebnis, dass die Betreuung der Angehörigen von den Intensivpflegenden
als eine „zusätzliche Leistung” angesehen wird, „die
zur eigentlichen Arbeit, der Pflege des Patienten, meist erschwerend hinzukommt” [10].
Sie weist daraufhin, dass die Anwesenheit von Angehörigen bei den Pflegenden
oftmals ein unwohles Gefühl auslöst und zu großem Zeitdruck
führen kann, weil sie meinen, nicht allen gerecht werden zu können
[10]. So verwundert es auch nicht, dass Familienangehörige als ein Stressor
für Intensivpflegekräfte identifiziert wurden [13].
Die ärztliche Aufklärungspflicht soll hier keineswegs zur Disposition
gestellt werden. Diese ist durch die gesetzlichen Vorgaben eindeutig geregelt.
Dennoch dürfen Pflegende nicht die Augen davor verschließen, dass
sie in der Praxis einer ihrer Zielgruppen pflegerischen Handelns nicht gerecht
werden; denn welche Berufsgruppe kann den Erwartungen und Bedürfnissen
der Angehörigen besser begegnen als die der Pflegenden? Kaum eine Berufsgruppe
hat die Möglichkeit, einen so engen und intensiven Kontakt zu den Angehörigen
aufzubauen wie die der Pflegenden. Nicht ohne Grund also wird die Intensivpflegekraft
durchgängig als die Person angesehen, die am ehesten dazu in der Lage
ist, die Bedürfnisse und Wünsche der Angehörigen zu erfüllen
[13].
Dem Gespräch mit den Angehörigen kommt eine immanent wichtige Funktion
zu. Es hilft den Angehörigen, die Krisensituation, in der sie sich befinden,
zu begreifen, zu verarbeiten und zu bewältigen. Erklärungen und Informationen
werden von Angehörigen als hilfreich empfunden. Sie helfen ihnen, sich
in die fremdartige Welt der Intensivstation einzufinden und vermitteln ihnen
das Gefühl beachtet zu werden [10]. Zusätzlich konnte gezeigt werden,
dass Informationen über den Patienten, die Behandlung, Stationsabläufe
und das Personal die Angst der Angehörigen deutlich vermindert [14].
Ursachen für die mangelnde Angehörigenkommunikation
Rollenkonflikte
In der emotional schwierigen Situation, in der sich die Angehörigen befinden,
wünschen und erwarten sie Informationen über den Gesundheitszustand
und die Aussichten ihrer Patienten. Kuhlmann [10][15] weist daraufhin, dass
Angehörige dabei nicht in Fragen an Ärzte und Fragen an Pflegekräfte
unterscheiden. Ihren Ergebnissen zufolge trennen Pflegende jedoch sehr eindeutig
zwischen pflegerischen Informationen, die sie geben dürfen, wollen und
können und ärztlichen Informationen [15], weshalb sie immer wieder
in einen Konflikt geraten, wenn sich Angehörige nicht ausreichend informiert
fühlen oder wenn Angehörige sie um ihre Meinung bitten [10][15].
Dieser Konflikt ist ein Grund, warum sich Pflegende so schwer tun, das ehrliche
Gespräch mit den Angehörigen zu suchen und stattdessen versuchen,
ihm auszuweichen. Kuhlmann [10] leitete aus den von ihr gemachten Interviews
mit Pflegekräften weitere Gründe für die Angst von Pflegenden
ab, den Angehörigen schlechte Nachrichten zu übermitteln und unangenehme
Fragen zu beantworten, wenn diese die Zukunft des Patienten betreffen. Zum
einen haben sie Angst, den Angehörigen eine Auskunft zu geben, die vielleicht
nicht eintritt. Außerdem fällt es ihnen schwer, die Zukunftsaussichten
der Patienten richtig einzuschätzen, da es hier oftmals keine richtige
oder falsche Antwort gibt. Zum anderen haben Pflegende Angst, in den Kompetenzbereich
der Ärzte einzugreifen und später dafür belangt zu werden. Auf
diese Begründung weist auch Schiffer [7] hin. Und schließlich befürchten
viele Pflegende, eine Aussage zu treffen, die konträr zur Meinung eines
Kollegen oder Arztes ist [10]. Diese Vermutung wird auch von anderen Autoren
gestützt. So konnte immer dann eine Abnahme pflegerischer Beteiligung
an der Angehörigeninformation festgestellt werden, wenn sich die Pflegenden
unsicher waren, welche Informationen der Arzt den Angehörigen gegeben
hatte [13].
Doch dass diese rechtlichen Schwierigkeiten nur eine Seite des Problems darstellen,
zeigt sich an dem Verhalten von Pflegenden, wenn es um die Überbringung
positiver Nachrichten an die Angehörigen geht. Es konnte gezeigt werden,
dass es Pflegenden wesentlich einfacher fällt, den Angehörigen erfreuliche
Nachrichten und Verbesserungen des Patienten zu überbringen, ohne dass
bei ihnen die oben genannten Befürchtungen auftreten [10]. Dies legt den
Schluss nahe, dass sich Pflegende vielmehr davor schützen möchten,
den Angehörigen schlechte Nachrichten zu überbringen und versuchen,
die Verantwortung hierfür an den Arzt abzugeben.
Vermeidung emotional belastender Situationen
Der Umgang mit Angehörigen, die sich mit dem Tod eines geliebten Familienmitglieds
konfrontiert sehen, erfordert Können, den adäquaten Umgang mit den
eigenen Gefühlen sowie die Fähigkeit zur Reflektion. Bestimmte Situationen
erzeugen Angst. Zweifellos zählt zu solchen, angstauslösenden Situationen
auch, den Angehörigen die Verschlechterung oder gar eine infauste Prognose
mitteilen zu müssen. Da das Krankenhauspersonal täglich solchen stark
emotionsbeladenden Situationen gegenübersteht, mag es ihnen als die
beste Strategie erscheinen, diese Situationen zu vermeiden [12].
Es ist bekannt, dass sich Pflegende deutlich unwohl in ihrer Rolle fühlen,
wenn es unwahrscheinlich ist, dass der Patient genesen wird [16][17]. Scullion
[18] weist darauf hin, dass eine enge, intensive Beziehung zu den Angehörigen
die in solchen Situationen auftretenden Angst- und Schuldgefühle sowie
Gefühle von Bedauern und Mitleid noch verstärkt. Dunkel und Eisendraht
gehen sogar davon aus, dass je weniger eine Pflegekraft über Patienten
oder Angehörige weiß, desto eher erlaubt ihr dies, diese Personen
als ein klinisches Problem zu betrachten und desto eher ist sie in der Lage,
in der belastenden Umgebung einer Intensivstation zu funktionieren [19]. Die
Vermeidung oder Verweigerung einer emotionalen Beziehung zu den Angehörigen
kann also auch als ein Schutzmechanismus des Pflegepersonals bewertet werden,
der von mehreren Autoren beschrieben wird [3][13][18].
Auch wenn es dem Pflegenden oder dem Mediziner schwer fallen mag, den Angehörigen
schlechte Nachrichten zu überbringen und deren Reaktionen auszuhalten,
ist es wichtig, den Angehörigen im wahrsten Sinne des Wortes „zur
Seite zu stehen”. Einige Autoren sehen in dem Aushalten und der Toleranz
gegenüber Disstress-Gefühlen die größte Herausforderung
für die Gesundheitsprofessionen [20].
Die bei den Angehörigen häufig auftretenden Symptome von Angst und
Depression rufen bei den Medizinern paternalistische Gefühle hervor. Es
widerstrebt ihnen, den Angehörigen schlechte Nachrichten zu übermitteln,
um den Angehörigen und sich selber zusätzliche emotionale Belastungen
zu ersparen [22]. Dies erklärt auch die häufig zu beobachtende Verharmlosung
des aktuellen Gesundheitszustands des Patienten oder seine Reduzierung auf
aktuelle Laborwerte oder EKG-Befunde. Durch eine solche Reduzierung wird vermieden,
mit den Angehörigen über die langfristige Prognose, die zu erwartende
Lebensqualität oder die Überlebenswahrscheinlichkeit sprechen zu
müssen [21].
Obwohl die Strategie, den Zustand des Patienten zu verharmlosen oder seinen
Zustand zu beschönigen, eher Ärzten zugeschrieben wird, weisen Chesla
und Stannard daraufhin, dass auch Pflegekräfte auf diese Taktik zurückgreifen,
wenn ihnen der Kontakt mit den Angehörigen unangenehm ist oder sie emotional ängstigt
[12].
Unterlassung durch Zeitmangel
Neben den bereits genannten Faktoren ist Zeitmangel sicherlich ein ernstzunehmendes
Problem im Alltag vieler Intensivstationen, der von mehreren Autoren als
Begründung für eine unzureichende Angehörigenkommunikation
ausgemacht wird [13][23]. Doch sicherlich ist Zeitmangel nicht der alleinige
Grund für mangelnde pflegerische Kommunikation mit Angehörigen.
Gerade in Bezug auf die vorhandene Zeit und deren Einteilung spielt wieder
das traditionelle Rollenverständnis des Pflegepersonals eine entscheidende
Rolle. Ihr Augenmerk liegt, wie bereits beschrieben, vor allem auf der Pflege
und der Betreuung des Patienten, während die Betreuung der Angehörigen
von vielen Pflegekräften als eine „Aufgabe mit niedriger Priorität” [17]
angesehen wird.
Fehlendes Wissen und mangelnde kommunikative Kompetenzen
Kuhlmann kommt in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass sich sowohl die von ihr
interviewte Berufsanfängerin als auch die langjährige Mitarbeiterin „in
der Gegenwart von Angehörigen nicht immer sicher fühlen” [10].
Sie weist daraufhin, dass von einer Pflegekraft auch nach vielen Jahren Berufserfahrung
auf der Intensivstation geäußert wird, „sie hätte gerne
Regeln im Umgang mit Angehörigen” [10], also eine Art Rezeptwissen.
Die fehlende oder mangelhafte Kommunikation zwischen Pflegenden und Angehörigen
kann daher möglicherweise auch auf fehlendes Wissen und defizitäre
kommunikative Kompetenzen auf Seiten der Pflegenden oder Unsicherheiten bezüglich
ihrer eigenen Rolle zurückgeführt werden. So glaubten mehr als
ein Drittel (37 %) der von Hickey und Lewandowski befragten Pflegekräfte,
dass sie nicht das erforderliche Wissen haben, um den emotionalen und psychosozialen
Bedürfnissen der Familien von kritisch Kranken zu begegnen [13]. Beide
Ergebnisse legen die Vermutung nahe, dass Pflegende, denen das nötige
Wissen oder die Fertigkeiten fehlen oder die Gefühle von Überforderung
verspüren, den Kontakt mit Angehörigen kritisch Kranker zu vermeiden
suchen. Strategien und Methoden, mit deren Hilfe Pflegepersonal den Kontakt
mit Angehörigen vermeidet, wurden von mehreren Autoren untersucht
und beschrieben [12][24].
Wie sollte der Kontakt zu Angehörigen gestaltet sein?
Gemeinsame Aufklärung von ärztlichem und pflegerischem Personal
Einen Ausweg aus dem rechtlichen Dilemma, in dem Pflegende sich befinden,
weil sie mit der „Aufklärung” der Angehörigen möglicherweise
in den ärztlichen Aufgabenbereich eingreifen, sieht Kuhlmann darin,
dass Ärzte und Pflegekräfte die Aufklärung gemeinsam besprechen. „Nur
wenn beide Seiten wissen, was man schon gesagt hat und was man sagen kann
und soll, lassen sich Hilflosigkeit und Unsicherheit bei den Pflegenden,
bei den Ärzten und bei den Angehörigen vielleicht reduzieren” [10].
Auch Azoulay et al. weisen daraufhin, dass es sich anbietet, dass Pflegende
und Ärzte gemeinsam die Aufklärung und Information der Angehörigen übernehmen,
da „sich widersprechende Aussagen des Krankenhauspersonals die Zufriedenheit
der Angehörigen ganz wesentlich beeinflussen” [25][26].
Für die einzelne Pflegekraft sieht Kuhlmann einen möglichen Ausweg
oder eine Hilfe, wenn die Pflegekraft in problematischen Situationen gar nicht
versucht, allgemeingültige Aussagen treffen zu wollen, sondern stattdessen
klar äußert, dass es sich um eine persönliche Ansicht oder
Meinung handelt. Wörtlich schreibt sie: „Niemand kann einen dafür
belangen, wenn man seine eigene Meinung darstellt und sagt. Es wird nie leicht
sein, wenn sich seine Meinung als falsch erweist, aber vielleicht ist es einfacher
damit zu leben als mit dem Gedanken, den Angehörigen vollkommen im Ungewissen
gelassen zu haben” [10].
Die Bedeutung von Gefühlen und Empathie
Wie bereits beschrieben, haben Pflegende große Schwierigkeiten, mit dem
Leid und den Gefühlen der Angehörigen umzugehen.
Für viele Pflegekräfte scheint es schwierig zu sein, die Situation
der Angehörigen nachzuempfinden und nachzuvollziehen, ohne kritiklos mit
dem Patienten zu „verschmelzen” oder ins andere Extrem zu verfallen,
und zwar den Patienten effizient zu versorgen, dem Angehörigen aber gleichgültig
gegenüber zu stehen [10].
Dies erklärt, warum sich einige Pflegende bemühen, keine emotionale
Bindung zu den Angehörigen aufzubauen und so innerlich unbeteiligt bleiben.
Ihnen gelingt dies unter anderem auch dadurch, dass sie sich gegenüber
allen Angehörigen mehr oder minder gleich verhalten. Pflegende neigen
dann z. B. dazu, während der kurz gehaltenen Kontakte mit den Angehörigen
auf die Fragen der Angehörigen mit Routineantworten zu reagieren. Sie
machen allgemeine und vieldeutige Aussagen zum Gesundheitszustand des Patienten,
wie „alles ist unverändert” oder „es geht ihm wie gestern”.
In Befragungen von Angehörigen haben diese ihr Missfallen über solche,
in der täglichen Praxis oft gegebenen Informationen ausgedrückt [2],
zudem diese von den Angehörigen als wenig hilfreich erlebt werden [2][23].
Die von Kuhlmann durchgeführten Interviews von Angehörigen haben
gezeigt, dass Angehörige es sehr schätzen, individuell wahrgenommen
zu werden, sich von der Masse der Angehörigen abzuheben und in der Beziehung
zu den Pflegenden Gefühl und Herzenswärme zu erleben [10]. Gerade
durch das Mit-Leiden und der Mit-Freude der Pflegenden erfahren die Angehörigen
Trost in ihrem Leid und all ihrer Sorge [10].
Pflegende verstehen unter „professioneller Pflege” leider immer
noch viel zu häufig, Mitgefühl zu unterdrücken und emotionale
Distanz zu wahren. Die Ergebnisse der Angehörigenbefragungen von Kuhlmann
zeigen jedoch, „dass dies auf keinen Fall die Pflege ist, die Angehörige
wünschen und brauchen” [10]. Sie schlussfolgert: „Neben dem
Umdenken, dass es „erlaubt” ist, auch als Pflegender eigene Gefühle
gegenüber Patienten und Angehörigen zu zeigen, brauchen Pflegende
sicherlich Hilfen, wie sie die vielen Emotionen (von beiden Seiten) aushalten
können” [10].
Die Bedeutung zeitlicher Aspekte im Kontakt mit den Angehörigen
In Richtlinien für den Umgang mit Angehörigen wird empfohlen, dem
Gespräch mit den Angehörigen ausreichend Zeit einzuräumen, wobei
meistens nicht weiter quantifiziert wird, was unter „ausreichend” zu
verstehen ist [22]. Selbstverständlich benötigen die Angehörigen
Zeit, um ihre emotionalen (Dis-) Stresssymptome angemessenen verarbeiten zu
können. Dass Familien ebenfalls Zeit brauchen, um die Situation des
Patienten und die Auswirkungen und Konsequenzen, die dessen Erkrankung auf
sie selber
hat, zu begreifen, liegt auf der Hand.
Sicherlich lässt es der Stationsablauf nicht immer zu, dass sich die
Pflegekraft intensiv mit den Angehörigen beschäftigt. In der Praxis
werden die Angehörigen von den Pflegekräften oft hinausgeschickt.
Würde den Angehörigen häufiger gestattet, während der Pflegemaßnahmen
im Zimmer zu bleiben, so hätte dies meines Erachtens zwei positive Effekte.
Zum einen kann dadurch die Zeit, die von der Pflegekraft im Patientenzimmer
verbracht wird, sowohl für den Umgang mit dem Patienten als auch für
die Interaktion mit den Angehörigen genutzt werden. Die zur Verfügung
stehende Zeit wird so effektiver genutzt. Zum anderen können Pflegekräfte
durch die Kommunikation mit den Angehörigen zusätzlich wichtige Informationen
gewinnen, die ihnen bei der Pflege des Patienten helfen können. Des Weiteren
sind Bijttebier et al. in ihrer Studie zu dem Ergebnis gelangt, dass es das
zweitwichtigste Bedürfnis der Angehörigen ist, „die Sicherheit
zu haben, dass dem Patienten die bestmögliche Pflege und Versorgung zuteil
wird” [1].
Kuhlmann konstatiert folgerichtig: „Aus Sicht der Angehörigen wäre
es sicherlich wünschenswert, wenn diese nicht so oft aus dem Zimmer geschickt
würden und selber entscheiden könnten, ob sie bestimmte Pflegemaßnahmen
sehen möchten. So könnten sie sich davon überzeugen, dass der
Patient gut aufgehoben ist und als Mensch behandelt wird, dessen Individualität
und Gefühle nicht in der Hightech-Umgebung untergehen” [10].
Die Bedeutung klarer, verständlicher und wiederholter Informationen
Menschen, die damit konfrontiert werden, dass ein Familienmitglied lebensbedrohlich
erkrankt ist, legen z. T. eine Reihe verschiedenster und teilweise extremer
Copingmechanismen an den Tag [12].
In der Praxis ist es keinesfalls ungewöhnlich, dass sich Angehörige
bei der Pflegekraft nach dem Befinden des Patienten erkundigen, obwohl sie
kurz zuvor mit dem zuständigen Arzt gesprochen haben. Solche, manchmal
irrational anmutenden Verhaltensweisen können nur vor dem Hintergrund
des Stresserlebens der Angehörigen begriffen werden.
Da Angstzustände und Depressionen mit einem veränderten, rigideren
Denksystem einhergehen, haben Angehörige, die sich in Krisensituationen
befinden, oftmals große Schwierigkeiten bei der Informationsaufnahme
und -speicherung [9][27].
Das wiederholte Stellen von Fragen sowohl an den Arzt als auch an das Pflegepersonal
ist also keinesfalls als bösartiges „Ausspielen von Arzt und Pflegekräften” zu
deuten, als das es oftmals fälschlicherweise interpretiert wird. Es unterstreicht
lediglich die Wichtigkeit, dass Informationen häufig wiederholt werden
müssen, um von den Angehörigen begriffen und verarbeitet werden zu
können. Dieser Umstand erklärt auch, warum im Gespräch mit den
Angehörigen auf eine klare, möglichst eindeutige Sprache zu achten
ist, die möglichst frei von medizinischer Fachterminologie sein sollte
[28].

Implikationen für Lehre und Praxis
Implikationen für die Lehre
Es ist deutlich geworden, dass der Umgang mit den Angehörigen von kritisch
kranken Patienten im Stationsalltag nicht unproblematisch ist. Die Kommunikation
erfordert von Pflegekräften, wie bereits beschrieben, ein erhebliches
Maß an Expertise, Einfühlungsvermögen und einen adäquaten
Umgang sowohl mit den eigenen Gefühlen als auch mit denen der Angehörigen.
Dass sich die auf der Intensivstation tätigen Pflegekräfte nicht
oder nicht ausreichend auf diese Aufgabe vorbereitet fühlen, konnte durch
zwei Studien [15][16] gezeigt werden und wird von verschiedenen Autoren bestätigt
[13][17].
Durchweg alle Autoren, die zu dem Thema Bedürfnisse von Angehörigen
und Pflegekraft-Angehörigen-Kommunikation geforscht und publiziert haben,
weisen daraufhin, dass dieses in die Curricula von Fachweiterbildungen aufgenommen
werden muss [3][12][29]. Denn trotz der Wichtigkeit im Berufsalltag wird dieses
Thema in der Fachweiterbildung meist völlig ausgespart [12][22].
Dass sich mithilfe eines gezielten Trainingsprogramms tatsächlich relevante
Kommunikationskompetenzen von Pflegekräften, die mit Angehörigen
von kritisch kranken Patienten sprechen müssen, verbessern lassen, konnte
in einer spanischen Studie gezeigt werden [30]. Im Rahmen einer insgesamt 25
Stunden umfassenden Intervention konnten sich bei der Versuchsgruppe im Vergleich
zur Kontrollgruppe statistisch signifikante Verbesserungen in den Bereichen „Zuhören”, „Einfühlungsvermögen
zeigen” und „Unterbrechen können” messen lassen.
Ermutigend und bedeutend sind diese Untersuchungsergebnisse vor allem deshalb,
da die Intervention mit einem Umfang von 25 Stunden ein zeitliches Volumen
hat, das durchaus auch in die Fachweiterbildung integrierbar ist. Dass ein
curricularer Bedarf besteht, um die Kommunikation mit Angehörigen von
kritisch Kranken langfristig zu verbessern und Pflegende besser auf diese schwierige
Aufgabe vorzubereiten, ist vor dem Hintergrund der defizitären Angehörigenkommunikation
in der Praxis offensichtlich.
Implikationen für die Praxis
Curriculare Veränderungen entfalten ihre Wirkungen im Stationsalltag nur
sehr langsam. Deshalb ist es unerlässlich, dass die in der Praxis tätigen
Pflegenden für die Wichtigkeit des Angehörigengesprächs sensibilisiert
werden.
Viel zu gedankenlos wird die Kommunikation mit den Angehörigen oftmals
auf Sätze beschränkt wie „es ist alles unverändert” oder „ihrem
Mann/ihrer Mutter/ihrer Tochter geht es wie gestern”. Immer noch viel
zu häufig werden Angehörige aus den Pflegezimmern geschickt oder
müssen vor den geschlossenen Türen der Intensivstationen warten.
Im Rahmen eines Diskussionsprozesses über familienorientierte Pflege
muss das Team einer Intensivstation eventuell auch ihre Besuchszeitenregelung
neu überdenken. Denn auch strikte und rigide Besuchszeitenregelungen sind
Ausdruck „verweigernder” Machtausübung Pflegender. Pflegende
müssen sich bewusst machen, dass auch das Warten vor den geschlossenen
Türen der Intensivstation von den Angehörigen „als schrecklich
empfunden wird” [10] und ihre „Angst und Sorgen um den kranken
nahe stehenden Menschen” [10] verstärkt. Besonders in den Zeiten,
in denen es dem Patienten schlecht geht, haben die Angehörigen einen Anspruch
darauf, ihm zur Seite stehen zu können. Viel zu wenig sind die Quellen
bekannt, aus denen unsere Intensivpatienten Kraftreserven mobilisieren können.
Mit einiger Sicherheit aber kann gesagt werden, dass die Familie für
die Patienten eine solche Kraftreserve darstellen kann.
Durch Einwirkung von Seiten der Stationsleitungen, durch Diskussionen im
Rahmen von Teambesprechungen und durch innerbetriebliche Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen
muss daraufhin gewirkt werden, dass auf den Intensivstationen ein Klima entsteht,
dass es der einzelnen Pflegekraft ermöglicht, sich Zeit für das Angehörigengespräch
zu nehmen. Wenn eine Pflegekraft mit Angehörigen spricht, kann es nötig
werden, dass Kollegen einen Teil der anfallenden Aufgaben für die Pflegekraft
mit übernehmen. Dafür ist erforderlich, dass dem Gespräch mit
dem Angehörigen von Seiten des pflegerischen Teams ein gewisser Wert
beigemessen wird.
Fazit
In dieser Ausarbeitung habe ich deutlich gemacht, dass es notwendig ist,
dass Intensivpflegende die Bedürfnisse von Angehörigen in den Fokus
ihrer Aufmerksamkeit nehmen und sich der Angehörigenbetreuung bewusster
annehmen müssen. Es ist ersichtlich geworden, dass dringender Bedarf
besteht, die Angehörigenbetreuung auch in den Fachweiterbildungen zu
thematisieren, um Pflegende besser für diese Aufgaben vorzubereiten.
Eine verbesserte Vorbereitung auf emotional belastende Gesprächssituationen
kann wesentlich dazu beitragen, den Stress auf Seiten des Pflegepersonals zu
reduzieren. Bei einer generell hohen Berufsaussteigerquote, hohen Burn-out-Statistiken
und einer hohen Personalfluktuation auf Intensivstationen darf dies nicht unterschätzt
werden.
Eine gute Angehörigenbetreuung stellt zum einen eine Erweiterung des
Berufsprofils unserer Profession dar. Zum anderen verbessert sie die Qualität
unserer Pflege [29], da Kommunikation und Information einen entscheidenden
Einfluss auf die Zufriedenheit von Angehörigen in Bezug auf die intensivmedizinische
und intensivpflegerische Versorgung haben. In Zeiten wachsenden Kostendrucks
im Gesundheitswesen ist die Kundenzufriedenheit ein nicht zu vernachlässigender,
betriebswirtschaftlicher Faktor. Langfristig betrachtet, ist es die Zufriedenheit
der Menschen, die in Zukunft darüber entscheiden wird, ob die extrem hohen
Kosten, die mit einer intensivstationären Versorgung zusammenhängen,
weiterhin gerechtfertigt und akzeptabel erscheinen.
Wie schwer das Überbringen schlechter Nachrichten für das auf Intensivstationen
arbeitende Personal auch sein mag, es ist eine Aufgabe, die unumgänglich
ist. Ethisch ist es nicht vertretbar, den Angehörigen routinemäßig
die Wahrheit vorzuenthalten [22]. Mehr noch: Im Umgang mit Patienten und Angehörigen
zeigt sich, ob es der Intensivmedizin und der Intensivpflege gelingt, trotz
allen apparativen Aufwands, aller Sterilität und Hightech-Einsatzes
ein offenherziges und menschliches Gesicht zu bewahren.
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Über den Autor
Uwe Ulsamer ist Fachkrankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesiologie.
Er studiert Pflegewissenschaft und Sport an der Universität Bremen und
arbeitet auf der Intensivstation des Klinikums Links der Weser, Bremen.
*Bei diesem Artikel handelt es sich um eine gekürzte
Fassung einer Ausarbeitung des Autors, die er am 17.2.2005 auf dem 15. Internationalen
Symposium Intensivmedizin und Intensivpflege in Bremen vorgestellt hat und
die mit dem von der Firma KCI gestifteten Hanse-Pflegepreis 2005 ausgezeichnet
wurde.
(28.08.2006)
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