Die Gestaltung von Krankenhäusern ist ein Thema, das mich schon länger beschäftigt.
Gerne vergleiche ich verschiedene Häuser, deren Aufbau und Aussehen. Ich sehe
ansprechende, aber auch fade, unerfreuliche Krankenanstalten. Auch auf der Intensivstation,
meinem Arbeitsplatz, lässt sich das Umfeld optimieren.
Begonnen habe ich meine Literaturrecherche in Architekturzeitschriften,
jedoch nur wenig über die Thematik "Krankenhaus", im speziellen "Intensivstation",
gefunden. Vielleicht eine für die Baubranche seltener bearbeitete Materie?
Fündig wurde ich in unseren Fachzeitschriften und durch direktes Anschreiben
von Autoren oder Firmen. Die Kernaussagen der einzelnen Arbeiten waren breit
gefächert, nur einzelne Punkte waren für mich relevant. Allerdings boten sich
mir im Laufe meiner Bearbeitung eine Vielzahl von Möglichkeiten, auf spezielle
Themen gezielt einzugehen. Dies hätte jedoch den Rahmen meiner Arbeit gesprengt.
Ausgewählt habe ich einige Punkte, die meiner Meinung nach auf jeder Intensivstation
zu realisieren sind.
Christiane Pross-Löhner, Juni 1998
1. Einleitung
Auf Intensivstationen werden schwerst bis lebensbedrohlich erkrankte
Menschen mit einem großen pflegerischen und medizinischen Aufwand versorgt. Durch den
notwendigen Gebrauch medizinischer Apparate prägt sich in der Allgemeinheit
ein Bild von Intensivstationen: Die Technik steht im Vordergrund, erst an
zweiter
Stelle kommt Zuwendung und Menschlichkeit.
Im Zusammenhang mit vital gefährdeten Situationen der Patienten erscheint die
Architektur einer Intensivstation als primär unwichtig. Jedoch erfordert eine
ganzheitliche, patientenorientierte Betreuung neben einer professionellen Pflege,
Überwachung und Therapie auch ein gesundheitsförderndes Umfeld.
Zu dieser Optimierung des Umfelds kann der Einsatz von Farben, Licht
oder Einrichtungsgegenständen
zählen. Das Argument, Intensivpatienten seien bewusstlos oder tief sediert und
bedürfen keiner freundlichen Ausstattung, ist wohl längst überholt. Auch Bewusstlose
nehmen das Geschehen um sich herum wahr, eine Früh- und Wahrnehmungsförderung
ist von hoher Bedeutung. Darauf zu warten, dass der Patient von sich aus Reaktionen
zeigt, hieße ihn in seinem momentanen Zustand zu belassen. Vielmehr müssen wir
den Patienten von Beginn an fördern, um ihm eine Chance der Reaktion zu geben1 -
und dazu zählt neben der medizinischen Versorgung eben auch ein patientengerechtes,
stimulierendes Milieu.
Auch die Pflegekräfte profitieren von einer durchdachten Einrichtung. Architektur
im Intensivbereich hinterlässt einen Eindruck. Im Umgang mit ihr kann sich
bei den Mitarbeitern ein Stil bilden, der sich auch auf die Betreuung der
Patienten
auswirkt.
Das Personal geht an einen gestalteten Arbeitsplatz, der ein motivierteres
Arbeiten zulässt.
Abb.1: "Intensivzimmer"
Für Angehörige kann der Eintritt auf die Intensivstation weniger traumatisch
verlaufen, erscheint die Atmosphäre durch z.B. Farben freundlich und
menschlich.
Sie erkennen eine Variante vom Umgang der Helfer mit ihren Patienten,
bei der es nicht um eine Krankheit geht, sondern bei der es um die
Krankheit
eines bestimmten Menschen geht. Was könnte er fühlen und sehen, welche
Lebensgeschichte hat er, was wird ihm gut tun?
Die Intensivmedizin hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt
und wird auch in Zukunft weiter voran getrieben. Immer größer werdende
invasive Eingriffe verlangen ein Mitwachsen der apparativen Ausstattung
und der Therapiemaßnahmen. Jedoch muss neben dieser oft bemängelten
Apparatemedizin der Fortschritt auch in andere Richtungen weiter gehen.
Eine Umfeldoptimierung im Intensivbereich ist eine solch ausbaufähige
Richtung. Aufgeführt werden auf den folgenden Seiten einige Verbesserungsvorschläge
und Bauhinweise, die teilweise banal und selbstverständlich klingen,
aber auf vielen Intensivstationen immer noch nicht realisiert sind.
2. Struktur des Intensivbereiches
Eine Intensivstation sollte aus organisatorischen Gründen in der Nähe
von Operationsbereichen angesiedelt sein, wenn es sich eine operative Einheit
handelt. Ebenso sollten kurze Wege zu Diagnostikabteilungen etc. bestehen.
Lange, zeitaufwändige innerklinische Transporte erhöhen die Möglichkeit einer
vitalen Gefährdung des Patienten und das Auftreten von Komplikationen.
Baulich bestehen Intensivstationen aus einer so genannten Funktionszone
(Betriebsräume)
und einer Patientenzone. In der Patientenzone kann die Anordnung der Bettplätze
in offener, geschlossener und kombinierter Form erfolgen2,3:
Abb. 2: Offener Plan (gez.:Dipl.-Ing. H. Pross)
Eine Anlage nach dem offenen Plan besteht aus einer
großräumigen
Grundfläche. Die einzelnen Bettplätze sind durch Sichtschutzvorkehrungen
wie Gardinen oder durch bewegliche Zwischenwände voneinander getrennt.
Vom zentralen Beobachtungsplatz sind alle Bettplätze überschaubar und
schnell zu erreichen.
Erhebliche Nachteile sprechen gegen dieses System: Kreuzinfektionen
aufgrund der Zusammenfassung der Bettplätze, psychische Belastung der
Patienten durch permanente optische und akustische Reize, fehlende Rückzugsmöglichkeiten.
Als Vorteile sind die kurzen Wege für das Pflegepersonal sowie
der meist geringere Personalbedarf zu nennen und die oben erwähnte direkte
Überwachungsmöglichkeit.
Bei der geschlossenen Anordnung sind die Patienten in Ein- oder Zweibettzimmern
untergebracht. Gegebenenfalls haben die Zimmer eine Vorschleuse. Nachteile des
geschlossenen Systems sind der erhöhte Personal- und Betriebsbedarf, erhöhter
Raumbedarf sowie die fehlende Sicht und Kommunikationsmöglichkeit mit dem Stützpunkt.
Eine zentrale Überwachung von dort ist nicht mehr möglich und so wird eine
Pflegekraft pro Krankenzimmer eingesetzt.
Die Vorteile dominieren jedoch bei dem geschlossenen System: Es besteht
ein individueller Patientenbereich mit verbesserter Ruhemöglichkeit, eine Isolierung
ist jederzeit möglich, Verringerung von Kreuzinfektionen und ungestörter Angehörigenbesuch
sind gegeben.
Abb. 3: Geschlossenes System (gez.:Dipl.-Ing. H. Pross)
Die kombinierte Form ist eine Mischung aus offenem und geschlossenem
System, eine Art Kompromiss, der oft realisiert wird. Die Vor- und Nachteile
ergeben sich bei Betrachtung des offenen und geschlossenen Systems.
Abb. 4: Kombinierte Form (gez.:Dipl.-Ing. H. Pross)
Meiner Meinung nach ist aus den genannten Gründen die Anlage nach dem geschlossenen
System zu wählen. Eine offene Einrichtung ist nicht mit einer patientenorientierten
Pflege vereinbar und für Intensivpatienten nicht mehr vertretbar. Die kombinierte
Form ist ein Entgegenkommen, jedoch nicht die optimale Lösung.
Bei dem geschlossenen System können die Zimmer als Ein- oder Zweibettplatz
eingerichtet sein. In einer Art Vorschleuse sollte sich ein zimmerbezogener
Arbeitsplatz mit einem Schreibtisch für die zuständige Pflegekraft befinden.
Arbeitet sie dort, so sind die zwei Patienten stets im Blickfeld. Es wird eine
kontinuierliche Überwachung ermöglicht und der Einsatz von beispielsweise Schwenk-/Rotationsbetten
immer sicherer. Im Falle von sich plötzlich veränderten Vitalparametern ist
ein noch schnelleres Eingreifen gewährleistet. Dieser Vorraum sollte durch eine
Scheibe vom eigentlichen Patientenzimmer getrennt sein. Dem Patienten wird durch
den ständig ermöglichten Blickkontakt Sicherheit vermittelt. Möchte der Patient
abgeschirmt werden, so kann man durch Jalousien diese Ruhe erreichen. In der
Nähe des Pflegearbeitsplatzes sollte auch ein Medikamententisch sein. Erforderliche
Materialien und Arzneien können hier gelagert werden und die Aufbereitung mit
möglicher Geräuschentstehung tangiert den Patienten nicht.
Hier kann zugleich der Ort für pflegerische Übergaben oder Pflegevisiten sein,
die Pflegeanamnese und andere Daten liegen griffbereit in der Nähe. Auch die
ärztliche Visite darf in diesem Raum beginnen. Befunde, Laborwerte etc. können
im Vorfeld diskutiert werden. Anschließend kann eine patientenorientierte Visite
am Bett erfolgen, bei der ein Gespräch mit dem Kranken stattfindet und bei der
nicht über seinen Kopf hinweg in unverständlichem Medizinerdeutsch konferiert
wird.
Im Zimmer selbst sollten großzügige Fenster zu finden sein.
"Wenn ich nach oben schaue, sehe ich zwischen Monitor und Infusionen ein
Stück Himmel, wie durch ein Kellerfenster. Kein Grün, nur Schläuche und Geräte."4
Auf vielen Intensivstationen fehlt der Ausblick ins Freie, Tageslicht wird
durch künstliche Beleuchtung ersetzt. Oft lassen sich große Fenster bei vorhandenen
Intensivstationen nur durch massive Umbauaktionen realisieren, jedoch sollte
bei Krankenhausneubauten daran gedacht werden, wie wichtig natürliche Lichtverhältnisse
sowie die Einbeziehung von Natur und Pflanzen für die Bewältigung der kranken
Lebensphase der Patienten sind. Denn die Stimulation der lichtempfindlichen
Zentren im Gehirn (Hypothalamus, Hypophyse) hat unmittelbaren Einfluss auf
unseren
physischen und psychischen Zustand, somit auch auf die Gesundung5.
Sonnenlose Räume sind trostlos. Intensivzimmer, die nach Süden/Südwesten ausgerichtet
sind, profitieren davon, dass sie länger am Tag sonnig sind. Dadurch wirken
sie gleich wohnlicher und das Sonnenlicht kann als ein natürliches Element
zur Gestaltung eines Raumes eingesetzt werden6.
Selbstverständlich muss Tageslicht durch Vorrichtungen wie Blenden oder Jalousien
zu dämpfen sein, denn für kranke Menschen kann Licht oft schmerzhaft grell
sein.
Wichtig sind die Größe des Fensters sowie eine tief liegende Brüstung, damit
ein freier Blick nach draußen gewährleistet ist. Unpassend wäre in diesem Zusammenhang
die Ansiedlung einer Intensivstation im obersten Stockwerk einer Klinik. Dort
kann der Patient kaum mehr als den Himmel betrachten. Geschickter wäre die Einrichtung
der Station im Erdgeschoss mit einem Blick ins Grüne Anmerkung
1.
Der Patient hat die Möglichkeit, die Jahreszeit zu erkennen oder noch naheliegender,
er kann das Wetter beurteilen. Etwas, das täglich neu interessiert und beschäftigt.
Der Patient nimmt Anteil am "normalen" Leben. Aus eigener Erfahrung als Krankenschwester
kann ich berichten, wieviel Freude (nicht nur für die Patienten) Tiere, z.B.
Enten hervorrufen können, die vor den Stationszimmern ihren routinemäßigen Spaziergang
absolvieren. Draußen geht das Leben seinen normalen Gang. Es macht Spaß und
gibt Kraft, dies zu beobachten.
Natürlich ist es aus den o.g. Gründen naheliegend, keine Milchglasscheiben
zu verwenden. Der Blick aus neugierigen Augen von außen muss z.B. durch großflächige
Absperrungen verhindert werden.
Komplettieren würde die Anbindung an die Natur ein Balkon. Mobilere, dennoch
intensivpflichtige Patienten, könnten hier einige Minuten außerhalb des Krankenzimmers
genießen. Es mag für Gesunde banal klingen, für Intensivpatienten bedeutet das
Sitzen in einem Lehnstuhl vor einem großen Fenster oder sogar auf dem Balkon
einen enormen Fortschritt.
Nicht unbedeutend für ein Intensivzimmer ist neben den natürlichen Lichtverhältnissen
die Auswahl der Raumbeleuchtung. Eine optimale Lichtquelle soll Untersuchungen
und Behandlungen im Raum ermöglichen, auf der anderen Seite soll sie das Wohlbefinden
des Kranken nicht beeinträchtigen.
Die Deckenbeleuchtung kann als Strahler bündig eingebaut sein, und die Leuchtenabdeckung
sollte vom Design schlicht sein. Ist diese Abdeckscheibe z.B. aus leicht strukturiertem
Glas und ist deren Fassung in Wandfarbe gehalten, so fügt sich die Lampe unauffällig
im Zimmer ein. Die üblichen Hygieneleuchten in Aluminiumgehäusen mit rasterartigem
Gitterprofil wirken wenig wohnlich. Zudem bieten sie dem sedierten Patienten
in seinen kurzen Wachphasen durch das kühle Stahldesign wieder eine ideale Basis
für Angstaufbau und Halluzinationen (vgl. 3.6 Deckengestaltung).
Die Möglichkeit zum Dimmen der Lichtkraft muss in jedem Fall gegeben sein.
Für den Kranken unangenehmes, grelles Licht kann so baldmöglichst nach Eingriffen
wieder abgedunkelt werden. Nicht uninteressant ist diese Form der Abdunklung
auch beispielsweise zur besseren Betrachtung von Endoskopiebildschirmen.
Ist
die Beleuchtung zudem blendfrei angebracht, so wird dem Pflegepersonal ein
einwandfreier Blick auf den Monitor geboten.7
In der Nacht soll auf Benutzung der Deckenbeleuchtung verzichtet werden.
Wird ein Deckenfluter nachts eingeschaltet, so ist der Tag/Nachtrhythmus
der Kranken
empfindlich gestört. Dagegen kann ein indirekter Lichtkegel in Form einer Wandlampe
den Patienten in der Dunkelheit als Orientierung dienen und ein Gefühl der Sicherheit
vermitteln. Eine kleine Leuchte an der Versorgungsschiene im Hintergrund des
Patienten hat einen ähnlichen Effekt, diese kann tagsüber außerdem noch zur
gezielten Lichtführung bei pflegerischen Maßnahmen genutzt werden.
Farbe ist ein wichtiger Faktor im Krankenzimmer. Mit Farben lassen
sich verschiedenartige Wirkungen auf die Psyche und Gedanken erzielen. Rot
und Orange werden oft als
warme Töne bezeichnet, blaue Nuancen können als kühl empfunden werden. Aber
Farben vermitteln nicht nur das Gefühl von warm und kalt. Sie können Raumproportionen
verändern, beispielsweise wirkt die braune Decke eines Raumes oft drückend.
Dunkle Farben schlucken allgemein viel Licht, so wirken helle Zimmer
geräumiger
als Dunkle. Laut Empfehlung der DIVI8 zur
Gestaltung des Wandanstriches muss die Farbe eine 50%ige Reflexion des Lichtes
ermöglichen.
Welche Farbe ist nun am Einfühlsamsten, aber gleichzeitig
auch praktischsten im Intensivzimmer? Weiß vermittelt das Gefühl von Sauberkeit
und Hygiene, gleichzeitig wird mit dieser Farbe jedoch auch eine gewisse Distanz
assoziiert. Rote Töne steigern die Aktivität und erregen die Patienten mit
der Zeit9. Zudem muss daran gedacht werden,
dass die Gesichtsfarbe des Kranken durch eine Wand- bzw. Deckenfarbe nicht
verfälscht
wird (so hat der sonst blasse, fahl aussehende Patient scheinbar plötzlich
rote Wangen).
Allgemein wird Grün als eine harmonisierende, regenerierende
Farbe beschrieben. Schon Hildegard von Bingen, (1098 - 1179, Äbtissin, Mystikerin
und Ärztin, entwickelte in Deutschland eine Farbtherapie) sah in Grün die wichtigste
Farbe. Den Anblick einer grünen Wiese empfahl sie zur Stärkung geschwächter
Augen...10
Grün beruhigt das Nervensystem, es wirkt entspannend
und heilsam. Streicht man beispielsweise die Decke in einem zarten Grün mit
dezenten Kontrasten und geht dann bei der Wand in ein freundliches Gelbgrün
über, so wird in einem Intensivzimmer eine ausgleichende Atmosphäre geschaffen.
Der aufgetragene grüne Anstrich muss geruchsneutral, strapazierfähig und abwaschbar
sein. Zudem muss die Farbe desinfektionsmittelbeständig sein und der DIN 53
168 "Bestimmung der Beständigkeit von Anstrichen und ähnlichen Beschichtungen
gegen Chemikalien"11 entsprechen. So darf
die Kolorierung auch nach mehrmaligen Desinfizieren nicht an Glanz oder Farbe
verlieren,
für ein Intensivzimmer von nicht unwesentlicher Bedeutung.
Laut der Dissertation v. H.Schmieg
muss überlegt werden, dass die Fenster einer Intensivstation mind. 3 Meter
über dem Erdreich liegen sollten aufgrund der Schmutzansammlung und der Bildung
von Pilz- u. Bakterienherden in Erdnähe.
Auf Intensivstationen sind
Stahl- oder Kunststoffschränke angesichts der Hygiene dem Holz vorzuziehen,
beschichtete Funiere oder Holzimitate helfen hier aus.
Laut DIN 4109 beträgt das
erforderliche Schalldämm-Maß für Krankenanstalten, speziell für Wände zwischen
Räumen der Intensivpflege 37 dB. Von dieser festgelegten Anforderung an den
Schallschutz lässt sich nicht erwarten, dass Geräusche von aussen nicht mehr
wahrgenommen werden. Es findet lediglich eine Reduzierung der Geräuschkulisse
statt.
Dies ist ein Ausdruck des Online-Journals zwai PORTAL - JOURNAL - FORUM - WEITERBILDUNG
für Anästhesie- & Intensivpflege.
Das Dokument ist unter folgender Adresse zu finden:
http://www.zwai.net/ZW0123