Best of Both Worlds
Redaktion zwai
(hhe) Ärztliche Heilkunst und Pflege – so nah aneinander und doch so weit
voneinander entfernt. Ärzte arbeiten 60 und mehr Stunden die Woche, die
Pflege geht nach der Schicht nach Hause.
Ärzte forschen, heilen und lehren, die Pflege hilft kranken Menschen. Wer
der
Linderung und Heilung von Krankheiten beruflich nachgehen möchte, muss sich
irgendwann für einen der beiden Berufszweige entscheiden.
Nicht so der Internist Dr. med. Joachim Kleinmantel: seit er vor 2
Jahren eine Schneise im krankenhäuslichen Berufsdschungel entdeckt hat, geht
er seinen ganz persönlichen Mittelweg und jobbt neben seiner Tätigkeit
als Assistenzarzt an Wochenenden und Feiertagen auf den Pflegestationen seiner
chirurgischen Kollegen.
Best Of Both Worlds? zwai traf den engagierten Berufs-Spagatler in seiner
hessischen Heimat.

Eigentlich gutbürgerlich
Der 36jährige stammt aus einem gutbürgerlichen Medizinerhaushalt – klar,
dass damit auch für ihn zunächst nur das Medizinstudium in Frage
kommen konnte.
Dr. Kleinmantel: „Durch die Praxis meiner Eltern bin ich schon früh
mit der ganzen Helferei in Kontakt gekommen, habe oft ganze Schulferien in
der Praxis verbracht und durfte meinen Vater bei Hausbesuchen begleiten. Großartig!
Für mich kam schon als 8jähriger nur ein Medizinstudium in Frage.“
Bei sonst unauffälliger Kindheit und Schulzeit stand der akademischen
Karriere nichts mehr im Wege – wäre da nicht das obligatorische
Pflegepraktikum für den jungen Medizinstudenten gewesen. Der erste Blick über
den Universitätsrand ließ Kleinmantel beinah an seinen Zielen zweifeln,
so faszinierten ihn die „kleinen Wunder, die die Pflegenden täglich
vollbringen.“:
„Das war echt der Hammer. Jahrelang konnte ich mir nur vorstellen, Arzt
zu werden. Weißer Kittel, Stethoskop und Codierungen – das sollte
meine Welt werden … und auf einmal war alles weg.“
Der tägliche Körperkontakt mit Patienten, die vielen Raucherpausen
und der pünktliche Feierabend machten Kleinmantel nachdenklich: „Plötzlich
wusste ich: das ist der Beruf der Berufe, den ich lernen und für den Rest
meines Lebens ausüben will.“
mit einem Fuß in der Pflegetür - Biete: Sobotta - Suche: Juchli
Während erste Gespräche mit der örtlichen Krankenpflegeschule
stattfanden – Kleinmantel hatte bereits auf dem Flohmarkt seinen Sobotta
gegen die Juchli tauschen können - ist es nur dem energischen Wink seines
Vaters zu verdanken, dass er das Medizinstudium dennoch wie geplant absolvierte.
„Puh, das ist mir heute fast noch peinlich. Bei meinen ganzen Pflege-Einsätzen
hatte ich komplett vergessen, dass mein Vater ja noch diese Arztpraxis hatte,
die ich übernehmen soll – und dazu musste ich halt erstmal studieren.“
Zunächst ein saurer Apfel für den hessischen Hoffnungsträger,
dennoch meisterte er problemlos alle Hürden des Studiums, ohne jedoch
sein eigentliches Ziel aus den Augen zu verlieren.
Als Sonntagshilfe bekam Kleinmantel während des Studiums in seinem eigentlich
akademischen Lehrkrankenhaus schnell einen Fuß in die Pflegetür,
begleitete in den Semesterferien die Gemeindeschwester des ambulanten Pflegedienstes
und ging der Nachbarin mit leichten Aufräumarbeiten zur Hand.
„Die Dankbarkeit der Patienten, die mir in dieser Zeit entgegengeschlagen
ist, werde ich nie mehr vergessen. So was habe während des ganzen Studiums
nicht erlebt, da war ich immer nur der Depp.“

Erstmal Innere - dann die Wende
Seine ersten Schritte als Assistenzarzt machte Kleinmantel auf väterliche
Empfehlung in der Inneren Medizin. „Da kannte ich noch von früher
eine Menge: Husten und Fieber sterben eh nie aus und den Rest hab ich in meinem
kleinen Buch stehen.“
Aber schon bald machte sich Ernüchterung breit: „Die ersten Wochen
waren noch ganz in Ordnung, aber ein Leben lang auf Arzt machen? Dieses ganze
Akademiker-Gehabe, das „Immer-heilen-müssen“, immer im Mittelpunkt,
von Patienten gefordert, von den Pflegern und Schwestern bemitleidet … ich
wusste nicht, wie ich dem Druck standhalten sollte … diesem unmenschlichen
Druck. Am liebsten hätte ich hingeschmissen, konnte ja aber meinen Vater
nicht enttäuschen – die Praxis, Sie wissen schon.“
Als Stellenkürzungen und Personalmangel im Herbst des Jahres 2004 sein
Krankenhaus erreicht hatten, kam ihm die Idee, die für ihn den seelischen
Ausgleich bedeuten sollte. Ohnehin hatte Kleinmantel sich immer mehr mit den
Pflegenden auf seiner Station sozialisiert, nahm regelmäßig an den
Kaffeepausen teil und freute sich am 15. jedes Monats mit ihnen, wenn seine,
so Kleinmantel, „pflegenden Freunde“ ihre Umschläge mit den
extra ausgewiesenen Überstundenzuschlägen erhielten.
Das wollte er auch haben. Im Arzt-Beruf gefangen, bot ihm aber der Aushang
am schwarzen Brett der Pflegedienstleitung die Chance, sein Leben wenigstens
an Wochenenden erträglich zu gestalten.
„Die Oberschwester war sofort von meiner Idee begeistert, die Dienstplanlücken
füllen zu wollen. Mit meinen Referenzen aus dem Pflegepraktikum und von
unserer damaligen Nachbarin war der Rest nur noch reine Formsache.“,
berichtet Kleinmantel stolz vom Wendepunkt seines Lebens.
„Endlich hatte ich eine Lösung gefunden: unter der Woche muss ich
zwar noch codieren und ab und zu aus Forschungsgründen ein paar Mäuse
umbringen, aber ich freue mich jetzt jedes Mal auf 'mein Wochenende’ auf
Station, wenn ich in der Pflege helfen darf.“
Dabei haben es ihm nicht nur die Arbeitszeiten angetan: „Herrlich, nach
der Übergabe erstmal Kaffee trinken, zwei rauchen und die Pflegeplanung
abhaken. Danach geht’s so richtig an’s Helfen. Sie können
sich nicht vorstellen, was es für mich bedeutet, einem Frischoperierten
auf die Bettkante zu helfen.“
Als Internist hat sich Kleinmantel ganz bewusst für einen Nebenjob auf
einer operativen Station entschieden. „Hier gibt es nicht diesen Standesdünkel
wie in der Inneren, wo ich jeden Tag mit Zettel und Bleistift meinem Oberarzt
hinterherlaufen muss. Unsere Medikamente und Laborparameter kenne ich eh schon
fast auswendig, da ist es für mich besonders interessant zu sehen, wie
die Chirurgen auch ohne so was Menschen helfen können.“
Im Pflegeteam der Station wurde Joachim Kleinmantel schnell aufgenommen. Auch
wenn er sich manchmal nicht nehmen lässt, ein 12-Kanal-EKG abzuleiten
und heimlich zu interpretieren, kann man ihm seinen ursprünglichen Beruf
kaum anmerken.

„Klar wissen wir von der Oberschwester, dass der Jojo
eigentlich Arzt ist – aber wenn ich’s nicht wüsste, hätte
ich es nicht gemerkt“ erzählt Krankenschwester Jessica über
ihren neuen Kollegen. „Soviel Mühe, wie der sich im Umgang mit den
Patienten gibt und wie er sich für Verbandstechniken interessiert … echt
klasse! Nur bei der Umsetzung unserer Hygienestandards mussten wir ihm in der
ersten Zeit etwas unter die Arme greifen. Und mittlerweile schafft es der Jojo
auch, nach der Schicht einfach nach Hause zu gehen – also pünktlich.“
„Das Beste ist ja, dass ich dafür auch noch bezahlt werde“,
schwärmt der Pflegenovize. „Wenn ich Spätdienst mache,
bekomme ich sogar eine Stunde Nachtdienstzuschlag, das muss man sich mal auf
der Zunge
zergehen lassen!“
Ärzte, die von seinem Doppelleben wissen, betrachten ihn mit einem gewissen
Argwohn, doch ebenso wurde Kleinmantel schon mehrfach von Kollegen vertraulich
angesprochen. Gerne gibt er Tipps, wie vermeintliche bürokratische Hürden
zu nehmen sind.

Freilich sind seine Eltern immer noch nicht so recht glücklich. „Meine
Mutter weint oft und mein Vater sieht natürlich die Zukunft seiner Praxis
gefährdet.“
Doch Dr. Kleinmantel Senior versucht auch das Positive
zu sehen. Die Zeiten werden auch für Niedergelassene nicht besser und
möglicherweise erarbeitet sich der Filius gerade eine wichtige Nische: „Vielleicht
kann ich Vaters Praxis in einen ambulanten Pflegedienst umwandeln, denn die
hausärztliche Tätigkeit ist heutzutage eh ein Zuschussgeschäft“,
blickt Pfleger Dr. med. Kleinmantel optimistisch in die Zukunft.
„Seinen“ Facharzt
will er jetzt ohnehin nicht mehr machen...
Bei diesem Beitrag handelt es sich um Satire. Die Handlung ist frei erfunden und sämtliche Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen bestenfalls zufällig.
(01.04.2006)
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