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Erschienen in der intensiv, Fachzeitschrift für Intensivpflege und Anästhesie, Georg Thieme Verlag (intensiv 2005; 13: 215-220)

Anwesenheit von Angehörigen während einer kardiopulmonalen Reanimation

Stefan Köberich

Anwesenheit von Angehörigen während einer kardiopulmonalen Reanimation

erschienen in der intensiv, Fachzeitschrift für Intensivpflege und Anästhesie, Georg Thieme Verlag (intensiv 2005; 13: 215-220)

Inhalt:

Zusammenfassung
Einleitung
Literaturrecherche
Die Ansichten der Patienten
Die Ansichten der Patienten - Diskussion
Die Ansichten der Angehörigen
Die Ansichten der Angehörigen - Diskussion
Fazit
Literatur
Über den Autor


Zusammenfassung
Mit der Veröffentlichung der Leitlinien zur kardiopulmonalen Reanimation im Jahr 2000 durch die American Heart Association wurden Studienergebnisse über die Begleitung und Anwesenheit von Angehörigen während der kardiopulmonalen Reanimation in eine Empfehlung für die Praxis umgesetzt. Während vor allem in den anglo-amerikanischen Ländern die Zahl der Veröffentlichungen und die (pflegewissenschaftliche) Forschungsaktivität bzgl. der Frage nach Vor- und Nachteilen respektive der Einstellung von Patienten, Angehörigen und Personal zur Anwesenheit von Angehörigen während der Reanimation zahlreich sind, sind im deutsprachigen Raum hierüber keine zu verzeichnen. Mittels einer Literaturanalyse soll in dieser Arbeit der aktuelle Forschungsstand unter dem besonderen Fokus des Patienten und des Angehörigen dargestellt und kritisch betrachtet werden.

Einleitung
In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren vollzog die Pflege im intensivmedizinischen Kontext einen Wandel. Die Intensivpflege hat sich von einem am medizinischen Paradigma körperorientierten System hin zu einem Konzept entwickelt, welches die Bedürfnisse des Patienten ernst nimmt und versucht, auch die Angehörigen mit in die Pflege einzubeziehen. Dies ergibt auch Sinn: So weist beispielsweise die Theorie der sozialen Unterstützung darauf hin, dass die soziale Beziehung eine schützende Komponente im Krankheitsverlauf darstellt. Studien weisen darauf hin, dass die Unterstützung der Familie dem Patienten hilft, objektiv für ihn belastende Ereignisse besser zu verarbeiten und in der Folge dies beispielsweise zu einer niedrigeren Infektionsrate oder zu einem längeren Leben führt [1].

Um die Folgen einer Partizipation von Familienangehörigen für die Betreuung Schwer- und Schwerstkranker im Krankenhaus absehen zu können, muss der Fokus pflegewissenschaftlicher Arbeiten auf diesen Aspekt gelenkt werden. Erste Arbeiten sind hierzu bereits erfolgt. So wurden bisher die Bedeutung von Angehörigenbesuchen für Intensivpatienten [2], die Beziehung zwischen Angehörigen und Pflegenden [3][4] und die Situation der Angehörigen beatmeter Patienten [5] untersucht und die Ergebnisse in den Fachjournalen einer breiten Fachöffentlichkeit zugänglich gemacht. Dies führt dazu, dass in der Intensivpflege zunehmend nicht mehr darüber diskutiert wird, ob Familienmitglieder in die Pflege und Betreuung einbezogen werden sollen, sondern in welchem Umfang dies geschehen soll. Unterstützung erfährt dies auch durch Vertreter des ärztlichen Standes. So vermuten Marx und Leuwer (2003) in ihrer perspektivischen Sicht zur Intensivmedizin, dass in Zukunft „supervisierte Mithilfe von Laien, z. B. nahen Angehörigen (...) eine Rolle spielen (könnte)” [6].

Erste Veränderungen in der Praxis sind infolgedessen schon auszumachen. Besuchszeiten wurden gelockert [7], Angehörige werden zur Mithilfe aufgefordert [8] und im Rahmen des Entlassungsmanagements werden Angehörige frühzeitig in die Planung der Entlassung miteinbezogen [9].

Diese Art der Angehörigenunterstützung ist durch ihre atraumatische Weise geprägt. Auch wenn vereinzelt Studien darauf hinweisen, dass Angehörige der Integration in die Pflege ihrer Angehörigen eher ablehnend gegenüberstehen [10], so ist nichts über später auftretende psychische Beeinträchtigungen durch die Mithilfe bei der Versorgung der Patienten durch die Angehörigen bekannt.

Auch wenn die Mithilfe von Angehörigen heutzutage eine breite Akzeptanz innerhalb des Pflegeberufes findet, so ist die Partizipation von Angehörigen am Behandlungs- und Unterstützungsprozess noch nicht in alle Teilbereiche der Intensivmedizin und -pflege vorgedrungen. Eine Anwesenheit von nahen Angehörigen bei z. B. der Anlage eines zentralvenösen Katheters (ZVK) oder der Intubation eines Patienten ist eher die Ausnahme als die Regel. Die Anwesenheit gar während einer Reanimation wird in der deutschsprachigen Literatur nicht diskutiert. Lediglich Wollersheim (2004) weist in ihrem Artikel darauf hin, dass es positive Auswirkungen auf alle Beteiligten haben kann, wenn Familienmitgliedern die Möglichkeit eingeräumt wird, während der Reanimation des Patienten anwesend sein zu können [11].

Argumente für die Anwesenheit von Angehörigen:
- Möglichkeit der Angehörigen, mit dem Patienten an seinem Lebensende zusammen zu sein;
- Sehen, dass alles Mögliche für den Patienten getan wurde;
- Patienten sind weniger besorgt in Gegenwart der Angehörigen;
- Patienten erfahren die Gegenwart der Angehörigen als Unterstützung in ihrem Krankheitserleben;
- Angehörige kennen Bedürfnisse des Patienten und können diese sowie weitere Informationen an das behandelnde Team weitergeben;
- Angehörige werden durch Möglichkeit der Anwesenheit in ihrem Trauerprozess unterstützt;
- Anwesenheit der Angehörigen ist für Patient hilfreich und angenehm.

Argumente gegen die Anwesenheit von Angehörigen:
- Angst der Patienten, die Angehörigen erleben die CPR als traumatisches/erschreckendes Ereignis;
- Angehörige werden schmerzhafte letzte Erinnerungen mit sich tragen;
- CPR bzw. einzelne Maßnahmen werden von den Angehörigen nicht verstanden;
- Angehörige stehen dem Personal im Weg;
- Angehörige entwickeln ein Gefühl der Verlegenheit.

Tab. 1 Argumente der Angehörigen für bzw. gegen eine Anwesenheit bei einer CPR

Obwohl mit der Beschreibung und Einführung der externen Herzdruckmassage durch Kouwenhoven und Jude in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts [12] der invasive Charakter einer Reanimation weitestgehend verloren ging, so ist aufgrund der existenziellen Erfahrung die Frage berechtigt, ob es für Familienangehörige sinnvoll ist, während der Reanimation eines Familienmitgliedes anwesend zu sein.

Diese Arbeit möchte daher mittels einer Literaturanalyse der Frage nachgehen, welche Ansichten und Erfahrungen sowohl Patienten als auch Angehörige mit der Anwesenheit von (Familien-) Angehörigen während der Reanimation haben. Da hierzu keine Studien aus dem deutschsprachigen Raum vorzufinden sind, muss ein Rückgriff auf die Literatur aus dem anglo-amerikanischen Raum erfolgen. Die Schwierigkeiten, die mit einer Übertragung der Ergebnisse auf Deutschland einhergehen (unter Berücksichtigung eines unterschiedlich organisierten Gesundheitssystems und kultureller Differenzen), müssen dabei berücksichtigt werden.

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Literaturrecherche

Literaturrecherche

Die Literaturrecherche erfolgte in den Datenbanken Medline (PubMed) und Cinahl (Cumulativ Index to Nursing and Allied Health Literature) und beschränkte sich auf den Zeitraum von 1966 bis November 2004. Die für die Recherche verwandten Schlagwörter waren: family, family member(s), relatives, friends, resuscitation, witnessed resuscitation, hospital, emergency department, accident department, intensiv care unit, adults.

„Relatives” und „friends” wurden mit in die Suche aufgenommen, da davon ausgegangen werden kann, dass das Konzept der Angehörigen in Zeiten beruflicher Mobilität und Versingelung weitaus mehr umfasst als nur nahe Verwandte. Somit teile ich die Definition von Angehörigen mit Moesmand (2002), die einen nahen Angehörigen betrachtet als „jemand, dem der Patient diesen Status zuerkennt oder zuerkennen würde, wenn er die Möglichkeit dazu hätte. Angehörige und Patient sind Menschen, die einander gefühlsmäßig nahe stehen und eine Beziehung gegenseitiger Abhängigkeit und Gemeinsamkeiten pflegen” [13].

Da die Literaturrecherche ausschließlich auf den klinischen Bereich sich beschränkte, wurden die Schlagwörter „hospital”, „intensive care unit”, „accident department” und „emergency department” verwandt.

Für die Datenbank Medline ergaben sich 288 Treffer, für die Datenbank Cinahl 283 Treffer.

Insgesamt konnten 12 Studien für die Fragestellung nach den Ansichten und dem Erleben von Angehörigenanwesenheit während der Reanimation aus Sicht der Patienten und der Angehörigen identifiziert werden.

Die Ansichten der Patienten
Patienten nach einer Reanimation zu befragen, ob die Anwesenheit von Angehörigen ihnen eine Hilfe war, wird nur selten möglich sein. Zum einen wird die Überlebensrate von Patienten nach Herzstillstand innerhalb der Klinik mit 6,5 % bis 15 % angegeben [14], zum anderen muss berücksichtigt werden, dass neurologische Schäden nach einer Reanimation im Rahmen des Postreanimationssyndroms auftreten können [15]. Weiterhin ist auf die tiefe Bewusstlosigkeit hinzuweisen, die durch Sauerstoffmangel und Minderdurchblutung des Gehirns während der Reanimation hervorgerufen wird. Hierdurch ist der Patient (wahrscheinlich) nicht fähig, seine Umgebung kognitiv wahrzunehmen.

Daher haben Studien, welche die Ansichten von Patienten zu der Anwesenheit von Angehörigen während der kardiopulmonalen Reanimation (AACPR) als Fokus ihrer Untersuchung hatten, lediglich potenzielle Reanimationspatienten befragt.

Diese beantworteten die Frage, ob sie sich einen Angehörigen während ihrer Reanimation bei sich wünschten, recht unterschiedlich.

In der Studie von Mazer (2004), der im Rahmen einer Telefonumfrage 408 zufällig ausgewählte Bürger nach ihrer Einstellung zur AACPR befragte, befürworteten 42,2 % der Befragten eine AACPR (dagegen: 38,0 %) [16]. Ein ähnliches Ergebnis konnte die Studie von Berger et al. (2004) nachweisen. Bei Berger und Kollegen wurden die Befragten gebeten, auf einer Skala von 1 bis 5 (1 = soll definitiv nicht anwesend sein und 5 = soll definitiv anwesend sein) zu bewerten, welchen Angehörigen sie während einer Reanimation bei sich haben wollten. Mit einem Mittelwert von 3,74 wurde der Ehegatte als Wunschbegleiter genannt. Kinder unter 18 Jahren wollten jedoch nur wenige Befragte anwesend wissen (2,1) [17].

In der Studie von Benjamin et al. (2004) waren 77,8 % der Befragten für die Möglichkeit der AACPR [18] und bei Grice und Kollegen erachteten nur 29 % der Studienteilnehmer die Möglichkeit der AACPR als eine Option für sich [19].

Argumente für und gegen eine AACPR, die von den potenziellen Patienten genannt wurden, können in Tab. [1] eingesehen werden.

Die Ansichten der Patienten - Diskussion
Die dargestellten Studienergebnisse lassen eine klare Empfehlung für oder gegen eine Anwesenheit von Angehörigen während der kardiopulmonalen Reanimation nicht eindeutig zu. Dies liegt in der Inhomogenität der Studienergebnisse begründet.

Unter Hinzuziehung weiterer Literatur, die sich mit dem Empfinden von Patienten auseinander setzt, die durch Angehörige während der Erkrankung oder bei diagnostischen Eingriffen begleitet wurden, ist es jedoch möglich, Hinweise auf die positiven Auswirkungen einer Angehörigenbegleitung zu finden.

So konnten Shapira und Tamir in ihrer Untersuchung aufzeigen, dass die Begleitung erwachsener Patienten durch Familienangehörige während einer endoskopischen Untersuchung die Patienten als unterstützend empfanden [20]. Und Metzig stellt in ihrer Untersuchung zur Bedeutung von Besuchern für Patienten während ihres Aufenthaltes auf einer Intensivstation fest, dass Patienten ohne die Unterstützung ihrer Angehörigen die Zeit ihrer kritischen Erkrankung nicht überstanden hätten und hierbei Empfindungen wie „vertraut sein” und „sich kümmern” eine wesentliche Rolle spielen [2].

Die in den Studien dargestellten Situationen haben jedoch gemeinsam, dass der Patient während des Prozesses der Begleitung durch seine Angehörigen fähig ist, seine Umwelt wahrzunehmen und auf sie zu reagieren. Bei einer Reanimation ist dies jedoch nicht möglich.

Die Unfähigkeit, mit seiner Umwelt zu interagieren, könnte eine Erklärung für die ablehnende Haltung der Patienten gegenüber der Anwesenheit von Angehörigen während der Reanimation sein. Da die Patienten davon ausgehen, eine Begleitung durch Verwandte, Freunde oder Bekannte nicht wahrnehmen zu können, sehen sie für sich darin keinen Vor- oder Nachtteil [19].

Es kann weiterhin vermutet werden, dass die Befragten, die keine näheren Erläuterungen erhielten, was eine CPR beinhaltet, nur eine vage Vorstellung von einer Reanimation hatten bzw. diese durch die in den letzten Jahren erfolgreichen Fernsehformate wie beispielsweise „ER” oder „Chicago Hope” geprägt wurde. Auch Diem et al. (1996) kommen in ihrer Studie zur Darstellung der CPR im Fernsehen zu dem Schluss, dass die übermäßig positive Darstellung einer Reanimation dazu führen könnte, dass die Öffentlichkeit einen unrealistischen Eindruck von einer CPR und der Möglichkeit des positiven Ausgangs gewinnt [14]. Somit kann es zu Missinterpretationen bzgl. der Ernsthaftigkeit der Lage kommen und den Wunsch nach Anwesenheit eines Angehörigen mindern, da eine Reanimation nur als eine kurze, Erfolg versprechende Episode erscheint.




Die Ansichten der Angehörigen

Die Ansichten der Angehörigen

Erstmals wurden die Ansichten der Angehörigen zur AACPR Anfang der 80er Jahre erforscht. Auslöser hierfür war die von Seiten der Angehörigen vehemente Forderung - in der Notfallstation des Foote Hospitals in Jackson, Michigan, USA - bei der Behandlung des Patienten anwesend sein zu dürfen. Erstmals konnte das Personal Erfahrung mit der Angehörigenanwesenheit sammeln. Die Rückmeldung der Angehörigen nach den von ihnen miterlebten Reanimationsversuchen ließ darauf schließen, dass die Anwesenheit während der Behandlung positive Auswirkungen auf sie zu haben schien [21]. Doyle et al. (1987) begannen vor dem Hintergrund dieser Erfahrung ihre erste Studie zu konzipieren, um die Auswirkungen der Anwesenheit von Angehörigen während einer CPR zu erforschen. Mit der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse im Jahre 1987 wurde dieses Thema in eine breite Fachöffentlichkeit hineingetragen [22].

Für die Erforschung der Frage, ob Angehörige während der CPR anwesend sein möchten, können zwei unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen festgestellt werden: Zum einen wurden Angehörige befragt, welche noch keine CPR miterlebten [16][17][19][23][24], zum anderen wurden Angehörige befragt, welche die Möglichkeit der Anwesenheit während der CPR schon einmal in Anspruch genommen hatten [22][25][26].

Bei der von Mazer durchgeführten Telefonumfrage sprachen sich 49,3 % der Befragten für die Möglichkeit der AACPR aus [16]. Bei Meyers und Kollegen sind 80 % für die Anwesenheit während der kardiopulmonalen Reanimation [24] und ebenso ist ein deutlicher Trend für die Befürwortung der Anwesenheit während der CPR bei Berger et al. zu finden. Hier bewerten die Studienteilnehmer auf einer Skala von 1 bis 5 (1 = möchte nicht dabei sein und 5 = möchte dabei sein) den Wunsch, verschiedene Familienangehörige begleiten zu können mit einem durchschnittlichen Wert von 3,8[1] und tendieren damit zu der AACPR [17].

Zu einem anderen Bild gelangen Grice et al. (2003) und Barrat u. Wallis (1998). 53 % der befragten Angehörigen in der Studie von Grice et al. (2003) betrachten die AACPR als eine Option, die sie für sich selbst nicht in Anspruch nehmen würden und bei Barrat u. Wallis (1998) halten lediglich 38 % der Befragten die Möglichkeit der Anwesenheit für sinnvoll.

Dahingegen ist die Zustimmung zur AACPR bei den Angehörigen, welche die Möglichkeit der Anwesenheit schon einmal in Anspruch nahmen, fast durchgehend einstimmig. Alle befragten Teilnehmer der Studien von Belanger et al. (1997) und Meyers et al. (2000) geben an, bei einer erneut auftretenden Notfallsituation wieder anwesend sein zu wollen und bei Doyle und Kollegen (1987) würden 94 % der Befragten diese Möglichkeit erneut in Anspruch nehmen.

Ein Argument von Seiten der Angehörigen für die AACPR ist u. a. der Hinweis, dass die Möglichkeit der Anwesenheit ein unausgesprochenes Recht der Angehörigen sei [16][22][24][26].

Sie möchten weiterhin, wenn sie sich der Lage des Patienten bewusst werden und den Tod als eine mögliche Option betrachten, die letzten Momente mit dem Patienten gemeinsam verbringen. Der Patient soll nach Ansicht der Angehörigen diese Augenblicke nicht mit Fremden (hier: das Pflegepersonal) teilen müssen [24]. Dabei spielt die Bewusstlosigkeit des Patienten für die Angehörigen keine Rolle. Immerhin geben 61 % der Befragten in der Studie von Doyle et al. (1987) an, mit dem Patienten gesprochen zu haben. Und eine Teilnehmerin in einer anderen Studie berichtete gesehen zu haben, wie sich ihr Sohn zu beruhigen begann, während sie zu ihm sprach [26].

Damit wird impliziert, dass der Patient von der Anwesenheit der Angehörigen profitiert. Diese Meinung teilt ein Großteil der Befragten in verschiedenen Studien [16][19][22][24]. Viele Angehörige sehen in ihrer Anwesenheit eine emotionale Unterstützung für den Patienten.

Die Möglichkeit, sich durch die Anwesenheit während der CPR zu verabschieden und den Patienten in seinen letzten Stunden und Minuten begleiten zu können, scheint den Schmerz über den Verlust des Patienten von Seiten der Angehörigen mindern zu können sowie die Bewältigung der Trauer zu erleichtern. So geben 100 % der Befragten in der Studie von Belanger et al. (1997) an, davon überzeugt zu sein, mit ihrer Trauer aufgrund ihrer Anwesenheit bei der Reanimation besser umgehen zu können. Unterstützung findet dieses Ergebnis in weiteren Studien. 64 % der Befragten in der Studie von Meyers et al. (1998) und 76 % bei Doyle et al. (1986) sind der Meinung, dass die Anwesenheit bei der Reanimation ihren Trauerprozess unterstützen kann. In den qualitativen Studien von Brown (2003) und Meyers et al. (2000) wird diese Vermutung ebenfalls noch einmal bestätigt.

Argumente gegen die Anwesenheit während der CPR entstehen vor allem aus der Befürchtung heraus, die Umstände einer CPR nicht überblicken zu können. So geben Studienteilnehmer zu bedenken, dass sie durch ihre Anwesenheit die Arbeit des Personals stören könnten [19][24]. Viele können diese Befürchtungen nicht einmal begründen, da nur wenige Angehörige eine detaillierte Vorstellung davon haben, was während einer kardiopulmonalen Reanimation geschieht [19][23].

Viele befürchten, dass das Miterleben der Wiederbelebungsversuche des Patienten für sie ein traumatisches Ereignis darstellen könnte [19] und finden es daher wünschenswert, durch ein Mitglied des Behandlungsteams begleitet oder zumindest über die zu erwartenden Maßnahmen im Behandlungsraum aufgeklärt zu werden [22].

Ein weiteres Argument, welches gegen die Anwesenheit während der CPR vorgebracht wird, ist die Vermutung der Angehörigen, dass ihre Anwesenheit oder ihr Fernbleiben für den Patienten keinen Unterschied darstellt [19].

Die Ansichten der Angehörigen - Diskussion
Die Studienergebnisse zeigen deutlich, dass die Anwesenheit von Angehörigen während der CPR für diese von großer emotionaler Bedeutung ist. Den Patienten in seinen letzten Minuten begleiten und sehen zu können, dass alles Mögliche für ihn getan wurde, scheint einen wesentlichen Einfluss auf den Trauerprozess der Angehörigen zu haben.

Die Vorteile einer AACPR für den Trauerprozess konnten Robinson et al. (1998) mittels einer randomisiert-kontrollierten Studie nachweisen. So zeigte sich, dass Angehörige, die bei der CPR des Patienten anwesend waren, drei Monate nach dem Ereignis weniger posttraumatische Abwehrverhalten und Trauersymptome aufweisen als Angehörige, die nicht anwesend waren [27].

Die Möglichkeit der Anwesenheit und damit die Möglichkeit, den Patienten zu sehen und zu berühren, begegnet einer der fundamentalsten Bedürfnisse von Angehörigen schwerst Erkrankter. Dieses Bedürfnis wird jedoch oftmals vom Personal in seiner Bedeutung unterschätzt [28].

Den Körper des verstorbenen Patienten zu sehen ist eine akzeptierte und weit verbreitete Handlung in den Krankenhäusern und wird von den Angehörigen zumeist eingefordert. Den Wunsch jedoch, ihn während der Durchführung einer pflegerisch bzw. medizinisch indizierten Maßnahme sehen zu können, trauen sich viele Angehörige nicht zu äußern. So fordert Brown die Teilnehmer der Konferenz „Emergency Nursing 2000 and Beyond” dazu auf: „Relatives need to be told that it’s okay to touch and speak with patient during resuscitation. We need to raise awareness of the benefits of witnessing resuscitation” (Brown 2000, zitiert nach: [29]). Breu und Drarup (1978) weisen auch darauf hin, dass der Trauerprozess nicht mit dem Tod des Patienten beginnt, sondern schon mit der Angst, der Patient könne versterben [30]. Es ist daher wichtig, den Angehörigen die Möglichkeit zu gewähren, während der Reanimation des Patienten anwesend zu sein, um sie in ihrer Trauerarbeit frühestmöglich unterstützen zu können.

Fazit
Vor dem Hintergrund der hier dargestellten Studienergebnisse lässt sich mit der gebotenen Vorsicht eine Empfehlung für die Anwesenheit von Angehörigen während der CPR aussprechen. Es kann vermutet werden, dass die American Heart Association diese Empfehlung, die sie in ihren Leitlinien zur kardiopulmonalen Reanimation im Jahr 2000 erstmals aussprach [31], im Rahmen einer erneuten Konsensuskonferenz bestätigen wird. Umso erstaunlicher mutet es an, dass im deutschsprachigen Raum bisher keine Berichte zu finden sind, welche die Erfahrung mit der AACPR wiedergeben. Trotz der zahlreichen Veröffentlichungen, die der Bekanntgabe der AHA-Leitlinien in Deutschland folgten, wurde der Angehörigenbegleitung im Kontext der CPR keine Beachtung geschenkt. Die Gründe hierfür können nur vermutet werden.

Sicherlich gibt es ausreichende Gründe für das Personal, der AACPR skeptisch gegenüberzustehen. Zu nennen sind hier vor allem die mit der Anwesenheit von Angehörigen mögliche Erhöhung des Stresses für das Personal [32][33], die Frage, ob Angehörige auf solch invasive Maßnahmen und Prozeduren vorbereitet sind und ohne psychische Schäden der CPR beiwohnen können oder die Befürchtung, Angehörige könnten den Prozess der CPR stören bzw. behindern [19][26][32][33][34][35][36][37][38][39].

Trotz allem bleibt die Versorgung der Patienten und im Rahmen einer zunehmenden familienzentrierten Pflege auch die Mitbetreuung der Angehörigen der Fokus pflegerischer und medizinischer Behandlung.

Es muss jedoch beachtet werden, dass die Implementierung eines AACPR-Konzeptes stets die Befürchtungen und Ängste des Personals mit berücksichtigen und notfalls die familienzentrierte Versorgung in Frage stellen muss. Es müssen Voraussetzungen geschaffen werden, die zu einer erfolgreichen Umsetzung der Idee beitragen. Diese sind u. a. eine multiprofessionelle Unterstützung des Konzeptes [40][41], die Darstellung und Kommunikation der vorhandenen Studienergebnisse, die Berücksichtigung der Bedenken und Erfahrungen des Personals [41][42] sowie eine behutsame und planvolle Einführung der Möglichkeit der AACPR. Vor allem muss daran gedacht werden, dass die Anwesenheit der Angehörigen stets nur eine Option darstellt und kein Muss für die Angehörigen ist. Es muss den Angehörigen kommunikativ vermittelt werden, dass es sich hierbei um eine Möglichkeit handelt, die sie in Anspruch nehmen können [43]. Studien und Berichte weisen auch darauf hin, dass die Begleitung der Angehörigen durch einen geschulten Mitarbeiter während der CPR essenziell erscheint [21][26][33][34][37][44][45][46][47][48][49]. Damit verbunden ist auch die im vorhinein zu klärende Frage, ob es sowohl die finanziellen als auch die personellen Ressourcen ermöglichen, die Begleitung der Angehörigen sicherzustellen.

Es muss bedacht werden, dass das Konzept der AACPR lediglich unter Berücksichtigung der Studienergebnisse bzgl. der Angehörigenwünsche zu empfehlen ist. Die Gefühle der Patienten, gleich welcher Art sie auch immer sein mögen, sind für eine uneingeschränkte Empfehlung der AA CPR zu wenig erforscht. Dies hängt mit der Tatsache zusammen, dass nur wenige Patienten eine kardiopulmonale Reanimation überleben und über ihre Eindrücke während dieser aufgrund der tiefen Bewusstlosigkeit Auskunft geben können. Forschungsbedarf besteht daher bezüglich der Frage, wie Patienten ihre Reanimation erleben bzw. welche Eindrücke sie nach einer erfolgreichen Wiederbelebung sammeln können, um eine klare Aussage über die Vor- oder Nachteile einer AACPR für den Patienten geben zu können.




Literatur

Literatur

1 George W, George U. Angehörigenintegration in der Pflege. Ernst Reinhardt Verlag München, Basel: 2003

2 Metzing S. Abt-Zegelin A, Eds.; Bedeutung von Besuchen für Patientinnen und Patienten während ihres Aufenthaltes auf einer Intensivstation. Schlütersche Hannover: 2004, p. 159-218

3 Kuhlmann B. Die Situation von Angehörigen auf einer Intensivstation. intensiv 2002; 10: 250-255

4 Kuhlmann B. Die Beziehung zwischen Angehörigen und Pflegenden auf Intensivstationen. Pflege 2004; 17: 145-154

5 Claas E, Osterbrink A. Untersuchung der Situation von Angehörigen beatmeter Patienten und Pflegenden im Intensivpflegebereich. intensiv 2000; 8: 173-176

6 Marx G, Leuwer M. Intensivmedizin morgen. AINS 2003; 38: 273-276

7 Gaul C, Janetschke B, Schneider K. et al. Vorteile und Probleme einer erweiterten Besuchszeitregelung auf einer Neurologischen Intensivstation. Eine Untersuchung über die Zufriedenheit von Pflegepersonal und Angehörigen. intensiv 2002; 10: 7-11

8 Walle A. Pflegen mit Angehörigen. Plädoyer für die Integration naher Angehöriger in die Intensivpflege erwachsener Patienten. intensiv 2004; 12: 156-173

9 DNQP . Expertenstandard Entlassungsmanagement in der Pflege. Entwicklung - Konsentierung - Implementierung. Verlag? nnn nnn Ort: 2004

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11 Wollersheim S. Im Falle eines Notfalles. Die Schwester/Der Pfleger 2004; 43: 900-903

12 Kouwenhoven WB, Jude JR, Knickerbocker GG. Closed-chest cardiac massage. Jama 1960; 173: 1064-1067

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14 Diem SJ, Lantos JD, Tulsky JA. Cardiopulmonary resuscitation on television. Miracles and misinformation. N Engl J Med 1996; 334: 1578-1582

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16 Mazer M. Witnessed cardiopulmonary resuscitation: the public’s perception. (nur Abstract vorhanden). Critical Care 2004; 8 (Suppl 1): P296

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29 Anonymous . Being at resuscitation helps relatives cope with grief. Nurs Stand 2000; 14: 6

30 Breu C, Dracup K. Helping the spouses of critically ill patients. Am J Nurs 1978; 78: 50-53

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34 Back D, Rooke V. The presence of relatives in the resuscitation room. Nurs Times 1994; 90: 34-35

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49 Wright B. Difficulties around family presence during resuscitation. Accid Emerg Nurs 2004; 12: 65-66


1 Dieser Wert ist der Mittelwert aller angegebenen Mean-Werte (Ehegatte: 3,87; Eltern: 3,77; Geschwister: 3,66; erwachsene Kinder: 3,93; minderjährige Kinder: 3,97; andere: 3,70).

erschienen in der intensiv, Fachzeitschrift für Intensivpflege und Anästhesie, Georg Thieme Verlag (intensiv 2005; 13: 215-220)

Über den Autor


Stefan Köberich

Stefan Köberich

Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivpflege, Praxisanleiter, Dipl.-Pflegepädagoge (FH), Pflegeexperte am Universitätsklinikum Freiburg i.Br. für die Abteilungen Kardiologie/Angiologie, Pneumologie, Herz- und Gefäßchirurgie.

Anschrift

Stefan Köberich
Kartäuserstr. 1
79102 Freiburg i. Br.

(22.03.2007)

Emailadresse Autor:




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    Family-Witnessed-Resuscitation.de






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    Anwesenheit von Angehörigen während der CPR

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