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Sturzgefahr

Die Notwendigkeit eines Sturzmanagementsystems für Intensivstationen

Joachim Willms

Die Notwendigkeit eines Sturzmanagementsystems für Intensivstationen

Patientenstürze stellen eine erhebliche Gefahr für die fachgerechte Versorgung von Intensivpatienten dar. Stürze verzögern die Genesung und verstärken das Krankheitsleid. Aufenthalte in der Klinik werden unnötig verlängert und Behandlungskosten steigen. Stürze stellen vor allem für Intensivpatienten eine gefährliche Komplikation im Behandlungsverlauf dar, die mit Frakturen oder sogar mit einem Todesfall enden kann. Patienten nach einer Operation überschätzen ihre Kräfte, stehen aus dem Bett auf und fallen hin. Auch Desorientiertheit kann eine höhere Sturzgefährdung in sich bergen.
Seitens der Kostenträger wird im Rahmen eines Qualitätsmanagements in der Patientenversorgung ein „Sturzmanagementsystem“ gefordert. Dieses System gewinnt in der Zukunft der Patientenversorgung immer mehr an Bedeutung, weil die Krankenkassen nicht mehr bereit sind, die Kosten für Patientenstürze zu übernehmen.
Die großen Haftpflichtversicherer legen bei Abschluss von Versicherungen immer mehr Wert auf ein Risikomanagementsystem, um die Beitragssätze für eine Krankenhaushaftpflichtversicherung stabil zu halten. Eine gut organisierte „ Sturzprophylaxe“ stellt einen kleinen, aber wichtigen Teilbereich eines solchen „ Klinischen Risikomanagementsystems“ dar.
Die Klagebereitschaft von Patienten bezüglich medizinischer Behandlungsfehler nimmt in den letzten Jahren in Deutschland sehr stark zu. Davon sind auch Patientenstürze betroffen .

(30.05.2006)

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Die Sturzerfassung als Basisgrundlage für ein gutes Sturzmanagementsystem

Die Sturzerfassung als Basisgrundlage für ein gutes Sturzmanagementsystem

Die wichtigste Grundlage für ein Sturzmanagementsystem stellt die systematische Erfassung von Patientenstürzen und ihrer Mechanismen dar. Dies kann anhand eines genau auf die Bedürfnisse einer Intensivstation zugeschnittenen Sturzmeldebogens erfolgen. Man sollte die vollständigen Patientendaten, den Sturzhergang, die Sturzfolgen, Sturzursachen, durchgeführte diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen nach dem Sturz sowie die betreuende Pflegekraft und den behandelnden Arzt erfassen. Sinnvoll ist es auch zudokumentieren, welche Maßnahmen getroffen wurden, um einen weiteren Sturz zu vermeiden und ob es sich um einen Folgesturz handelt.
Die Erfassung des betreuenden Personals ist deshalb für die Krankenhausorganisation wichtig, um diese Personen im Falle einer Patientenklage adäquat schützen zu können.
Die erhobenen Daten können dann in eine Datenbank eingepflegt und die Sturzursachen analysiert werden. Eine computergestützte Datenbank erleichtert die spätere Auswertung und weitergehende Kontrolle des Sturzmanagements.


Festlegung von Zielen eines Sturzmanagementsystems aufgrund ermittelter Sturzdaten:

Die Daten bisheriger Stürze können nun herangezogen werden, um spezifische Ziele des Sturzmanagementsystems festzulegen. Dies könnte z.B. die Reduktion der Patientenstürze auf der Intensivstation innerhalb eines bestimmten Zeitraumes sein. Es können damit auch strukturelle Mängel (z.B. zu wenig Bettgitter oder personelle Unterbesetzung im Nachtdienst) aufgedeckt werden, die zu beheben sind. Die Ziele sollten in einem Maßnahmenkatalog festgehalten und innerhalb eines bestimmten Zeitraumes umgesetzt werden.

Die Datenbank dient nach der Umsetzung dieser spezifischer Gegenmaßnahmen auch als Grundlage, den Erfolg der eingeleiteten Maßnahmen zu überwachen ( „Sturzcontrolling“). Wichtig ist, dass die erhobenen Daten nicht nur der Führungsebene der Intensivstation bekannt sind, sondern im gesamten Pflegeteam kommuniziert werden und gemeinsam der Erfolg der Verbesserungen reflektiert wird. Sturzprophylaxe ist Teamarbeit. Das Personal ist gefordert, ständig an der Verbesserung des Sturzmanagementsystems zu arbeiten. Sind die bisher festgelegten Ziele erreicht worden, müssen neue definiert werden, so dass es zu einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess kommt.


Einschätzung des Sturzrisikos bei Aufnahme von Patienten auf die Intensivstation:

Bei der Neuaufnahme von Patienten auf die Intensivstation ist das individuelle Sturzrisiko noch nicht absehbar. Es ist daher sinnvoll, eine Sturzrisikoeinschätzung vorzunehmen und vorbeugende Maßnahmen einzuleiten, bevor etwas passiert.
Die Pflegewissenschaft hat bereits viele Skalensysteme zur Erfassung des Risikos entwickelt. Stellvertretend seien hier genannt die Barthel-Skala und die Huhn-Skala.

Da es sehr schwierig ist bei jedem neuen Patienten eine individuelle Sturzgefahrevaluation vorzunehmen, erhält der Berufspraktiker Hilfe im Internet.
Das Gemidas-QM ist ein Benchmarking-Projekt eines Förderprogrammes des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziales im Bereich Geriatrischer Patientenversorgung (www.gemidas-qm.de). Ziel des Projektes ist es, die Versorgung von Patienten in bestimmten Breichen (Sturzprophylaxe, Schmerztherapie, Malnutrition) zu vergleichen.
Auf den Internetseiten findet man eine gezielte Anleitung zur Implementierung einer Sturzgefahrevaluation bei Neuaufnahmen. Ein bestimmter Risikoerhebungsalgorithmus legt fest, bei welchem Patienten eine Einschätzung des individuellen Sturzrisikos (individuelle Sturzrisikoevaluation), vorgenommen wird.

Die folgende Abbildung zeigt einen Algorithmus zur Erfassung des Sturzrisikos:



Dieser Algorithmus wird nun bei jeder Neuaufnahme durchgeführt. Wird dann ersichtlich, dass bei einem Patienten erhöhte Sturzgefahr besteht, wird sein individuelles Sturzrisiko mit einer Risikoskala, wie z.B. der Huhn-Skala oder der Barthel-Skala, weiter untersucht. .
Das Gemidas-QM hält auf seiner Internetseite auch eine eigene Einschätzungsskala zur Sturzgefahr bereit.
Anhand des Ergebnisses können dann patientenbezogene Vorsorgemaßnahmen zur Sturzvermeidung ergriffen werden.. Diese können von der einfachen Aufklärung des Patienten über seine Sturzgefahr, das Bereitlegen der Klingel in erreichbarer Nähe bis hin zum Anbringen von Bettgittern oder sonstigen Sicherungsmaßnahmen gehen.
Wichtig ist, dass zu ergreifende Maßnahmen vorher in Standards festgehalten werden, damit im Team eine einheitliche Vorgehensweise sichergestellt wird und um die Teammitglieder in der Umsetzung der Standards zu schulen.. Auch müssen strukturelle Mängel, wie z.B. zu wenig Bettgitter oder nicht genügend vorhandene Patientenklingeln, behoben werden, um den Erfolg der Sturzprophylaxe zu garantieren.



Das ist bei der Einführung eines Sturzmanagementsystems zu beachten:

Das ist bei der Einführung eines Sturzmanagementsystems zu beachten:

Sturzprophylaxe ist Teamarbeit!

Sturzprophylaxe ist Teamarbeit. Das Vorsorgesystem sollte von allen Mitarbeitern getragen werden. Dies gilt bei der Auswahl der Sturzrisikoskala, genauso wie bei der Ausarbeitung von Standards zur Prävention.. Jeder Mitarbeiter sollte diese kennen. Eine gute Kommunikation über bisherige Stürze sowie eine offene Kultur im Umgang mit Stürzen ist besonders wichtig. Das Personal sollte Stürze melden können, ohne Strafen befürchten zu müssen. Die negative Haltung, Stürze generell als Pflegefehler zu sehen, muss abgelegt werden. Stürze bilden ein immer vorhandenes Risiko im Pflegeprozess.. Jedes Sturzereignis sollte jedoch als Möglichkeit zur Entwicklung von Gegenmaßnahmen gesehen werden und bietet eine Chance zur Verbesserung, um in Zukunft einen Sturz gleicher Art zu vermeiden.
Die Klinikleitung kann zu einer offenen Fehlerkultur beitragen, indem sie mittels einer Dienstanweisung eine sanktionsfreie Sturzmeldung ermöglicht.
Das Sturzmanagementsystem wird besser vom Personal mitgetragen, wenn es an der Weiterentwicklung beteiligt und Verbesserungsvorschläge berücksichtigt werden.
Personalschulungen zum Thema „ Sturzgefahr“ oder „Recht bei Patientenfixierungen“ erhöhen die Akzeptanz und Effizienz.


Lernen aus „Beinahe-Zwischenfällen“:

Es gibt Ereignisse, bei denen ein Patient fast gestürzt wäre, ohne dass etwas passiert ist. Solche „Beinahe-Zwischenfälle“, bei denen kein Patient einen Schaden erlitten hat, bieten eine gute Möglichkeit, um zu lernen und zu überlegen, wie dieser „Beinahe-Zwischenfall“ zu vermeiden gewesen wäre und entsprechende Präventionsstrategien zu entwickeln Es ist zu überlegen, wie solche „Beinahe-Ereignisse“ in einer Sturzdatenbank erfasst werden sollen, um auch aus ihnen zu lernen. Da sich Beinahezwischenfälle weitaus häufiger zutragen, als tatsächliche Sturzereignisse, können in wesentlich kürzerer Zeit Daten zur Einleitung von Verbesserungsmaßnahmen gewonnen werden.


Juristische Konsequenzen:

Falls sich das Pflegeteam dazu entschließt, ein Sturzmanagementsystem einzuführen, erhöht dies natürlich auch die juristische Verantwortung. Wenn die Sturzgefahr bei den Patienten erfasst wird, müssen auch Vorbeugemaßnahmen eingeleitet werden und deren Wirksamkeit überprüft werden... Falls sich die getroffenen Präventionsmaßnahmen nicht als wirksam erweisen, müssen neue Maßnahmen überlegt und umgesetzt werden, bis die zuvor festgelegten Ziele erreicht sind.


Regelmäßige Erfolgskontrolle des Sturzmanagementsystems:

Der Erfolg der durchgeführten Vorbeugemaßnahmen muss regelmäßig überprüft werden. Dies kann z.B. innerhalb einer regelmäßigen Dienstbesprechung, beispielsweise in einem Rhythmus von drei Monaten, erfolgen. Um Ergebnisse den Mitarbeitern zu präsentieren, kann man sich eines einfachen Instruments bedienen:

Das „Sturz-Dashboard“:

Das 'Sturz-Dashboard'- Grafik: Hanno Endres
Grafik: Hanno Endres, zwai.media

Mit diesem Instrument kann man einfach und deutlich die Ergebnisse dem Personal bildlich darstellen. Ein solches Dashboard kann man auf alle Bereiche im Sturzmanagement anwenden, z.B. die Reduktion der Anzahl von Stürzen oder Verletzungen bei Stürzen. Das Board kann auch allgemein aushängen und immer über die aktuellen Sturzzahlen innerhalb der letzten Messperiode informieren.


Die Erfolgsampel:

Abb. 2: Die Erfolgsampel - Grafik: Hanno Endres, zwai.media
Grafik: Hanno Endres, zwai.media

Die Erfolgsampel stellt ein weiteres Verfahren dar, mit dem man sehr einfach Ergebnisse des Sturzmanagements visuell darstellen und reflektieren kann. Wurden die Ziele erreicht, kann man neue mit dem gesamten Team festlegen. Wichtig ist hierbei, dass man bei der Zielvorgabe das Personal einbindet, um eine höhere Akzeptanz der Vorgaben zu erreichen.
Ist das Ziel gefährdet, sollte das Team überlegen, ob man noch weitere Verbesserungsmaßnahmen vornehmen sollte, um das Ziel doch noch zu erreichen. Wurde das Ziel nicht erreicht, ist zu überlegen, ob es vielleicht zu hoch gesteckt wurde, oder aber ob die Prophylaxemaßnahmen nicht entsprechend umgesetzt wurden bzw. nicht wirkungsvoll waren..


Aufbau eines Sturzmanagementsystems / Hilfen:

Das Pflegeteam ist mit dem Aufbau eines Sturzmanagementsystems vor eine schwierige Aufgabe gestellt. Ein „Sturzmeldebogen“ für die Intensivstation muss erstellt, eine „Sturzdatenbank“ entwickelt werden. Dann muss eine Sturzrisikoeinschätzung aller Patienten vorgenommen werden. Gute Hilfe bekommt man im Internet beim Gemidas-QM (www.gemidas-qm.de), s.o..
Weitere Hilfe gibt das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (www.dnqp.de). Das Netzwerk hat einen Expertenstandard zum Thema
„Sturzprophylaxe“ veröffentlicht.
Die Autorin Heike A. Kahla-Witzsch hat ein Buch „ Praxis des Klinischen Risikomanagements“ veröffentlicht. Die Autorin gibt umfangreiche Informationen zu dem Umgang mit Fehlern im Behandlungsprozess und deren Vermeidung.



Über den Autor:

Über den Autor:

Joachim Willms
Fachkrankenpfleger Intensivpflege/ Anästhesie
Universitätsklinikum Münster

Student der Steinbeis-Hochschule Berlin
Studiengang Management von Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens (Bachelor of Business Administration im Gesundheits- und Sozialwesen)

Projektstudent im St. Augustinus Krankenhaus Düren

Emailadresse Autor:




Links zum Artikel:
    Modellprojekt Gemidas-QM
    2. Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege
    3. Heike A. Kahla-Witzsch; „Praxis des Klinischen Risikomanagements“






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Letzte Aktualisierung: 13.05.2008 Der Webcode dieser Seite lautet ZW0167

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