Lärm auf Intensivstationen und dessen Auswirkungen auf Patienten und Personal
Daniel Schrader, Nicole Schrader
erschienen in der 'intensiv'
- Fachzeitschrift für Intensivpflege und Anästhesie, Georg Thieme Verlag (intensiv 2001; 9: 96-106)
Einleitung
„Unnecessary noise then, is the most cruel absence of care which can
be inflicted on sick or well.” (Florence Nightingale)
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Lärmproblematik auf Intensivstationen.
Die beiden Hauptlärmfaktoren sind das auf den Stationen arbeitende Personal
und das Arbeitsgeräusch sowie die akustischen Alarme der Überwachungs-
und Therapiegeräte.
Im Zuge des technischen Fortschrittes und der Zunahme der Therapiemöglichkeiten
in der Intensivmedizin kommt gerade dem gerätebedingten Lärm auf den
Intensivstationen eine besondere Bedeutung zu.
Im deutschsprachigen Raum scheinen die Präsenz von Lärm auf Intensivstationen
und dessen zum Teil gravierenden Auswirkungen auf die Patienten und das auf
den Stationen arbeitende Personal nicht in dem Maße bewusst zu sein, wie
es eigentlich notwendig wäre. Diese Vermutung drängte sich bei der
Literaturrecherche zu dieser Arbeit auf. Es existieren in der deutschsprachigen
Fachliteratur nur wenige Veröffentlichungen, die sich mit den Themen Lärm,
akustischer Stress, Lärmauswirkungen auf Patienten oder Personal und angrenzenden
Fachgebieten beschäftigen.
Daher waren wir gezwungen, zum größten Teil auf Veröffentlichungen
aus der englischsprachigen Fachliteratur zurückzugreifen. Speziell in der
angloamerikanischen Fachpresse stießen wir auf zahlreiche Quellen,
die sich mit der Lärmproblematik auf Intensivstationen auseinander setzen.
In den USA, England, Kanada und Australien beschäftigen sich schon seit
ca. 20 Jahren Ärzte, Pflegekräfte, Psychologen und andere Berufsgruppen
einerseits mit dem Lärmaufkommen und andererseits mit den möglichen
Auswirkungen auf Menschen, die diesem Lärm über einen längeren
Zeitraum ausgesetzt sind. Zahlreiche Studien und wissenschaftliche Untersuchungen,
wie z. B. Lärmpegelmessungen auf diversen Intensivstationen oder Befragungen
von Patienten und Mitarbeitern, belegen, dass in diesem Kulturkreis die Bedeutung
von Lärm und dessen Auswirkungen in der Intensivtherapie seit langem erkannt
sind.
Mit der vorliegenden Veröffentlichung wollen wir versuchen, bei den Lesern
dieses Textes das Bewusstsein für die Lärmproblematik auf Intensivstationen
zu sensibilisieren.
Die Arbeit gliedert sich in mehrere Teile.
Der erste Teil stellt kurz die physikalischen Grundlagen der akustischen Wahrnehmung
vor. Ein besonderes Augenmerk wird auf die Erläuterung der Dezibelskala
gelegt, da im folgenden Text häufig Angaben über Lärmbelastungen
in der Einheit Dezibel (dB) gemacht werden.
Der folgende Abschnitt führt mehrere allgemeine Lärmdefinitionen
auf und stellt dann die besondere Situation im Intensivpflegebereich vor. Schwerpunkte
sind Art und Ausmaß und Ursachen für Lärm in diesem speziellen
Bereich. Anschließend werden die möglichen Auswirkungen der beschriebenen
Lärmbelastung auf Patienten und Mitarbeiter aufgeführt.
Der folgende Abschnitt stellt mögliche Ideen zur Reduzierung der Lärmbelastung
auf Intensivstationen vor. Dieser Maßnahmenkatalog stellt eine Zusammenfassung
der in den Literaturquellen aufgeführten Vorschläge dar.
Den Abschluss der Arbeit bildet die Auswertung eines Fragebogens zur Lärmproblematik,
den wir an Mitarbeiter des Pflegedienstes der Intensivstationen der Universitätsklinik
Düsseldorf ausgeteilt haben. Ziel dieser Umfrage ist zu untersuchen, ob
die in den vorausgegangenen Kapiteln dargelegten Aspekte auch für das Pflegepersonal
der hiesigen Klinik Relevanz besitzen.
Physikalische Grundlagen
Schall, Lautstärke
Die Lautstärke eines Tones hängt von der Größe der Druckschwankung,
auch Amplitude genannt, ab. Der Schalldruck wird in Newton pro Quadratmeter
gemessen (N/m²), die Hörschwelle des Menschen liegt bei etwa 2x10-5
N/m², die Schmerzschwelle des Gehöhrs bei ca. 20 N/m². Die Wirkung
der von einer Schallquelle abgestrahlten Schallleistung bezeichnet man als Schallintensität,
sie wird als die pro Fläche auftretende Schallleistung in Watt pro Quadratmeter
(W/m²) angegeben. Die Hörschwelle liegt bei ca. 10-12 W/m², die
Schmerzschwelle bei 1 W/m² [1].
Die Dezibelskala
Wie oben beschrieben, kann das menschliche Ohr Schallvorgänge innerhalb
eines sehr großen Intensitätsbereiches wahrnehmen, Hörschwelle
(2x10-12 W/m²) und Schmerzgrenze (1 W/m²) unterscheiden sich um 12
Zehnerpotenzen, so dass sich die rechnerische und grafische Darstellung der
Schallintensität in der Einheit W/m² als schwierig erweist. Außerdem
nimmt das menschliche Gehör einen Schallvorgang als doppelt so laut wahr,
wenn sich die Schallintensität verzehnfacht, unabhängig davon, ob
es sich um ein sehr lautes oder sehr leises Geräusch handelt. Das menschliche
Ohr nimmt logarithmisch wahr. Um den Hörbereich und die logarithmische
Hörempfindung übersichtlich darstellen zu können, wird der Schalldruck
L in Dezibel, Abkürzung dB, durch folgende Gleichung definiert: L = (p/p0)
dB. Hierbei entspricht p dem Schalldruck der Schallquelle und p0 der Hörschwelle,
also 2 x 10-12 N/m², als Referenzwert. Man bezeichnet diese Darstellung
auch als Schalldruckpegel (SPL).
Die Hörschwelle liegt nun bei null Dezibel, die Schmerzschwelle bei 120
dB, eine Verzehnfachung der Schallintensität bewirkt eine Zunahme des Schalldruckpegels
um 10 dB, eine Verdoppelung der Schallintensität eine Zunahme des SPL um
3 dB. Mit anderen Worten: Möchte man die Geräuschpegel in einem Arbeitsbereich
um die Hälfte reduzieren, so muss man den Schalldruckpegel um 3 dB reduzieren
[2][3]. Tab. [1] zeigt typische Schalldruckpegel von Umweltgeräuschen anhand
der Dezibelskala und soll im Folgenden Bezugswerte für Schalldruckmessungen
auf Intensivstationen liefern.
Lärm
Definitionen des Begriffes Lärm
„Lärm ist Schall, der stört oder schädigt.”
„Als Lärm wird Hörschall bezeichnet, der die Stille oder eine
gewollte Schallaufnahme stört oder zu Belästigungen oder Gesundheitsstörungen
führt” [4].
„Lärm ist Schall, der den Menschen stört, belästigt oder
gefährdet, und zwar als Dauer- oder Impulslärm” [5].
Lärm besitzt eine physikalische und eine psychologische Tragweite, diese
ist individuell unterschiedlich und abhängig von früheren Erfahrungen,
der Lautstärke, der Notwendigkeit und der Art des Geräusches sowie
dem aktuellen, persönlichen Wohlbefinden [6].
Wie in den genannten Beispielen ersichtlich ist, handelt es sich bei Lärm
um ein Schallereignis, das als störend, unangenehm, lästig oder gar
gefährdend empfunden werden kann.
Allerdings kann nicht jedes laute Geräusch als Lärm bezeichnet werden,
abgesehen von der Lautstärke tragen auch noch andere Faktoren wie z. B.
Informationsgehalt des Geräusches, Einstellung des Hörers gegenüber
dem Schallereignis, Erfahrungen und das aktuelle physische und psychische
Befinden der Person dazu bei, ob ein Geräusch als Lärm bezeichnet
werden kann oder nicht.
Lärm ist grundsätzlich von dem Hintergrundgeräusch der Umwelt
abhängig, d. h., in einer leisen Umgebung kann schon ein verhältnismäßig
leises Geräusch als störend empfunden werden, während in einer
lauteren Umgebung erst Geräusche mit hohen Schallintensitäten als
Belastung gesehen werden.
Schallereignisse besitzen immer einen Informationsgehalt für den Hörenden,
so kann z. B. ein leises Gespräch im Radio bei geistiger Arbeit sehr störend
wirken (hoher Informationsgehalt), während das verhältnismäßig
laute Tacken der Eisenbahn nahezu einschläfernd wirken kann. Auf die Intensivstation
bezogen: Gesprächsfetzen, die ein Patient aus dem Stationszimmer mitbekommt,
können störender sein als der kontinuierliche Gasfluss eines CPAP-Systems,
das sich in unmittelbarer Nähe des Patienten befindet.
„Ob ein Schallereignis als störend oder unangenehm erlebt wird, hängt
entscheidend davon ab, welche Bedeutung bzw. welche Funktion dieser Schall für
eine Person hat: Schall kann bedrohen, schaden, vor einem Unfall warnen und
bewahren, über etwas informieren. In welcher Richtung und in welchem Ausmaß
ein Schall für eine Person Bedeutung gewinnt, bestimmt sich aus den jeweiligen
situativen und personalen Bedingungen dieser Person” [7].
Hieraus wird ersichtlich, dass Schall sowohl physikalische als auch psychologische
Auswirkungen hat, so dass man die physikalische Komponente auch als Geräuschbelastung,
die psychologische mit Begriffen wie Lärmbelästigung oder Beeinträchtigung
durch Lärm umschreiben kann.
Anstiegsgeschwindigkeit und deren weiterer Verlauf
Die Lästigkeit von Schallereignissen in einer Rangreihe nach Neumann
[8]:
Ein gleichmäßiges Grundgeräusch, das von einem hervortretenden
Geräusch etwas überragt wird,
Geräusche mit hohen Frequenzanteilen wirken lästiger als tieffrequente
Anteile,
Einzeltöne sind unangenehmer als Bandrauschen,
Impulsbehaftete Geräusche sind lästiger als Nr. 1-3,
Impulse mit langsamer Folge sind störender als solche mit schneller Folge,
eine Steigerung sind unregelmäßige Impulse,
wechselnde Frequenz von Tönen oder Impulsen mit wechselnder Lautstärke,
plötzliche Geräusche oder Knalle mit Schreckwirkung.
Lärm auf Intensivstationen
Im Allgemeinen sollte man davon ausgehen, dass ein Krankenhaus als Ort der Behandlung,
Pflege und Genesung von Menschen sowie als Einrichtung der Forschung und Lehre
ein leises Umfeld hat; für die Intensivstation sollte diese Annahme im
Besonderen gelten. Dass dieses jedoch nicht der Fall ist, weiß jeder,
der auf einer Intensivstation arbeitet oder einmal als Patient versorgt worden
ist, aus eigener Erfahrung.
Diverse Studien und Untersuchungen aus Deutschland, anderen europäischen
Staaten, den USA, Australien und Südafrika belegen, dass die Lärmbelastung
auf Intensivstationen nationale und internationale Empfehlungen und Verordnungen
in einem hohen Maße übersteigt und somit eine Belästigung und
Gefährdung für Patienten und Personal mit sich bringt. In Deutschland
wird im Arbeitsrecht im § 15 der Arbeitsstättenverordnung ein maximaler
Schallpegel von 55 dB auf Intensivpflegestationen gefordert, diese Geräuschbelastung
entspricht der maximal erlaubten Geräuschbelastung für Arbeitsplätze
mit vorwiegend geistiger Tätigkeit. Wesentlich strenger sind die Empfehlungen
in den USA: Eine Richtlinie der US Environmental Protection Agency gibt maximale
Schalldruckpegel von 45 dB tagsüber bzw. 35 dB nachts für Intensivstationen
vor, eine weitere Empfehlung des International Noise Councils schlägt 45
dB tagsüber, 40 dB am Abend und sogar nur 20 dB während der Nacht
vor [9]. Vorgaben für neonatologische Intensivstationen (Recommended Standards
for Newborn ICU Design 1996) erachten einen Durchschnittspegel von 50 dB und
einen Spitzenpegel von 70 dB als akzeptabel [10].
Betrachtet man die Ergebnisse diverser Schallmessungen auf Intensivstationen,
wird deutlich ersichtlich, dass keine der oben genannten Forderungen auch nur
ansatzweise eingehalten werden. Messungen auf einer Intensivstation der Universitätsklinik
Düsseldorf ergaben, dass der Durchschnittsschallpegel nie unter 60 dB lag
und dass manche medizinische Geräte Pegelspitzen von mehr als 100 dB erzeugten
[11]. Einen ähnlichen Durchschnittswert von ca. 60 dB ergab eine Messung
in den USA (Department of Surgery, University of Virginia Health System and
School of Medicine, Charlottsville) [12]. Analysen am Klinikum der Universität
Innsbruck von D. Balogh et al. [13] zeigten Durchschnittspegel von 60-65 dB,
jedoch auch mehrere Minuten andauernde Intervalle von 70-80 dB [13]. Eine Studie
von Meyer, Scott et al. am Rhode Island Hospital in Providence, USA [14] belegt
sogar eine Dauerbelastung von mehr als 80 dB im Einzelzimmer eines beatmeten
Patienten. Dieser Wert entspricht nach einer deutschen Lärmschutzverordnung
dem Grenzwert, ab dem es bei Dauerbelastung von mehr als acht Stunden am Tag
zu irreversiblen Gehörschäden kommen kann, so dass in Industriebetrieben
ab 80 dB Lärmschutzmaßnahmen wie Ohrenstöpsel bzw. Gehörschutzkopfhörer
vorgeschrieben sind. Etwas geringere Durchschnittswerte ergab eine Untersuchung
von Margaret Topf [15] mit 56,3 dB und einem minimalen Pegel von 50 dB während
der Nacht, wobei die lautesten Alarme jedoch auch Werte von mehr als 86 dB erzeugten.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen Hannich et al. [16] bei einer Messung
auf einer chirurgischen Intensivstation der Universitätsklinik Münster,
der durchschnittliche Geräuschpegel am Patientenbett betrug 54,9 dB, es
wurden Lärmspitzen von 78,5 dB erreicht.
In manchen Studien wird ein gewisser Tag-Nacht-Rhythmus in Bezug auf die Lärmbelastung
festgestellt, so schreiben z. B. Kahn et al. [17], dass in der späten Nacht
und in den frühen Morgenstunden die geringsten Geräuschpegel gemessen
wurden, was mit der geringeren Interaktion des Pflegepersonals mit den Patienten
zu dieser Zeit begründet wird. Die meisten Untersuchungen belegen jedoch
ein von der Tages- bzw. Nachtzeit unabhängiges Lärmaufkommen.
Manche Autoren vergleichen die Geräuschkulisse von Intensivstationen mit
anderen Bereichen innerhalb und außerhalb des Krankenhauses, so kommen
zum Beispiel Redding et al. [18] zu dem Schluss, dass der Dauerpegel in Intensivpflegebereichen
mit ca. 70 dB dem eines geschäftigen Großraumbüros mit Schreibmaschinen
und Telefonen und der Alarm mancher medizinischer Geräte einer Schlagbohrmaschine
in 15 Metern Entfernung entspricht. Eine Studie im Universitätsklinikum
von Valencia (Spanien) setzt den durchschnittlichen Schalldruckpegel einer Intensivstation
mit dem der Klinikcafeteria zur Mittagszeit bzw. dem Kesselraum des Heizungskellers
gleich [19].
Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass der Lärm in den untersuchten
Bereichen hochfrequent, impulsbehaftet, intermittierend, unperiodisch und daher
unvorhersehbar und zum großen Teil auch nicht beeinflussbar ist (zumindest
für die Patienten). Diese Art von Lärm ist in hohem Maße sowohl
für Patienten als auch für Mitarbeiter lästig und unter Umständen
auch gefährlich.
Ursachen von Lärm auf Intensivstationen
Grundsätzlich hat die Geräuschbelastung auf Intensivstationen zwei
Hauptursachen. Zum einen entsteht eine hohe Belastung durch das auf der Station
arbeitende Personal, das durch laute Konversation, Rufen über die Station,
Laufen in Holzschuhen etc. für hohe Dauer- und Spitzenpegel verantwortlich
ist. Zum anderen entstehen durch den hohen Apparateaufwand auf modernen Intensivstationen
laute, impulsbehaftete Spitzenpegel durch Alarme, die fast in jedes Gerät
integriert sind, sowie kontinuierliche Dauergeräusche z. B. durch Absaugvorrichtungen,
Sauerstoffinsufflationen, Atemgasbefeuchtungen oder Continuous-Flow-Systeme.
Neben medizinischen Apparaten besitzen zum Teil auch nicht medizinische
Geräte sehr laute Alarme bzw. ein lautes Arbeitsgeräusch, wie
z. B. Warentransportanlagen, Reinigungsmaschinen, Kommunikationsanlagen und
Telefone.
Saisonal entstehen auch belastende Geräuschkulissen durch Bauarbeiten
auf Intensivstationen bzw. deren Umfeld, manche Intensivstationen, besonders
von innerstädtischen Krankenhäusern, erfahren eine hohe Beschallung
aus der Umgebung des Krankenhauses z. B. durch Straßenlärm oder Baustellen.
Letztgenannte Faktoren spielen jedoch im Allgemeinen eine untergeordnete Rolle,
wie bereits oben erwähnt sind das Personal und medizinische sowie nicht
medizinische Geräte die Hauptverursacher von Lärm auf Intesivpflegeeinheiten;
im Folgenden sollen diese beiden Aspekte näher betrachtet werden.
Personalbedingter Lärm
Umfragen an Patienten nach ihrem Aufenthalt auf einer Intensivstation ergaben,
dass häufige Störungen vom Verhalten des auf der Station arbeitenden
Personals ausgingen. So ergab eine Studie von B. Bunzel [20], die sich mit Stressfaktoren
in der Intensivmedizin auf Patienten bezogen befasst, dass insbesondere ältere
Patienten (älter als 50 Jahre) Lärm und Unruhe durch den Stationsbetrieb
und das Pflegepersonal als bedeutendsten Stressfaktor angaben. Häufige
Aussagen dieser Patientengruppe waren lautes Lachen, Rufen, laute Diskussionen,
lautstarkes Verrichten der Arbeit („Poltern”) und laute Radiomusik,
was als sehr störend empfunden wurde und besonders das Ein- bzw. Durchschlafen
behinderte. Diese Beschwerden sind durchaus nachvollziehbar - so erzeugt lautes
Rufen über den Stationsflur oder das unvorsichtige Herablassen eines Bettgitters
Pegelspitzen von ca. 90 dB. Bei der Konversation von drei Ärzten wurde
ein Pegel von 68 dB gemessen, als ein vierter Arzt hinzukam, stieg die Geräuschbelastung
auf 74 dB. Ein weiteres, von Patienten häufig moniertes Ärgernis sind
Gegensprechanlagen, die vom Personal zur Kommunikation innerhalb der Patientenzimmer
genutzt werden. Neben der akustischen Belastung beinhalten diese Anlagen für
viele Patienten auch einen beunruhigenden Faktor.
Neben der kommunikationsbedingten Lärmbelastung sind auch viele Tätigkeiten
des Stationsalltages mit einer großen Geräuschentstehung verbunden,
was vielen Mitarbeitern von Intensivstationen kaum bewusst sein dürfte.
Das Aufreißen von Pappkartons beim Auspacken von Materialien verursacht
ein Geräusch von ca. 80 dB, das Öffnen von steril verpackten Handschuhen
bewirkt sogar einen Spitzenpegel von 86 dB, der Umgang mit Nierenschalen, Waschschüsseln
oder Steckbecken aus Edelstahl kann ebenfalls mit einer hohen Lärmentstehung
einhergehen, so erzeugt z. B. das Fallenlassen einer Edelstahlschüssel
ein Geräusch von 108 dB, die Reinigung dieser Gegenstände in der hierfür
vorgesehenen Spülmaschine erzeugt ebenfalls eine laute Geräuschkulisse.
Die bauliche Struktur der meisten Intensivstationen verschärft diese Problematik
noch zusätzlich, da besonders auf älteren Stationen Materialien mit
stark schallreflektierenden Eigenschaften wie Edelstahlflächen, Keramikfliesen
oder Glas verwendet wurden; glatte Flächen, die sich gut reinigen und desinfizieren
lassen, bringen leider auch eine gute Schallreflektion mit sich. Tab. [2] gibt
einen kleinen Überblick über kommunikationsbedingte und durch den
Stationsbetrieb entstehende Spitzenpegel, die durch Personal verursacht werden.
Allen genannten Ursachen ist gemeinsam, dass sie neben der großen Geräuschbelastung
auch einen hohen Informationsgehalt besitzen. Das bedeutet, dass besonders Patienten
auf Intensivstationen, die krankheitsbedingt oder aufgrund von Medikamenten
Bewusstseinsstörungen aufweisen, unter dieser Art von Lärm besonders
leiden. Allen von Personal verursachten Lärmereignissen ist jedoch auch
gemeinsam, dass sie gut beeinflussbar sind, d. h., personalbedingter Lärm
kann effektiv reduziert werden. Allein das Bewusstsein, dass manche Tätigkeiten
und Verhaltensweisen Lärm verursachen, wäre sicherlich ein großer
Schritt in Richtung Lärmreduzierung auf Intensivstationen.
Gerätebedingter Lärm
In den frühen 60er Jahren begann die Überwachung von Patienten auf
Intensivstationen mit Hilfe von technischen Überwachungsgeräten, wie
z. B. kontinuierliche EKG-Ableitung. Mit dem Fortschreiten der technischen Entwicklung
und der maschinellen Beatmung als Standardtherapieverfahren nahm die Vielzahl
möglicher akustischer Alarme der verschiedenen Therapie- und Überwachungsgeräte
um ein Vielfaches zu.
Alarme dienen der sicheren und effizienten Überwachung und Betreuung der
Patienten, sie können lebensrettend sein und sind somit aus dem Alltag
einer modernen Intensivstation nicht mehr wegzudenken. Akustische Alarme warnen
z. B. vor Veränderungen des Zustandes des Patienten, sie signalisieren
Abweichungen der Beatmungssituation oder gewährleisten die kontinuierliche
Zufuhr von Flüssigkeit und Medikamenten, daher ist die Notwendigkeit akustischer
Alarme auf Intensivstationen unbestritten. Eine sichere Überwachung des
Patienten und des Therapieverlaufes wäre ohne sie überhaupt nicht
möglich.
Aufgrund des technischen Fortschrittes, wie z. B. durch Einsatz der Mikroprozessortechnik
in vielen Geräten, die Spezialisierung vieler Hersteller auf einzelne Gerätegruppen
und einem daraus resultierend, großem Gerätepark der unterschiedlichsten
Hersteller auf nur einer Intensivstation, ist es zu einer kaum kontrollierbaren
Fülle akustischer und optischer Alarmsignale auf modernen Intensivstationen
gekommen [21]. Die meisten Alarme besitzen eine unnötig hohe Lautstärke,
Signale mit Spitzenpegeln von mehr als 65tdB sind in den meisten Fällen
unnötig, da ein Geräusch von 65tdB auf Entfernungen von 20 Metern
noch gut gehört werden kann und somit für die räumliche Dimension
der meisten Intensivstationen völlig ausreicht [22]. Die Lautstärke
der meisten Geräte ist auch nicht situationsspezifisch abgestimmt, d. h.,
laute Alarme signalisieren nicht grundsätzlich bedrohliche Situationen,
so ist zum Beispiel der laute Alarmton einer Ernährungspumpe unangebracht,
während lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen einen lauten und alarmierenden
Signalton hervorrufen sollten. Die zum Teil unkontrollierbare Vielzahl und unnötig
hohe Lautstärke der akustischen Alarme wirken für das Personal verwirrend,
für die Patienten erschreckend und für Besucher abschreckend. Zum
besseren Verständnis der Problematik werden im Folgenden Lautstärke
und Art der verschiedenen Alarme näher betrachtet.
Grundsätzlich kann man zwischen Therapiegeräten wie z. B.
Beatmungsgeräten, Infusionspumpen, Geräten zur Nierenersatztherapie
etc. und Überwachungsgeräten, hier sind in erster Linie Monitore
zur Überwachung der physiologischen Parameter des Patienten zu nennen,
unterscheiden. Die Alarme der Therapiegeräte signalisieren Störungen
des Gerätes oder auch Veränderungen des Patienten, z. B. des Beatmungsdrucks,
die eventuell zu einer Gefährdung des Patienten führen, wenn die
Ursache nicht behoben wird. Die Alarme der Überwachungsgeräte hingegen
zeigen schon stattgefundene, möglicherweise bedrohliche Veränderungen
des Patienten an, z. B. Blutdruckschwankungen, Herzrhythmusstörungen
oder Abfall der Sauerstoffsättigung im Blut, die Gefährdung des
Patienten besteht eventuell schon [23].
Des Weiteren können die möglichen Alarme in unbeeinflussbare
Alarme und regelbare Alarme unterteilt werden. Unbeeinflussbare
Alarme können weder abgeschaltet noch in ihren Alarmgrenzen verändert
werden, hierzu gehört z. B. Gasmangelalarm oder Stromausfallalarm. Die
regelbaren Alarme dagegen können entweder abgeschaltet oder in ihren
Grenzwerten verändert werden, von entscheidender Bedeutung bei den regelbaren
Alarmen ist die realistische Einstellung der Alarmgrenzen. Zu großzügig
eingestellte Alarmgrenzen können zu einer Gefährdung des Patienten
führen, während sehr enge Alarmgrenzen unnötig häufige,
akustische Alarme zur Folge haben.
Die Bewertung eines Alarmes durch das Personal erfolgt nach Wahrnehmung und
Zuordnung des Signals. Es können drei verschiedene Situationen interpretiert
werden: Der Alarm signalisiert einen Notfall, ein lebensbedrohliches Ereignis
erfordert sofortiges Handeln, z. B. Atemstillstand, Herz-Kreislaufstillstand,
Ausfall des Beatmungsgerätes, Diskonnektion des Beatmungssystems. Der Alarm
wird als Warnung aufgefasst, es besteht keine lebensbedrohliche Situation, es
ist keine Sofortreaktion des Personals notwendig, wird die Ursache jedoch nicht
behoben, können lebensbedrohliche Folgen für den Patienten entstehen.
Beispiele für Warnungen ist Blutdruckanstieg oder Anstieg der Herzfrequenz.
Fehlalarme sind alle alarmauslösenden Ereignisse, die weder Notfall noch
Warnung sind wie z. B. Irritation der Messfühler durch Bewegung des Patienten
oder herbeigeführte Trennung des Patienten vom Messsystem zur Mobilisation,
zum Absaugen oder zur Körperpflege.
Eine allgemeine, statistische Häufigkeit von Alarmen auf Intensivstationen
ist bisher nicht erfasst worden, es wurden jedoch in verschiedenen Untersuchungen
Zählungen von Alarmen durchgeführt. D. Balogh et al. [13] ermittelten
im Durchschnitt 2,1 ± 0,8 Alarmsignale pro Stunde und Patient, bei einem
schwer kranken Patienten wurden aber 42 Alarme in einer Stunde gezählt.
Eine Zählung von A. J. Cropp und Mitarbeitern ergab auf einer Intensivstation
mit 11 Betten eine Häufigkeit von mindestens 50 Alarmen pro Stunde [24].
In einer Studie von A. Deller et al. [21] wurden in einem Beobachtungszeitraum
von 190 Stunden bei 254 Patienten 2041 Alarme gezählt, hiervon entfielen
72 % auf Beatmungsgeräte, 17 % auf Monitore, 10 % auf Infusionspumpen und
1 % auf sonstige Geräte. 33 % aller Alarme erwiesen sich als Fehlalarme,
67 % signalisierten echte Alarmsituationen, von denen nur 1 % echte Notfälle
waren, diese gingen ausschließlich von Beatmungsgeräten aus. Die
größte Häufigkeit in Bezug auf Fehlalarme ging von der Gruppe
der Monitore aus, 57 % aller Alarme waren Fehlalarme.
Wesentlich wichtiger als die absolute Häufigkeit von Alarmen ist jedoch
die Möglichkeit, diese Alarme voneinander zu unterscheiden, die Alarme
sollten vom Personal aufgrund ihrer Art klar zugeordnet werden können.
Dieses ist leider in den seltensten Fällen möglich. Wie bereits erwähnt
ist aufgrund der Vielzahl verschiedener Geräte auf einer Station die Fülle
der möglichen Alarme kaum noch überschaubar, es existieren keine Standards
und Vereinbarungen zwischen den Herstellern. Verschiedene Geräte besitzen
ähnliche Alarmtöne und häufig ist kein Zusammenhang zwischen
dem Alarm und der Situation erkennbar. Manchmal besteht auch die Gefahr, dass
laute, aber relativ unwichtige Alarme leisere, aber wichtige Alarme überdecken
und somit eine wichtige Information verloren geht, hinzu kommen noch Fehlalarme.
Aus diesen Gründen kommt es beim Personal zu Verwirrung und Frustration.
Verschiedene Studien ergaben eine nur geringe Treffsicherheit des Personals
beim Erkennen von Alarmen, so wurden laut C. Meredith und J. Edworthy nur 39
% der Alarme vom Pflegepersonal einer Intensivstation richtig erkannt [25].
In einer Studie von A. Cropp [24] wurden den Mitarbeitern die Alarmsignale der
Intensivstation von einem Tonband vorgespielt, es existierten insgesamt 33 verschiedene
Signale, von denen 10 Alarme kritische Situationen widerspiegelten. Nur 50 %
der kritischen Alarme und nur 40 % der übrigen Alarme wurden korrekt identifiziert,
wobei erstaunlicherweise kaum Unterschiede zwischen langjährigen Mitarbeitern
und solchen mit weniger als einem Jahr Berufserfahrung auf dieser Station auftraten.
Die Ursache für die geringe Treffsicherheit beim Zuordnen und Erkennen
von akustischen Alarmen beruht darauf, dass selbst gesunde und stressfreie Menschen
nur sehr schwierig mehr als acht verschiedene Alarmsignale erlernen und
behalten können [26]. Diese Problematik verstärkt sich noch zusätzlich,
wenn mehrere Alarmsignale gleichzeitig auftreten. In Anbetracht dieser eingeschränkten
Lernfähigkeit bezogen auf akustische Signale und der tatsächlichen
Anzahl möglicher Alarme auf Intensivstationen ist es nicht verwunderlich,
dass akustische Alarme eine enorme Belastung für Personal und Patienten
darstellen. Die Vielzahl der möglichen Alarme reduziert nicht nur die Effektivität
erwünschter und notwendiger Alarme, sondern sie schafft auch eine Umgebung,
die das Personal und die Patienten verwirrt, stört und eventuell sogar
schädigt. Die maximale Anzahl der verschiedenen Alarme sollte auf 10 Signale
beschränkt sein, da Alarme, die nicht zugeordnet werden können, eher
verwirrend und störend als hilfreich empfunden werden. Die Qualität
des akustischen Signals (z. B. Lautstärke, Tonhöhe, Pulsation) sollte
der jeweiligen Situation angepasst sein, sie sollten je nach Bedeutung des Ereignisses
variieren. So genannte „intelligente Alarme” könnten in der Lage
sein, zwischen Notfällen, nicht bedrohlichen Situationen und Artefakten
zu unterscheiden und diese Information dem Hörenden zu vermitteln. Alarme
sollen nicht nur anzeigen, dass eine Störung vorliegt, sondern gleichzeitig
auch vermitteln, in welchem Bereich die Ursache der Störung liegt. Akustische
Signale sollten weder erschreckend noch aggressiv klingen, sondern einen informativen
Charakter besitzen, sie sollen auf Veränderungen am Patienten hinweisen
und nicht dazu führen, dass nur nach der „Lärmquelle” gesucht
wird, um diese auszuschalten. Es wäre wünschenswert, dass akustische
Alarmsignale nicht gerätespezifisch, sondern situationsspezifisch konfiguriert
sind, das heißt, es sollten herstellerübergreifende Alarmstandards
erstellt werden, so dass auf allen Intensivstationen mit denselben, bekannten,
akustischen Alarmen gearbeitet wird. Hier liegt eine große Handlungsverantwortung
bei den Herstellern medizinisch-technischer Geräte, die Standardisierung
und Normierung von Alarmsignalen würde die Arbeit auf Intensivstationen
sicherlich erleichtern.
Neben der Häufigkeit ist auch die Lautstärke der akustischen Alarme,
insbesondere für die Patienten, ein wichtiger Stressfaktor. Viele Alarme
sind unnötig laut, besitzen eine hohe Tonfrequenz, sind schrill und durchdringend
und meistens unvorhersehbar und unkontrollierbar. Die Folge ist, dass häufig
nicht um des Patienten willen nach der Alarmursache geschaut wird, sondern um
den als störend empfundenen Alarm abzuschalten. Somit können Alarme
von medizinischen Geräten als Impulslärm aufgefasst werden, der vom
Menschen grundsätzlich als unangenehm empfunden wird. Akustische Alarmsignale
sind häufig für die bereits erwähnten, hohen Spitzenpegel auf
Intensivstationen verantwortlich und da sie sich in unmittelbarer Nähe
der Patienten befinden - die meisten Geräte stehen in Ohrhöhe in weniger
als einem Meter Entfernung - sind diese am stärksten von der Lärmemission
betroffen. Tab. [3] zeigt beispielhaft die Lautstärke und Tonhöhe
der Alarmsignale einiger Geräte.
Neben den medizinischen Überwachungs- und Therapiegeräten existieren
auch noch zahlreiche nicht medizinische Geräte, die ebenfalls eine hohe
Lärmemission verursachen. Hierzu gehören z. B. Telefone, Pieper, Computer,
Warentransportanlagen, die Besucherschelle und andere. Diese Geräte tragen
in nicht unerheblichem Maße zur Lärmbelastung auf Intensivstationen
bei, da manche Signaltöne z. T. unnötig laut eingestellt sind (z.
B. Telefone).
Auswirkungen von Lärm
Nach der ausführlichen Darstellung der Problematik von Lärm auf Intensivstation
und dessen Umfang und Ursachen, sollen im Folgenden die Auswirkungen von lauten
Geräuschsituationen auf den menschlichen Organismus im Allgemeinen und
insbesondere auf Mitarbeiter und Patienten von Intensivstationen aufgezeigt
werden. Grundsätzlich lassen sich drei verschiedene Bereiche von Lärmwirkungen
unterscheiden, die sich in gewissen Merkmalen überschneiden [27][28]:
medizinische Lärmwirkungen
psychologische Lärmwirkungen
soziale Lärmwirkungen
Eine früher gebräuchliche Einteilung richtet sich nach der Schallintensität
und versucht auf diesem Wege, einen Zusammenhang zwischen Lärm und dessen
Auswirkung auf den Organismus zu erstellen [29].
30 bis 65 dB psychologische Wirkung
65 bis 90 dB vegetative Wirkung
90 bis 120 dB gehörschädigende Wirkung
über 120 dB Schmerzbereich
Wie im Vorhergehenden beschrieben, definiert sich Lärm jedoch nicht
nur durch seine Lautstärke, sondern er ist noch von diversen anderen
Faktoren abhängig, so dass die folgenden Beschreibungen der Auswirkungen
von Lärm anhand der erstgenannten Einteilung erfolgen.
Medizinische Lärmwirkungen
Lärm auf Intensivstationen, gleich welcher Ursache, hat Auswirkungen
auf das Gehör, das Kreislaufsystem und somit auch auf das endokrine System
und den Elektrolythaushalt sowie den Schlaf der anwesenden Personen. Welche
Wirkung die Gruppe Patienten bzw. Personal in besonderem Maße betrifft,
soll im Folgenden dargelegt werden.
Gehörschädigende Wirkung von Lärm
Die Schädigung des Gehörsystems ist die bekannteste, medizinisch
erfassbare Auswirkung von Lärm. Lärmschwerhörigkeit ist die
häufigste Berufserkrankung in der Bundesrepublik Deutschland und den
übrigen Industrienationen [30]. Pathophysiologisch entsteht die Lärmschwerhörigkeit
durch eine Überlastung der Haarzellen des Innenohres mit einer vorübergehenden
Absenkung der Hörschwelle. Ohne ausreichend lange Erholungsphase kommt
es dann bei erneuter Lärmexposition zu Strukturschäden der noch
stoffwechselbedingt erschöpften Haarzellen, was zur irreversiblen Zelldegeneration
der Sinneszellen führen kann. Ab welchen Lärmpegeln und welcher
Expositionsdauer es zu Gehörschädigungen kommt, kann nicht allgemeingültig
gesagt werden, da es erhebliche individuelle Unterschiede in Bezug auf die
Lärmempfindlichkeit gibt. Als sicher unschädlich gelten jedoch Spitzenpegel
von unter 85 dB, als sicher schädlich Pegel von mehr als 105 dB, so dass
man davon ausgehen kann, dass ein Dauerlärm von mehr als 85 dB über
mehrere Stunden am Tag nach jahrelanger Exposition eine Lärmschwerhörigkeit
verursachen kann [31]. Wie bereits gesehen, kommt es auf Intensivstationen
durchaus zu Lärmspitzen von 85 dB bis über 105 dB, eine Studie beschrieb
einen Dauerpegel von ca. 80 dB; trotzdem sind solche Schalldruckspitzen nur
als kurzfristige, wenige Sekunden bis Minuten andauernde Ereignisse anzusehen,
so dass man davon ausgehen kann, dass auf Intensivstationen im Allgemeinen
keine Gefahr der Gehörschädigung für Patienten oder Personal
besteht. In speziellen Fällen kann es bei Patienten durch den Lärm
der Intensivstation jedoch durchaus zu irreversiblen Gehörschädigungen
kommen. Hier steht besonders die ototoxische Wirkung mancher Medikamente im
Vordergrund, die durch Lärm verstärkt wird. So beschreibt M. Topf,
dass es bei der Therapie mit Aminoglykosiden und einem Schalldruckpegel
von über 80 dB zu einer geringgradigen, aber irreversiblen Gehörschädigung
kommen kann [32]. Insbesondere Neu- und Frühgeborene im Inkubator sind
wohl hierfür prädisponiert, da der Gehörapparat in der
neonatologischen Phase besonders empfindlich ist [33].
Auswirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem
Lärm wirkt sich direkt auf das Herz-Kreislaufsystem sowohl gesunder als
auch kranker Menschen aus. Bei einer Schreckreaktion, die eintritt, wenn das
Hintergrundgeräusch durch einen Impuls um 30 dB übertroffen wird,
z. B. durch plötzliches Alarmieren eines Beatmungsgerätes, kommt
es zu einer Stimulation der sympathischen Nervenfasern mit der Ausschüttung
von Katecholaminen. Die Folge sind ein Anstieg der Herz- und Atemfrequenz,
eine Aktivierung des Stoffwechsels und eine Erhöhung des Sauerstoffverbrauchs.
Durch die Innervation des auditorischen Kortex kommt es zu einer Erregung
des limbischen Systems, Anteilen des Thalamus und somit des gesamten
Hirnstamms, das Kreislaufzentrum eingeschlossen. Die Aktivierung des Sympathikus
führt über eine Beschleunigung der Herzfrequenz und einer Steigerung
der Inotropie zu einer sofortigen Erhöhung des Herzminutenvolumens
und dadurch zu einer Erhöhung des Blutdruckes, dieser wird längerfristig
durch die Ausschüttung von Katecholaminen aufrechterhalten. Gleichzeitig
führt eine Aktivierung des Hypothalamus zur vermehrten Ausschüttung
des adrenokortikotropen Hormons (ACTH) aus der Hypophyse, diese wiederum führt
zur vermehrten Freisetzung von Kortisol aus der Nebenniere, die eine Sensibilisierung
der Katecholaminrezeptoren an der Muskulatur der Blutgefäße
hervorruft, was einen weiteren Anstieg des peripheren Widerstandes und damit
einen Anstieg des arteriellen Blutdruckes verursacht. ACTH bewirkt zusätzlich
eine Aldosteronfreisetzung, mit einer ebenfalls steigernden Wirkung auf
den arteriellen Blutdruck. Es bestehen also bei Lärmeinfluss drei Wege,
die gleichsinnig eine Steigerung des Blutdruckes zur Folge haben. Daher besteht
der Verdacht, dass bei langzeitiger Lärmexposition die Gefahr einer Hypertonieerkrankung
deutlich steigt. Es kommt zum langfristigen Überspielen der feinregulatorischen
Steuerungsmechanismen, einer vermehrten Sensibilität der Katecholaminrezeptoren
durch Kortisol, zur Überbeanspruchung und Empfindlichkeitssenkung der
Barorezeptoren sowie einer Hypertrophie der Gefäßmuskulatur durch
häufige, akute Blutdrucksteigerungen [34]. Neben dieser chronischen Wirkung
von Lärm kommt es aber auch durch kurzfristige Lärmereignisse mit
Schreckwirkung auf demselben Wege zu Blutdruckanstiegen. Die Katecholaminausschüttung
nach einem Schreckereignis kann bis zu zwei Stunden andauern. Insbesondere
Hypertoniker reagieren mit extremen Blutdruckanstiegen sehr empfindlich auf
Lärm, teilweise waren bei solchen Patienten sogar EKG-Veränderungen
in Form von Bradykardien und Ischämiezeichen als Ausdruck einer koronaren
Vasokonstriktion nachweisbar. Studien über die Wirkung von plötzlich
auftretendem Lärm und daraus resultierendem Erschrecken belegen, dass
der Organismus keine Adaptionsmöglichkeit besitzt. Bei immer wiederkehrenden
Lärmereignissen gerät der Mensch ganz im Gegenteil in einen Alarmzustand
mit immer höher ansteigenden Katecholaminspiegeln, er gerät förmlich
in einen Teufelskreis, der bei andauernder Lärmexposition nicht zu durchbrechen
ist [35]. Patienten in der Erholungsphase nach einem Myokardinfarkt wiesen
unter Lärmeinwirkung vermehrt ventrikuläre Arrhythmien auf und so
genannte Typ-A-Persönlichkeiten hatten unter Lärmeinfluss deutlich
erhöhte Cholesterin- und Triglyzeridwerte im Serum. Hieraus wird ersichtlich,
dass hohe Geräuschpegel auf Intensivstationen, hinsichtlich des Herz-Kreislaufsystems,
negative Auswirkungen auf die Gesundheit von Patienten und Mitarbeitern
haben können.
Auswirkungen von Lärm auf den Schlaf
Der Schlaf dient der physischen und psychischen Erholung des Organismus, er
ist kein gleich bleibender Zustand, es werden vielmehr verschiedene Phasen
mit unterschiedlichen Schlaftiefen durchlaufen. Man unterscheidet vier Stadien
der Schlaftiefe, die nach dem Einschlafen nacheinander ablaufen und während
des Schlafes mehrmals durchlaufen werden, auch orthodoxer Schlaf genannt.
Demgegenüber steht der paradoxe Schlaf, der auch als REM-Schlaf (rapid
eye movement) bezeichnet wird und der periodisch in den orthodoxen Schlaf
eingestreut ist, in dem es zu einer erhöhten Stoffwechselaktivität
und Träumen kommt [36]. Lärm während des Schlafes führt
zu objektiv nachweisbaren Veränderungen der Schlaftiefe und einer subjektiven
Verschlechterung der Schlafqualität und stellt daher für Patienten
von Intensivstationen ein bedeutendes Problem dar. Ab Geräuschpegeln
von 60 dB kommt es zu einer im EEG nachweisbaren Verringerung der Schlaftiefe
um mindestens eine Stufe bzw. zum Aufwachen, man bezeichnet diesen Wert auch
als Aufwachschwelle. Bei kranken und älteren Menschen liegt die Aufwachschwelle
sogar um 10 dB niedriger bei 50 dB [37]. Statistisch weckt ein Geräusch
von 35 dB sehr selten, von 40-50 dB in 20-40 % der Fälle, von 50 dB in
50 % und von 70 dB, was z. B. der Alarmlautstärke der meisten medizinischen
Geräte entspricht, fast immer [38]. Neben den akustischen Eigenschaften
eines Geräusches bestimmen auch noch andere Faktoren das Ausmaß
der Schlafstörung. Hierzu gehören wie schon erwähnt das Alter
und der physische wie psychische Gesundheitszustand des Schlafenden. So verlieren
Patienten nach Operationen mit der Herz-Lungen-Maschine ihr normales Schlafmuster
für mehrere Wochen und sind daher besonders anfällig für Geräuschbelastungen.
Weiterhin hängt das Ausmaß der Störung stark vom Informationsgehalt
des Geräusches ab, der bekanntermaßen auf Intensivstationen sehr
hoch ist. Die Folgen der Schlafstörungen durch Lärm für Patienten
auf Intensivstationen sind vielfältig und individuell unterschiedlich.
Für Patienten, die nur einen Tag bzw. eine Nacht auf der Station zur
Überwachung verbringen, steht eher nur die Belästigung im Vordergrund,
während für Langzeitpatienten und beatmete Patienten aus lang andauernder
Schlafstörung oder gar Schlafentzug schwere, gesundheitliche Probleme
resultieren können. Vor allem darf man sich nicht dem Trugschluss ergeben,
dass eine Analgosedierung den Patienten vor Lärmeinfluss ausreichend
schützt, auch sedierte Patienten nehmen Lärm wahr. Lärm führt
zu einer Verlängerung der Einschlafzeit, zu häufigerem Aufwachen
und erschwertem Wiedereinschlafen, es kommt zu einer Verschiebung oder Fehlen
des Tag-Nachtrhythmus. Die Folgen sind unter anderem physische und psychische
Erschöpfung, Tagesmüdigkeit, Aufregung, emotionale Verstimmung und
eine insgesamt höhere Anfälligkeit für Stress. Diese Symptome
können in ein auf Intensivstationen häufig zu beobachtendes Durchgangssyndrom,
im angloamerikanischen Raum auch als ICU- Syndrom oder ICU-Psychosis
bezeichnet (ICU = Intensive Care Unit), mit Halluzinationen und Orientierungsstörungen
münden. Nach Angaben von D. Kahn erleiden ein Drittel der Patienten mit
Schlafentzug eine ICU-Psychose. Eine Studie von M. Topf an gesunden Probanden,
die im Schlaflabor der Geräuschkulisse einer Intensivstation ausgesetzt
waren, zeigt im EEG deutlich weniger REM-Schlafphasen und Abweichungen beim
Wechseln der Schlafphasen. Die Versuchspersonen berichteten über Ein-
und Durchschlafstörungen, einen insgesamt schlechteren und
weniger erholsamen Schlaf [39].
Schlafstörungen beim Intensivpatienten führen zu einer verlängerten
Erholungsdauer und somit auch zu einer verlängerten Verweildauer des
Patienten. Durch die insgesamt höhere Stressanfälligkeit kommt es
zu einer verzögerten Wundheilung und einer verstärkten Schmerzempfindlichkeit,
der Bedarf an Analgetika steigt. Lang andauernde Schlafstörungen führen
zu einer geringeren Ansprechbarkeit des Atemzentrums auf die Blutpartialdrücke
von Kohlendioxid (CO2) und Sauerstoff (O2) sowie einer Erschöpfung der
Inspirationsmuskulatur. Eine Studie von D. White zeigt an gesunden Probanden,
dass nach Schlafentzug von 24 Stunden die Ansprechbarkeit des Atemzentrums
auf CO2 um 25 % und auf O2 um 29 % vermindert ist, die Atemmechanik der Probanden
erwies sich als unverändert. Als Ursache wird die Ausschüttung von
Endorphinen als Folge des Schlafentzuges vermutet, die die Ansprechbarkeit
des Atemzentrums hemmen. Ob diese Veränderung für gesunde Personen
Relevanz besitzt, ist fraglich, für Patienten mit Erkrankungen des Respirationstraktes,
wie z. B. COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung), vermutet der Autor
jedoch durchaus negative Auswirkungen [40]. In einer anderen Studie an
gesunden Probanden wird vermutet, dass nach 30 Stunden ohne Schlaf eine Verminderung
der Muskelkraft der Atemmuskulatur um 24 % eintritt [41]. Unter Berücksichtigung
dieser Ergebnisse liegt die Vermutung nahe, dass die Geräuschkulisse
von Intensivstationen den Zustand von Patienten mit respiratorischen Störungen
verschlechtern kann und dass die Entwöhnung vom Respirator erschwert
und verzögert werden kann.
M. Spreng zeigt stoffwechselbedingte Störungen infolge von Schlafentzug
auf. Zunächst wird die Produktion energiereicher Phosphate gesteigert,
später tritt ein Sparmechanismus in Kraft. Es kommt zu Glukoseverwertungsstörungen,
Verlust von Vitamin B1, Mobilisation von Lipiden aus dem Fettgewebe und einem
Absinken des Eisenspiegels. Die vermehrte Kortisolausschüttung im Rahmen
der allgemeinen Stressreaktion kann zu einer Schwächung des Immunsystems
führen. Die klinische Relevanz dieser Phänomene bleibt jedoch unklar.
Alle aufgeführten Ergebnisse belegen deutlich die schädlichen Auswirkungen
von Lärm auf das Schlafverhalten und die daraus entstehenden Gefahren
für die Patienten von Intensivstationen. Daher ist die Reduzierung der
Geräuschkulisse auf Spitzenpegel von unter 60 dB zumindest während
der Nacht unbedingt anzustreben, um den Patienten einen physiologischen Tag-Nachtrhythmus
zu ermöglichen.
Auswirkungen auf Neu- und Frühgeborene im Inkubator
Die Pflege und Behandlung von Neu- und Frühgeborenen erfordert häufig
den Einsatz von Inkubatoren, da die kleinen Patienten ihren Wärmehaushalt
noch nicht selber regulieren können und damit der Gefahr des Auskühlens
ausgesetzt sind. Für diese Patienten stellt sich eine besondere Form
der Geräuschbelastung dar, da der Geräuschpegel der Intensivstation
weitaus höher liegt als im Uterus der Mutter. Einerseits entsteht durch
den Betrieb des Inkubators ein Arbeitsgeräusch; Lüftung, Sauerstoffzufuhr
und Temperaturzufuhr erzeugen je nach Inkubator einen Geräuschpegel zwischen
55 und 72 dB, dies haben verschiedene Messungen ergeben [42]. Allein durch
dieses Arbeitsgeräusch wird der empfohlene, maximale Schalldruckpegel
von 50 dB im Durchschnitt bzw. 70 dB als Maximum für neonatologische
Intensivstationen kontinuierlich überschritten. Andererseits kommt
es bei pflegerischen und therapeutischen Maßnahmen zu weiteren Pegelspitzen.
Bei Blutabnahmen, beim Absaugen und beim Lagern des Kindes wurde das Hintergrundgeräusch
des Inkubators um 4 dB, beim Waschen des Patienten und bei akustischen Alarmen
sogar um 5 dB überschritten, was mehr als einer Verdoppelung der Geräuschbelastung
entspricht. Zu besonders hohen Pegelspitzen von 110 dB kommt es bei unsanftem
Kontakt mit dem Inkubator, wie z. B. bei abruptem Öffnen oder Schließen
der Inkubatortüren oder bei versehentlichem Anstoßen der Plexiglaskuppel
des Gerätes. Diese stellt nämlich einen geschlossenen Resonanzkörper
dar, in dessen Inneren sich das Kind befindet. Jedes durch Kontakt mit dem
Inkubator hervorgerufene Geräusch wird daher in seinem Inneren um ein
Vielfaches verstärkt. Wie stark Geräusche der Außenwelt im
Inkubator wahrgenommen werden, lässt sich schwer ermitteln, da das Arbeitsgeräusch
des Inkubators die meisten Umweltgeräusche überdeckt.
Die beschriebenen Dauer- und Spitzenpegel haben mannigfaltige Auswirkungen
auf die Kinder. Es kommt zu Schreckreaktionen, Zeichen des heftigen Erschreckens
sind z. B. plötzliches Abspreizen von Fingern, Armen und Beinen, unkoordinierte
Bewegungen des Kindes, Verdrehen der Augen, Schreien und Singultus. Wie erwachsene
Patienten haben auch Neu- und Frühgeborene keine Adaptionsmöglichkeit
an Lärm. Im Rahmen der akustischen Stressbelastung kommt es zu diversen
Störungen im gesamten Organismus des Kindes. Diese können das Herz-Kreislaufsystem
betreffen, es treten Tachykardien oder Bradykardien mit blasser Hautfarbe
oder Zyanose auf. Der Stoffwechsel reagiert mit Störungen der Glukose-
und Eiweißverwertung, im Rahmen von gastrointestinalen Störungen
kommt es zu Erbrechen und Nahrungsunverträglichkeit. Durch die stressbedingte
Muskelanspannungkommt es insgesamt zu einen erhöhten Sauerstoffverbrauch.
Alle genannten Reaktionen führen auf Dauer zu einer Beeinträchtigung
und Verzögerung der Entwicklung der Patienten. Neben diesen vegetativen
Symptomen besteht für Neu- und Frühgeborene die Gefahr der irreversiblen
Gehörschädigung durch Lärm, da der kindliche Gehörapparat
wesentlich empfindlicher als der des Erwachsenen ist. Diese Gefahr potenziert
sich bei der Gabe von ototoxischen Medikamenten wie Aminoglykosiden, bei Hyperbilirubinämie,
Hypoxämie und Sepsis. Da die letztgenannten Therapien, Komplikationen
und Begleiterkrankungen bei Neu- und Frühgeborenen auf Kinderintensivstationen
keine Seltenheit sind, sollte die Möglichkeit der irreversiblen Schädigung
des kindlichen Hörapparates nicht unterschätzt werden. Zur Lärmreduzierung
im Inneren des Inkubators sollten die Geräte regelmäßig kontrolliert
werden, das Dauergeräusch sollte 60 dB nicht überschreiten. Grundsätzlich
darf der Inkubator nicht als Ablage-, Schreib oder Arbeitsfläche verwendet
werden, die Türen sollten immer vorsichtig geöffnet und geschlossen
werden, um die beschriebenen, lauten Spitzenpegel im Inneren des Inkubators
zu vermeiden. Die Reaktionen der Kinder auf Lärm sollten außerdem
sorgfältig beobachtet werden, um für jeden Patienten die individuelle
Geräuschempfindlichkeit zu ermitteln und zu dokumentieren.
Psychologische Lärmwirkungen
Hohe Geräuschpegel auf Intensivstationen haben vielfältige psychologische
Auswirkungen auf Patienten und Pflegepersonal, da Lärm ein bedeutender
Stressfaktor ist. Stress kann als ein Missverhältnis zwischen Umwelteinflüssen
und den individuellen Bewältigungsressourcen einer Person bezeichnet
werden. Ein objektives Ereignis führt zu einer subjektiven, psychischen
Reaktion. Übersteigen die als schädlich empfundenen, äußeren
Einflüsse die individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, kommt
es zu Stress. Die physiologische Reaktion ist die Ausschüttung von
Stresshormonen wie Katecholaminen und Kortisol mit den erwähnten Folgen.
In Anbetracht der hohen, kontinuierlichen Geräuschbelastung auf
Intensivstationen kann man von lärmbedingtem, subjektivem Stress für
Patienten und Personal sprechen, der individuell sehr unterschiedlich empfunden
werden kann. Nach einer Definition von M. Topf resultiert akustischer Stress
nicht in erster Linie aus objektivierbar hohen Lärmpegeln, sondern aus
der Belästigung und Verärgerung über unvorhersehbare und unkontrollierbare
Geräusche. Lärm wird als lästig empfunden, weil er in vielen
Situationen eine Störung darstellt. Er behindert den Schlaf, kann aber
auch die Kommunikation, die Arbeits- bzw. Leistungsfähigkeit und die
Konzentration bei geistigen Tätigkeiten enorm einschränken. Die
verbale Kommunikation wird durch hohe Geräuschpegel eingeschränkt,
da die Lautstärke der Sprache 15 dB über der des Hintergrundgeräusches
liegen muss, um verstanden zu werden. Hohe Hintergrundgeräusche machen
daher lautes Sprechen notwendig, was an sich schon als Belastung verstanden
werden kann.
Eine hohe Geräuschbelastung stört die Konzentration bei geistigen
Tätigkeiten, da das Gehirn viele unerwünschte Informationen herausfiltern
muss. Das Kurzzeitgedächtnis und die schnelle Verarbeitung verbaler Informationen
werden behindert. Unregelmäßig erscheinende, nicht vorhersehbare
akustische Alarmsignale können zu einer eingeschränkten Problemlösungsfähigkeit
und einer erniedrigten Frustrationsschwelle führen. Lärm führt
zu Verärgerung, wenn aufgrund eines Geräusches eine Tätigkeit
nicht ausgeführt werden kann, bzw. wenn das Geräusch vermeidbar
gewesen wäre [43], so z. B. ein Fehlalarm eines Überwachungsmonitors,
der eine Pflegekraft bei einer Tätigkeit unterbricht. Eine Leistungsminderung
durch Lärm tritt besonders bei anspruchsvollen, länger dauernden
Tätigkeiten unter Zeitdruck ein. Eine geringe Qualifikation einerseits
und ein hohes Verantwortungsbewusstsein andererseits sowie eine insgesamt
hohe Arbeitsbelastung, Anspannung und Ermüdung machen eine Person für
lärmbedingten Stress besonders anfällig. Das Ausmaß der Belästigung
durch Lärm ist des Weiteren vom Gesundheitszustand und der Gesamtbelastung
der Person abhängig [44]. Verdeutlicht man sich die Arbeitssituation
auf Intensivstationen, kann man davon ausgehen, dass besonders in diesem Bereich
Mitarbeiter durch lärmbedingten Stress betroffen sind.
Burnout-Syndrom
Das Burnout-Syndrom mit Symptomen wie emotionaler Erschöpfung, Depersonalisation,
verminderter persönlicher Leistungsfähigkeit und psychosomatischen
Erscheinungen wie Nervosität, Gereiztheit, Kopfschmerzen und allgemeiner
Müdigkeit ist bei Personal, das über einen langen Zeitraum auf Intensivstationen
gearbeitet hat, verhältnismäßig häufig anzutreffen. Eine
Studie von M. Topf untersucht, ob die akustische Stressbelastung auf Intensivstationen
das Entstehen von Burnout beschleunigt oder begünstigt. Die Ursachen
zur Entstehung von Burnout sind vielschichtig und bestehen unter anderem aus
arbeitsbedingten Stressfaktoren wie interpersonalen Konflikten, ethischen
Problemen, der Konfrontation mit Tod und Sterben, Schwierigkeiten mit der
Leitung und Hierarchie des Krankenhausbetriebes, unzureichender Qualifikation,
einer hohen Arbeitsbelastung, Frustration und dem Verlust von Idealen, sowie
Stressfaktoren durch Ereignisse im privaten Leben wie Ehescheidung, Hochzeit,
Wohnungs- oder Arbeitsplatzwechsel oder dem Verlust von Angehörigen.
M. Topf vermutet einen Zusammenhang zwischen genannten Ursachen und der Lärmbelastung
auf Intensivstationen sowie einer individuell unterschiedlich stark ausgeprägten
Geräuschempfindlichkeit, die besagt, dass besonders lärmempfindliche
Personen bei Geräuschen schneller aufwachen oder bei Hintergrundgeräuschen
mehr Schwierigkeiten haben, sich zu entspannen. Als Ergebnis stellte M. Topf
fest, dass tatsächlich ein positiver Zusammenhang zwischen Burnout und
psychosomatischen Symptomen unter akustischer Lärmbelastung auf Intensivstationen
besteht. Viele Mitarbeiter, die an der Studie teilnahmen, litten unter lärmbedingten
Kopfschmerzen, hier waren besonders lärmempfindliche Personen betroffen.
Des Weiteren stellte die Autorin fest, dass es unter höheren akustischen
Stressbelastungen auch zu einer häufigeren Ausprägung des Burnout-Syndroms
kommt, und zwar unabhängig von der individuellen Lärmempfindlichkeit
[45].
Durchgangssyndrom
Durch lärmbedingte Schlafstörungen können psychische Reaktionen
wie Gereiztheit, Aggressivität, Orientierungsverlust und Halluzinationen
bei manchen Patienten auf Intensivstationen beobachtet werden. Nicht nur der
Schlafmangel, sondern allein schon die ungewohnte Geräuschkulisse an
sich kann solche Symptome hervorrufen. Patienten einer Intensivstation erfahren
eine kontinuierliche, quantitative Reizüberflutung in Form von akustischen
und visuellen Reizen, wie Lärm und zum Teil dauerhafte Beleuchtung. Der
Informationsgehalt dieser Sinneseindrücke ist jedoch sehr monoton und
im Vergleich zu den Reizen, die ein gesunder Mensch im Alltagsleben aufnimmt,
sehr gering. Des Weiteren ist der Intensivpatient nicht in der Lage, sich
unangenehmen Reizen zu entziehen, er ist z. B. von Geräuschen verschiedener
Lautstärke, Frequenz und Zeitdauer umgeben, die er überhaupt nicht
beeinflussen kann. Er empfindet sie als störend, erschreckend und verwirrend
und kann ihnen keine Bedeutung zuordnen. Andere Sinneseindrücke wie der
Tast-, der Geruchs- oder Geschmackssinn sind durch Immobilität und Nahrungskarenz
stark eingeschränkt oder durch Intubation oder Tracheotomie völlig
ausgeschaltet, so dass dem Patienten von dieser Seite ein wichtiger, ihm vertrauter
sensorischer Input verloren geht. Daher leiden die Patienten einerseits unter
einer kontinuierlichen, quantitativen Reizüberflutung, erfahren
andererseits aber eine qualitative Verarmung der Sinneseindrücke.
Die Ausgewogenheit der Sinneswahrnehmung ist gestört, zusätzliche
Faktoren wie Medikamente mit bewusstseinsverändernder Wirkung wie Sedativa,
Analgetika oder Psychopharmaka, die unpersönliche Umgebung der Station,
die soziale Isolation, ein gestörter Tag-Nachtrhythmus und eine verminderte
Kommunikation führen zu einer Störung des psychischen Gleichgewichts
des Patienten. Diese Situation führt bei vielen Patienten zu Reaktionen
wie eingeschränkter Denkfähigkeit, Angst oder Panik, Halluzinationen,
Aggressivität, psychotischen Zuständen wie Paranoia und Depressionen,
Verlust des Realitätsbezuges und Orientierungsstörungen. Der Lärm
von Intensivstationen trägt zur Entwicklung dieser Zustände in hohem
Maße bei [46][47][48].
Soziale Lärmwirkungen
Hohe Geräuschpegel haben Auswirkungen auf die interpersonalen Beziehungen
von Personen und Personengruppen. Durch die bereits erwähnte Erschwerung
der verbalen Kommunikation durch Lärm kommt es zu einer Verkürzung
der Redeweise auf das Notwendigste und einer Verstärkung von Gestik und
Mimik [49]. Störgeräusche ab 45 dB führen zu einer lauteren
Sprechweise, ab 65 dB ist eine laute Sprechweise notwendig, um das Hintergrundgeräusch
zu überdecken. Dieses laute Sprechen kann schon an sich wiederum als
Lärmbelästigung empfunden werden und erhöht den Gesamtlärm.
Um eine entspannte Kommunikation zu gewährleisten, dürfen Geräuschpegel
von 40 dB nicht überschritten werden [50]. Die genannten Pegel werden
auf Intensivstationen häufig überschritten, so dass die erschwerte
Kommunikation für Personal und auch Patienten ein Problem darstellt.
G. W. Grumet nennt als Folgen des Dauerlärms auf Intensivstationen lautes
und knappes Sprechen, lautes Rufen über den Stationsflur, um Wege zu
vermeiden, Sprachverarmung und einen insgesamt kurzen und oberflächlichen
Kontakt zum Patienten. Lärm führt zu einer Einschränkung des
Hilfeverhaltens, denn er führt zu einer Bündelung der Aufmerksamkeit
auf die Quelle der Geräuschbelästigung. Insgesamt wird die Wahrnehmung
eingeschränkt, wodurch eventuell vorhandene Hilfsbedürftigkeit übersehen
wird. Als wichtigste Voraussetzung für altruistisches Verhalten gilt
das Erkennen von Hilfsbedürftigkeit; diese Fähigkeit wird unter
Stress und somit auch durch Lärm, unter Zeitdruck und bei einer negativen
emotionalen Verfassung eingeschränkt [51][52]. In Bezug auf das Hilfeverhalten
von Personal auf Intensivstationen führt W. G. Grumet weniger Fürsorge
und eine verringerte Hilfsbereitschaft, die Vereinfachung sozialer Beziehungen,
entmutigendes und unfreundliches Verhalten, ein verringertes soziales Engagement
und Nichtbeachten der Patientenschelle als Folgen der hohen akustischen Belastung.
Teil II erscheint in Kürze
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Mit freundlicher Genehmigung der Georg Thieme Verlag KG Stuttgart - New York. Alle Rechte vorbehalten.
Die Autoren:
Daniel Schrader
Neurochirurgische Intensivstation, Universitätsklinik Düsseldorf
Nicole Schrader
Chirurgische Intensivstation, Universitätsklinik Düsseldorf
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für Anästhesie- & Intensivpflege.
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