Rente mit 67: Alten-Pflege
Redaktion zwai
Ein Beitrag zum 01. April 2007
Der Deutsche Bundestag hat am 9. März die Rente mit 67 beschlossen. Beruflich
Pflegende sind empört und können sich kaum vorstellen, bis zu diesem
Alter ihren Dienst verrichten zu müssen.
Wie könnte der Alltag 2029,
wenn diese Regelung für alle ab 1964 Geborenen greift, aussehen? Im Camillo-de-Lellis-Krankenhaus
in Faltow, Vorpommern, lässt es sich erahnen.
Der DBfK, größter deutscher Pflegeberufsverband, bedauert die Entscheidung
des Bundestages und lehnt die Erhöhung des Renteneintrittsalters weiterhin
ab.
Franz Wagner, Bundesgeschäftsführer des DBfK: „Wir
brauchen aber auch einen Paradigmenwechsel bei Arbeitgebern und Kollegen: Ältere
Mitarbeiter/innen müssen als Ressource erkannt werden, nicht als Belastung.“
Doch im Camillo-de-Lellis-Krankenhaus Faltow hat man den Begriff „Altenpflege“ bereits
neu definiert. In dem 168-Betten-Haus ist Personalfluktuation ein Fremdwort.
Auch hier wird Personal abgebaut, indem frei werdende Stellen einfach nicht
mehr neu besetzt werden. Junge Leute zieht es sowieso mehr in die großen
Städte des Westens.
Der Altersdurchschnitt der Mitarbeiter im Pflegedienst
beträgt 48,6 Jahre, knapp 20 Prozent sind bereits über 60. Im Volksmund
wird die Klinik schon liebevoll „Greiskrankenhaus“ genannt.

Nicht das Problem, sondern die Lösung: Pflege 50+
Diplom-Pflegewirtin (FH) Vera Hueten (28) Pflegedienstleitung des Camillo-de-Lellis-Krankenhauses,
stellt sich der Situation und hat die Arbeitsbedingungen teilweise schon altersgerecht
angepasst:
„Wir haben eine Station als Pilotprojekt eingerichtet, unsere 'Silver
Care Unit' - die SCU. Dazu haben wir gezielt Leute im Alter von um die 50 Jahre angesprochen.
Die Station ist dafür geeignet, weil hier hauptsächlich junge und
im Wesentlichen selbständige Patienten versorgt werden. Während die
sich zum Beispiel morgens selbst waschen und ihre Betten machen, erledigt das
Team dann die gesamte Vorbereitung der Medikamente und so weiter. Diese Aufgabe
ist nicht so einseitig in der körperlichen Belastung, aber geistig ziemlich
anspruchsvoll - also gut geeignet für erfahrene Mitarbeiter.“

"Silver Care"-Macherin Hueten: Pflegedienstleitung am "Camillo-de-Lellis" und seit 2004 federführende Herausgeberin der Fachzeitschrift "gero - das magazin für alte, die nicht von gestern sind"
Die Silberschwestern selbst sehen ihre Stärken auch ganz selbstbewusst.
Gisela Jungmann (48), seit 2005 im Haus und immer noch „die Neue“: „Die älteren
Kollegen haben ja auch schon alle so ihre Zipperlein. Da kann man viel verständnisvoller
auf die Gebrechen der Patienten eingehen als die frischen Hüpfer von der
Krankenpflegeschule.“
Generationen im Dialog
Die Patienten sehen das ähnlich, darunter auffallend viele junge Leute
aus dem örtlichen Sport-Internat und der Zivildienst-Akademie. Der 19-Jährige
Jastin-Mario: „Gut, in der Klinik wo ich Zivi mache, genießt
man natürlich die jungen Schwestern. Aber hier, als Patient, vertraue
ich den älteren Pflegern und Schwestern. Die strahlen so eine Weisheit
aus, wie meine Großeltern.“ Da stört es ihn auch nicht,
wenn es mal länger dauert, bis Pfleger Gero Strokmann (63) zur Klingel
kommt. Für seine Gehbehinderung infolge eines Schlaganfalls vor drei Jahren
hat hier jeder Verständnis.
Auch in anderen Abteilungen werden gern ältere Mitarbeiter eingesetzt.
Nicht in der Grundpflege, aber durchaus in den technisierten Bereichen, also
in der Anästhesie oder auf der Intensivstation. Da wurde beispielsweise
ein Sitzarbeitsplatz eingerichtet. Von dort wird der Zentralmonitor überwacht,
Telefonate werden erledigt und der Besuchereinlass gesteuert. Auch für
administrative Aufgaben werden Personen über 60 eingesetzt. Etwa als Stationsleitungen,
die ja sowieso überwiegend im Büro sitzen.
PDL Hueten auf die Frage, ob es in Zukunft mehr Möglichkeiten gibt, auch über
60-Jährige einzusetzen: „Es wird uns sicher nicht gelingen,
das für alle zu ermöglichen.
Aber ich will Ihnen Beispiele nennen, wo wir Wege sehen. Wir haben neue Pflegewagen
mit Leichtlaufrollen. Auch Pflegebetten, Lifter und andere Hilfsmittel werden
immer komfortabler. Waschschüsseln, die ja ganz schön was wiegen,
wenn sie mit Wasser gefüllt sind, haben wir komplett abgeschafft. Unsere
nicht selbständigen Patienten werden einfach mit Feuchttüchern gewaschen.
Bettlaken aus synthetischen Mikrofasern, wie sie ja schon heute bei bestimmten
Spezialbetten verwendet werden, sind abwaschbar und müssen nicht so häufig
gewechselt werden.“
 Nicht ohne Stolz präsentiert Vera Hueten die Fehlzeitenstatistik der SCU: "Krank im frei" und "Frei trotz krank" sind hier unbekannt. |
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Nicht zuletzt die Krankheitstage ihrer Mitarbeiter geben Huetens Konzept recht.
"Alt bedeutet nicht automatisch krank." erklärt sie mit Blick auf
die Fehlzeiten- statistik.
"Und für allen Eventualitäten sind wir immer noch ein leistungsstarkes Krankenhaus mit leistungsstarken Medikamentenschränken, Sie wissen schon ..." deutet Hueten die tragende Säule des SCU-Konzepts an. |

Die Zukunft ist alt.
Aber auch die Medizintechnik ist gefordert, auf die sich wandelnden Bedürfnisse
der Pflegenden einzustellen. Nicht ohne Grund bevorzugen die Anästhesiepfleger
in Faltow ihr altes Sulla-Narkosegerät. Vermeintlich modernere Geräte
mit ihren kleinen Tasten, schlecht lesbaren Displays, verwirrenden Menus und
einer unüberschaubaren Anzahl von Einstellmöglichkeiten sind nicht
benutzerfreundlich.
Das Beispiel Faltow zeigt, dass Pflegende bis zum Rentenalter vorbildlich
integriert werden können. Schwestern und Pfleger haben hier auch nach
teilweise 40 Berufsjahren noch Freude an der Arbeit. Selbst ihre Freizeit verbringen
sie oft zusammen beim Betriebs-Bingo, jeden Dienstag und Freitag in der ehemaligen
Krankenpflegeschule.
Über die Zukunft des SCU-Projekts braucht sich Vera Hueten jedenfalls keine Sorgen zu machen: beinah wöchentlich landen neue Versetzungsanträge auf ihrem Schreibtisch.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um Satire. Die Handlung ist frei erfunden. Sämtliche Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind bestenfalls zufällig.
Bildquellen:
Abb.1: KimC, aboutpixel.de /
Archiv zwai.
Abb. 2: goenz, aboutpixel.de /
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Plakat "gero": Titanic-Magazin
Abb. 3: Archiv zwai
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(01.04.2007)
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