Impressum - Kontakt
Amazon.de
 
   
      Intensivpflege | IntensivmedizinBeatmungzwaitbuch | Linkliste  
zwai Home : Intensiv : Journal : Intensivpflege : Was Sie schon immer ueber Thoraxdrainagen wissen wollten
 


erschienen in der intensiv, Fachzeitschrift für Intensivpflege und Anästhesie, Georg Thieme Verlag (intensiv 2002; 10: 154-160)

Was Sie schon immer über Thoraxdrainagen wissen wollten ...

Barbara Kuhlmann

Was Sie schon immer über Thoraxdrainagen wissen wollten ...

Patienten mit Thoraxdrainagen gehören auf vielen Intensivstationen zum täglichen Erscheinungsbild. Auch wenn die meisten Pflegenden so ungefähr wissen, wie Thoraxdrainagen funktionieren und worauf zu achten ist, ranken sich doch viele Gerüchte um diese Drainagesysteme und es gibt immer wieder Missverständnisse.

Thoraxdrainagen entwickelten sich vom Einflaschensystem (Unterwasserschloss und Sekretkammer gleichzeitig) hin zum Dreiflaschensystem (mit aktiver Saugung). Die Funktionsweise der heutzutage häufigsten Einwegsysteme Pleur-evac® und Sentinal Seal® ist an das Dreiflaschensystem angelehnt, wobei beim Sentinal-Seal®-System je-doch die Saugkontrollflasche durch ein Sogreduzierventil ersetzt wurde und ein zusätzliches U-Manometer das Ab-lesen der intrapleuralen Drücke ermöglicht. Beide Systeme besitzen Sicherheitsventile (Positivitätsventil, Negativ- itätsventil, Hochnegativitäts- bzw. Belüftungsventil).

Thoraxdrainagen werden zum Transport nicht abgeklemmt, wenn ein Unterwasserschloss vorhanden ist. Selbst ein erneuter Pneumothorax ist nicht so gefährlich wie ein Spannungspneumothorax. Der Unterdruck bleibt bei unterbrochener Saugung unterschiedlich lange erhalten - ab-hängig davon, ob die Drainage noch fördert. Ist der Unterdruck stärker als erwünscht, muss das System mit dem Hochnegativitätsventil belüftet werden, damit der Unterdruck vermindert werden kann.


Einleitung

„Wie lange hält noch mal der Sog?”, „Muss ich jetzt abklemmen?”, „Warum sollen die Schläuche nicht in einer großen Schlinge am Bett durchhängen?”, „Wofür genau sind eigentlich die Ventile?”, „Welche Ventile”, „Muss es nicht stärker blubbern?”.

Dies sind einige Fragen, wie sie so oder ähnlich vermutlich viele Pflegende im Zusammenhang mit Thoraxdrainagen kennen. Man weiß, warum es Thoraxdrainagen gibt, man kann das Flaschensystem zusammenbauen (oder ist froh, wenn es ein Kollege macht) und die verschiedenen Kammern der Fertigsysteme füllen - aber verstanden? Unterdruck, Sog, Unterwasserschloss, Überdruck - und Negativitätsventile: Wissen alle, wie das funktioniert? Viele sind froh, wenn alles irgendwie klappt, aber warum und wieso?

Im Zusammenhang mit Thoraxdrainagen halten sich hartnäckig viele Rituale, Mythen und Missverständnisse. Zum Teil finden sich selbst in Pflegefachbüchern Informationen, die man leider schlichtweg als „falsch” bezeichnen muss. So wird z. B. sowohl in dem Buch „Klinikleitfaden Intensivpflege” [1] als auch in dem Buch „atmen” [2] behauptet, dass bei den Einmalsystemen der Sog beim Transport bis zu 2 Stunden erhalten bliebe. Oder im Klinikleitfaden Intensivpflege wird das Einweg-Dreiflaschensystem Pleur-evac® vorgestellt, aber die Abbildung zeigt das Sentinal-Seal®-System, was jedoch anders funktioniert.

Aus diesem Grund wird im Folgenden die Entwicklung der Thoraxdrainagen dargestellt (vom Einflaschensystem zum klassischen Dreiflaschensystem) und dann werden die beiden in Deutschland gebräuchlichsten Einwegsysteme - nämlich Pleur-evac® und Sentinal Seal® - kurz vorgestellt. Im zweiten Teil dieser Arbeit werden anschließend die häufigsten Mythen oder Missverständnisse aufgegriffen und korrigiert.

Thoraxdrainagen haben viel mit physikalischen Gesetzen zu tun und das macht es an einigen Stellen vielleicht auf den ersten Blick kompliziert. Andererseits: Wenn man erst einmal die wichtigsten Prinzipien verstanden hat, ist der Rest ganz einfach.

Diesen Artikel
ausdrucken ... Über diesen Artikel
diskutieren ... Diesen Artikel
weiterempfehlen ...

Die geschichtliche Entwicklung der Thoraxdrainagen [3, 4]

Das Ziel einer jeden Thoraxdrainage ist die Ableitung von Luft- und/oder Flüssigkeitsansammlungen aus dem Pleuraraum und die dauerhafte Wiederherstellung eines negativen Intrapleuraldruckes von ca. -4 cm H2O in der Ausatmung und ca. -8 cm H2O in der Einatmung [3, 5].

Das Einflaschensystem

Das erste und einfachste Thoraxdrainagesystem bestand aus einer Flasche. Ziel war es, sowohl Luft als auch Sekret aus dem Pleuraspalt zu entfernen, aber zu verhindern, dass die Luft wieder zurück in den Pleuraspalt kommt. Man benötigte also ein Einwegventil und konstruierte dieses in Form eines Unterwasserschlosses (Abb. [1]). Ein spontan atmender Patient kann in der Exspiration Luft aus dem Pleuraspalt durch das Unterwasserschloss „drücken”, aber die Luft kann nicht wieder zurück (bei beatmeten Patienten geschieht dies dann entsprechend in der Inspiration). Die Luft entweicht über eine zusätzliche Öffnung aus der Flasche.



Abb. 1 Unterwasserschlossprinzip [4]

Dieses Unterwasserschlossprinzip findet sich bei fast allen heutigen Thoraxdrainagesystemen als Sicherheit, um ein Zurückströmen von Luft zu verhindern, und beträgt in der Regel + 2 cm, d. h., das in das Wasser führende Steigrohr bleibt 2 cm im Wasser eingetaucht. Durch die Atemmechanik steigt oder fällt der Flüssigkeitsstand im Steigrohr und stellt somit einen Indikator für den Unterdruck im Pleuraspalt dar (Abb. [2]).



Abb. 2 Unterwasserschlossprinzip bei Inspiration [7]

Gleichzeitig dient diese Flasche aber auch als Sekretsammelkammer. Ist die Flasche unterhalb des Thoraxniveaus platziert, kann die Schwerkraft wirken und Flüssigkeit drainiert werden. Der steigende Flüssigkeitsspiegel in der Flasche bzw. in dem Steigrohr stellt dann jedoch einen wachsenden Widerstand dar, so dass das Steigrohr immer zurückgezogen werden müsste. Deshalb hat man Unterwasserschloss und Sekretsammelkammer getrennt.

Das Zweiflaschensystem

Die Sekretsammelflasche fängt das drainierte Sekret auf und die Luft entweicht über das Unterwasserschloss (Abb. [3]). Die Drainage von Flüssigkeit ist möglich, ohne die Atemarbeit des Patienten zu erschweren bzw. die Eintauchtiefe des Steigrohres korrigieren zu müssen. Da das Sekret nur aufgrund der Schwerkraft abfließen kann, muss auch dieses System unterhalb des Patientenbrustkorbs angebracht werden.



Abb. 3 Das Zweiflaschensystem (Schwerkraftdrainage) [4]

 
Das Dreiflaschensystem

Beim Dreiflaschensystem wird aktiv gesaugt. Da es mit den in Krankenhäusern üblichen Saugquellen (Vakuumanschluss, Druckumwandler) in der Regel nicht möglich ist, den Sog zu regulieren und zu begrenzen, benötigt man hierfür eine dritte Flasche, die so genannte Saugkontrollflasche (Abb. [4]).



Abb. 4 Das Dreiflaschensystem [4]

Die Flasche wird mit Wasser gefüllt und enthält ein Steigrohr, das zur Atmosphäre offen ist. Gleichzeitig wird die Sogquelle (Vakuum oder Druckumwandler) angeschlossen. Der eigentliche Sog wird über die Eintauchtiefe des Steigrohrs bzw. die Höhe der Wassersäule reguliert: Ist kein Sog angestellt, ist der Wasserstand in dem Steigrohr und in der Flasche gleich hoch. Sorgt man jetzt über die aktive Sogquelle für Unterdruck in der dritten Flasche, wird der Wasserpegel in dem Steigrohr mit zunehmenden Sogstärke nach unten gezogen. Übersteigt der an der Sogquelle eingestellte Sog den mit dem Steigrohr eingestellten gewünschten Sog (z. B. -15 cm H2O), wird Luft durch das Steigrohr angesaugt und das System belüftet sich selbsttätig. So bleibt der Sog konstant und wird nach oben begrenzt. Je höher die aktive Sogquelle eingestellt wird und damit die gewünschte Soghöhe überschreitet, desto stärker blubbert es in der Saugkontrollflasche (desto mehr atmosphärische Luft wird angesaugt), aber der Sog auf den Pleuraspalt wird konstant gehalten. Sprudeln in der dritten Flasche bedeutet also lediglich, dass das gewünschte Saugniveau erreicht ist.

In dem klassischen Dreiflaschensystem ist die Tiefe des Rohres in der Saugkontrollkammer das Regelelement (je tiefer im Wasser, desto stärker der Sog). An dieser Stelle sei folgender Hinweis eingefügt: Ein in der Saugkontrollflasche eingestellter Sog von -15 cm H2O muss - bevor der Sog im Pleuraspalt ankommt - zuerst ja noch + 2 cm H2O im Steigrohr des Unterwasserschlosses überwinden. So kommen also bei dem Patienten letztlich „nur” -13 cm H2O-Sog an.
 
Einwegsysteme

Die sicherlich häufigsten Einwegsysteme in Deutschland sind das Pleur-evac®System und das Sentinal-Seal®-System.

Beide Systeme besitzen eine Sekretsammelkammer und ein Unterwasserschloss. Das Arbeitsprinzip der Saugung ist unterschiedlich. Als Erweiterung zum herkömmlichen Dreiflaschensystem bieten diese Systeme zusätzliche Sicherheitsventile.

Das Pleur-evac®-System [3, 5]


Diese Thoraxdrainageeinheit gibt es seit ca. 1980 [3] und sie hat die Funktionsweise des Dreiflaschensystems übernommen. Zusätzlich ist diese Einheit mit mehreren Sicherheitsventilen ausgestattet und ermöglicht das genaue Ablesen der tatsächlichen intrapleuralen Drücke.



Abb. 5 Vergleich Dreiflaschensystem -Pleur-evac®-System [3]

Anders als beim klassischen Dreiflaschensystem wird beim Pleur-evac®-System der Sog nicht über ein verschiebbares Steigrohr eingestellt, sondern über die Wasserhöhe (das Prinzip bleibt dasselbe).

Das Unterwasserschloss dient auch hier als Einwegventil, um ein Zurückströmen von Luft in den Pleuraspalt zu verhindern. Im Unterwasserschloss steigt die Luft auf, die aus dem Pleuraspalt entweicht. Nicht enden wollendes „Blubbern” im Unterwasserschloss deutet auf eine Fistel oder eine Undichtigkeit in den Schlauchverbindungen hin. Zusätzlich dient das Steigrohr im Unterwasserschloss als Manometer (in cm) so dass an diesem Steigrohr der Unterdruck abgelesen werden kann, wenn:

1. der intrapleurale Druck negativer wird als der aktiv eingestellte Sog (der aktive Sog und der Unterdruck im Unterwasserschlosssteigrohr werden addiert und ergeben den tatsächlichen Unterdruck im Pleuraspalt). Beispiel: Der eingestellte Sog beträgt -20 cm H2O. Jemand „melkt” den Drainageschlauch, um ihn durchgängig zu halten. Hierbei kann ein zusätzlicher Unterdruck entstehen, der sich zu dem bereits vorhandenen Sog hinzuaddiert, beispielsweise -5 cm H2O. Der Unterdruck im Pleuraspalt beträgt dann -20 + -5 = -25 cm H2O (Abb. [6]).



Abb. 6 Erhöhter Unterdruck

2. der aktive Sog ausgestellt bzw. getrennt wird - im Steigrohr des Unterwasserschlosses zieht sich die Wassersäule hoch, die dem intrapleuralen Unterdruck in genau diesem Moment entspricht.

 

Die Sicherheitsventile [3, 5, 6]


Positivitätsentlastungsventil


Bei Entstehung von positivem Druck öffnet sich automatisch ein Entlastungsventil. Hauptursachen von positivem Druck sind Husten des Patienten, Versagen der Sogquelle, Abknicken der Verbindung zwischen Drainagesystem und aktiver Saugung oder das fälschliche Abklemmen des Sauganschlussschlauches (Verbindung zwischen Saugkontrollflasche/-kammer und Sogquelle) zum Transport. Kann Luft nicht aus dem Pleuraspalt und dem System entweichen, kommt es zur Druckerhöhung im Pleuraraum und nachfolgend zum Spannungspneumothorax. Um dieser Gefahr vorzubeugen, wird das System immer dann entlüftet, wenn der Intrapleuraldruck die im Unterwasserschloss vorgegebene Flüssigkeitssäule von + 2 cm H2O übersteigt.

Negativitätsventil

Das Negativitätsventil ist ein Schwimmerventil, das das Wasserschloss bei hoher Negativität (z. B. tiefe Einatmung vor starkem Husten oder erschwerte Einatmung bei Verengung der oberen Atemwege) sichert. Das Wasserschlosswasser kann nicht in die Sammelkammer gezogen und das Wasserschloss „aufgebrochen” und damit inaktiv werden.

Belüftungsventil = Hochnegativitätsentlastungsventil

Ist der Unterdruck im Pleuraspalt zu hoch, kann mit diesem Ventil der zu hohe Unterdruck abgeschwächt werden. Durch Drücken des Ventils strömt Luft in das System, das System wird belüftet und der negative Druck abgebaut. Dieses Ventil befindet sich immer in der Sammelkammer, weil ja der Unterdruck reduziert werden soll, der (vom Patienten aus gesehen) vor dem Unterwasserschloss existiert.

 

Das Sentinal-Seal®-System [3]

Auch das Sentinal-Seal®-System beinhaltet eine Sekretsammelkammer und ein Unterwasserschloss, aber bei diesem System wurde die Saugkontrollkammer durch einen mechanischen Regler ersetzt.



Abb. 7 Vergleich Dreiflaschensystem - Sentinal-Seal®-System [4]

Dieser Regler, das so genannte Sogreduzierventil, reduziert den Sog der Sogquelle auf das gewünschte Niveau. Somit entfällt das „Blubbern” der Saugkontrollflasche. Um jedoch ablesen zu können, wie der Unterdruck bei dem Patienten ist, wurde eine zusätzliche Komponente hinzugefügt: das U-Rohr.



Abb. 8 Das U-Rohr-Prinzip [7]

Es dient als Manometer und zeigt jederzeit den Unterdruck an, der den Patienten tatsächlich erreicht.

Die Sicherheitsventile sind beim Sentinal-Seal®-System genauso wie beim Pleur-evac®-System.



Mythen und Missverständnisse

Mythen und Missverständnisse

Bei den folgenden, fett gedruckten Sätzen handelt es sich um Missverständnisse, Mythen, Unsicherheiten oder Fragen. Die Richtigstellung bzw. Antwort erfolgt jeweils direkt im Anschluss.

Mythos: „Beim Einmalsystem: Sog bleibt bis zu 2 Stunden erhalten.” [1] „Die heute handelsüblichen Ableitungsbehälter besitzen eine über längere Zeit anhaltende, integrierte Saugwirkung auch nach Abkopplung vom Vakuum-Wandanschluss durch einen Ventilmechanismus.” [2]


Dies ist wohl das häufigste Missverständnis im Zusammenhang mit den Einwegsystemen wie Pleur-evac® und Sentinal Seal® und in Fortbildungsveranstaltungen zeigt sich, dass es sich von Norddeutschland bis Süddeutschland sehr hartnäckig hält (was auch kein Wunder ist, wenn es sogar in Büchern veröffentlicht wird). Wie ist es aber nun tatsächlich?

In dem Moment, in dem man den aktiven Sog unterbricht (ausstellt) und von dem Drainagesystem trennt (Sauganschlussschlauch bleibt zur Atmosphäre offen), besteht im Pleuraspalt der zuvor erzeugte Unterdruck. Dieser Unterdruck zieht nun die Wassersäule im Steigrohr des Unterwasserschlosses nach oben - und kann entsprechend in cm H2O abgelesen werden. Beim Sentinal-Seal®-System steigt diese Säule natürlich ebenfalls hoch, aber das Ablesen erfolgt bei diesem System einzig über das U-Rohr-Manometer!

Das Wasserschloss verhindert das Zurückströmen von Luft in den Pleuraspalt, d. h., zur Atmosphäre ist das System dicht. Wenn nun auch im Pleuraspalt keine Luft und keine Flüssigkeit mehr vorhanden sind, dann kann keine positive Luft oder Flüssigkeit diesen Unterdruck verringern und letztendlich aufheben. Man hat ein geschlossenes, dichtes Unterdrucksystem. Und ein geschlossenes Unterdrucksystem bleibt unbegrenzt bestehen - Stunden, Tage.

Falls aber die Drainage noch fördert, wird der Unterdruck weniger und irgendwann ist kein Unterdruck mehr vorhanden und der Patient hat nun eine reine Schwerkraftdrainage. Wie schnell der Unterdruck „weg” ist, hängt davon ab, wie viel Luft und Sekret noch gefördert werden. Es kann also sein, dass der Unterdruck innerhalb von Sekunden/Minuten aufgehoben ist, es kann aber auch Stunden dauern.

Kein System besitzt eine integrierte Saugwirkung - es ist immer der Sog, der zuvor aufgebaut wurde.

Liegt die Drainage im Pleuraspalt, muss der Wasserpegel im Unterwasserschlosssteigrohr mit der Atmung des Patienten steigen und fallen, weil sich jede Druckveränderung im Pleuraspalt in dieser Säule widerspiegelt. Bei beatmeten Patienten kann ein PEEP diese Schwankungen dämpfen. Ebenso können diese Bewegungen fehlen, wenn die Lunge nicht vollständig entfaltet ist oder aber der Drainageschlauch blockiert oder abgeknickt ist.

Mythos: „Eine Thoraxdrainage muss immer an Sog angeschlossen sein, sonst droht ein erneuter Pneumothorax.” [2]

Ist kein aktiver Sog angeschlossen und die Drainage kann den Unterdruck nicht halten, weil weiterhin Luft oder Sekret aus dem Pleuraspalt entweicht, so vollzieht sich lediglich ein Übergang von aktiver zu passiver Saugung. Auch jetzt kann der Patient risikolos transportiert werden, weil das System als Schwerkraftdrainage funktioniert und das Unterwasserschloss nach wie vor ein rückläufiges Eindringen von Außenluft in den Pleuraraum verhindert. Ein erneuter Pneumothorax droht nur, wenn das Unterwasserschloss nicht intakt ist!

Mythos: Die Drainage muss für den Transport abgeklemmt werden - außer bei beatmeten Patienten. Zwei Klemmen am Patientenbett platzieren.


Es gibt keinen Grund, eine Drainage für den Transport abzuklemmen, solange ein Unterwasserschloss vorhanden ist. Dementsprechend ist es auch nicht nötig, zwei Klemmen am Bett zu platzieren. Selbst wenn die Drainage versehentlich diskonnektiert und Luft in die Pleurahöhle des Patienten eintritt: Ein erneuter Pneumothorax ist nicht so gefährlich wie ein Spannungspneumothorax, wenn die Drainage abgeklemmt ist und vorhandene Luft nicht entweichen kann.

Eine Drainage wird nur ganz kurzfristig abgeklemmt, wenn das komplette System gewechselt werden muss, weil die Sekretsammelkammer voll ist.

Viele Ärzte klemmen den Thoraxkatheter 12-24 Stunden vor dem Entfernen ab. Dies ist sinnvoll, um zu sehen, ob bei einem Erguss Sekret nachläuft. Wurde die Drainage wegen eines Pneumothorax gelegt, wäre auch hier ein Abklemmen nicht erforderlich, weil man ja anhand der Säule im Steigrohr des Unterwasserschlosses sehen kann, ob noch ein Restpneu vorhanden ist. Solange sich aber diese ärztliche Anordnung hält, muss in dieser Zeit besonders darauf geachtet werden, ob ein erneuter Pneumothorax auftritt, der - da die Drainage ja abgeklemmt ist - schnell zu einem Spannungspneumothorax führen kann.

Mythos: Der Sauganschlussschlauch (Verbindung zwischen Saugkontrollflasche/-kammer und Sogquelle) wird zum Transport abgeklemmt, weil man z. B. meint, ein offener Schlauch sei unhygienisch.

Normalerweise verlässt die Luft aus dem Pleuraspalt des Patienten das Drainagesystem über den Sauganschlussschlauch der dritten Flasche oder Kammer. Wird die Verbindung zwischen Drainagesystem und aktiver Saugung für den Transport abgeklemmt oder ein Stopfen auf den Sauganschluss der dritten Kammer (bei Sentinal Seal: auf den Sogregulierer) gesteckt, kann die Luft, die entweichen will und soll, nicht entweichen. Dies könnte zu einem Spannungspneumothorax führen. Bei den Einwegsystemen verhindert das Positivitätsventil einen „Luftstau” im System, aber beim klassischen Dreiflaschensystem kann eine solche Maßnahme bei einem beatmeten Patienten fatal sein. Trotzdem sollte man auch bei den Einwegsystemen nicht auf das Sicherheitsventil „spekulieren”: Der Sauganschlussschlauch muss bei unterbrochener oder inaktiver Sogquelle immer diskonnektiert und nach außen offen gelassen werden, damit die Luft aus dem Drainagesystem entweichen kann.

Mythos: Ein zu starker Unterdruck beim Patienten wird reduziert, indem man den aktiven Sog reduziert: Steigrohr rausziehen oder Wasser entnehmen (beim klassischen Dreiflaschensystem oder Pleur-evac®-System), mechanisches Sogreduzierventil drehen (beim Sentinal-Seal®-System), Wandsog reduzieren.


Ein einmal im Pleuraspalt vorhandener Unterdruck bleibt bestehen, auch wenn der aktive Sog reduziert wird! Ein Unterdruck kann nur reduziert werden, wenn Luft oder Sekret (als positiver Ausgleich) hinzukommt. Eine Verringerung des aktiven Sogs ist deshalb ohne Wirkung.

Der Unterdruck kann zu stark werden, wenn jemand die Schläuche melkt, der Patient vor dem Husten tief Luft holt oder die Einatmung bei Verengung der oberen Atemwege erschwert ist. Solange die Drainage noch fördert, wird dieses Phänomen selten auftreten, weil der Patient dann mit seiner eigenen Luft oder dem Sekret (also positivem Druck) die zu starken negativen intrapleuralen Drücke ausgleicht. Sonst aber muss der Anwender das Hochnegativitätsentlastungsventil betätigen, damit atmosphärische Luft in das System gezogen wird und mittels dieser Belüftung der negative Druck abgeschwächt wird.

Beim Sentinal-Seal®-System wird der Unterdruck oft dann zu hoch, wenn das Luftleck behoben und der aktive Sog jetzt zu stark ist. Zum Vergleich: Das Pleur-evac®-System hat in diesem Fall den Vorteil, dass lediglich das Blubbern in der Saugkontrollkammer zunehmen würde.

Wichtig: Auch wenn man bewusst den Sog erniedrigen möchte, weil man statt mit -20 cm H2O nur noch mit -15 cm H2O saugen möchte, kann man nicht nur den aktiven Sog reduzieren, sondern muss gleichzeitig auch den tatsächlich beim Patienten vorhandenen Unterdruck mit dem „Belüftungsventil” (= Hochnegativitätsentlastungsventil) mindern.

Frage: Warum dürfen die Schläuche am Bett nicht durchhängen?

Eingangs wurde erwähnt, dass der Sog, der in der Saugkontrollkammer eingestellt ist, zuerst + 2 cm Wassersäule im Wasserschloss überwinden muss und somit effektiv beim Patienten ein Sog von -13 cm H2O ankommt.

Hängt der Drainageschlauch in der allseits beliebten Siphonschlinge am Bett und enthält diese Schlinge Flüssigkeit, dann wird ein Großteil des Sogs (oder sogar der gesamte Sog) benötigt, um diese Flüssigkeitssäule zu überwinden. Im Pleuraspalt des Patienten kommt also viel weniger Sog an, als erwünscht. Aus diesem Grund ist es auch sinnvoll, flüssigkeitsgefüllte Schläuche zwischendurch in die Sekretsammelkammer zu entleeren.

Mythos: Das System muss immer unterhalb des Thoraxniveaus hängen.

Solange in dem Drainagesystem ein Unterdruck herrscht, ist es unwichtig, ob das System unterhalb oder auf gleicher Höhe hängt. Allerdings sollten mit Flüssigkeit gefüllte Schläuche auch bei vorhandenem Sog nicht über Thoraxniveau hängen, damit ein Flüssigkeitsrückfluss vermieden wird.

Bei einer Drainage ohne Sog sind die Schläuche und das Drainagesystem jedoch immer unterhalb des Thorax anzubringen, damit die Schwerkraft wirken und vorhandenes Sekret abfließen kann.



Literatur

Literatur

Koch F. Klinikleitfaden Intensivpflege. Lübeck, Stuttgart, Jena, Ulm: Gustav Fischer Verlag 1997

Meyer G. (Hrsg). Bienstein C, Klein G, Schröder G, Eds.; Bülau-Drainage. Georg Thieme Verlag Stuttgart, New York: Atmen 2000

Sherwood Medical. Thoraxdrainage. Aufbau der Systeme.

Medical Sherwood . Schulungsmaterial (o. J.)

Bartels H. Die Thoraxdrainage: Prinzip, Entwicklung, heutiger Stand. Intensivbehandlung 1982; 7: 16-201

Caroll FauchsP. Thoraxdrainagen richtig verstehen (Übersetzung aus dem Englischen). DSP Lübeck: Pleur-evac®, o.J

Deknatel . Schulungsmaterial „Welcome to the Deknatel World”; o. J.

 




Barbara Kuhlmann
Pflegewissenschaftlerin, BScN, Krankenschwester für Intensivpflege und Anästhesie
Große Heimstraße 3
44139 Dortmund

Emailadresse Autor:




Links zum Artikel:
    Fachzeitschrift 'intensiv', Georg Thieme Verlag






Forendiskussionen zum Thema:
    Pleuradrainage
    Thorax-Drainage bei Beatmeten

Letzte Aktualisierung: 13.05.2008 Der Webcode dieser Seite lautet ZW0090

Dies ist ein Ausdruck des Online-Journals zwai
PORTAL - JOURNAL - FORUM - WEITERBILDUNG für Anästhesie- & Intensivpflege.
Das Dokument ist unter folgender Adresse zu finden: http://www.zwai.net/ZW0090

© zwai.media GbR 2004-2008