Was Sie schon immer über Thoraxdrainagen wissen wollten ...
Barbara Kuhlmann
Patienten mit Thoraxdrainagen gehören auf vielen Intensivstationen zum
täglichen Erscheinungsbild. Auch wenn die meisten Pflegenden so ungefähr
wissen, wie Thoraxdrainagen funktionieren und worauf zu achten ist, ranken sich
doch viele Gerüchte um diese Drainagesysteme und es gibt immer wieder Missverständnisse.
Thoraxdrainagen entwickelten sich vom Einflaschensystem (Unterwasserschloss
und Sekretkammer gleichzeitig) hin zum Dreiflaschensystem (mit aktiver Saugung).
Die Funktionsweise der heutzutage häufigsten Einwegsysteme Pleur-evac®
und Sentinal Seal® ist an das Dreiflaschensystem angelehnt, wobei beim Sentinal-Seal®-System
je-doch die Saugkontrollflasche durch ein Sogreduzierventil ersetzt wurde und
ein zusätzliches U-Manometer das Ab-lesen der intrapleuralen Drücke
ermöglicht. Beide Systeme besitzen Sicherheitsventile (Positivitätsventil,
Negativ- itätsventil, Hochnegativitäts- bzw. Belüftungsventil).
Thoraxdrainagen werden zum Transport nicht abgeklemmt, wenn ein Unterwasserschloss
vorhanden ist. Selbst ein erneuter Pneumothorax ist nicht so gefährlich
wie ein Spannungspneumothorax. Der Unterdruck bleibt bei unterbrochener Saugung
unterschiedlich lange erhalten - ab-hängig davon, ob die Drainage noch
fördert. Ist der Unterdruck stärker als erwünscht, muss das System
mit dem Hochnegativitätsventil belüftet werden, damit der Unterdruck
vermindert werden kann.
Einleitung
„Wie lange hält noch mal der Sog?”, „Muss ich jetzt abklemmen?”,
„Warum sollen die Schläuche nicht in einer großen Schlinge am
Bett durchhängen?”, „Wofür genau sind eigentlich die Ventile?”,
„Welche Ventile”, „Muss es nicht stärker blubbern?”.
Dies sind einige Fragen, wie sie so oder ähnlich vermutlich viele Pflegende
im Zusammenhang mit Thoraxdrainagen kennen. Man weiß, warum es Thoraxdrainagen
gibt, man kann das Flaschensystem zusammenbauen (oder ist froh, wenn es ein
Kollege macht) und die verschiedenen Kammern der Fertigsysteme füllen -
aber verstanden? Unterdruck, Sog, Unterwasserschloss, Überdruck - und Negativitätsventile:
Wissen alle, wie das funktioniert? Viele sind froh, wenn alles irgendwie klappt,
aber warum und wieso?
Im Zusammenhang mit Thoraxdrainagen halten sich hartnäckig viele Rituale,
Mythen und Missverständnisse. Zum Teil finden sich selbst in Pflegefachbüchern
Informationen, die man leider schlichtweg als „falsch” bezeichnen
muss. So wird z. B. sowohl in dem Buch „Klinikleitfaden Intensivpflege”
[1] als auch in dem Buch „atmen” [2] behauptet, dass bei den Einmalsystemen
der Sog beim Transport bis zu 2 Stunden erhalten bliebe. Oder im Klinikleitfaden
Intensivpflege wird das Einweg-Dreiflaschensystem Pleur-evac® vorgestellt,
aber die Abbildung zeigt das Sentinal-Seal®-System, was jedoch anders funktioniert.
Aus diesem Grund wird im Folgenden die Entwicklung der Thoraxdrainagen dargestellt
(vom Einflaschensystem zum klassischen Dreiflaschensystem) und dann werden die
beiden in Deutschland gebräuchlichsten Einwegsysteme - nämlich Pleur-evac®
und Sentinal Seal® - kurz vorgestellt. Im zweiten Teil dieser Arbeit werden
anschließend die häufigsten Mythen oder Missverständnisse aufgegriffen
und korrigiert.
Thoraxdrainagen haben viel mit physikalischen Gesetzen zu tun und das macht
es an einigen Stellen vielleicht auf den ersten Blick kompliziert. Andererseits:
Wenn man erst einmal die wichtigsten Prinzipien verstanden hat, ist der Rest
ganz einfach.

Die geschichtliche Entwicklung der Thoraxdrainagen [3, 4]
Das Ziel einer jeden Thoraxdrainage ist die Ableitung von Luft- und/oder Flüssigkeitsansammlungen
aus dem Pleuraraum und die dauerhafte Wiederherstellung eines negativen Intrapleuraldruckes
von ca. -4 cm H2O in der Ausatmung und ca. -8 cm H2O in der Einatmung [3, 5].
Das Einflaschensystem
Das erste und einfachste Thoraxdrainagesystem bestand aus einer Flasche. Ziel
war es, sowohl Luft als auch Sekret aus dem Pleuraspalt zu entfernen, aber zu
verhindern, dass die Luft wieder zurück in den Pleuraspalt kommt. Man benötigte
also ein Einwegventil und konstruierte dieses in Form eines Unterwasserschlosses
(Abb. [1]). Ein spontan atmender Patient kann in der Exspiration Luft aus dem
Pleuraspalt durch das Unterwasserschloss „drücken”, aber die
Luft kann nicht wieder zurück (bei beatmeten Patienten geschieht dies dann
entsprechend in der Inspiration). Die Luft entweicht über eine zusätzliche
Öffnung aus der Flasche.

Abb. 1 Unterwasserschlossprinzip [4]
Dieses Unterwasserschlossprinzip findet sich bei fast allen heutigen Thoraxdrainagesystemen
als Sicherheit, um ein Zurückströmen von Luft zu verhindern, und beträgt
in der Regel + 2 cm, d. h., das in das Wasser führende Steigrohr bleibt
2 cm im Wasser eingetaucht. Durch die Atemmechanik steigt oder fällt der
Flüssigkeitsstand im Steigrohr und stellt somit einen Indikator für
den Unterdruck im Pleuraspalt dar (Abb. [2]).

Abb. 2 Unterwasserschlossprinzip bei Inspiration [7]
Gleichzeitig dient diese Flasche aber auch als Sekretsammelkammer. Ist die Flasche
unterhalb des Thoraxniveaus platziert, kann die Schwerkraft wirken und Flüssigkeit
drainiert werden. Der steigende Flüssigkeitsspiegel in der Flasche bzw.
in dem Steigrohr stellt dann jedoch einen wachsenden Widerstand dar, so dass
das Steigrohr immer zurückgezogen werden müsste. Deshalb hat man Unterwasserschloss
und Sekretsammelkammer getrennt.
Das Zweiflaschensystem
Die Sekretsammelflasche fängt das drainierte Sekret auf und die Luft entweicht
über das Unterwasserschloss (Abb. [3]). Die Drainage von Flüssigkeit
ist möglich, ohne die Atemarbeit des Patienten zu erschweren bzw. die Eintauchtiefe
des Steigrohres korrigieren zu müssen. Da das Sekret nur aufgrund der Schwerkraft
abfließen kann, muss auch dieses System unterhalb des Patientenbrustkorbs
angebracht werden.

Abb. 3 Das Zweiflaschensystem (Schwerkraftdrainage) [4]
Das Dreiflaschensystem
Beim Dreiflaschensystem wird aktiv gesaugt. Da es mit den in Krankenhäusern
üblichen Saugquellen (Vakuumanschluss, Druckumwandler) in der Regel nicht
möglich ist, den Sog zu regulieren und zu begrenzen, benötigt man
hierfür eine dritte Flasche, die so genannte Saugkontrollflasche (Abb.
[4]).

Abb. 4 Das Dreiflaschensystem [4]
Die Flasche wird mit Wasser gefüllt und enthält ein Steigrohr, das
zur Atmosphäre offen ist. Gleichzeitig wird die Sogquelle (Vakuum oder
Druckumwandler) angeschlossen. Der eigentliche Sog wird über die Eintauchtiefe
des Steigrohrs bzw. die Höhe der Wassersäule reguliert: Ist kein Sog
angestellt, ist der Wasserstand in dem Steigrohr und in der Flasche gleich hoch.
Sorgt man jetzt über die aktive Sogquelle für Unterdruck in der dritten
Flasche, wird der Wasserpegel in dem Steigrohr mit zunehmenden Sogstärke
nach unten gezogen. Übersteigt der an der Sogquelle eingestellte Sog den
mit dem Steigrohr eingestellten gewünschten Sog (z. B. -15 cm H2O), wird
Luft durch das Steigrohr angesaugt und das System belüftet sich selbsttätig.
So bleibt der Sog konstant und wird nach oben begrenzt. Je höher die aktive
Sogquelle eingestellt wird und damit die gewünschte Soghöhe überschreitet,
desto stärker blubbert es in der Saugkontrollflasche (desto mehr atmosphärische
Luft wird angesaugt), aber der Sog auf den Pleuraspalt wird konstant gehalten.
Sprudeln in der dritten Flasche bedeutet also lediglich, dass das gewünschte
Saugniveau erreicht ist.
In dem klassischen Dreiflaschensystem ist die Tiefe des Rohres in der Saugkontrollkammer
das Regelelement (je tiefer im Wasser, desto stärker der Sog). An dieser
Stelle sei folgender Hinweis eingefügt: Ein in der Saugkontrollflasche
eingestellter Sog von -15 cm H2O muss - bevor der Sog im Pleuraspalt ankommt
- zuerst ja noch + 2 cm H2O im Steigrohr des Unterwasserschlosses überwinden.
So kommen also bei dem Patienten letztlich „nur” -13 cm H2O-Sog an.
Einwegsysteme
Die sicherlich häufigsten Einwegsysteme in Deutschland sind das Pleur-evac®System
und das Sentinal-Seal®-System.
Beide Systeme besitzen eine Sekretsammelkammer und ein Unterwasserschloss. Das
Arbeitsprinzip der Saugung ist unterschiedlich. Als Erweiterung zum herkömmlichen
Dreiflaschensystem bieten diese Systeme zusätzliche Sicherheitsventile.
Das Pleur-evac®-System [3, 5]
Diese Thoraxdrainageeinheit gibt es seit ca. 1980 [3] und sie hat die Funktionsweise
des Dreiflaschensystems übernommen. Zusätzlich ist diese Einheit mit
mehreren Sicherheitsventilen ausgestattet und ermöglicht das genaue Ablesen
der tatsächlichen intrapleuralen Drücke.

Abb. 5 Vergleich Dreiflaschensystem -Pleur-evac®-System [3]
Anders als beim klassischen Dreiflaschensystem wird beim Pleur-evac®-System
der Sog nicht über ein verschiebbares Steigrohr eingestellt, sondern über
die Wasserhöhe (das Prinzip bleibt dasselbe).
Das Unterwasserschloss dient auch hier als Einwegventil, um ein Zurückströmen
von Luft in den Pleuraspalt zu verhindern. Im Unterwasserschloss steigt die
Luft auf, die aus dem Pleuraspalt entweicht. Nicht enden wollendes „Blubbern”
im Unterwasserschloss deutet auf eine Fistel oder eine Undichtigkeit in den
Schlauchverbindungen hin. Zusätzlich dient das Steigrohr im Unterwasserschloss
als Manometer (in cm) so dass an diesem Steigrohr der Unterdruck abgelesen werden
kann, wenn:
1. der intrapleurale Druck negativer wird als der aktiv eingestellte Sog (der
aktive Sog und der Unterdruck im Unterwasserschlosssteigrohr werden addiert
und ergeben den tatsächlichen Unterdruck im Pleuraspalt). Beispiel: Der
eingestellte Sog beträgt -20 cm H2O. Jemand „melkt” den Drainageschlauch,
um ihn durchgängig zu halten. Hierbei kann ein zusätzlicher Unterdruck
entstehen, der sich zu dem bereits vorhandenen Sog hinzuaddiert, beispielsweise
-5 cm H2O. Der Unterdruck im Pleuraspalt beträgt dann -20 + -5 = -25 cm
H2O (Abb. [6]).

Abb. 6 Erhöhter Unterdruck
2. der aktive Sog ausgestellt bzw. getrennt wird - im Steigrohr des Unterwasserschlosses
zieht sich die Wassersäule hoch, die dem intrapleuralen Unterdruck in genau
diesem Moment entspricht.
Die Sicherheitsventile [3, 5, 6]
Positivitätsentlastungsventil
Bei Entstehung von positivem Druck öffnet sich automatisch ein Entlastungsventil.
Hauptursachen von positivem Druck sind Husten des Patienten, Versagen der Sogquelle,
Abknicken der Verbindung zwischen Drainagesystem und aktiver Saugung oder das
fälschliche Abklemmen des Sauganschlussschlauches (Verbindung zwischen
Saugkontrollflasche/-kammer und Sogquelle) zum Transport. Kann Luft nicht aus
dem Pleuraspalt und dem System entweichen, kommt es zur Druckerhöhung im
Pleuraraum und nachfolgend zum Spannungspneumothorax. Um dieser Gefahr vorzubeugen,
wird das System immer dann entlüftet, wenn der Intrapleuraldruck die im
Unterwasserschloss vorgegebene Flüssigkeitssäule von + 2 cm H2O übersteigt.
Negativitätsventil
Das Negativitätsventil ist ein Schwimmerventil, das das Wasserschloss
bei hoher Negativität (z. B. tiefe Einatmung vor starkem Husten oder erschwerte
Einatmung bei Verengung der oberen Atemwege) sichert. Das Wasserschlosswasser
kann nicht in die Sammelkammer gezogen und das Wasserschloss „aufgebrochen”
und damit inaktiv werden.
Belüftungsventil = Hochnegativitätsentlastungsventil
Ist der Unterdruck im Pleuraspalt zu hoch, kann mit diesem Ventil der zu hohe
Unterdruck abgeschwächt werden. Durch Drücken des Ventils strömt
Luft in das System, das System wird belüftet und der negative Druck abgebaut.
Dieses Ventil befindet sich immer in der Sammelkammer, weil ja der Unterdruck
reduziert werden soll, der (vom Patienten aus gesehen) vor dem Unterwasserschloss
existiert.
Das Sentinal-Seal®-System [3]
Auch das Sentinal-Seal®-System beinhaltet eine Sekretsammelkammer und ein
Unterwasserschloss, aber bei diesem System wurde die Saugkontrollkammer durch
einen mechanischen Regler ersetzt.

Abb. 7 Vergleich Dreiflaschensystem - Sentinal-Seal®-System [4]
Dieser Regler, das so genannte Sogreduzierventil, reduziert den Sog der Sogquelle
auf das gewünschte Niveau. Somit entfällt das „Blubbern”
der Saugkontrollflasche. Um jedoch ablesen zu können, wie der Unterdruck
bei dem Patienten ist, wurde eine zusätzliche Komponente hinzugefügt:
das U-Rohr.

Abb. 8 Das U-Rohr-Prinzip [7]
Es dient als Manometer und zeigt jederzeit den Unterdruck an, der den Patienten
tatsächlich erreicht.
Die Sicherheitsventile sind beim Sentinal-Seal®-System genauso wie beim
Pleur-evac®-System.
Mythen und Missverständnisse
Bei den folgenden, fett gedruckten Sätzen handelt es sich um Missverständnisse,
Mythen, Unsicherheiten oder Fragen. Die Richtigstellung bzw. Antwort erfolgt
jeweils direkt im Anschluss.
Mythos: „Beim Einmalsystem: Sog bleibt bis zu 2 Stunden erhalten.”
[1] „Die heute handelsüblichen Ableitungsbehälter besitzen eine
über längere Zeit anhaltende, integrierte Saugwirkung auch nach Abkopplung
vom Vakuum-Wandanschluss durch einen Ventilmechanismus.” [2]
Dies ist wohl das häufigste Missverständnis im Zusammenhang mit den
Einwegsystemen wie Pleur-evac® und Sentinal Seal® und in Fortbildungsveranstaltungen
zeigt sich, dass es sich von Norddeutschland bis Süddeutschland sehr hartnäckig
hält (was auch kein Wunder ist, wenn es sogar in Büchern veröffentlicht
wird). Wie ist es aber nun tatsächlich?
In dem Moment, in dem man den aktiven Sog unterbricht (ausstellt) und von dem
Drainagesystem trennt (Sauganschlussschlauch bleibt zur Atmosphäre offen),
besteht im Pleuraspalt der zuvor erzeugte Unterdruck. Dieser Unterdruck zieht
nun die Wassersäule im Steigrohr des Unterwasserschlosses nach oben - und
kann entsprechend in cm H2O abgelesen werden. Beim Sentinal-Seal®-System
steigt diese Säule natürlich ebenfalls hoch, aber das Ablesen erfolgt
bei diesem System einzig über das U-Rohr-Manometer!
Das Wasserschloss verhindert das Zurückströmen von Luft in den Pleuraspalt,
d. h., zur Atmosphäre ist das System dicht. Wenn nun auch im Pleuraspalt
keine Luft und keine Flüssigkeit mehr vorhanden sind, dann kann keine positive
Luft oder Flüssigkeit diesen Unterdruck verringern und letztendlich aufheben.
Man hat ein geschlossenes, dichtes Unterdrucksystem. Und ein geschlossenes Unterdrucksystem
bleibt unbegrenzt bestehen - Stunden, Tage.
Falls aber die Drainage noch fördert, wird der Unterdruck weniger und irgendwann
ist kein Unterdruck mehr vorhanden und der Patient hat nun eine reine Schwerkraftdrainage.
Wie schnell der Unterdruck „weg” ist, hängt davon ab, wie viel
Luft und Sekret noch gefördert werden. Es kann also sein, dass der Unterdruck
innerhalb von Sekunden/Minuten aufgehoben ist, es kann aber auch Stunden dauern.
Kein System besitzt eine integrierte Saugwirkung - es ist immer der Sog, der
zuvor aufgebaut wurde.
Liegt die Drainage im Pleuraspalt, muss der Wasserpegel im Unterwasserschlosssteigrohr
mit der Atmung des Patienten steigen und fallen, weil sich jede Druckveränderung
im Pleuraspalt in dieser Säule widerspiegelt. Bei beatmeten Patienten kann
ein PEEP diese Schwankungen dämpfen. Ebenso können diese Bewegungen
fehlen, wenn die Lunge nicht vollständig entfaltet ist oder aber der Drainageschlauch
blockiert oder abgeknickt ist.
Mythos: „Eine Thoraxdrainage muss immer an Sog
angeschlossen sein, sonst droht ein erneuter Pneumothorax.” [2]
Ist kein aktiver Sog angeschlossen und die Drainage kann den Unterdruck nicht
halten, weil weiterhin Luft oder Sekret aus dem Pleuraspalt entweicht, so vollzieht
sich lediglich ein Übergang von aktiver zu passiver Saugung. Auch jetzt
kann der Patient risikolos transportiert werden, weil das System als Schwerkraftdrainage
funktioniert und das Unterwasserschloss nach wie vor ein rückläufiges
Eindringen von Außenluft in den Pleuraraum verhindert. Ein erneuter Pneumothorax
droht nur, wenn das Unterwasserschloss nicht intakt ist!
Mythos: Die Drainage muss für den Transport abgeklemmt
werden - außer bei beatmeten Patienten. Zwei Klemmen am Patientenbett
platzieren.
Es gibt keinen Grund, eine Drainage für den Transport abzuklemmen, solange
ein Unterwasserschloss vorhanden ist. Dementsprechend ist es auch nicht nötig,
zwei Klemmen am Bett zu platzieren. Selbst wenn die Drainage versehentlich diskonnektiert
und Luft in die Pleurahöhle des Patienten eintritt: Ein erneuter Pneumothorax
ist nicht so gefährlich wie ein Spannungspneumothorax, wenn die Drainage
abgeklemmt ist und vorhandene Luft nicht entweichen kann.
Eine Drainage wird nur ganz kurzfristig abgeklemmt, wenn das komplette System
gewechselt werden muss, weil die Sekretsammelkammer voll ist.
Viele Ärzte klemmen den Thoraxkatheter 12-24 Stunden vor dem Entfernen
ab. Dies ist sinnvoll, um zu sehen, ob bei einem Erguss Sekret nachläuft.
Wurde die Drainage wegen eines Pneumothorax gelegt, wäre auch hier ein
Abklemmen nicht erforderlich, weil man ja anhand der Säule im Steigrohr
des Unterwasserschlosses sehen kann, ob noch ein Restpneu vorhanden ist. Solange
sich aber diese ärztliche Anordnung hält, muss in dieser Zeit besonders
darauf geachtet werden, ob ein erneuter Pneumothorax auftritt, der - da die
Drainage ja abgeklemmt ist - schnell zu einem Spannungspneumothorax führen
kann.
Mythos: Der Sauganschlussschlauch (Verbindung zwischen
Saugkontrollflasche/-kammer und Sogquelle) wird zum Transport abgeklemmt, weil
man z. B. meint, ein offener Schlauch sei unhygienisch.
Normalerweise verlässt die Luft aus dem Pleuraspalt des Patienten das Drainagesystem
über den Sauganschlussschlauch der dritten Flasche oder Kammer. Wird die
Verbindung zwischen Drainagesystem und aktiver Saugung für den Transport
abgeklemmt oder ein Stopfen auf den Sauganschluss der dritten Kammer (bei Sentinal
Seal: auf den Sogregulierer) gesteckt, kann die Luft, die entweichen will und
soll, nicht entweichen. Dies könnte zu einem Spannungspneumothorax führen.
Bei den Einwegsystemen verhindert das Positivitätsventil einen „Luftstau”
im System, aber beim klassischen Dreiflaschensystem kann eine solche Maßnahme
bei einem beatmeten Patienten fatal sein. Trotzdem sollte man auch bei den Einwegsystemen
nicht auf das Sicherheitsventil „spekulieren”: Der Sauganschlussschlauch
muss bei unterbrochener oder inaktiver Sogquelle immer diskonnektiert und nach
außen offen gelassen werden, damit die Luft aus dem Drainagesystem entweichen
kann.
Mythos: Ein zu starker Unterdruck beim Patienten wird
reduziert, indem man den aktiven Sog reduziert: Steigrohr rausziehen oder Wasser
entnehmen (beim klassischen Dreiflaschensystem oder Pleur-evac®-System),
mechanisches Sogreduzierventil drehen (beim Sentinal-Seal®-System), Wandsog
reduzieren.
Ein einmal im Pleuraspalt vorhandener Unterdruck bleibt bestehen, auch wenn
der aktive Sog reduziert wird! Ein Unterdruck kann nur reduziert werden, wenn
Luft oder Sekret (als positiver Ausgleich) hinzukommt. Eine Verringerung des
aktiven Sogs ist deshalb ohne Wirkung.
Der Unterdruck kann zu stark werden, wenn jemand die Schläuche melkt, der
Patient vor dem Husten tief Luft holt oder die Einatmung bei Verengung der oberen
Atemwege erschwert ist. Solange die Drainage noch fördert, wird dieses
Phänomen selten auftreten, weil der Patient dann mit seiner eigenen Luft
oder dem Sekret (also positivem Druck) die zu starken negativen intrapleuralen
Drücke ausgleicht. Sonst aber muss der Anwender das Hochnegativitätsentlastungsventil
betätigen, damit atmosphärische Luft in das System gezogen wird und
mittels dieser Belüftung der negative Druck abgeschwächt wird.
Beim Sentinal-Seal®-System wird der Unterdruck oft dann zu hoch, wenn das
Luftleck behoben und der aktive Sog jetzt zu stark ist. Zum Vergleich: Das Pleur-evac®-System
hat in diesem Fall den Vorteil, dass lediglich das Blubbern in der Saugkontrollkammer
zunehmen würde.
Wichtig: Auch wenn man bewusst den Sog erniedrigen möchte, weil man statt
mit -20 cm H2O nur noch mit -15 cm H2O saugen möchte, kann man nicht nur
den aktiven Sog reduzieren, sondern muss gleichzeitig auch den tatsächlich
beim Patienten vorhandenen Unterdruck mit dem „Belüftungsventil”
(= Hochnegativitätsentlastungsventil) mindern.
Frage: Warum dürfen die Schläuche am Bett
nicht durchhängen?
Eingangs wurde erwähnt, dass der Sog, der in der Saugkontrollkammer eingestellt
ist, zuerst + 2 cm Wassersäule im Wasserschloss überwinden muss und
somit effektiv beim Patienten ein Sog von -13 cm H2O ankommt.
Hängt der Drainageschlauch in der allseits beliebten Siphonschlinge am
Bett und enthält diese Schlinge Flüssigkeit, dann wird ein Großteil
des Sogs (oder sogar der gesamte Sog) benötigt, um diese Flüssigkeitssäule
zu überwinden. Im Pleuraspalt des Patienten kommt also viel weniger Sog
an, als erwünscht. Aus diesem Grund ist es auch sinnvoll, flüssigkeitsgefüllte
Schläuche zwischendurch in die Sekretsammelkammer zu entleeren.
Mythos: Das System muss immer unterhalb des Thoraxniveaus
hängen.
Solange in dem Drainagesystem ein Unterdruck herrscht, ist es unwichtig, ob
das System unterhalb oder auf gleicher Höhe hängt. Allerdings sollten
mit Flüssigkeit gefüllte Schläuche auch bei vorhandenem Sog nicht
über Thoraxniveau hängen, damit ein Flüssigkeitsrückfluss
vermieden wird.
Bei einer Drainage ohne Sog sind die Schläuche und das Drainagesystem jedoch
immer unterhalb des Thorax anzubringen, damit die Schwerkraft wirken und vorhandenes
Sekret abfließen kann.

Literatur
Koch F. Klinikleitfaden Intensivpflege. Lübeck, Stuttgart, Jena, Ulm: Gustav
Fischer Verlag 1997
Meyer G. (Hrsg). Bienstein C, Klein G, Schröder G, Eds.; Bülau-Drainage.
Georg Thieme Verlag Stuttgart, New York: Atmen 2000
Sherwood Medical. Thoraxdrainage. Aufbau der Systeme.
Medical Sherwood . Schulungsmaterial (o. J.)
Bartels H. Die Thoraxdrainage: Prinzip, Entwicklung, heutiger Stand. Intensivbehandlung
1982; 7: 16-201
Caroll FauchsP. Thoraxdrainagen richtig verstehen (Übersetzung aus dem
Englischen). DSP Lübeck: Pleur-evac®, o.J
Deknatel . Schulungsmaterial „Welcome to the Deknatel World”; o. J.
Barbara Kuhlmann
Pflegewissenschaftlerin, BScN, Krankenschwester für Intensivpflege und
Anästhesie
Große Heimstraße 3
44139 Dortmund
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