Anständige Schlücke und schwere Kröten
Hanno H. Endres - Redaktion zwai
Nachdem der Marburger Bund (MB) sich in
der Prä-WM-Woche knallhart gegeben und den
Druck auf die Tarifgemeinschaft der Länder (TdL) erneut erhöht hat,
konnten sich beide Parteien am vergangenen Freitag auf einen arztspezifischen Tarifvertrag einigen.
Die Eckpunkte
der Tarifeinigung lesen sich so:
Ab Juli 2006 gilt für Ärzte an Universitätskliniken, die überwiegend in der Patientenversorgung
arbeiten, eine Wochenarbeitszeit von 42 Stunden - Schichten bis zu 12 Stunden sind möglich, wobei in unmittelbarer Folge nicht mehr als vier Schichten abgeleistet werden dürfen.
Dafür gibt's im ersten Berufsjahr 3600 Euro im Westen, 3200 Euro im Osten. Das Gehalt steigert sich jährlich auf bis zu 4500 Euro (Ost: 4000 Euro) im fünften
Jahr. Fachärzte bekommen im ersten Jahr 4750 Euro (Ost: 4200 Euro), Oberärzte 5950 Euro (Ost: 5300 Euro). Dem ständigen Vertreter
des leitenden Arztes stehen im ersten Jahr 7000 Euro (Ost: 6200 Euro) zu.
Bereitschaftsdienste
an Feiertagen werden um 25 Prozent besser bezahlt. Dazu kommen drei Fortbildungstage
im Jahr. Im
Januar 2008 gibt's eine Tariferhöhung um 2,9 % - im Osten ab Mai 2008.

Praktisch identisch
TdL-Chef Hartmut Möllring sagte, der vereinbarte Tarifvertrag sei "praktisch
identisch" mit dem, der mit ver.di
abgeschlossen worden sei. Darüber hinaus gehende Punkte würden auch
ver.di angeboten. Möllring betonte, er freue sich, dass der Marburger Bund
das Angebot angenommen habe.
Abgelehnt hatte Möllring die vom MB geforderten weiteren Verhandlungen vor allem über 100 Euro mehr Gehalt für junge Ärzte. Die ausgehandelten Gehälter entsprechen einem Angebot der Länder vom 11. Mai, das die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di übernommen hatte. Die Einigung hätte bereits früher kommen können, sagte Möllring. Der MB hatte eine Übernahme des ver.di-Abschlusses abgelehnt.
Unzufriedenheit im Osten
Auf der anderen Seite möchte sich aber noch niemand so recht über
das Ergebnis freuen:
MB-Vorsitzender Montgomery findet zwar, dass sich der
lange Streik insgesamt „ausgesprochen gelohnt“ habe und nimmt
für sich in Anspruch Tarifgeschichte geschrieben
zu haben, muss allerdings
für sein Fazit gleich zwei Schluck-Metaphern bemühen:
Die Vereinbarungen zum Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld und der Bezahlung der Mehrarbeit bedeuteten für einen Arzt im ersten
Berufsjahr bis zu 20 Prozent mehr Gehalt. "Das
ist schon ein anständiger
Schluck aus der Pulle, den die da mehr kriegen", sagte
Montgomery.
„Wir haben aber auch zwei schwere Kröten
schlucken müssen“, wird Montgomery weiter zitiert: Bei jungen Ärzten
und Medizinern im Osten fallen die Gehaltssteigerungen geringer aus als gefordert,
was kritische
Stimmen aus dem eigenen Lager laut werden lässt.
Der Ärztesprecher
der Universitätsklinik Magdeburg, Wiedemann Falk, sagte gegenüber Spiegel
Online: "Wir
fühlen
uns hierdurch ins Gesicht geschlagen." Er spreche auch für die Kliniken
in Dresden, Leipzig, Jena, Greifswald, Rostock und Halle. Die ostdeutschen Ärztesprecher
sähen die Gefahr, dass Mediziner die neuen Länder verließen.
Als
den "größten anzunehmenden Unfall" bezeichnet der südwürttembergische
Marburger-Bund-Bezirksvorsitzende Frank Reuther das Ergebnis. Das weitere Aufklaffen
der Ost-West-Schere ist aus seiner Sicht nicht
akzeptabel.

Stellenabbau in Mainz
Ab heute wird in den Universitätskliniken in jedem Fall wieder
regulär gerarbeitet. Allerdings hat die Mainzer Uniklinik bereits
unmittelbar nach dem Kompromiss einen Stellenabbau
angekündigt: Schätzungen
zufolge werde der ärztliche Tarifvertrag die Personalkosten mit jährlich
etwa zehn Millionen Euro belasten, hieß es. Die Größenordnung
des Personalabbaus sei noch unklar. Es werde aber diverse Berufsgruppen treffen...
Übrigens: im Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn wurde nie gestreikt. Hier herrscht ein ganz eigener Korpsgeist, jedes gewerkschaftliche Denken ist Oberarzt Stephan David fremd. "Die Zeit" hat sich in der "merkwürdig-männerbündischen Welt der Medizin" umgesehen.
(19.06.2006)
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