'Zusammen wird was draus'
Redaktion zwai
Mit dem von der Gewerkschaft ver.di organisierten Streik an den vier Universitätskliniken in Baden-Württemberg sind erstmals Pflegende zusammen mit den Angestellten aus der Verwaltung und den technischen Diensten in einen Erzwingungs-Streik getreten und konnten damit ein Tarifergebnis erzielen.
zwai sprach mit dem Arbeitskampfleiter
und Personalratsvorsitzendem am Universitätsklinikum Freiburg, Ingo Busch
über Ergebnisse,
Perspektiven und den Alltag im Streik.

zwai:
Herr Busch, Sie haben nun zwei Wochen Streik hinter sich.
Wie geht’s Ihnen?
Busch: Danke der Nachfrage. Ein erfolgreicher Streik beflügelt. Kraft,
Energie und Phantasie werden auch in der nächsten Zeit gebraucht, denn
wir sind mit dem neuen Tarifvertrag noch nicht am Ziel. Viele Fragen wie Arbeitszeitregelungen,
Mantelregelungen und eine neue Entgelttabelle müssen noch weiterverhandelt
werden.
zwai: Ihr Einsatz scheint sich dabei gelohnt zu haben – neben dem weitestgehenden
Erhalt der Wochenarbeitszeit können sich die Beschäftigten auch über
eine Einmalzahlung von 390.- Euro in diesem Jahr bzw. jeweils 300,- Euro in
den kommenden beiden Jahren freuen.
Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?
Busch: Das Ergebnis ist ein Kompromiss, der sich sehen lassen kann. Ohne zwei
Wochen Streik mit vielen tausend Beschäftigten wäre das nicht möglich
gewesen.
Natürlich hätten wir lieber die 38,5 Stunden-Woche für alle
gehabt. Immerhin gibt es für viele Beschäftigte jetzt Arbeitzeitverkürzung
bei vollem Lohnausgleich.
Leider ist es nur minimal gelungen, eine tabellenwirksame Entgelterhöhung
zu erstreiken.
Die geringe Lohnerhöhung ist problematisch und stößt
auch auf Kritik. Aber das Ergebnis entspricht dem, was auch in anderen Tarifbereichen
möglich war und liegt über dem Niveau TVÖD.
Statt Weihnachts- und Urlaubsgeld gibt es künftig eine Jahressonderzahlung
von 88% eines Monatsgehaltes für alle, in Zukunft wieder dynamisiert.
Das ist OK.
Eine wichtige Forderung war auch, dass es einen gemeinsamen Tarifvertrag für
die Uniklinika Ulm, Tübingen, Heidelberg und Freiburg gibt. Das ist gelungen:
Die vier Arbeitgeber können die Tarifverträge nur gemeinsam kündigen.
Damit bleibt unsere starke „Viererkette“ mit rund 25.000 Beschäftigten
erhalten.
die Spaltung der Belegschaft überwinden
zwai: Die neu eingestellten Beschäftigten anderer Universitätsklinika
müssen auf ein solches Tarifergebnis noch warten und derweil weiterhin
erhöhte Wochenarbeitszeiten hinnehmen, in Nordrhein-Westfalen beispielsweise
41 Stunden. Die Konditionen der neu geschlossenen Verträge wurden dabei
augenscheinlich diskussionslos hingenommen.
Was musste in Baden-Württemberg passieren, damit es zum Streik - auch
der Pflegenden – kommen konnte?
Busch: Es war ein wichtiges Ziel, die Spaltung der Belegschaft in „alte“ und „neue“ Beschäftigte
zu überwinden. Es ist ein Unding, wenn für gleiche Arbeit unterschiedlich
bezahlt wird.
Der Tarifkonflikt hat sich über einen längeren Zeitraum zugespitzt.
Es kommt auf eine lang angelegte, durchdachte Planung der Tarifauseinandersetzung
mit einer guten „Dramaturgie“ an: Zum richtigen Zeitpunkt die richtigen
Aktionen. Das ist hier gelungen. Zum Höhepunkt des Konfliktes war die
Streikbereitschaft voll da und hat da eine gute Eigendynamik entwickelt. „Zaghafte“ Beschäftigte
wurden von dem Elan mitgezogen.
zwai: Die gewerkschaftliche Organisation und die Arbeitsniederlegung als solche
zählten bislang nicht unbedingt zu den Stärken der Pflegenden.
Wie hoch ist an Ihrem Klinikum der gewerkschaftliche Organisierungsgrad der
Mitarbeiter?
Busch: Genaue Zahlen will ich hier nicht nennen. Im Vergleich zu anderen Tarifbereichen
wie Metall oder Druck haben wir noch Nachholbedarf. Aber während der
Tarifauseinandersetzung sind viele ver.dianerinnen und ver.dianer dazugekommen.
Ein Beispiel: Aufgrund der sehr hohen Streikbereitschaft gerade bei den OP-
und Anästhesiepflegekräften haben wir hier in manchen Bereichen
einen Organisationsgrad von 80% und mehr erreicht.
zwai: Inwieweit wurden die Aktionen von den nicht organisierten Mitarbeitern
unterstützt? Gab es Boykotte?
Busch:
Boykotte gab es nicht. Natürlich wollten sich in manchen Bereichen Beschäftigte
nicht an den Streiks beteiligen. Andere Beschäftigte haben mitgestreikt,
obwohl sie nicht ver.di-Mitglied sind und haben quasi als „Solidarbeitrag“ Lohneinbußen
in Kauf genommen.
Insgesamt war die Stimmung sehr positiv nach dem Motto: „Zusammen
wird was draus.“

Streikalltag
zwai: Wie kann sich der Streikunerfahrene den Alltag im Erzwingungsstreik vorstellen?
Busch: Wir haben in Freiburg den Streik als Wechselspiel angelegt: An einzelnen
Tagen waren alle Beschäftigten zum Streik aufgerufen. Da gab es dann große
Kundgebungen und Märsche.
Über mehrere Tage haben wir dann gezielt Bereiche zu Schwerpunktstreiks
aufgerufen. Vorne mit dabei waren hier OP und Anästhesie, Zentralsterilisation,
die Psychiatrie, die Hautklinik und der technische Betrieb. Dann traf man
sich im Streiklokal. Beschäftigte zogen in die Stadt, um die Bevölkerung
zu informieren.
Die Versorgung wurde mit Notdiensten angelehnt an eine Nachtdienstbesetzung
sichergestellt. Die Streikleitung hat mit der Klinikumsleitung für jede
Woche eine schriftliche Vereinbarung zu Notdiensten abgeschlossen.
zwai: Inwieweit wurde der Klinikablauf tatsächlich stillgelegt?
Busch: Das war unterschiedlich. Für die OPs hat sich die Streikleitung
täglich mit Beschäftigten und Verantwortlichen zusammengesetzt und
das OP-Programm festgelegt. Auf diese Weise wurde das OP-Programm um etwa 50%
reduziert. Wir waren also noch großzügig. Im weiteren Verlauf hätten
wir das weiter eingeschränkt.
Andere Bereiche wie z.B. Schlaflabor oder ambulantes OP-Zentrum wurden komplett
geschlossen.
zwai: Wie wurde dann entschieden, welche Fälle als Notfallbehandlung
gelten? Und vor allem: wer musste dann ran? Die Streikbrecher?
Busch:Die Streikleitung hat dann eingegriffen, wenn vor Ort Probleme auftauchten
und keine Einigung über den Umfang der Notbesetzung möglich war.
Kritische Fälle wurden mit kurzem Draht zwischen Klinikumsleitung und
Streikleitung geklärt.
In einigen Bereichen haben Nicht-Organisierte Notdienst gemacht. In anderen
Bereichen mussten Streikwillige von der Streikleitung mühsam überzeugt
werden, den Notdienst zu machen, da sonst Gefahr für Patientinnen und
Patienten entstanden wäre. In der Regel konnte alles einvernehmlich auf
freiwilliger Basis geregelt werden. Streikbrecher im eigentlichen Sinne gab
es nicht.
zwai: Welchen Einfluss hatte dabei die ärztliche Berufsgruppe?
Busch: Die Ärztinnen und Ärzte waren nicht zum Streik aufgerufen,
da sie nicht unmittelbar vom neuen Tarifvertrag betroffen sind. Viele ärztliche
Kolleginnen und Kollegen haben sich sehr solidarisch verhalten, Patienten abbestellt
und teilweise Notarbeiten selbst verrichtet. Natürlich gab es auch problematische
Situationen. Aber wir haben gezeigt: Die Berufsgruppen müssen zusammen
stehen und dürfen sich nicht auseinanderdividieren lassen.
zwai: Ver.di erwartet, dass auch für die Beschäftigten der Universitätsklinika
in Nordrhein-Westfalen unverzüglich die Verhandlungen aufgenommen und
von den Arbeitgebern für die kommenden Wochen Terminvorschläge unterbreitet
werden.
Welche Bedeutung hat Ihr Tarifergebnis für die Verhandlungen in den anderen
Bundesländern?
Busch: Es wäre schön, wenn der Abschluss für die Uniklinika
in Baden-Württemberg auch an den anderen Uniklinika Mut macht. Er könnte
durchaus Modellcharakter haben. Wir haben aus ganz Deutschland und Europa sehr
viele Solidaritätsadressen erhalten. Während des Streiks haben zwei
Kolleginnen von der Uniklinik Göttingen einen Solidaritätsbesuch
bei uns gemacht. Ein schönes Erlebnis. Die Auseinadersetzung hat in jedem
Fall bundesweite Bedeutung. Ganz wichtig dabei ist die Erfahrung: Es lohnt
sich zu kämpfen.
zwai: Viele Kliniken in privater
Trägerschaft haben keine tarifvertragliche
Absicherung der Arbeitsverhältnisse. Nur wenige Einrichtungen haben eigene
Tarifverträge oder sind durch Betriebsübergang an die Tarifverträge
des öffentlichen Dienstes gebunden.
Glauben Sie, dass sich eine Gehalts-
und Privilegienschere zwischen „öffentlich“ und „privat“ angestellten
Krankenpflegepersonen auftun wird?
Busch: Eine Zersplitterung der Tariflandschaft im Gesundheitswesen und im
Krankenhausbereich greift immer weiter um sich. Das ist für Patientinnen,
Patienten und Beschäftigte eine schlimme Situation.
zwai: Wie ist so etwas zu verhindern?
Busch: Es kommt darauf an, der zunehmenden Privatisierung
von Gesundheitsversorgung Einhalt zu gebieten. Gesundheit ist keine Ware. Gesundheitsversorgung
ist öffentliche
Aufgabe. Die Belegschaften müssen die Reihen geschlossen halten. Eine
Aufsplitterung in Gruppen, die berufsständisch versuchen, Einzelinteressen
durchzusetzen, schwächt und führt zu nichts. Berufsgruppen und verschiedene
Krankenhäuser dürfen sich nicht gegeneinander ausspielen lassen.
Die nötige Kraft für gute Tarifverträge können Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmer nur gemeinsam und nur mit ver.di entwickeln.
Das Interview führten Hanno H. Endres und Tilmann Müller-Wolff.
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