Parallelnarkose kann Sterberisiko bei Patienten erhöhen
Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI)
Nürnberg - Noch nie waren Narkosen so sicher wie heute. Doch wenn Zwischenfälle
auftreten, handelt es sich häufig um lebensbedrohliche und gefährliche
Krisen. In solchen Situationen ist es unabdingbar, dass der Anästhesist im
Operationssaal persönlich anwesend ist. Denn wenn bei einem Zwischenfall
unmittelbar ein Narkosearzt zurate gezogen werden kann, sinkt das Sterberisiko
der Patienten um mehr als die Hälfte. Das belegen die Ergebnisse einer aktuellen
niederländischen Studie (Anesthesiology, V 102, No 2, Feb 2005). Sie zeigt
außerdem auf, wie die Patientensicherheit im Operationssaal noch weiter
verbessert werden kann.
"Eine Narkose ist heute fast so sicher wie eine Flugreise", sagt
Professor Dr. med. Joachim Radke, Präsident der Deutschen Gesellschaft für
Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI). Dass ein Patient nach einer Operation
nicht wieder erwacht, ist sehr selten. Von 100.000 Patienten ohne absehbares Anästhesierisiko
stirbt in Deutschland heute einer. Diese Zahl bleibt trotz zunehmend riskanter
operativer Eingriffe konstant: Die Patienten sind durchschnittlich älter
und leiden häufiger an Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck.

Eine Studie des Niederländers Diederick Grobbee vom Julius Center for Patient
Oriented Research in Utrecht hat gezeigt, dass das Sterberisiko deutlich sinkt,
wenn der Narkosearzt seine Ausstattung nach einem festgelegten Protokoll und mit
einer Checkliste überprüft. Auch die schriftliche Dokumentation der
Überprüfung schafft mehr Sicherheit. Als entscheidend in der Untersuchung
erwies sich auch die Anwesenheit eines Narkosearztes im Operationssaal: Zwischenfälle,
bei denen unmittelbar ein Narkosearzt zugegen war, endeten halb so oft tödlich
wie bei der Betreuung durch eine Narkoseschwester, in einigen europäischen
Ländern vertritt sie den Narkosearzt. Günstig wirkte sich auch aus,
wenn es während der Operation keinen Schichtwechsel des Narkosearztes gab
und die Narkoseschwester in Vollzeit beschäftigt war.
Beides gewährleistet eine kontinuierliche Betreuung des Patienten, was im
Notfall über Leben oder Tod entscheiden kann. Trotz eindeutiger juristischer
Vorgaben gegen die Parallelnarkose und des erhöhten Risikos für den
Patienten planen private Krankenhausbetreiber in Deutschland nun "Medizinische
Assistenten für Anästhesiologie (MAFA)" auszubilden. Sie sollen
"einfache Narkosen" bei "absehbar risikolosen Patienten" selbst
leiten, so dass der Anästhesist parallel weitere Patienten betreuen kann.
Aufgrund der aktuellen Studie aus den Niederlanden warnt die DGAI davor, dieses
Vorhaben weiter zu verfolgen. Eine generelle, dienstplanmäßig festgelegte
Delegation anästhesiologischer Leistungen ist mit Blick auf eine größtmögliche
Sicherheit des Patienten unvereinbar.
"Wir dürfen und wir wollen unsere Patienten nicht im Stich lassen",
so die anästhesiologischen Fachverbände.