Heute hier, morgen dort: Fachpflege hebt ab
Redaktion zwai
(hhe) Die Weiterbildung zur Fachkrankenschwester in der Intensivpflege
und Anästhesie erfordert zwar eine gute Portion Selbstbewusstsein, gibt aber
selten Grund zu Abheben und Höhenschwindel.
Anders sieht es da bei Jennifer Hines aus: sie absolviert den Wahleinsatz
im Rahmen der Fachweiterbildung am Klinikum Dortmund auf dem Intensivtransporthubschrauber „Christoph
Westfalen“.
Auf die fliegende Alternative zu Dialyse, Kinderintensiv und Herzkatheterlabor
wurde die 26Jährige durch eine Besichtigung des ADAC-Luftrettungszentrums
am Flughafen Münster-Osnabrück (FMO) aufmerksam, die die Dortmunder
Weiterbildungsstätte mit jedem Kurs durchführt. Bereits bei der eintägigen
Exkursion vermittelte Marco Monnig, leitender Fachkrankenpfleger des Intensiv- & Rettungstransporthubschraubers,
die grundlegenden Besonderheiten des luftgebundenen Transports von Intensivpatienten.
Darüber hinaus kann Monnig den erweiterten Blick über den Tellerrand,
bzw. aus dem Hubschrauberfenster jährlich zwei Weiterbildungsteilnehmern
ermöglichen.

Blau gegen Rot
Drei Tage tauscht Jennifer Hines nun das Blau der Dienstbekleidung, die sie
sonst auf der Intensivstation des Evangelischen Krankenhauses Hagen-Elsey trägt
gegen das Rot der Rettungsdienstjacke.
Ergänzt wird der Wahleinsatz durch
einen weiteren Tag bei der Flughafenfeuerwehr am FMO, zwei Tage im bodengebundenen
Notarztdienst und schließlich die Teilnahme am ADAC-Kurs „Intensivtransport“,
den die Münsteraner mehrmals jährlich anbieten.
Erst einweisen, dann abheben
Damit die Krankenschwester überhaupt mit dem Christoph Westfalen abheben
kann, benötigt sie nicht nur Schwindelfreiheit und einen stabilen Magen,
sondern – wie jedes andere Crewmitglied auch – vorab die nach den
Flugbetriebsbestimmungen erforderliche Einweisung in die Sicherheitseinrichtungen
des am FMO eingesetzten Eurocopters „BK 117“.
Vor allem im laufenden Flugbetrieb sind eine Reihe von Regeln zu beachten,
wenn man keine Bekanntschaft mit den sich schnell bewegenden Teilen des Hubschraubers
wie Haupt- und Heckrotor machen möchte - und selbst das korrekte Aufsetzen
des Helms will gelernt sein.
Zusätzlich wird Jennifer Hines von Fachkrankenpfleger und HEMS-Crew-Member
Otmar Kolbeck nicht nur in die komplette medizinische Ausstattung von Intensivrespirator
bis BGA-Gerät eingewiesen, sondern erfährt von Hubschrauberpilot
Dirk Buchholz auch viel Wissenswertes über Flugplanung, Flugdurchführung,
Navigation, Kommunikation an Bord und die Besonderheiten der Flugmedizin mit
ihren physikalischen Eigenarten.

Nach der gründlichen Einarbeitung muss Hines nicht lange auf die ersten
Einsätze warten:
Erkennt Hines auf Verlegungsflügen viele Maßnahmen und Methoden
aus ihrem eigenen Arbeitsalltag wieder, kann sie auf den auch zum Aufgabenbereich
des Christoph Westfalen gehörenden Primäreinsätzen gänzlich
neue Erfahrungen auf dem Gebiet der Notfallrettung sammeln.
Ebenfalls aus den Verlegungen von Intensivpatienten wird Jennifer Hines viele
Erfahrungen mit in die Klinik nehmen können: auch wenn die BK 117 für
einen Rettungshubschrauber vergleichsweise geräumig ist, bleiben die Interventionsmöglichkeiten
während des Flugs sehr überschaubar, sodass ein schlecht verbundener
Zugang, eine lose Tubusfixierung oder selbst eine Luftblase in der Perfusorspritze
zur Gefährdung für den Patienten werden kann. Eine sorgfältige
bis penible Transportvorbereitung ist somit unerlässlich.
„Man betrachtet die Medizintechnik aus einem ganz anderen Blickwinkel“,
erzählt Hines hinsichtlich der beim innerklinischen Transport sonst wenig
beachteten Akkulaufzeiten und Befestigungsmöglichkeiten.

Intensivtransport: Aufgabe für die Fachpflege
Marco Monnig liegt viel daran, die Weiterbildungsteilnehmer für diese
Aspekte rund um den Intensivtransport zu sensibilisieren, stellen sie doch
häufig mit dem Anruf bei der Leitstelle die Weichen für den Ablauf
des gesamten Interhospitaltransfers. Ohne Kenntnisse über die medizinischen
Bedürfnisse des Patienten an das Transportmittel und die vorhandene rettungsdienstliche
Infrastruktur kann ansonsten ein wenig geeignetes Gespann vor der Stationstür
stehen.
Trotz eines Intensivstations-Praktikums fehlen der rettungsdienstlichen Ausbildung
naturgemäß große Bereiche des intensivmedizinischen Spektrums.
Formal ist diese Ausbildung zwar für den Einsatz im Krankentransport gemäß Rettungsdienstgesetz
ausreichend, der Umgang mit dem kritisch Kranken und der angehängten Medizintechnik
erfordert jedoch besonders jenseits der Klinikmauern ein hohes Maß an
Erfahrung.
Monnig und seine Kollegen sehen daher in der Doppelqualifikation aus präklinisch
erfahrenem Rettungsdienstpersonal und klinisch erfahrenem Fachkrankenpflegepersonal
die ideale Kombination zum Transport schwerstkranker Patienten. „Aufgrund
der heutigen Vernetzung der Krankenhäuser ist es besonders wichtig, nicht
nur die Vorteile der großen Klinken zu nutzen, sondern auch auf dem Transfer
zwischen den Kliniken keine Transporttraumen für den Patienten entstehen
zu lassen. Darüber hinaus sollten auch mühsam erreichte Therapieziele
nicht durch Komplikationen auf dem Transport zunichte gemacht werden.“,
erläutert Monnig die Notwendigkeit von Fachpflegenden im Intensivtransport. „Die
sachgemäße Lagerung sollte im Intensivtransport genauso selbstverständlich
sein wie die pflegerische Übergabe in der Zielklinik.“, Monnig weiter.
Gleichzeitig möchte Monnig, auch als Koordinator Intensivtransport und
Fortbildung bei der ADAC Luftrettung tätig, das gegenseitige Verständnis
der am Intensivtransport beteiligten Berufsgruppen verbessern: „Das
Verhältnis
zwischen Rettungsdienst- und Pflegepersonal ist ja traditionell angespannt.
Häufig kennt man sich nur vom Praktikum auf der Intensivstation und weiß kaum
etwas über die Qualifikation der Mitarbeiter. Mit der Hospitation wollen
wir zeigen, dass bei uns nicht mehr der 'ehrenamtliche Krankenträger'
den Patienten abholt, sondern ein ebenbürtiges Mitglied des therapeutischen
Teams an der Trage steht.“
Interessierte Weiterbildungskurse lädt Marco Monnig gerne zu einer eintägigen
Besichtigung einschließlich einer Mini-Fortbildung zum Flughafen Münster-Osnabrück
ein.
(25.09.2006)
>>> zur Foto-Galerie >>>
Fotos: Hanno H. Endres
Emailadresse Autor: