5. Berlin-Brandenburger Anästhesie-Pflegetag & 1. Berlin-Brandenburger DGF-Fortbildungstag OP-Pflege/OTA, 05.03.2005
HolBeu
Berlin (holbeu). Im Bahnhof Zoo wurde mir von einem etwas ungepflegten
jungen Mann ein gebrauchter, aber noch zwei Tage gültiger U-Bahn-Fahrschein
für 10 Euro angeboten. Ein neues 48-Stunden-Tickest hätte 16 Euro gekostet.
Prima Geschäft, gekauft! Doch auf einer Infotafel in der Bahn dann die Ernüchterung:
Man solle um Himmels Willen keine Fahrscheine von Fremden kaufen, da größtenteils
gefälscht und ungültig. Na prima: kaum in der Hauptstadt angekommen,
schon abgezockt. Für die folgenden Fahrten habe ich mir also jeweils Einzelfahrscheine
gezogen.
Nach dem Hannöverschen Anästhesiepflegetag im November (Bericht hier >>>) hatte die Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege
und Funktionsdienste (DGF) innerhalb eines halben Jahres erneut zu einem Symposium
speziell für Pflegende in der Anästhesie eingeladen. Zusätzlich
zum 5. Berlin-Brandenburger Anästhesie-Pflegetag boten die Organisatorinnen,
das DGF-Landesbeauftragten-Duo Beate Brietzke und Elfie Hardtke, ein Novum:
Parallel fand mit dem 1. Berlin-Brandenburger DGF-Fortbildungstag OP-Pflege/OTA
die erste größere Veranstaltung des Berufsverbandes für die
KollegInnen im operativen Geschäft statt.

5. Berlin-Brandenburger Anästhesie-Pflegetag
Im Audimax auf dem Virchow-Campus der Charité kamen über 420 Anästhesiepflegende aus ganz Deutschland zusammen. In seiner Eröffnungsrede betonte der DGF-Vorsitzende Klaus Notz, dass effektive politische Lobbyarbeit für die Krankenpflege nur durch mitgliederstarke Berufsverbände geleistet werden kann und stellte natürlich die Vorteile einer DGF-Mitgliedschaft dar.
In einem lebhaften Vortrag beschrieb Prof. Dr. Friedrich Pühringer, Reutlingen, zunächst die Geschichte und Anwendung der Larynxmaske. Anhand von Fotos und Videos zeigte er, wie die Alternative zum klassischen Tubus „smart und ohne Gewalt“ platziert werden kann. Pühringer bezog eindeutig Stellung pro Pro-Seal, eine neue Kehlkopfmaske mit Aspirationsschutz. Dieses Produkt sei selbst bei Bauchlage anwendbar.

In der anschließenden Diskussion kam aus dem Auditorium die Frage, wie er denn die Larynxmasken aufbereite. „Ich? gar nicht“, ließ der gebürtige Österreicher wissen. Ab einer gewissen Hierarchiestufe sind Alltagsfragen wohl sekundär…
Unter der Fragestellung „Was hilft wirklich und wie wird es gemacht?“ informierte Dr. Achim Foer, Berlin, über verschiedene perioperative blutsparende Maßnahmen. Frei und souverän stellte er die Vor- und Nachteile von maschineller Autotransfusion mittels CellSaver, die umstrittene präoperative Gabe von Erythopoetin sowie die Eigenblutspende gegenüber. Den Benefit eines geringen Blutverlustes bzw. dessen Ausgleichs hob er abschließend bildlich hervor: anhand des Gemäldes „Der Jungbrunnen“ von Lukas Kranach d.Ä.

Notfälle im Kreißsaal sind natürlich auch ein Thema für die Anästhesie. Nicht alltäglich, aber eindrucksvoll bis dramatisch ist das HELPP-Syndrom, das PD Dr. Ingrid Rundshagen, Berlin, von der Ätiologie bis zur praktischen Beherrschung aus anästhesiologischer Sicht vorstellte.

Bislang war der Tag von medizinischen Themen geprägt. Doch gute Medizin braucht das Umfeld gut organisierter und damit letztlich auch überlebensfähiger Krankenhäuser. „Anästhesiepflege und KTQ – Was kommt auf uns zu?“
Dass die Zertifizierung nicht nur bedeutet, dass sich eine Klinik eine hübsche Bronze-Plakette an die Tür schrauben darf, machte Klaus Notz, BBA, Reutlingen, am Beispiel KTQ deutlich. Um zertifiziert zu werden, müssen in einem Krankenhaus zuvor sämtliche Abläufe dargestellt, überprüft und optimiert werden. Dabei geht es um alle Aspekte im Klinikalltag, von der Patientenaufnahme über Behandlungs- und Pflegeabläufe bis hin zur gezielten Mitarbeiterschulung und –förderung. Hier sind auch die Pflegenden gefordert, ihre gute Arbeit transparent und nachvollziehbar darzustellen.
Ein störend lautes Gemurmel im Saal war Indiz dafür, dass sich viele KollegInnen im Saal eher wenig dafür interessieren, was jenseits des Tellerrands ihrer Narkoseabteilungen geschieht. Ganze Grüppchen verließen sogar während des Vortrags das Audimax, um schon mal das Mittagessen einzunehmen. Das Fressen kommt vor der Moral. Dumm und unverschämt.

Das Mittagessen war allerdings wirklich gut, wie auch die gesamte Versorgung mit Getränken und Snacks in den Kaffeepausen, die im Eintrittspreis inbegriffen war.
In der Lobby des Lehrgebäudes hatten zahlreiche Industrie-Aussteller ihre Stände aufgebaut, die auch rege belagert wurden. Die Teilnehmer konnten aktuelle Produkte begutachten und mit den Firmenvertretern die praktische Anwendung erörtern.

Postprandial ging es um die postoperative Schmerztherapie. Der Vortrag von Prof. Dr. Peter Lehmkuhl, Berlin, hätte dem eingangs erwähnten Fahrkartenverkäufer vom Bahnhof Zoo wohl nicht gefallen, denn „neben Opiaten gibt es Alternativen“, so Lehmkuhls Ansatz.

Nachdem anschließend Buchpreise unter den 14 Teilnehmern verlost wurden, die während der Veranstaltung der DGF beigetreten waren, folgten zwei berufspolitisch hochinteressante Vorträge.
Marianne Riesen war Leiterin einer Schweizer Weiterbildungsstätte und ist nun als „anaesthetic practitioner“ in England tätig. Sie beschrieb die zweijährige Anästhesiepflege-Ausbildung und das Tätigkeitsprofil in der Schweiz. In kleineren bis mittleren Spitälern wird die größte Anzahl von Anästhesien von Schwestern unter Aufsicht eines ärztlichen Anästhesisten durchgeführt. In England, das über zu wenige Anästhesisten verfügt, wird nun ein ähnlicher Weg verfolgt. Riesen arbeitet dort an einem entsprechenden Programm mit.
Das Modellprojekt der HELIOS Kliniken GmbH, erfahrene Pflegende zu Medizinischen
Anästhesie-Assistenten auszubilden, hat in der Fachöffentlichkeit bereits
einige Aufmerksamkeit erregt (Diskussion im zwai-/DGF-Forum hier >>>).
Prof. Dr. Jochen Strauß, Berlin, gilt als treibende Kraft und Entwickler dieses in Deutschland bislang einzigartigen Ansinnens. Strauß stellte sein Konzept detailliert vor. In der einjährigen konzerninternen Weiterqualifizierung werden „keine pflegerischen Inhalte, sondern Wissen, Wissen, Wissen“ vermittelt. Ob Strauß hinter pflegerischen Inhalten kein Wissen vermutet, weiß man nicht.
Die Absolventen, der erste Kurs läuft bereits, sollen Narkosen und Regionalanästhesien bei unkomplizierten Fällen selbst überwachen. Ein Anästhesist ist allerdings in Rufweite zugegen.

Die ärztlichen Berufsverbände BDA und DGAI stehen dem Konzept noch
ablehnend gegenüber (Münsteraner
Erklärung >>>). Die DGF, grundsätzlich für die Weiterqualifikation,
sieht vor allem haftungsrechtliche Fragen noch nicht ausreichend geklärt.
In der anschließenden Diskussion zeigten die Teilnehmer großes Interesse für die von Riesen und Strauß vorgestellten Konzeptionen. Allerdings wurden auch viele Zweifel laut, ob sie sich hinsichtlich angemessener Entlohnung, juristischer Wirklichkeit und anderer Widrigkeiten auch bundesweit anerkannt umsetzen ließen.
1. DGF-Fortbildungstag OP-Pflege/OTA
Zur Premiere des Berlin-Brandenburger DGF-Fortbildungstag OP-Pflege/OTA fanden sich mehr als 100 KollegInnen im Hörsaal 3 des Lehrgebäudes ein.
Nach der Begrüßung durch Hans-Dieter Schütt, 2. Vorsitzender der DGF, trat Franz-Heinrich Budde ans Pult. Der Mitarbeiter der Firma Condor Medicaltechnik referierte zunächst über Qualitäts- und Prozessmanagement im OP, um darüber den Bogen zu den von ihm vertriebenen Wundspreizsystemen zu spannen, die eine Optimierung der intraoperativen Abläufe versprechen.
Thomas Liekfeld sprach souverän und mit Witz über Aufbereitung, Wartung und Pflege von starren Endoskopen. „Stellen Sie ein Glas auf den Herd, erhitzen es auf 80°C und halten es dann unter kaltes Wasser.“ Anschaulich verdeutlichte der Servicemitarbeiter der Firma Storz, warum Fieberoptiken häufig zu Bruch gehen, wenn sie unmittelbar nach der thermischen Aufbereitung transportiert und wieder eingesetzt werden.
„Bleibt die Hygiene durch die verkürzten OP-Wechselzeiten auf der Strecke? Unter dieser Fragestellung begann Hygiene-Fachschwester Andrea Sack, Berlin, ihren Vortrag, um dann in einer offenen Fragestunde Sinn oder Unsinn tradierter Hygienemaßnahmen im OP zu besprechen.
Das einzige rein medizinische Thema der Veranstaltung referierte Prof. Dr. Heino Kienapfel, Berlin: Er gab Einblick in die operative Behandlung der Spinalkanalstenose.

Den Abschluss machte auch hier eine berufspolitische Diskussion. Ina Welk, OP-Koordinatorin am Klinikum Aachen, gab zunächst Denkanstöße, inwieweit Strukturveränderungen im OP-Ablauf sinnvoll sind. Die Debatte mit den Teilnehmern war durchaus lebhaft und kontrovers und dürfte sich in den folgenden Tagen in mancher OP-Abteilung fortgesetzt haben.
Die über 530 Teilnehmer der Berliner Doppelveranstaltung hatten einen interessanten Tag, an dem nicht nur Fachwissen weitergegeben wurde, sondern jeder einzelne auch inspirierende Impulse für eine selbstbewusste Berufspolitik in einer sich stark verändernder Krankenhauslandschaft mitnehmen konnte.
Die Organisatorinnen Brietzke und Hardtke zeigten sich mit dem Verlauf ebenfalls sehr zufrieden und freuen sich auf den 18. März 2006 und den 6. Berlin-Brandenburger Anästhesie-Pflegetag sowie den 2. Berlin-Brandenburger DGF-Fortbildungstag OP-Pflege und OTA.
Vor der Heimreise war ich noch schnell an einem BVG-Schalter. Mein gebrauchtes Schnäppchen war ein echter und gültiger Fahrschein.