6. Berlin-Brandenburger Anästhesie-Pflegetag & 2. Berlin-Brandenburger DGF-Fortbildungstag OP-Pflege/OTA, 18. März 2006
Holger Beuse, Redaktion zwai
Anfang der 90er Jahre versah die Bahn in ihren Fahrplänen bestimmte Züge
mit dem Hinweis „Besonders geeignet für Bundeswehr-Heimfahrten“.
Potentielle Fahrgäste waren somit diskret gewarnt, dass sie teilweise laute
und unflätige Jungmänner in den Abteilen zu erwarten hätten.
Bedauerlichweise
hat die Bahn diesen Service bald wieder eingestellt. So bestieg die zwai-Redaktion
am Freitagnachmittag arglos einen ICE nach Berlin.
Der Wehrpflichtige 2006 setzt
seinen Sold nicht mehr überwiegend in Dosenbier und schlechte Zeitschriften
um. Pfandflaschen und Laptops dominieren die Szene. Allein für Kopfhörer
reicht’s nicht immer und so kam das zwai-Team in den zweifelhaften Genuss,
diverse Comedy-Filmchen und eine komplette Star Wars-Episode zwar nicht sehen zu
können, aber hören zu müssen. Wieder etwas gelernt: Während
der Fahrt lassen sich die Türen nicht öffnen.
Als eine der wenigen Veranstaltungen im Osten Deutschlands speziell für
die Anästhesiepflege bereits eine feste Größe im Jahresprogramm,
fand der Berlin-Brandenburger Anästhesie-Pflegetag der Deutschen Gesellschaft
für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste (DGF) nun schon zum sechsten
Mal statt. Parallel dazu, wie auch schon im Vorjahr, der 2. Berlin-Brandenburger
DGF-Fortbildungstag OP-Pflege/OTA. Rund 600 Pflegende aus allen Teilen Deutschlands
kamen ins Hörsaalgebäude auf dem Campus Virchow-Klinikum der Charité.
Da viele Teilnehmer erst am Morgen teilweise von weit her angereist waren,
ließen
die Organisatorinnen Beate Brietzke und Elfie Hardtke, das Landesbeauftragten
Duo der DGF für Berlin-Brandenburg, noch vor Beginn
der ersten Sitzungen frischen Kaffee ausschenken.
Nach der Eröffnung und Begrüßung durch den 2. Vorsitzenden
der DGF, Hans-Dieter Schütt, betrat Dr. Hermann Mellinghoff, Köln,
als erster Referent das Podium. „Muskelrelaxantien für ‚fast
track’-Verfahren“, gefolgt von Peter Quitsch zur „Optimierung
von RR-Konjektionen“.

Von der Partydroge zum Sahnespender - Zwischenstopp Narkose: Lachgas
Einen ebenso interessanten wie amüsanten Vortrag bot Prof. Dr. Jan-Peter
Jantzen, Kiel. Unter der Fragestellung „Sind Lachgas-Narkosen noch zeitgemäß?“ beschrieb er anhand zeitgenössischer Illustrationen anfangs die Geschichte des Lachgases, welches im 19. Jahrhundert zunächst zur Unterhaltung und als Partydroge herhalten musste, bevor es zu Narkose-Zwecken genutzt wurde.
Doch auch hier hat es bereits seinen Zenit überschritten. „Lachgas tötet“, so Jantzen. Und zwar nicht nur, weil es zu 0,05% zum Treibhauseffekt beiträgt,
sondern auch ganz unmittelbar. Kardiale, renale und (durch Ketamin noch potenzierte)
cerebrale Nebenwirkungen geben dem auch als Distickstoffmonoxid bekannten Gas
laut Jantzen allenfalls noch eine Daseinsberechtigung als Treibgas in Sahnespendern.
Kreide versus Beamer
Danach ein bekanntes Gesicht mit einem neuen Thema: Prof. Dr. Peter Lehmkuhl,
Berlin, gehört zum Berliner Anästhesie-Pflegetag wie die Wetterkarte
zur Tagesschau. Er gab dieses Jahr einen schönen Überblick über
das praktische Vorgehen bei der Ileuseinleitung.
Ebenfalls ein bekanntes Gesicht, zumindest für die Münsteraner zwai-Redaktion:
Der Fachkrankenpfleger und Buchhändler Gerd Meyer aus Münster.
Er
hatte sich am Morgen bereits im benachbarten Saal der OP-Pflege warm reden
können und gab nun den KollegInnen diesseits des Tuches einen Einblick
in aktuelle Fachbücher und wie man diese möglichst zielgerichtet
auswählt und effizient nutzt.

Im Mittelpunkt: CPR, Filter und Recht
Unterdessen hatte man sich im „OP-Saal“ von Sabine Leder, Walluf,
in die Grundlagen der VAC-Therapie einführen lassen und mit der Patientenlagerung
auf dem Operationstisch beschäftigt. Neben Katrin Schmidt, Schauenburg,
stach Prof. Dr. Roland Schiffter, Berlin hervor. In Zeiten, in denen viele Vorträge lediglich ein Soundtrack zu mehr oder minder gut gestalteten
Power Point-Präsentationen sind, imponierte er mit einem handgeschriebenen
Tafelbild.
In der Mittagspause hatten die Teilnehmer die Qual der Wahl zwischen zwei
verschiedenen warmen Gerichten und einem Rundgang über die Industrieausstellung.
Mit etwas Selbstdisziplin und Zeitmanagement ließen sich auch alle drei
Optionen hintereinander bewältigen.
In der ersten Anästhesie-Session des Nachmittags erläuterte Frank
Schulz, Berlin, den aktuellen Stand der Reanimationsleitlinien. Ihm folgte
Reinhardt Kranabetter, Nürnberg. Der Fachkrankenpfleger präsentierte
eine aktuelle Untersuchung zur Prozess- und Ablaufoptimierung im OP durch Einsatz von Beatmungsfiltern.
Dabei beleuchtete er die hygienischen und ökonomischen Aspekte unterschiedlicher Wechselintervalle und zog Vergleiche zwischen entsprechenden Empfehlungen verschiedener europäischer Staaten.

Als der im Nachbarsaal Prof. Dr. Kienapfels Vortrag über Minimalinvasive
Hüftgelenksendoprothetik folgende Referent nur äußerst wenig
zu ergänzen hatte, bewies Sabine Pfeffer, Stuttgart, Improvisationstalent.
Als Vorstandsmitglied der DGF hatte sie ursprünglich bloß den Vorsitz
der ersten Nachmittagssitzung. Doch spontan referierte sie über die Freiwillige
Registrierung für beruflich Pflegende. Dank ihres USB-Sticks, den sie
zufällig bei sich trug, konnte sie sogar entsprechende Folien an die Leinwand
beamen.
Die letzte Session des Tages war Rechtsanwalt Robert Roßbruch, Koblenz,
vorbehalten. OP- und Anästhesiepflegende saßen und standen dazu
gemeinsam im Audimax.
Wer Roßbruch kennt, weiß, dass er keine endlosen Monologe hält.
Vielmehr versteht er es, nach einem kurzen Eingangsreferat zu aktuellen Rechtsfragen
eine lebhafte Diskussion zu entfachen. Insbesondere neue Arbeitszeitmodelle
nach EU-Vorgaben und deren Auswirkungen auf Kliniken und Mitarbeiter konnte
der Jurist mit Sachverstand erläutern.
Fragen aus dem Auditorium zu oftmals
praktizierten Unregelmäßigkeiten bei der Anwendung bereits bestehender
Vorschriften beantwortete er offen und bisweilen mit feiner Ironie.
Statements von Teilnehmern und jährlich steigende Resonanz lassen darauf
schließen, dass der Berlin-Brandenburger Anästhesie-Pflegetag sowie
der Berlin-Brandenburger DGF-Fortbildungstag OP-Pflege/OTA erneut lohnende
Veranstaltungen waren und machen Lust auf die Neuauflage des Doppels am Samstag,
den 17. März 2007. Zugreisenden sei allerdings empfohlen, den Freitag
als Anreisetag zu vermeiden oder sich selbst mit lärmenden Gerätschaften
auszustatten.
Fotos:
Hanno H. Endres
(31.03.2006)
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