1. Bonner Intensivpflegesymposium
HolBeu
Die ehemalige Bundeshauptstadt Bonn musste sich zu Zeiten, als Berlin noch im Osten vor sich hin träumte, oft als „Bundeshauptdorf“ bezeichnen lassen. Seither scheint der wahrlich beschauliche Ort am Rhein mit seiner auf den ersten Blick nicht ersichtlichen Größe zu kokettieren. Dies wird gleich am Bahnhof klar, als ein riesiger doppelstöckiger Reisebus die Straße blockiert. Bescheiden weist die Firmenbeschriftung ihn als „Der Kleinbus“ aus.
Ähnlich kommt auch das 1. Bonner Intensivpflegesym- posium daher. Obwohl zum ersten Mal und obwohl Montag und obwohl Sonne nebst 30 Grad Celsius versprochen waren (und auch geliefert wurden) fanden mehr als 230 Teilnehmer den Weg in das Wissenschaftszentrum Bonn. Die Premiere hat sich mit einem Paukenschlag aus dem Stand als respektable Veranstaltung entpuppt. Im Namen des Universitätsklinikums Bonn (UKB) und der Deutschen Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste (DGF) hatte das Organisationsteam um Carsten Hermes und Carl Roovers unter der Leitung von UKB-Pflegedirektor Alexander Pröbstl eine handvoll hochkarätiger Referenten für das Programm gewinnen können.
Das Ambiente des Wissenschaftszentrums darf als ein gehobenes betrachtet werden. Über den dunklen Teppich ist sicher auch schon Politikprominenz geschritten. So ist der Veranstaltungsraum auch mehr Plenar- denn Hörsaal. Das wirkt anfangs etwas befremdlich, denn kaum ein Teilnehmer wagt, sich in das Rund direkt vor dem Rednerpult zu setzen. Einige Referenten werden diese Manege später allerdings als Bewegungsfläche nutzen.

Pflege-Novizen, Raumfahrt und der Heilige St. Florian
Nach den Grußworten von Pflegedirektor Alexander Pröbstl und DGF-Vorstandsmitglied Klaus Notz eröffnete Liliane Beste (Bonn) mit der Vorstellung einer Pflegestudie am UKB. Gemeinsam mit den Pool Study Nurses des Univeritätsklinikums und mit Hilfe von Gerätschaften aus der Raumfahrttechnik untersucht sie den Einfluss der Lagerung auf die Mikrozirkulation.
Rolf Dubb (Stuttgart) beleuchtete umfänglich die noninvasive Beatmung (NIV) unter den Aspekten Indikation, Erfolgs- und Abbruchkriterien sowie Equipment. Entscheidend sei dabei der Einsatz von ausreichendem und qualifiziertem Personal, NIV sei nichts für „Pflege-Novizen“. Die teure Personalintensivität rechne sich aber, da bei erfolgreicher NIV Liegezeiten und Komplikationen minimiert werden können.
Organisator Carsten Hermes präsentierte hernach ein für Pflegesymposien ungewöhnliches Sujet: Brandschutz.
Was gemeinhin Inhalt trockener Pflichtfortbildungen ist, schien für Hermes eine gewisse Passion zu sein und er schaffte es, den Funken auch auf das Auditorium zu überspringen zu lassen. Insbesondere griff Hermes die üblichen Schwachstellen im vorbeugenden Brandschutz auf, beispielsweise festgekeilte Brandschutztüren, verstellte Fluchtwege oder unzugängliche Löschvorrichtungen. Nachlässigkeit, Ignoranz und Glaube an den Heiligen St. Florian können so zu üblen Katastrophen führen. Eindrucksvoll demonstrierte Hermes, wie aus einem kleinen Feuerchen zügig ein höllisches Inferno werden kann. Dies allerdings nur per Videoeinspielung, denn ein geplanter Workshop zum Thema wurde von den Behörden nicht genehmigt – aus Brandschutzgründen.
Nach dem Feuer ging’s ins Foyer. Neben einem kleinen Imbiss warteten hier insbesondere die Vertreter der Industrie an ihren Ständen, um ihre neuesten Produkte feilzubieten.
Henning Schneider (Bonn) stellte seinen Vortrag unter das Thema „Evidence basiert oder lieber Evidence informiert?“. Pflegewissenschaftliche Erkenntnisse müssen den Weg in die Praxis finden. Es zeichnet den Praktiker aber aus, diese Erkenntnisse nicht unreflektiert auf jeden Patienten anzuwenden, sondern Abweichungen und Ergänzungen im individuellen Kontext zuzulassen.
Fast-tracking, clinical-pathways, Case Management, Ambulantes Operieren: Die Fortentwicklung in Medizin und Pflege sowie die Entwicklung neuer Versorgungskonzepte stellen neue Forderungen an die Pflege. Auf diese Aspekte ging Tilmann Müller-Wolff (Reutlingen) ein. Von der Pflege wird eine stärkere Medizinorientierung und die Übernahme von neuen Aufgabengebieten erwartet. „Tun Sie bitte mehr für weniger“, fasste Müller-Wolff diese Anliegen überspitzt zusammen und versuchte auszuloten, inwieweit hier mit Pflegestudiengängen begegnet werden kann.
Ob hingegen die klassische Fachweiterbildung noch zeitgemäß ist, erörterte Dietmar Stolecki (Dortmund). Während Fallzahlen steigen, Verweilzeiten sinken, Multimorbidität zunimmt und insgesamt Intensivbehandlung immer dynamischer und komplexer wird, wurde Intensivpflege in den letzten Jahren sowohl in Quantität, gemessen in Stellen, und Qualifikation beschnitten. Verkürzte Weiterbildungen jenseits der gesetzlich verankerten Fachweiterbildung Intensivpflege und Anästhesie sollen Kosten niedrig halten. Stolecki verwies aber nachdrücklich darauf, dass solide weitergebildete Fachpflegende zumeist besser in der Lage sind, Behandlungsverläufe positiv zu beeinflussen und Komplikationen frühzeitig abzufangen. Hier liege das wahre Potenzial, unnötige Kosten gar nicht erst auflaufen zu lassen.
Unnötige Kosten liefen auch in der folgenden Mittagspause nicht auf, denn das Mittagessen in der Mensa des Wissenschaftszentrums war für die Teilnehmer kostenlos. Schmackhaft war es zudem, so dass das Thema des folgenden Vortrags einen umso größeren Kontrast bot:
Ekel - Im Arbeitsalltag oft gegenwärtig, auf Kongressen jedoch selten thematisiert. Maria Hesterberg (Bonn) versuchte sich an der Aufarbeitung dieser natürlichen Reaktion. Sie beschrieb mögliche Ursachen, körperliche Reaktionen und, für beruflich Pflegende wichtig, verschiedene Ebenen des Umgangs damit. Dafür hatte sie ein schönes Wort parat: Ekelmanagement. [Ob sich hier eine neue Nische für akademisierte Bettflüchter auftut: Ekelmanager (FH)? d. Setzer]

Den Zusammenhängen von Delir und Weaning ging Frederic Schmalenbach (Bonn) nach. Mit einem ausgeklügelten Weaning-Konzept kann einem Patienten Motivation und Selbstvertrauen vermittelt werden. Dies ist wichtig, um ein durch Überforderung und Frustration bestärktes Delir schon im Ansatz zu vermeiden. Der Patient soll den Pflegenden nicht als „Feind“, sondern als Freund und Partner in seiner Situation wahrnehmen.
Der Patient ist naturgemäß im Fokus der Pflege. Maria Gillarduzzi (Innsbruck) lenkte in einem furiosen Vortrag den Blick jedoch noch auf ein oftmals weniger beachtetes Detail: Was erleben Angehörige auf Intensivstationen? Sie opfern sich häufig auf, neigen dazu, sich selbst und andere Familienmitglieder zu vernachlässigen. Hier können Pflegende Hilfestellung geben, damit Angehörige nicht frühzeitig ihre Kraft verlieren und auch noch gewappnet sind für den bisweilen langen und steinigen Weg nach dem Intensivaufenthalt.
Etwas Auffrischung und aktuelles Wissen zum Akuten Koronar Syndrom gab Dirk Bemba (Bonn) und Stefan Lenkeit (ebenfalls Bonn) vermittelte die ERC Leitlinien von 2010 und ging dabei auch auf Hintergründe der Änderungen ein.
Den Abschluss machte Arnold Kaltwasser (Reutlingen) mit einem beinahe allumfassenden Ritt durch die Thematik Beatmung. Souverän und praxisnah, mit fundierten Hinweisen und belegten Ergebnissen beleuchtete er immer wiederkehrende Probleme und Mythen. Die Titel gebende Fragestellung seines Vortrags, „Wer macht wann was?“, beantwortete er mit einem lakonischen „Pflege macht alles“ und erntete damit spontanen Applaus des sich darin wohl selbst wieder erkennenden Publikums.
Mit dem 1. Bonner Intensivpflegesymposium wurde den Besuchern ein Pflegekongress geboten, der kaum Wünsche offen ließ. Ein abwechslungsreiches Programm, das publikumsmagnetisierende „technische“ Themen wie Beatmung ebenso wie Berufspolitik und zu unrecht oft etwas randständige Aspekte erfrischend aufbereitet ins Blickfeld brachte.
Die reibungslose Organisation und die bedarfsgerechte Logistik im Ambiente des Wissenschaftszentrums ließen die Veranstaltung zu einer anregenden Kurzweil werden. Neuauflagen in den folgenden Jahren dürften als Pflichttermin gehandelt werden. Es muss ja nicht immer Berlin sein.