Forum für Intensivmedizin und Intensivpflege, Marburg
Redaktion zwai
(holbeu/hhe) Marburg - der Name fiel in jüngster Zeit eher mit kritischen Entwicklungen
im Gesundheitswesen (Fusion und Privatisierung des Universitätsklinikums,
Marburger Bund). Aber dafür kann die idyllische Universitätsstadt
an der Lahn ebenso wenig wie Eschede, Ramstein oder Rothenburg für die
schauerlichen Assoziationen mit ihren Gemeinden können.
Auf der Pflege-Kongress-Karte war Mittelhessen bislang ein fast weißer
Fleck. Erst mit dem Anästhesiepflegetag 2005 trat auch hier engagierte
Pflege an die Fachöffentlichkeit.
In diesem Jahr wurde mit dem Forum für Intensivmedizin und Intensivpflege
(FIMIP) vom 6. bis 8. September 2006 erstmals eine dreitägige Mammutveranstaltung angeboten. Dabei
sollten Intensivmediziner wie auch Intensivpflegende auf einem gemeinsamen
Kongress zusammen diskutieren und an aktuellen Thematiken arbeiten. Den pflegerischen
Teil des Vortragsprogramms hatte zwai-Redakteur Tilmann Müller-Wolff gestaltet,
zugleich stellvertretender Landesbeauftragter der mitveranstaltenden Deutschen
Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste.

Spagat am Lahnufer
Das Programm war in zumeist in parallele medizinische und pflegerische Sitzungen gegliedert, einige gemeinsame Sessions sollten die beiden größten Berufsgruppen auch räumlich zusammenbringen. Der gemeinschaftliche Ansatz Pflege – Medizin war dabei so innovativ wie fragil. Noch neigte man in beiden Lagern zu einer Gettoisierung. Wurden im Medizinersaal zwar auch immer wieder Pflegende gesichtet, so verirrten sich nur wenige Ärzte in die Sitzungen mit pflegerischem Schwerpunkt. Doch sie waren auch in der Minderheit – etwa ¾ der
knapp 400 Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet zzgl. Südtirol waren Intensivpflegende.
Müller-Wolff und die ärztlichen Organisatoren,
die Marburger Professoren Dr. Martin Max (Anästhesiologie und operative Intensivmedizin) und Dr.
Heinrich Becker (Internistische Intensivmedizin) hatten eine Reihe viel versprechender
Referenten gewinnen können. Dazu sei auch auf das unten verlinkte Programm
verwiesen. Auf alle hier einzugehen, würde den Rahmen sprengen. Im Folgenden
soll von einigen (subjektiven) Highlights berichtet werden.
Ulrike Naumann, Marburg, hielt einen theoretisch fundierten Vortrag mit viel
Praxisnähe zum Durchgangssyndrom. Unglaublich, dass sie erst wenige Tage
zuvor aus dem Urlaub heraus für eine erkrankte Referentin eingesprungen
war.
Mit einem auf Kongressen seltenen Thema betrat zwai-Redakteur Holger
Beuse das Podium. Überwiegend aus Betreibersicht schilderte er ungezwungen die „Chancen
und Grenzen von Intensivpflegeforen im Internet“.
Nicht immer sind alle Themen und Probleme des beruflichen Alltags mit den
direkten Kollegen vor Ort zu klären. Online-Foren, an denen Pflegende
ortsunabhängig und bei Bedarf auch anonym teilnehmen können, bieten
hier neue Chancen des offenen und unzensierten Erfahrungsaustauschs über
Institutionen hinweg. Zwar stellen sie derzeit keine formale Fortbildung dar,
können aber Fachzeitschriften und –Bücher ergänzen, schnellen
und unkomplizierten kollegialen Austausch bieten und somit eine Identifikation
mit der Berufsgruppe stiften. Anhand zahlreicher Beispiele erläuterte
Beuse die Kniffe, die bei Online-Diskussionen zu beachten sind und machte deutlich,
dass Internetforen – genau wie sein Vortrag – aber durchaus auch
Spaß machen können und sollen.
Auf gewohnt hohem Niveau auch Franz Sitzmann, Herdecke. Er bot Aktuelles zum
pflegerischen Umgang mit „bad bugs“ dar, also Problemkeimen wie
MRSA, VRE, ESBL, Pseudomonaden und dergleichen. Den Kampf gegen nosokomiale
Infektionen verglich er treffend mit Napoleon: Dessen Armee habe auch nicht
gegen Russland verloren, sondern den Kampf gegen Bakterien und Läuse!
(Sitzmanns Präsentation zum Vortrag ist unten verlinkt.)
Spannend, weil auch emotionsbesetzt, war die Sitzung „Organspende und
Transplantation“. Dabei ging es den Referenten Dr. Markus Weigand, Heidelberg,
Dr. Wolfgang Langer von der DSO, und Bernd Halbhuber, beide Marburg, um das
Finden geeigneter Spender sowie die Intensivbehandlung und Pflege des hirntoten
Patienten.
Eine alte Kongress-Weisheit besagt, dass der Saal besonders voll ist, wenn
die Themen Beatmung oder Reanimation auf der Agenda stehen. Marburg machte
da keine Ausnahme. Zwar sollten alle im Intensivbereich Tätigen mittlerweile
die neuen Reanimationsrichtlinien kennen, doch der gut besuchte Vortrag von
Dr. Michael Preuss, Marburg, fasste alles schön zusammen und brachte auch
einige Hintergrundinformationen. Ebenso die Ausführungen zur Reanimation
bei Kindern und Säuglingen der beiden Marburger Kinderintensivpflegenden
Silvia Backhaus-Khan und Thomas Nau.
Den ersten Veranstaltungstag beendete Simon Matzinger. Der Dipl. Gesundheits-
und Krankenpfleger arbeitet auf einer internistischen Notaufnahmestation in
Wien und beschäftigt sich schon seit Jahren mit der Therapeutischen
Hypothermie nach Reanimation. Fachlich unzweifelhaft versiert, machte eine gehörige
Portion Wiener Schmäh seine Ausführungen zu einer mitreißenden
und kurzweiligen halben Stunde.
Denn sie wissen nicht was sie tun – Qualitätssicherung auf der Intensivstation
Eine alte Kongress-Weisheit besagt, dass der Saal besonders leer ist, wenn
es um berufpolitische Themen geht oder gar um [Achtung, schlimmes Wort!] Qualitätssicherung.
Entsprechend wenige Teilnehmer fanden den Weg in die letzte Sitzung des Donnerstags.
Doch: „If you cannot measure something, you cannot improve it“.
Die Zukunft der Intensivmedizin, der Intensivpflege und jeder einzelnen Station
wird davon abhängen, wie gut die eigenen Leistungen erfasst und bewertet
werden und welche Konsequenzen beispielsweise aus abweichenden Pneumonieraten
gezogen werden. Kann ein hoch qualifizierter und vergleichsweise teurer Intensivpflegender
einem BWL-orientierten Verwaltungsmenschen oder Vertreter einer Krankenkasse
plausibel machen, was er eine ganze Schicht über mit zwei oder drei Patienten
arbeitet, ohne konkrete Zahlen in der Hand zu haben?
Die Ausführungen von Dr. Jürgen Graf und Dr. Ina
Kopp, beide Marburg,
brachten auf den Punkt, warum die an der Basis oft als lästig empfundenen
Maßnahmen der Qualitätssicherung direkte Argumente etwa zur Personalbesetzung
liefern können. Die mediane Liegedauer und damit die Kosten erhöhen
sich signifikant, wenn beispielsweise auf einer chirurgischen Intensivstation
kein Fulltime-Intensivmediziner rund um die Uhr anwesend ist. Und es gilt als
erwiesen, dass die mittlere Mortalität auf Intensivstationen bei 5% liegt,
wenn eine Pflegekraft nachts dort zwei Patienten betreut. Sind nachts mehr
als zwei zu betreuen, beträgt die mittlere Mortalität schon 15%!
Die erste pflegerische Vormittagssitzung am Freitag bot Themen, die prima
vista keine harten Fakten lieferten und vermeintliche Nebenschauplätze
beleuchteten. Doch die Referenten konnten deutlich machen, dass auch und gerade
deren Beachtung professionelle Intensivpflege jenseits von Tubus und Respirator
ausmachen.
Martina Bauer, Lünen, beschäftigte sich mit der Angehörigenintegration
in die Pflege. Pflegende empfinden Anwesenheit und Informationsbedürfnis
von Angehörigen oftmals noch immer als hinderlich und unangenehm. Doch
die situationsgerechte Einbindung kann nicht nur Wohlbefinden und Genesung
der Patienten fördern, sondern auch die Arbeit der Pflegenden konstruktiv
stützen. (Bauers Abstract zum Vortrag ist unten verlinkt)
Kathrin Thiemann-Krumm, Marburg, ist keine Krankenpflegerin, sie arbeitet
als Physiotherapeutin auf verschiedenen Intensivstationen. Aber auch sie hat
Ohren und hat sich mit dem Thema „Lärm und Stille auf der ICU“ auseinandergesetzt.
Dabei spannte sie den Bogen von der Etymologie des Wortes Lärm bis zu
eingespielten Originalgeräuschen in einem Patientenzimmer.
Danach war Wendelin Herbrand, Murnau, an der Reihe. Besucher, die ihn vielleicht
schon von anderen Kongressen kannten, wurden nicht enttäuscht, auch wenn
er aufgrund der Überziehung seiner Vorredner nur wenig Zeit hatte.
Herbrand
hält keinen Vortrag, Herbrand ist der Vortrag. Lebhaft und mit vollem
Körpereinsatz versteht er es, sein Anliegen auch dem müdesten Teilnehmer
eindrucksvoll zu vermitteln. „Humor auf der Intensivstation“? Warum
denn nicht? Er hat untersucht, dass es Patienten sehr wohl schätzen, wenn
ihnen nicht nur mit ernster Trauermine begegnet wird. Schließlich ist
ihr Ziel zumeist die Rückkehr in ein normales Leben und nicht die Trauerhalle.
Und auch das Intensivpersonal darf durchaus Spaß bei der Arbeit haben,
sofern nicht auch ernste Gespräche zur Lachnummer werden.

Wendelin Herbrand: „Auf fast jeder Station
finden Sie einen Ratgeber ‚Brustkrebs – was nun?’. Warum
nicht auch mal ein Buch von Loriot?“

Der Weisen Disput kommt der Wahrheit zugut [1]
Eine alte Kongress-Weisheit besagt, dass sich Referenten nach ihrem Vortrag
zwar noch einigen Fragen stellen müssen, richtig kontrovers wird es in
der Regel aber nicht. Anders in der letzten gemeinsamen Sitzung am Freitag
unter dem Leitmotiv „Hygienemaßnahmen auf der Intensivstation“.
Hardy-Thorsten Panknin, Berlin, lieferte eine Fülle von Daten aus internationalen
Studien und Hygienerichtlinien. Dabei legte er in kurzfristiger Abänderung
seines ursprünglichen Themas „Fieber auf der Intensivstation“ den
Schwerpunkt auf evidenzbasierte Erkenntnisse über katheter-assoziierte
Infektionen. Der nachfolgende Referent, Achim Storm aus Düsseldorf, war
darüber sichtlich überrascht. Schließlich stand er mit einem „Evidenzbasierte
Katheterpflege“ betitelten Vortrag auf dem Plan.
Storm, der Name ist Programm, hielt also hernach einen furiosen Vortrag zum
selben Thema, hatte dabei aber einen deutlich praxisbezogeneren Ansatz als
sein Vorredner und zweifelte überdies die Methodik der von Panknin zitierten
Studien an.
Das Auditorium hätte sich im Anschluss sicher eine spannende Diskussion
mit den beiden Referenten gewünscht, aber leider hatte Panknin den Saal
schon direkt nach seinem Referat verlassen.
Wenig kontrovers war der abschließende Auftritt von Arnold Kaltwasser.
Sein Name steht beinahe synonym für die Geschlossene Absaugung und so
wusste er durch fundierte Aussagen zum sinnvollen Einsatz geschlossener
Systeme gegenüber konventionell offenem Absaugen zu überzeugen.
Insgesamt wurde über drei Tage ein anspruchsvolles und abwechslungsreiches
Programm geboten, das den Besuch lohnenswert machte. Bedauerlich für Veranstalter
und Teilnehmer war lediglich, dass ungewöhnlich viele Referenten kurzfristig
absagen mussten. Zwar sind Intensivlinge oft mit einem hohen Krankenstand vertraut
und glücklicherweise gelang es auch in vielen Fällen, kurzfristig
gleichwertigen Ersatz zu gewinnen.
Allerdings ist schon recht bedauerlich, wenn eine hochkarätige
Referentin krankheitsbedingt per Mail absagt und ihren geplanten Vortrag als Anhang mitschickt, auf dass er verlesen werden muss.
Es ist zu wünschen, dass es im kommenden Jahr eine Neuauflage geben wird.
Sollten sich die Veranstalter zudem zu einer günstigeren Terminierung
durchringen, die nicht drei Wochentage in Anspruch nimmt, könnten der
Kongress und das schöne Städtchen Marburg noch mehr Teilnehmer ziehen.
[1] Jüdisches Sprichwort
Fotos:: Hanno H. Endres
(12.09.2006)
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