Hannöverscher Anästhesiepflegetag 2005
Holger Beuse, Redaktion zwai
Als Hans-Dieter Schütt 1995 im Kollegenkreis ankündigte, einen rein
pflegerischen Anästhesie-Kongress ohne ärztliche Teilnehmer durchführen
zu wollen, hörte er „Na, dann mach mal…“ Was so viel
heißen sollte wie „Das wird sowieso nix.“
Doch in diesem Jahr konnten Schütt und sein Mitveranstalter Sören
Lösche mit dem 10. Hannöverschen Anästhesiepflegetag am 28.
und 29. Oktober ein kleines Jubiläum feiern. Aus diesem Grund war die
Veranstaltung auch erstmalig für zwei Tage angesetzt.
Im Utopia-Filmpalast in Langenhagen bei Hannover begrüßte Sabine
Rüdebusch die Teilnehmer im Namen der Deutschen Gesellschaft für
Fachkrankenpflege und Funktionsdienste (DGF) und forderte die Fachkrankenpflege
auf, sich gerade im Hinblick auf die Diskussion um neue Qualifikationen in
der Anästhesie-Assistenz weiter zu profilieren. Agieren statt reagieren,
so ihr Aufruf.
Das dichte Programm fand parallel in zwei Sälen statt, so dass sich die
Teilnehmer die für sie jeweils interessantesten Vorträge aussuchen
konnten. In Saal 2 eröffnete Prof. Dr. med. J.-P. Jantzen, Hannover, mit
einem Referat über das Medizinprodukte-Gesetz (MPG) und dessen Umsetzung
durch den Anwender. Über die Umsetzung und Anwendung der Gefahrenstoffverordnung
sprach St. Filter, Hannover.
Nebenan begeisterte Dieter Bassauer, Esslingen, mit einer lebendig erzählten
und reichlich bebilderten Geschichtssunde. Er berichtete von den Anfängen
der Anästhesiepflege Ende des 19 Jahrhunderts, die er allerdings auch
nur aus historischen Quellen kennt. Die Entwicklung der vergangenen vier Jahrzehnte
hat er hingegen hautnah miterlebt und als langjähriger Vorsitzender der
DGF auch mitgestaltet. Bassauer würdigte Mitglieder der frühen Jahre,
etwa Gründungsvorsitzende Therese Valerius oder den Krankenpfleger und
späteren Anästhesie-Professor Ortwin Giebel (Giebelrohr) und zeichnete
die Geschichte der DGF nach, ohne die es wohl keine Fachweiterbildungen heutigen
Zuschnitts gäbe.
Doch die Fachweiterbildung Intensivpflege und Anästhesie bekommt zurzeit
heftigen Gegenwind. Auf pure Assistenz bei der Narkose ausgerichtete Qualifizierungsmaßnahmen
wie „ATA“ und „MAfA“ sollen kostengünstige und
effiziente Alternativen zur umfassenden Fachweiterbildung von Pflegenden sein.
Lothar Ullrich, Münster, zweifelte in seinem Vortrag jedoch an, dass diese
Assistenzberufe ohne staatliche Anerkennung ausreichend befähigen, den
komplexen organisatorischen, fachlichen und psychosozialen Anforderungen in
der Anästhesie gerecht zu werden. Ullrich belegte, dass Patienten, die
eine Narkose erhalten, zunehmend älter und multimorbider werden. Zudem
benötigten mehr und mehr Patienten beispielsweise intensivpflegerische
Leistungen im Aufwachraum, da sie mangels Kapazität nicht direkt auf eine
Intensivstation verlegt werden könnten. Dies könne nur durch fachlich
umfassend weitergebildetes Krankenpflegepersonal gewährleistet werden.

Kinder und Greise
Nach der Kaffeepause und einem ersten Besuch der begleitenden Industrieausstellung
standen in Saal 1 Kinder im Mittelpunkt. Hermann Baumann, Firrel, bot Praxisrelevantes
zum präoperativen Management von Säuglingen zur Allgemein-Anästhesie. Über
die Entwicklung einer Broschüre zur kindgerechten Narkoseführung
berichtete Holger Paeglow, Werne.
„Wo liegen übergreifend die Aufgaben zwischen Abteilung
Operationsdienst und Anästhesiepflege?“ Dieser Frage war Nicole
Kopenhagen, Haltern, in ihrer Facharbeit nachgegangen und musste feststellen,
dass die Pflegenden vor Ort die Möglichkeiten engerer Zusammenarbeit anders
bewerten als die Direktionsebene.
Eine große Zahl von Verletzten bei einem Massenunfall ist eine enorme
Herausforderung an das Notfallmanagement. Dr. med. Bernd Schwefler, Leitender
Notarzt in Hannover, gab einen beeindruckenden Einblick in die Grundlagen von
Triage, Kommandostruktur und Logistik bei einem Großschadensereignis.
Besucher des Anästhesiepflegetages 2004 konnten nach der Mittagspause
in Saal 2 eine im wahrsten Sinne des Wortes „alte“ Bekannte wieder
treffen. „Schwester Anneliese“ aus Friesland hatte erneut die beschwerliche
Reise nach Hannover angetreten, um den jungen Leuten von früher zu erzählen.
In breitem friesischem Platt servierte die Greisin heitere Anekdoten aus der
Zeit, als Anästhesie noch Narkose hieß und das Kreisteil eine neumodische
Erfindung war.
Wieder seriös ging es weiter. Als einen Aspekt der Qualitätssicherung
beschrieb Heike Volkenant, Schauenburg-Hoof, die Patientenlagerung im OP. Im
anderen Saal sprach derweil Claudia Zwirnlein, Sevetal, über Thermoregulation.
Achim Storm, Düsseldorf, magnetisierte das Auditorium mit einem engagierten
und praxisnahen Vortrag zur Anästhesie während MRT.
Zum Abschluss des ersten Tages konnte Rechtsanwalt Robert Roßbruch,
Koblenz, zum Thema „Arbeitszeitgesetz und seine Umsetzung“ gewonnen
werden.
Im Hinblick auf die ab 2006 neu geltenden gesetzlichen Bestimmungen, die EU-Recht
umsetzen sollen (Stichwort Bereitschaftsdienst), hat sich Roßbruch verschiedene
Arbeitszeitmodelle angesehen, wie sie etwa auch der „Länderausschuss
für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik (LASI)“ propagiert. Nach
Auffassung Rossbruchs werden aber nur wenige dem Gesetz wirklich gerecht. Aus
juristischer Sicht favorisiert er ein 3-Schicht-Modell. Das ist allerdings
auch die kostenintensivste Variante. Roßbruch empfahl der Pflege, in
den Abteilungen vor Ort selbst eigene Entwürfe zu entwickeln, bevor ihr
praxisferne Modelle aus den Verwaltungen vorgesetzt werden.
registrieren - zertifizieren - koordinieren
Auch am Samstag, dem zweiten Tag der Veranstaltung, konnten die Teilnehmer
zwischen zwei Sälen pendeln.
In Saal 1 warb Klaus Notz, 1. Vorsitzender der DGF, für die freiwillige
Registrierung von beruflich Pflegenden. Notz konnte berichten, dass Anästhesie-
und Intensivpflegende bereits jetzt überdurchschnittlich häufig registriert
sind. Die Registrierung ist nicht nur ein Bekenntnis des einzelnen Pflegenden
zu seinem Beruf und dem Willen, die eigene ständige Fort- und Weiterbildung
zu dokumentieren. Auch Krankenhäuser können damit nachweisen, dass
ihr Pflegepersonal über zeitgemäßes Wissen verfügt. Im
aktuellen KTQ-Katalog beispielsweise wird unter dem Kriterium 2.2.2 gefragt,
inwieweit sich Mitarbeiter an externen Qualifikationserhebungsverfahren wie
z.B. der Freiwilligen Registrierung beteiligen.
Die weiteren Vorträge bis zur ersten Kaffeepause beschäftigten sich
mit originär anästhesiepflegerischen Themen. Nicole Konrad, Haltern,
referierte zur Optimierung des innerklinischen Notfallmanagements während
im Nachbarsaal Gotthard Warneke-Reiling, Hannover, über die postoperative
Betreuung von HNO - Patienten im Aufwachraum berichtete. Das in Deutschland
noch nicht sehr verbreitete Konzept der Holding-Area als eine Aufgabe für
die Anästhesiepflege stellte Carsten Klatt, Hannover, vor.
Die Zertifizierung nach KTQ ist für viele ein Schreckgespenst. Außer,
dass sie mit viel Arbeit verbunden ist, wissen Pflegende oft nicht, was dabei
geschieht. Angelika Hausen, Hannover, ist selbst Visitorin der KTQ und schilderte
in einem wenig abstrakten Vortrag, wie ein solches Verfahren abläuft.
Sie konnte vermitteln, dass der Besuch einer Bewertungskommission keine peinliche
Befragung sein muss, sondern ein Hilfsmittel, um eigene Schwachstellen zu identifizieren
und zu optimieren.
Ina Welk, Hamburg, hat bereits in mehreren Kliniken Aufbauhilfe als OP-Koordinatorin
geleistet. Sie beschrieb, wie es gelingen kann, im Sinne des Unternehmens Krankenhaus
alte und ineffiziente Strukturen aufzubrechen und möglichst reibungslose
Abläufe unter Wahrung aller Interessen zu implementieren.
Herr Göbels, Fa. Storz, vermittelte unterdessen Grundlagen im Aufbau,
Aufbereitung, Wartung und Pflege von flexiblen Endoskopen.
In der Mittagspause konnten die Teilnehmer erneut die Stände der Industrieaussteller
im Foyer begutachten, um sich hernach wieder in die bequemen Polster der Kinosäle
zu den Nachmittagssitzungen niederzulassen.
Schmerztherapie - Mitwirkung oder eigenständiges Arbeitsfeld für
die Anästhesiepflege? Bernd Geene, Mönchengladbach, gab in Saal 1
die Antwort während Renate Schubert, Hannover, nebenan über Risk-Management
im Sectio-Saal referierte.
Es folgten die Mediziner Dr. Martin Schott und Dr.
Christian Robold, beide
Hannover, zu den Themen postoperative Übelkeit und palliative Schmerztherapie.

Humor ist, wenn man trotzdem pflegt
Zum letzten Vortrag der Veranstaltung trafen sich alle Teilnehmer in Saal
1. Das Thema von Wendelin Herbrand, Murnau, ließ Besonderes erwarten: „Humor
in der Pflege“. Und tatsächlich, der studierte Theologe und Fachkrankenpfleger
Herbrand brach das Eis, indem er zunächst kinotypisch durch die Reihen
ging und Cornetto, Magnum oder Nogger verteilte.
Doch der ungewöhnlicher Auftritt des Leiters einer Weiterbildungsstätte
diente nur als Einleitung zu einem ernsten Anliegen. Humor wird in der Pflege
und
Medizin
oft nicht ernst
genommen.
Dabei
zeigen Umfragen, dass Patienten auch im Krankenhaus gern lachen möchten.
Lachen stellt dabei auch eine gute Pneumonieprophylaxe dar und tut insgesamt
gut. Atmung, Kreislauf, Verdauung und Hormonproduktion werden angeregt, die
Muskulatur entspannt sich, Stress und Schmerz lassen nach.
Herbrand stellte die Arbeit des US-amerikanischen Arztes Hunter „Patch“ Adams und das Konzept der Salutogenese vor. Um die befreiende Wirkung von Humor und
Lachen hautnah zu demonstrieren, beorderte der ein knappes Dutzend Freiwilliger
auf die Bühne und improvisierte mit ihnen eine drollige Wild-West-Geschichte.
Obwohl der 10. Hannöversche Anästhesiepflegetag aufgrund des guten
Wetters und der Herbstferien in vielen Bundesländern nicht ausgebucht
war, war er doch eine lohnende Veranstaltung. Die gelungene Mischung aus handlungsorientierten
Themen für die direkte Arbeit am Patienten und berufspolitischen Fragestellungen
gab wertvolle Impulse für die Arbeit in der Anästhesiepflege.
Für den 11. Hannöverschen Anästhesiepflegetag 2006 geben wir
den Organisatoren Schütt und Lösche ein herzliches „Na, dann
macht mal…“ mit auf den Weg.
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