Drei Jahrzehnte, drei Tage, drei Schwerpunkte
Holger Beuse - Redaktion zwai
Am 1. Oktober 1976 startete an den Universitätskliniken Münster
der erste Intensiv- und Anästhesie-Weiterbildungskurs. Aus der Initiative
von Prof. Peter Lawin ist eine der profiliertesten Weiterbildungsstätten
in Deutschland hervorgegangen. Grund genug, zum 30. Jubiläum einen besonderen
Kongress zu veranstalten.
Knapp 400 Teilnehmer hatten sich angesagt, um vom 31.08. bis zum 02.09. Vorträge
zu den Themengebieten Intensiv, Anästhesie und Pflege in der Onkologie
zu besuchen. Zwar waren wohl nicht alle Teilnehmer stets vor Ort und verteilten
sich zudem in bis zu drei Parallelsitzungen, so dass die großen Hörsäle
wirklich nicht überfüllt wirkten. Doch der Qualität des Programms
tat das keinen Abbruch.

Schrille Mode - biedere Medizintechnik
Die gemeinsame Eröffnungssitzung am Donnerstag war zunächst von
einer reich bebilderten Rückschau von den 70er Jahren (L. Ullrich: „Die
Mode war schrill, Infusionsgeräte dagegen noch etwas bieder“) bis
heute geprägt.
Doch die nostalgische Harmonie sollte nicht lange währen, denn in den
dann folgenden Beiträgen und einer Podiumsdiskussion ging es um die Zukunft
der Fachweiterbildung. Die zurzeit in allen Bundesländern praktizierten
zweijährigen Kurse zum Fachexamen Intensivpflege und Anästhesie stehen
vielerorts aus pädagogischen und vor allem ökonomischen Überlegungen
auf dem Prüfstand.
So konnte es nicht verwundern, dass die Diskutanten zum Teil recht unterschiedliche
Vorstellungen zu Ausdruck brachten.

Beteiligt waren - v.l.n.r. - Gerd Meyer (Münster) als Moderator, Klaus Notz, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Fachkrankenpflege, Prof. Dr. Marcellus Bonato (FH Münster, beeindruckte durch rasantes Vor- und Zurückblättern unzähliger eng beschriebener PowerPoint-Folien), die Weiterbildungsleiter Angela Boonen (Hamburg) und Lothar Ullrich (Münster) sowie Pflegedirektor Michael Rentmeister (Münster, Fachexamen 1986).
Die knapp dreistündige Sitzung ging phasenweise sehr ins Detail. Die meisten
Teilnehmer waren wohl froh, als sie Moderator Meyer, selbst Pionier der
Fachkrankenpflege, in die Kaffeepause entließ.
Im Zeichen des Schmerzes
Die zweite Hauptsitzung stand im Zeichen des Schmerzes. Dr. Ingrid Gralow
(Münster) und Dr. Boris Zernikow (Datteln) stellten die Aufgaben einer
Schmerzambulanz und die Schmerztherapie bei Kindern vor.
Prof. Dr. Jürgen Osterbrink (Witten/Herdecke, Fachexamen 1985 in Münster)
hielt einen lebhaften Vortrag über die Pflege bei Schmerzpatienten und
stellte das Projekt „Schmerzfreies Krankenhaus“ vor.
Er zeigte
auf, dass qualifizierte Pflege nicht nur direkten Einfluss auf die Lebenserwartung
und –qualität der Patienten hat, sondern sich auch unmittelbar auf
die Kosten niederschlägt: Zunächst durch Personalkosten natürlich
erhöhend, letztendlich aber kostensenkend, da die Verweildauer signifikant
verkürzt werden kann.
Am Freitag dann galt es, sich für einen der drei Säle zu entscheiden
oder aber zwischen den jeweils persönlich favorisierten Vorträgen
zu pendeln.
In der ersten Anästhesie-Sitzung beschäftigte man sich zunächst
speziell mit Kindern. Michael Klatthaar (Münster) gab praxisnahe Tipps
zum „Kind im OP“. Zur Hämodynamik bei Kindern gab er beispielsweise
den Merksatz „Kleiner Topf läuft schneller leer und läuft schneller über“ auf
den Weg.
Gabriele Depenbusch (Bielefeld) zeigte die Problematiken zum Wärmemanagement
bei dieser Patientengruppe auf und Dr. Alexander Reich (Münster) gab einen Überblick über
kindgerechte kathetergestützte Anästhesieverfahren.
Im Intensivpflegesaal gab man sich derweil Ausführungen zu MRSA (Dr.
Alexander Friedrich, Münster) und beatmungsassoziierten Pneumonien hin.
Letztere beleuchteten Prof. Dr. Frank Hinder (Münster) aus ärztlicher,
Stefan Wilpsbäumer (Münster) aus pflegerischer Sicht.
Die Kollegen der Pflege in der Onkologie starteten mit einer Sitzung zum Thema
Brustkrebs. Unterdessen hatten die Damen und Herren aus der Industrie ihre
Stände wieder mit ausreichend Infomaterial, Kugelschreibern und Keksen
bestückt, so dass die Teilnehmer in der ersten Kaffeepause wieder mit
Interesse neue Produkte begutachten konnten.
Anschließend überzeugte Prof. Dr. Dag Moskopp (Münster) in
einem Vortrag über Schädel-Hirntraumen bei Kindern durch das Fallenlassen
unbehelmter und behelmter roher Eier. Michael Schwerdt (Datteln) berichtete über
die Pflege langzeitbeatmeter Kinder und Matthias Grünewald (Düsseldorf)
gab ein Update zu den neuen Reanimationsrichtlinien.
Dr. Dietmar Enk (Kleve) erzählte, wie Atemwegssicherung sein sollte und
Elke Roth (Münster) brachte Beeindruckendes zur Epidermolysis bulosa.

Elke Roth (Münster)
Insbesondere ihr Bildmaterial zu dieser schweren Hauterkrankung war auch für
einiges gewohnte Anästhesie-Pflegende nicht unbedingt eine ideale Einstimmung
zur Mittagspause. Ob es die onkologische Sitzung mit dem Schwerpunkt Ernährung
bei Krebs war, sei dahingestellt.

Frisch gestärkt & gut gewürzt
Offenbar war aber gesunde Ernährung kein Hauptthema der Veranstaltung.
So konnten sich die Teilnehmer ungehemmt dem Catering in der Mittagspause hingeben:
An einem eigens herbeigeschafften Imbissmobil versorgten sich nicht wenige
mit der „Kongress-Platte“: Currywurst mit Pommes.
Frisch gestärkt widmeten sich die Pflegenden in der Onkologie in ihrer
letzten Sitzung schwerpunktmäßig um krebskranke Kinder.
Im Anästhesie-Saal
dozierte Prof. Dr. Prien (Münster) äußerst souverän über
Risikomanagement in der Anästhesie, bevor Marlies Capiteijns und Cathrien
van Aar (Utrecht) über den Tellerrrand blicken ließen: Sie berichteten
von der Ausbildung und Tätigkeit der Anästhesiepflege in den Niederlanden.

Sicher ist sicher: Risikomanagement in der Anästhesie mit Prof. Dr. Thomas Prien (Münster)
In seinem Abschlussvortrag fragte Dietmar Stolecki (Dortmund) angesichts aktueller
Diskussionen, ob Qualitätssicherung ohne Fachpflegepersonal in der Anästhesie überhauptmöglich
ist. Er hält die Mitarbeit speziell ausgebildeter Fachpflegekräfte
weiterhin für unabdingbar.
Im Hörsaal der Intensivpflege bewegte man sich zu der Zeit auf einer
Meta-Ebene. Prof. Dr. Hannich (Greifswald) sprach über den Zusammenhang
zwischen Erkenntnis und Handeln, Heiner Friesacher (Bremen) über Entscheidungsfindung
in (pflege)ethischen Problemsituationen.
Nach einer weiteren Kaffeepause hatten Friesacher und Lothar Ullrich dann
das Vergnügen einer Preisverleihung. In ihrer Eigenschaft als Herausgeber
der Fachzeitschrift „intensiv“ ehrten die beiden die Preisträgerin
Kerstin Weßling (Clemenshospital Münster), die mit ihrer Facharbeit „...
nach bestem Wissen und Gewissen? Ethik in der Intensivpflege“ den 9.
Thieme-intensiv-Pflegepreis gewonnen hat.
Der Krankenhausseelsorger Klaus Auernhammer (Völklingen) referierte danach über
Humor, bevor ihn Wendelin Herbrand (Murnau) zelebrierte. Herbrand lief durch
die Reihen des Publikums, ließ die Teilnehmer wahrhaft an kurzen Rollenspielen
teilnehmen und würzte sein Thema „Selbstpflege der Pflegenden“ mit
allerhand Heiterem, ohne es zur Klamotte verkommen zu lassen.

Geht steil: Wendelin Herbrand (Murnau)
zur Animation 'Wendelin Fleubrand' in's Bild klicken (424 kb)
Au contraire:
Gerade die unkonventionelle Art seines Vortrags gab den Zuhörern entscheidende
Denkansätze, bloßes Konsumieren von Gedanken anderer Leute war so
nicht möglich.
Trotz des langen Tages konnte man die Veranstaltung also beschwingt verlassen.
Und für nicht wenige Teilnehmer ging das Programm auch noch weiter: Am
Abend gab es eine große Feier anlässlich des 30jährigen Jubiläums,
bei der sich Heutzutagige und Veteranen der Münsteraner Fachpflege bis
tief in die Nacht bei reichlicher Verköstigung kleiner und großer
Geschichten aus drei Jahrzehnten erinnerten.
Entsprechend schwer gefallen sein dürfte es vielen, am Samstag rechtzeitig
aufzustehen. Schließlich stand noch eine Reihe von Workshops an, um den
Kongress mit praktischen Anwendungen abzuschließen. Doch darüber
kann der Autor dieser Zeilen nicht berichten.
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