2. Marburger Anästhesiepflegetag
Holger Beuse, Redaktion zwai
Es gibt nicht viel Negatives über das hessische Marburg zu sagen. Außer vielleicht, dass das idyllische Städtchen über eine erstaunlich schlechte Verkehrsanbindung verfügt. Insbesondere mit der Bahn erreicht man das Lahntal nur über Umwege. Und heraus kommt man noch weniger zügig…
Das ist mit ein Grund, warum unser Bericht vom 2. Marburger Anästhesiepflegetag
am 10. März erst jetzt erscheint.

Assistenz in der Anästhesie
Die Organisatoren, Anästhesie-Leiter Michael Jung und zwai-Redakteur Tilmann
Müller-Wolff, hatten ein feines Programm zusammengestellt, das alle aktuellen
Themen der Anästhesiepflege abdeckte.
So war die erste Sitzung der interprofessionellen Zusammenarbeit gewidmet.
Prof. Dr. Hinnerk Wulf (Marburg) hob in seiner Eröffnung die Wichtigkeit
von Teamarbeit im OP hervor. Sie sei unabdingbar für die perioperative
Patientensicherheit und auch den Patientencomfort, der Anästhesiepflege
komme hier ein ureigenstes Aufgabengebiet zu.
Fast schallendes Dauergelächter verursachte Michaela Krempl (Marburg)
bei den frühmorgendlichen Besuchern mit ihrem Vortrag „So stelle
ich mir ärztliche Assistenz in der Anästhesie vor…“.
Zunächst zeigte sie eine optische Wunschvorstellung ihres "Assistenten" in
Halbnacktoptik und brachte danach viele erheiternde Beispiele, wie Teamarbeit
besser nicht zu planen sei. Bewusst spielte sie mit den Diskrepanzen zwischen
Wunsch und Wirklichkeit.
Doch Arzt Udo Schwarz (Marburg) konterte Krempls optische
Anforderung mit dem Bild einer latex-weiss gekleideten Blondie-Schwester, um
dann ebenso darüber
zu schwelgen, warum Teamarbeit durchaus auch für den Patienten förderlich
sei. Ein sehr guter und spontaner Vortrag.
BENEFIT aus Marburg
Das Marburger „BENEFIT“ Konzept stellte Dr. Leo Eberhart vor.
Dabei geht es um die Steigerung des Patientencomforts durch Vermeidung von
PONV, Shivering und Frieren in der gesamten perioperativen Phase. Zusätzlich
empfahl er die Nutzung dünner Nadeln zur Reduktion des Punktionsschmerzes
und nur zweistündige
präoperative Nüchternheit (klare Flüssigkeiten) und relative
Nüchternheit postoperativ, wenn die Patienten ausreichend wach sind.
Einen sehr fundierten Beitrag über die apparative BIS-Narkosetiefeüberwachung
und deren Indikationen, Aussagekraft, Anwendung und Fehlerquellen lieferte
Karsten Gehmlich (Marburg). Dr. Michael Preuss (Marburg) gab einen umfassenden
Einblick in die gesammte Schmerztherapie, berichtete über aktuelle Medikamente
und verglich aktuelle Strategien mit alten Hüten.
Die Pausen zwischen den Sitzungen ließen sich angenehm verbringen. Eine
relativ große Industrieausstellung lud zum Schauen, Anfassen, Fragen
und Kugelschreiber-Sammeln ein. Kostenlose Getränke, Gebäck und Snacks
zwischen den Ständen ließen auch wesentliche Grindbedürfnisse
befriedigen.

Alltägliche Aufgaben, Standards und Probleme
„Patienten erwarten im Krankenhaus Schmerzen und werden dabei regelmäßig
von Ärzten und Pflegenden nicht enttäuscht." Mit diesem Zitat
des britischen Anästhesisten Eastwood eröffnete Bianka Gerhard (Marburg)
ihren Einblick in den so genannten Schmerzdienst. Der soll Patienten auch postoperativ
vor den Wehen des Eingriffs bewahren. In vielen Kliniken ist die Anästhesiepflege
wichtiger Bestandteil dieses Dienstes und damit auch Aushängeschild der
Anästhesie nach Außen. Über die Aufgaben, Standards und Probleme
des Alltags klärte Gerhard auf.
Ob die Bemühungen letztendlich erfolgreich waren, lässt sich beispielsweise
durch differenzierte Patientenbefragungen messen. Bereits 25 Kliniken nehmen
im Rahmen des QUIPS-Projektes solche Erhebungen vor, vergleichen sich untereinander
und arbeiten somit an einer steten Optimierung der eigenen Prozess- und Ergebnis-Qualität.
Antje Göttermann ist damit am Universitätsklinikum Jena beauftragt
und stellte das Projekt und bisherige Ergebnisse vor.
Die Operationsabteilung ist wohl der kostenintensivste Kernleistungsbereich
eines Krankenhauses. Wenn der reibungslose Ablauf durch mangelhafte Kommunikation,
unklare Zuständigkeiten, unrealistische oder kurzfristig geänderte
OP-Pläne und andere Störfaktoren behindert wird, sorgt das für
Verärgerung bei allen Beteiligten und immense Kosten.
Abhilfe kann hier ein OP-Koordinator schaffen. Ina Welk (Hamburg) hat schon
in mehreren Häusern eine solche Instanz implementiert und referierte über
Vorteile und Stolperfallen.
Lothar Ullrich (Münster) beschäftigte sich mit „Fast-Track“.
Doch was sich als Schlagwort zumeist auf chirurgische Verfahren bezieht, ist
für ihn ein interprofessionelles Versorgungskonzept. Genauso wichtig wie
schonende und minimalinvasive Operationstechniken sind entsprechendes Handeln
von Pflege, Physiotherapie und Patient, um den Krankenhausaufenthalt so schnell
wie möglich mit einem guten Ergebnis zu beenden.
Die abschließende Sitzung war der Berufspolitik vorbehalten. Rita
Hollmann-Karsten (München) stellte die Vorteile und Dringlichkeit der Freiwilligen Registrierung
beruflich Pflegender heraus.
Der Vize-Präsident des Deutschen Pflegerats (DPR), Andreas Westerfellhaus,
berichte über aktuelle Entwicklungen in der Politik, die direkte Auswirkungen
auf die Pflege haben. So ist beispielsweise die Diskussion um die elektronische
Gesundheitskarte zwar allgegenwärtig. Kaum bekannt ist aber, dass Pflegende
auf die gespeicherten Daten keinen Zugriff haben sollen, die Patienten also
gleichsam in Unkenntnis ihrer Anamnese versorgen sollen. Der DPR arbeitet daran,
diesen und andere Missstände auf politische Ebene zu beheben. Da dies
nur mit breiter Unterstützung durch die Basis möglich ist, rief Westerfellhaus
die Pflegenden zu mehr berufspolitischem Engagement auf. Ein erster Schritt
ist dabei die Mitgliedschaft in einem Berufsverband.
Auffallend an der gesamten Veranstaltung war die lockere Atmosphäre,
vermutlich hatten auch die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen die für
eine positive Grundstimmung gesorgt. Bedauerlicherweise war der 2. Marburger
Anästhesiepflegetag mit etwa 80 Teilnehmern vergleichsweise schwach besucht.
Dabei ist das hübsche Marburg doch gar nicht so schlecht zu erreichen…
Fotos: tmw / holbeu
(30.03.2007)
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