Reutlinger Fortbildungstag 2004
Holger Beuse, zwai.net
(holbeu /hhe) Reutlingen -
nicht nur Geburtsort musikalischer Schwergewichte wie Hubert Kah oder dem
Klassiker Franz List. Mit dem Reutlinger Fortbildungstag ist dort auch ein
Schwergewicht unter den deutschen Pflegesymposien beheimatet. Mit der bereits
17. Auflage, die am 16. & 17. September 2004 stattfand, ist er ebenfalls
ein Klassiker unter seinesgleichen.
Knapp 500 Teilnehmer folgten
der Einladung der Veranstalter, der Akademie
der Kreiskliniken Reutlingen und der Deutschen Gesellschaft für
Fachkrankenpflege und Funktionsdienste e.V. in die Friedrich-List(!)-Halle.

Berufsperspektiven für Fachkrankenpflegekräfte
Nach den üblichen
Grußworten eröffnete Jörg
Brambring, München, mit einem Vortrag über seine eher ungewöhnliche
Tätigkeit: Er ist als Fachkrankenpfleger selbständig
in der ambulanten Intensivpflege und versorgt mit seinen Mitarbeitern
beatmete Patienten in deren häuslichen Umfeld, ohne die Infrastruktur
und Ressourcen einer Klinik. Intensivpflege unplugged.
Hermann
Mayer, Krumbach, ist ebenfalls außerhalb der Klinikmauern aktiv.
Als Fachkrankenpfleger und Medizinprodukteberater hat er nebenberuflich
ein Homecare-Unternehmen aufgebaut.
Um sich am Markt durchsetzen zu können, reicht es nicht, diverse Produkte
einfach zu verkaufen. Um Kunden gewinnen und halten zu können bedarf
es eines umfassenden kostenlosen Serviceangebots. Dieses wird wiederum
durch den Umsatz finanziert. Mayer schilderte eindrucksvoll die Klippen,
die man als selbständiger Unternehmer im Gesundheitsbereich zu umschiffen
hat.
Beatmung
Ab der zweiten Sitzung
ging es dann um das Schwerpunktthema Beatmung. Dr.
Christoph Rex, Reutlingen sprach über die Automatische
Tubuskompensation (ATC). Seiner Meinung nach ist dieses Feature moderner
Respiratoren zwar theoretisch und in der Laborsituation durchaus sinnvoll.
Jedoch ist die technische Umsetzung in den industriellen Seriengeräten
unbefriedigend, so dass er einen Routineeinsatz von ATC nur bedingt empfehlen
kann.
Nicht von der technischen,
sondern von der kommunikativen Seite ging Lothar
Ullrich, Münster, das Thema an. Unter dem Titel "Sie
können im Moment nicht sprechen" versuchte er, das Erleben
und die Bedürfnisse von beatmeten Patienten deutlich zu machen. Wenn
sich der Patient nicht oder nur eingeschränkt mitteilen kann, verkommt
die Situation zumeist zu einem "verkürzten Dialog". Pflegende
sprechen nur das Nötigste auf der Sachebene ("Haben Sie Schmerzen?", "Ich
saug Sie mal eben kurz ab…") Dabei geht es bei der Pflege Beatmeter
nicht nur um Technik, sondern auch um Beziehungsaufbau.
Auf die Frage "Moderne
Beatmungsmodi - aber welche?" konnte Dr.
Rolf Walter Buhl, Düsseldorf, nicht mit allgemein akzeptierten
Richtlinien im Sinne von Patentrezepten aufwarten. In seinem passioniert
vorgetragenen Referat zeigte er verschiedene Möglichkeiten auf, die
nur individuell angewandt Sinn ergeben.
Eines der meistdiskutierten
Themen der letzten Zeit ist die noninvasive
Beatmung (NIV). Bernd
Geene, Mönchengladbach, schilderte den aktuellen Stand und berichtete über
seine Erfahrungen bei der atemtherapeutischen und pflegerischen Unterstützung
von nichtintubierten beatmeten Patienten.
Auch der Pneumologe Prof.
Dr. Bernd Schönhofer, Hannover, zeigte sich als Freund der
NIV.
Auch wenn er etwas salopp
formulierte "Tubus raus, Maske auf", plädierte er bei
der schwierigen Entwöhnung vom Respirator für ein individuelles
Vorgehen auf wissenschaftlicher Basis und nicht durch "Eminenz(!) basierte
Medizin".
Den letzten Vortrag des
Tages hielt Peter Schönherr, BBA, Karlsruhe. Er hielt ein Plädoyer
für den Proportional Pressure
Support (PPS). Ein sinnvolles Feature, zu dem es laut Schönherr
aber wenig in aktuellen Lehrbüchern gibt und das von Respirator-Herstellern
auch nicht ausreichend promotet wird.
Damit war der erste Tag
der Veranstaltung beendet und Referenten wie Teilnehmer wurden in das Reutlinger
Nachtleben entlassen.

DRGs, Hände, Augen und Äpfel
Jeder hat bereits von ihnen
gehört. Sie werden kommen, eigentlich sind sie schon da. Und langsam
wird's ernst: Die DRGs!
Auch für den Bereich der Anästhesie- und Intensivpflege wird es
dadurch Auswirkungen geben. Diese analysierte Dietmar
Stolecki, Dortmund, im ersten Vortrag des zweiten Tages.
Psychologen arbeiten vornehmlich
mit dem Kopf. Aber Dr. Wolfgang
George, Gießen, setzte neben der obligaten PowerPoint-Präsentation
auch in auffälliger Weise seine Hände ein, um seine Forschungen
zur Einbeziehung
von Angehörigen beatmeter Patienten vorzustellen.
Augenpflege
beim Beatmungspatienten - das scheint auf den ersten Blick keine allzu
große Herausforderung zu sein. Doch Eva
Knipfer, München, hat einmal die nationale und internationale
Literatur dazu gesichtet und in einer Metaanalyse das weit verbreitete
Erfahrungswissen zum Thema kritisch überprüft. Ihre recht eindeutigen
und erstaunlichen Ergebnisse präsentierte sie hier dem Publikum.
War bis hierher der bereits
beatmete Patient Thema vieler Beiträge, so ging es bei Ina
Welk, Hamburg, um den Beginn dieser Prozedur: Die Intubation. Insbesondere
die pflegerische
Assistenz der Intubation bei schwierigen Atemwegen stand bei ihr im Fokus.
In den Pausen konnten sich
die Teilnehmer über neue Produkte informieren und auf der begleitenden
Industrieausstellung umschauen, die für so ziemlich alle Interessensschwerpunkte
etwas bereithielt. Das gastronomische Angebot in der List-Halle musste hingegen
als äußerst überschaubar eingestuft werden. Lange Schlangen
an der Ausgabestelle sorgten auch nicht unbedingt für Entspannung zwischen
den Sitzungen.
Nach der Mittagspause erläuterte Sabine
Rüdebusch, Oldenburg, die pflegerischen Aufgaben
im Aufwachraum in Sachen Schmerzbekämpfung. Dabei ging sie bewusst
nicht auf die Gabe mehr oder weniger geeigneter Analgetika ein, Vielmehr
stellte sie die breite Palette originärer Pflegemaßnahmen
vor, die den Patienten die Zeit unmittelbar nach einer Operation erleichtern
können: Lagerung, Kälte, Wärme, Musik und weitere einfache,
aber effiziente Mittel, die angesichts eines vollen Medikamentenschranks
oft vernachlässigt werden.
Steffen
Stegherr, Fa. Medtronic Physio-Control, stellte aktuelle Algorithmen
bei der cardiopulmonalen Reanimation vor. Einen Schwerpunkt setzte er
dabei auf die Elektrotherapie mittels automatischer externer Defibrillatoren
(AED). Obwohl seine Firma solche Geräte vertreibt, blieben seine
Ausführungen erfreulich am Thema, ohne in eine Werbeverkaufsschau
abzudriften.
Einen der meist beachteten
Vorträge hielt Rolf
Dubb, Stuttgart, wie auch die Diskussion
dazu im DGF-online-Forum zeigte: "Inkomplette (135°) versus
komplette (180°) Bauchlagerung". Dubb stellte die Ergebnisse einer
vergleichenden Studie an drei süddeutschen Kliniken vor, an der er selbst
federführend beteiligt war.
Normalerweise sind die
Säle bei solchen Veranstaltungen beim letzten Vortrag schon recht leer,
viele Teilnehmer machen sich bereits auf den Heimweg. Nicht so dieses Mal
in Reutlingen. Schließlich versprach der Einblick in den eher ungewöhnlichen
Bereich Intensivtransport sehr
interessant zu werden. Und Referent Marco
Monnig, Münster, hielt dieses Versprechen. Eindrucksvoll vermittelte
er die Herausforderung, Intensivpatienten per Hubschrauber oder Intensivtransportwagen
von einem Krankenhaus in ein anderes zu bringen. Da muss außer dem
Patienten noch allerhand mehr mit: Infusionen und Beatmungsgeräte sowieso,
aber oft auch IABP-Pumpen, ECMOs oder so genannte Kunsherzen. Monnig machte
durch bemerkenswerte Bilder und einen souveränen, praxisnahen Vortrag
neugierig. Schließlich ist der Intensivtransport auch ein mögliches
Metier für die Fachkrankenpflege.
Regelmäßigen
Besuchern des Reutlinger Fortbildungstages war aufgefallen, dass es in diesem
Jahr keine Körbe mit Äpfeln für jedermann aufgestellt waren.
Vermutlich hatte Organisator Klaus Notz so viel mit der Vorbereitung des
wie immer hervorragenden Programms zu tun, dass er keine Zeit mehr hatte,
in den Apfelbaum zu steigen. Das tat der ansonsten sehr professionellen und
gut organisierten Veranstaltung aber keinen Abbruch.
"Ich
wär' gern geblieben, doch leider muß ich wieder fort",
schoss mir eine alte Hubert-Kah-Zeile durch den Kopf. Doch der nächste
Reutlinger Fortbildungstag ist schon terminiert: Am 15. und 16. September
2005 sehen wir uns in Reutlingen wieder. Und vielleicht gibt's dann auch
wieder Äpfel.
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