Abstract des Vortrags vom Reutlinger Fortbildungstag 2005
Stille Aspiration aus dem subglottischen Raum - Fakten und Konsequenzen
Bernd Gruber
Die stille Aspiration stellt nach wie vor ein großes Problem, als Grundlage
zur nosokomialen Pneumonie, da. In diesem Vortrag sollen anhand der Literatur
und eigenen Untersuchungen die Konsequenzen erläutert werden.
1. Der Subglottische Raum
Im epiglottischen Raum kreuzen sich der sog. Nahrungs- und Atemweg.
Physiologisch wird der Kehlkopf angehoben, der Kehldeckel leicht abgeflacht
verschließt
aus Richtung Zungengrund den Luftröhreneingang.
Ist dieser Vorgang durch ein mechanisches Hindernis blockiert, sammelt sich
Sekret im subglottischen Raum
Es gibt verschiedene pathophysiologische Ursachen, dass der subglottische Raum
mit Sekreten, Exkreten bzw. Nahrungsresten verunreinigt wird.
1. Nervale Störungen ( Innervationsstörungen der Hirnnerven Appoplex
Trauma)
2. Mechanische Störungen (Tubus, Trachealkanüle ect.)
Dieser Raum befindet sich zwischen Kehlkopfeingang und Cuff eines Endotrachealtubus
bzw. Trachealkanüle
2. Kolonisierung des Rachenraumes
Im Rachen befindet sich eine normale Keimflora.
Während einer Beatmungsphase, kommt es vor allem bei abdominal-chirurgischen
Patienten aufgrund der Oberbauchatonie immer wieder zur Kolonisation mit patienteneigenen
Darmkeimen.
Zusätzlich kann von außen jederzeit eine Kontamination stattfinden
(hier vor allem die Hände)
2.1 Intrinsische Aspirationen
2/3 der nosokomialen Pneumonien entstehen durch intrinsische Aspiration, d.h.
infolge Eindringens von Erregern aus dem Gastrointestinaltrakt via Pharynx
am Tubus vorbei in die oberen Atemwege (Mikroaspiration)
2.2 Extrinsische Aspirationen
1/3 der nosokomialen Pneumonien entstehen durch extrinsische Aspiration, d.h.
infolge des Eindringens von Erregern von aussen via Tubus in das Trachealbronchialsystems
des Patienten. Dies kann geschehen durch:
Diskonnektion von der Beatmungsmaschine bei Beatmungsschlauchwechsel oder Absaugvorgang
Übertragung durch Personal ( Hände) und Geräte
2.3 Translokation
Aus dem Gastrointestinaltrakt gelangen Keime über die mesenterialen Lymphknoten
u.a. in die Lunge, wo sie zu Pneumonieerregen werden. Dies geschieht aufgrund
der geschwächten Immunlage des Patienten.
2.4 Sinusitis
Auch die Sinusitis wird durch eine Verkeimung des Rachenraumes begünstigt
und kann schlimmstenfalls eine Pneumonie unterhalten:
3. Begünstigte Faktoren
Es gibt verschiedene Faktoren, die die Entstehung aber auch die schwere der
Pneumonie beeinflussen
3.1 Patientenbezogen
Alter
Zugrundeliegende Erkrankung
Immunsuppresion
Malnutrition / Adipositas
Genussmittelabusus
Eingeschränktes Bewusstsein / Koma
3.2 Nicht Patientenbezogen
Aspiration
Operation
Medikation
Umgebung des Patienten
Kreuz-Infektionen
Material / Techniken
Zugrundeliegende Erkrankung - Erhöhung des Risikofaktors
Gefässerkrankungen des Herzens - 2,72-fach
Atemwegserkrankungen - 2,79-fach
Chirurgische Eingriffe in den Brust/Bauchbereich - 2,66-fach
Magen-Darmerkrankungen - 1,75-fach
ZNS-Erkrankungen - 3,4-fach
Trauma - 5,0-fach
Verbrennungen - 5,09-fach
Transplantation - 1,91-fach
Quelle: Cook DJ et.al.: Ann Intern Med. 1998; 129.
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4. Antimikrobielle Substanzen
4.1 Selektive Darmdekontamination (SDD)
Positive Ergebnisse einer frühen Antibiotikagabe zeigt eine Metaanlayse
zur selektiven Dandekontamination (D`Amico). Hinsichtlich Mortalität
erwies sich nur die Kombination von systemischen und topischen Antibiotikagabe,
nicht
jedoch die alleinige topische Gabe als vorteilhaft.
Die Kosteneffektivität der Kombinationsgabe wurde mit einem Einsparungspotential
von $ 4370 pro Fall ermittelt (Sanchez-Gracia).
Unklar ist, ob der topischen Antibiotikagabe überhaupt ein Effekt zukommt
oder ob alleine die systemische Gabe Vorteile bringt. Unklar ist ferner, ob
es unter einer regelhaft vorkommenden Prophylaxe mit Antibiotika zu einer Verschlechterung
der Resistenzsituation vor allem bei MRSA kommt. Weitere Studien sind für
eine generelle Beurteilung nötig, es spricht jedoch z.Zt. einiges dafür,
dass einer Kurzzeit-Antibiotikaprophylaxe bei Intubation eine Bedeutung
zukommt.
(Quelle: Deutsche Gesellschaft für Pneumologie, Empfehlungen zur Therapie
und Prophylaxe der nosokomiale Pneumonie, Pneumonologie 2000
4.2 Antimikrobielle Substanzen
Aspirationsvorgänge spielen besonders bei Patienten mit eingeschränktem
Bewusstsein eine Rolle.
In einer Studie konnte bei Patienten mit einem strukturellem Koma gezeigt werden,
dass eine prophylaktische Gabe von antimikrobiellen Substanzen (zwei Dosen
Cefuroxim 1,5 g) innerhalb von 12 Stunden nach Intubation gegeben, zu einem
signifikanten Rückgang von nosokomialen Pneumonien führt (Sirvent
JM et.al: AM J Resp Crit Care Med 1997; 155, 1729-1734).
Diese Daten decken sich mit der in einer Reihe von Studien gefundenen verminderten
Rate von früh einsetzender Pneumonie bei Gabe systemischer antimikrobieller
Substanzen. Die Mortalität konnte nicht positiv beeinflusst werden. (Quelle:
Deutsche Gesellschaft für Pneumologie, Empfehlungen zur Therapie
und Prophylaxe der nosokomiale Pneumonie, Pneumonologie 2000)
5. Noninvasive Beatmung
Nichtinvasive Beatmung ist Infektionsprotektiv, weil die natürliche Funktion
des Kehlkopfes erhalten bleibt. Sie ist jedoch nur bei kooperativen Patienten
ohne starke Schleimbildung möglich.
761 Patienten wurden länger als 48 Stunden maschinell beatmet
Gruppe A (129 Patienten): NIPPV
Gruppe B (607 Patienten): Invasive Beatmung
Gruppe C (25 Patienten): Intubation nach NIPPV
Ergebnisse:
Reduktion der VAP mit Faktor 4,07 und der sonstigen nosokomialen Infektionen
Faktor 1,95 in Gruppe A. ( Nourdine K et. al.: Intensive Care 1999; 25, 567-573)
Der Patient sollte so wenig wie möglich mit Krankenhauskeimen belastet
werden.
Es zeigt sich, je länger ein Patient hospitalisiert ist, desto häufiger
ist er mit krankenhausspezifischen Elitekeimen belastet.
Der Patient sollte aufgrund seines Intensivaufenthaltes nicht zusätzlich „verkeimen“.
Alle Maßnahmen sind zu kontrollieren
7. Fakten
In der unten abgebildeten Tabelle ist ersichtlich, wie unterschiedlich die
Verkeimung des Rachenraumes, sowohl bei Krankenhausaufnahme als auch bei längerer
Hospitalisierung, vorhanden ist.
Der Rachen ist das Hauptreservoir zur Besiedlung von pathogenen Keimen es spielen
der Zeitfaktor und der Mengenfaktor eine wesentliche Rolle.
Der radiologische Befund stellt sich bei:
- akuter Pneumonie erst verzögert,
- bei chronischer Pneumonie sofort ein
deshalb ist die Klinik
- Gasaustausch FIO², CO²
- Sekret: Menge Aussehen Viskosität
- Auskultation
Therapie führend und die Radiologie Therapie ergänzend
8. Konsequenzen
8.1 Personalhygiene
1 Aufgrund der Übertragungsfunktion des Personals sind enge hygiene Regime
zu erstellen.
2 § 23 IFSG ist grundsätzlich zu beachten (alle Maßnahmen
am Patienten nur mit Kittel und Handschuhen)
3 Absaugvorgänge immer mit Mund-Nasen-Schutz durchführen
4 Die Händedesinfektion kann nicht oft genug betont werden.
8.2 Patientenmanagement
Material zur Mund-Rachen-Nasenpflege
- Mund-Rachenpflege
- Immer hygienisch einwandfreies Material verwenden
- 1. keimarmes Wasser (bzw. regelmäßige Überprüfung
des Wassers im Intensivbereich)
- 2. Gereinigtes Material (Wieder verwendetes Material nur nach validiertem
Verfahren)
- Nasenpflege
- Immer hygienisch einwandfreies Material verwenden
- Sekretmenge beachten, Sinusitis beachten
1 Frühzeitige enterale Ernährung (Cave Atonie)
2 Verzicht auf Säurebinder (Maaloxon) bzw. Säurehemmer (H²-Blocker)
3 Antibiotikaregime überprüfen [ärztlicher Dienst in Verbindung
mit Hygieniker ( selektive Bekämpfung der grampositiven Erreger führt
zum Anstieg der gramnegativen Erreger)]
4 Mund-Rachenpflege Tubusart, Tubuscuff und Beatmungsparameter berücksichtigen
5 Gründliche Reinigung (Pat. evtl. stärker sedieren) wenn nötig
unter Laryngoskopischer Sicht
6 Frühzeitiger Einsatz von Schleimhautdesinfektionsmittel
7 Wenn das Sekret erst aus dem Mund läuft, läuft es auch schon längst
am Cuff vorbei (bei Hypersalivation öfters absaugen)
8 Zur Nasenpflege evtl. kurzfristiger Einsatz von Schleimhaut abschwellenden
Spray`s (s.Sinusitis).
Wie auch die Literatur belegt, kann durch ein geeignetes Tubusmanagement,
dass Risiko einer nosokomialen Pneumie deutlich vermindert werden:
- Tuben mit großvolumen Cuff, glattes dünnes Material
- Tuben mit EVAC Absaugkanal (zu kontinuierlichen intermittierenden Absaugung)
- Cuffdruckkontrolle (vor allem bei paradoxen Atemanstrengungen in der
Weaningphase)
Ergänzend kann noch angeführt werden, dass die folgenden Beatmungsrelevanten
Einstellungen und Therapien bei ungünstigen Parametern auch eine Kontamination
oder/und Aspiration fördern können:
Dies ist ein Ausdruck des Online-Journals zwai PORTAL - JOURNAL - FORUM - WEITERBILDUNG
für Anästhesie- & Intensivpflege.
Das Dokument ist unter folgender Adresse zu finden:
http://www.zwai.net/ZW0183