Vorhofflimmern – neue Aspekte der Therapie
Anette Wisbar, Reutlingen
Vorhofflimmern ist die häufigste Herzrhythmusstörung, deren Prävalenz
mit dem Lebensalter zunimmt: pro Altersdekade kann mit einer Prävalenzzunahme
von ca. ein Prozent gerechnet werden, so dass bei den über 80-Jährigen
in 6-8% Vorhofflimmern besteht. Vor Einleitung einer spezifischen Therapie
sollte nach kausalen oder begünstigenden Erkrankungen, wie z.B. hypertensive
Herzkrankheit oder Hyperthyreose, gesucht werden. Bezüglich der Behandlung
von anhaltendem Vorhofflimmern gibt es zwei mögliche therapeutische Strategien:
die Wiederherstellung und Erhaltung des Sinusrhythmus (Rhythmuskontrolle) oder
die Beschränkung auf die Frequenzkontrolle (mittels Digoxin, ß Blocker,
Diltiazem oder Verapamil) ohne Versuch der Kardioversion.
Viele Jahre galt anhaltendes Vorhofflimmern nicht als tolerabler Ersatz für
den verloren gegangenen Sinusrhythmus, so dass die Indikation zur Kardioversion
großzügig gestellt wurde. Klinische Erfahrungen zeigen jedoch, dass
häufig trotz antiarrhythmischer Rezidivprophylaxe der Sinusrhythmus nicht
dauerhaft stabilisiert werden kann (Rezidivrate innerhalb von acht Wochen bis
50%, innerhalb von vier Jahren 90%). Deshalb sollte die Entscheidung für
eine therapeutische Strategie immer individuell getroffen werden, wobei sowohl
die Wahrscheinlichkeit, einen Sinusrhythmus nach Kardioversion mindestens mittelfristig
zu erhalten als auch die hämodynamische Beeinträchtigung bzw. subjektive
Beschwerdesymptomatk mit einbezogen werden müssen. Als weitere Argumente
gegen die Kardioversion werden insbesondere die nicht unerheblichen Nebenwirkungen
und Risiken der rhythmusstabilisierenden Medikation angeführt.
Durch zwei Studien (AFFIRM- und RACE-Studie) wurde untersucht, ob betroffene
Patienten mehr von der Rhythmus- oder der Frequenzkontrolle profitieren. In
die AFFIRM-Studie (1) wurden 4060 ältere Patienten (im Durchschnitt 70
Jahre) eingeschlossen, bei denen zumindest sechs Stunden Vorhofflimmern und
ein weiterer Risikofaktor, wie arterielle Hypertonie, chronische Herzinsuffizienz,
Diabetes mellitus, durchgemachter ischämischer Insult oder kardiale Pathologika
(linker Vorhof > 50 mm, Auswurfleistung < 40%), bestand. Nach Randomisierung
in eine Gruppe zur Rhythmus- und eine Gruppe zur Frequenzkontrolle erfolgte
die Nachbeobachtung für bis zu fünf Jahre. Zwischen beiden Behandlungsregimen
ergab sich bei der Gesamtmortalität kein signifikanter Unterschied, allerdings
mussten die rhythmuskontrollierten Patienten häufiger erneut hospitalisiert
werden. In der RACE-Studie (2) wurde die Rhythmuskontrolle mit der Frequenzkontrolle
bei 522 Patienten mit einem Vorhofflimmer-Rezidiv verglichen und für einen
Zeitraum von bis zu 2,3 Jahren nachbeobachtet. Wiederum war die Mortalität
bei beiden Behandlungsgruppen nicht signifikant unterschiedlich, entsprechend
einer Subgruppenanalyse profitierten Hypertoniker sogar von der Beschränkung
auf eine Frequenzkontrolle.

Da weder die Komplikationsrate noch die Überlebensrate durch die Strategie
der Rhythmuskorrektur stärker verbessert werden können als dies durch
die Frequenzkontrolle und dauerhafte Antikoagulation möglich ist, sollte
besonders bei älteren Patienten mit Risikofaktoren für ein Vorhofflimmer-Rezidiv
die Frequenzkorrektur und die dauerhafte Antikoagulation favorisiert werden.
Dahingegen stellt die Kardioversion bei jüngeren, hochsymptomatischen
Patienten ohne strukturelle Herzerkrankung weiterhin eine wichtige therapeutische
Option dar.
(1) The Atrial Fibrillation Follow-up Investigation of Rhythm Management (AFFIRM)
Investigators: A comparison of rate control and rhythm control in patients
with atrial fibrillation. New Engl J Med 2002; 347: 1825-33.
(2) Van Gelder et al: A comparison of rate control and rhythm control in patients
with recurrent persistant atrial fibrillation. New Engl J Med 2002; 347: 1834-40.
Anette Wisbar, Medizinische Klinik, Klinikum am Steinenberg, D-72764 Reutlingen
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