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Anästhesie - Innere Medizin - Intensivpflege

Reutlinger Fortbildungstag 2005

Holger Beuse, zwai.net

Reutlinger Fortbildungstag 2005

„Wegen des enormen Erfolges und der großen Nachfrage“ werden die Männer der "Chippendales" am 23.11.2005 in der Friedrich-List-Halle zu Reutlingen gastieren. Mit der gleichen Begründung waren auch die Männer des zwai-Redaktionsteams dort. Allerdings schon am 15. und 16. September. Anlass waren die 19. Reutlinger Fortbildungstage für Intensivpflege, Anästhesiepflege und Innere Medizin.

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Der erste Tag

Der erste Tag

Klaus Notz, als Leiter der Akademie der Kreiskliniken Reutlingen und 1. Vorsitzender der DGF Frontmann der beiden veranstaltenden Organisationen, konnte schon in eine gut gefüllte Halle blicken, als er am Donnerstagmorgen mit seiner Begrüßung die zweitägige Veranstaltung eröffnete. Die professionelle Pflege müsse sich weiter Gehör verschaffen, sagte Sabine Brudermüller-Fleischel, Pflegedirektorin am Reutlinger Klinikum am Steinenberg, in ihrem Grußwort. Eine Stärke der Berufsgruppe sei die in Zukunft immer wichtigere Fähigkeit zum Querschnitts-Management, also die Koordination von Teilleistungen innerhalb der Behandlung eines Falles.

Der Intensivmedizin ist es möglich, verschiedene Organfunktionen maschinell zu unterstützen bzw. zu ersetzen. Mit der MARS-Therapie (Molecular Adsorbens Recirculating System) steht auch ein Leberersatzverfahren zur Verfügung. Dr. Uwe Jost, Hannover, gab einen detaillierten Einblick in die Methode, die mit einem Zusatz-Modul zu einer herkömmlichen CVVH über 6 bis 24 Stunden am Tag betrieben werden kann und für Patienten im akuten oder chronischen Leberversagen in Frage kommt. Letztlich kann es als Bridging-Device bis zu einer Lebertransplantation dienen.
MARS wurde zwar schon 1993 erstmals klinisch angewandt, aber erst seit kurzem liefert die medizintechnische Industrie Geräte, die einen großflächigen Einsatz erlauben. Aus medizinischen und finanziellen Erwägungen sollte das Therapieverfahren zunächst allerdings spezialisierten Zentren vorbehalten bleiben.

Invasive Druckmessung - Was Sie immer schon darüber wissen wollten und noch nie zu fragen trauten? Unter diesem Motto stand der Vortrag von Dr. rer. nat. Martin Brinkmann, Düsseldorf. Der Produktmanager eines Medizintechnik-Unternehmens konzentrierte sich dabei auf die invasive Messung des Blutdrucks. Das technische Prinzip ist dabei seit Jahren unverändert. Auch die Fehlerquellen auf Seiten der Anwender sind es. Die Länge des Schlauchsystems, Luft im System und mangelnder Druck auf der Spüllösung können die Messergebnisse ebenso verzerren wie die falsche Höhe des Druckdoms oder auch eine Tachykardie des Patienten.



Sepsis

Sepsis

Nach der ersten Kaffeepause stand die zweite Sitzung ganz im Zeichen der Sepsis, der Todesursache Nr. 1 auf nicht-kardiologischen Intensivstationen.
Prof. Dr. Pühringer, Reutlingen, berichtete über Vasopressin, eine Substanz, die schon seit über 100 Jahren bekannt ist. Nach seinen Erfahrungen, die er mit einer Fülle von internationalen Studien belegte, ist Vasopressin ein ideales Supportivum zu Noradrenalin. Gibt man es hypotonen Sepsispatienten mit einer konstanten Rate von 4 IU/Std. und steuert den Druck im weiteren mit variablen Raten Noradrenalin, lassen sich MAP und SVR signifikant steigern und zugleich die Herzfrequenz senken.

Danach betrat mit Dr. F. M. Brunkhorst, Jena, ein ausgewiesener Experte zum Thema das Podium. Der Sekretär der Deutschen Sepsis-Gesellschaft beklagte, dass die Sepsis im Vergleich zu anderen Krankheitsbildern bislang zu wenig öffentliche und auch fachöffentliche Aufmerksamkeit bekommt. Selbst in den offiziellen Statistiken wird die Erkrankung nur lückenhaft erfasst, da als Todesursache häufig die Grunderkrankung angegeben wird und nicht die letztlich letale Sepsis. Dabei sind nach seinen Angaben jedes Jahr 40.000 Tote zu beklagen und 154.000 Sepsis-Patienten, die auf deutschen ICUs jährlich behandelt werden, belasten deren Budget zu 30%.

Dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine große Lücke klafft, hat das Kompetenznetz Sepsis (www.sepnet.de) in einer umfassenden Prävalenz-Studie nachgewiesen. Zwar gaben die meisten verantwortlichen Intensiv-Oberärzte an, die aktuellen Leitlinien zu kennen und auch umzusetzen. Eine große stichprobenartige Untersuchung auf deutschen Intensivstationen zeigte aber, dass die eindeutigen Empfehlungen (oft Grad A) in der Praxis nur zum Teil verwirklicht werden.

Brunkhorst und seine Kollegen fordern unter anderem folgende Strategien: Vermeidung von Bakteriämien um bis zu 40% durch intensivierte Insulin-Therapie, kausale Therapie durch kalkulierte intravenöse Antibiotika-Gabe bereits ein bis zwei Stunden nach Diagnose einer Sepsis (hit hard!), niedrige Beatmungsdrücke, zentral-venöse Sättigung > 70%, Anwendung des neuen Medikaments Drotrecogin alfa (aktiviert), vor dessen Einsatz viele Behandler allerdings angesichts der hohen Kosten von ca. 10.000€ pro Patient zurückschrecken.


Die Pflegerische Anforderung bei kritisch kranken Patienten mit Sepsis beleuchtete Birgit Trierweiler-Hauke, Heidelberg. Schließlich sind es letzten Endes praktisch die Pflegenden, in deren Händen meist die unterbrechungsfreie Applikation von kreislaufwirksamen Medikamenten, die Volumensubstitution, die Beatmung, das Absaugen, Systemwechsel ohne PEEP-Verlust, kinetische Therapie und vieles mehr liegt.
Aber auch vor dem Ausbruch einer fulminanten Sepsis sind oft erste, unspezifische Anzeichen zu erkennen. Sind Patienten vigilanzgemindert, müde oder gar somnolent, sind sie unruhig, auffallend euphorisch, verwirrt oder gar delirant, so können dies erste Vorboten einer Sepsis sein. Es obliegt den Pflegenden, diese Symptome zu erkennen, richtig zu interpretieren, zu dokumentieren und im therapeutischen Team zu benennen.
Trierweiler-Hauke machte darauf aufmerksam, dass somit Quantität und Qualität des Pflegepersonals direkten Einfluss auf das Outcome der Patienten hat und untermauerte dies mit einer entsprechenden Studie von Thorens et al. (CritCare Med. 23(11):1807-1815).



Verweildauer von Patienten und Personal

Verweildauer von Patienten und Personal

Nach so viel Sepsis konnten die rund 440 Teilnehmer nun durchatmen. Die redlich verdiente Mittagspause lud zum Besuch der Industrieausstellung ein. Auch wenn manche Teilnehmer den Sinn einer solchen Ausstellung hauptsächlich darin sahen, möglichst viele Kugelschreiber, Schlüsselbänder und andere Werbeartikel in den von einigen Ausstellern gleich mit angebotenen Taschen zu verstauen, nutzten viele Teilnehmer aber auch die Gelegenheit, mit den Firmen Kontakte zu knüpfen, neue Produkte kennen zu lernen oder auch individuelle Anwenderprobleme zu besprechen.

Die Nachmittagssitzung eröffnete Peter Huber, München. Er ist Fachkrankenpfleger und als Case-Manager im Klinikum Bogenhausen tätig. Anfangs von Kollegen als „Käse-Manager“ verballhornt, hat er es geschafft, durch eine Erhöhung der Fallzahlen bei gleichzeitiger Senkung der Verweildauer die Wirtschaftlichkeit seiner Abteilung deutlich zu optimieren.
Als Case-Manager obliegt es ihm, im Rahmen des Aufnahme-Managements den Erstkontakt mit Patienten zu gestalten, sie einzubestellen, kapazitätsgerecht auf die Stationen zu verteilen und ggf. dem passenden Pathway zuzuordnen. Weiter koordiniert und überwacht er alle Prozesse, steuert Arbeitsgruppen zur stetigen Qualitätsentwicklung und vieles mehr.
Um Case-Manager zu werden, bedarf es keiner bestimmten formalen Qualifikation. Huber hält indes Fachkrankenschwestern und –pfleger für besonders geeignet. Sie haben ein hohes pflegerisches und medizinisches Wissen, können vernetzt denken, sind flexibel und haben eine hohe Fortbildungsbereitschaft.

Mit Franz Sitzmann, Herdecke, stand anschließend wohl einer der profiliertesten Fachkrankenpfleger für Krankenhaushygiene auf der Bühne der List-Halle. Sein Vortrag galt den Maßnahmen zur Prävention von Beatmungspneumonien, die in der Intensivmedizin schließlich 38,4% aller nosokomialen Infektionen ausmachen und nicht nur die Verweildauer um 7 – 10 Tage, sondern auch die Mortalität erhöhen. Sitzmann sieht hier also zu Recht ein enormes Präventionspotential. Er gab zunächst detaillierte Informationen zu verschiedenen Formen der Pneumonien und deren Genese, um dann explizite Maßnahmen zur Vermeidung zu nennen. Nicht neu, aber nach wie vor entscheidend: die persönliche Hygiene. Aber auch das fachgerechte Handling mit Beatmungssystemen, Inhalationen, Absaugungen, Ernährung, Bluttransfusionen, Lagerung, Mundpflege und dem Eigenschutz kann über was Entstehen einer Pneumonie entscheiden.
Herr Sitzmann stellt seinen Vortrag übrigens auf seiner Website www.klinik-hygiene.de unter dem Punkt „Präsentationen“ zur Verfügung.

Obwohl der Besuch eines Kongresses zu einem Gutteil daraus besteht, auf einem Stuhl zu sitzen, ist es doch anstrengend, den ganzen Tag konzentriert zuzuhören. Insofern tat den Teilnehmern eine weitere Kaffeepause im Foyer der List-Halle ganz gut, bevor es mit Stress weiter ging.

Eva Knipfer, München, ging der Frage nach „Was macht Stress für die Pflegenden auf Intensivstationen?“. Mitarbeiter auf Intensivstationen mit geringer Berufserfahrung unter zwei Jahren haben einen überdurchschnittlich hohen Blutspiegel des Stresshormons Cortisol. „Alte Hasen“, die länger als acht Jahre dabei sind, haben vergleichsweise wenig Cortisol im Blut. Obwohl demnach mit den Jahren eine gewisse Gelassenheit eintreten müsste, bleiben nur wenige länger im Beruf. Dies musste Knipfer feststellen, als sie die Teilnehmer mehrerer Weiterbildungsjahrgänge bis zu acht Jahre nach dem Fachexamen ausfindig machte und befragte.

Stress wird individuell empfunden und wird bedrohlich, wenn gesundheitliche Auswirkungen auftreten. Dabei gibt es einen signifikanten Zusammenhang zwischen Arbeitszufriedenheit und Gesundheitszustand. Werden Leute nicht gemäß ihren Fähigkeiten eingesetzt, stimmt die Kommunikation im Team oder das Feedback der Vorgesetzten nicht oder gibt es andere belastende Faktoren wie häufige Unterbrechung durch Telefon oder Kollegen, steigt das Risiko, unter Nacken-, Schulter- oder Rückenschmerzen zu leiden.
Als weitere Stessoren macht Knipfer aus, dass Pflegende bis zu 28% pflegefremde Tätigkeiten ausführen und auch als Fachkrankenschwestern/-pfleger keine Vorbehaltsaufgaben haben. Sie bewegen sich also einem schwer zu definierenden Spannungsfeld aus haus- oder stationsinternen Regelungen.

Den letzten Vortrag des Tages - Neues Tarifrecht - Auswirkungen auf die Arbeitszeit - hielt Rechtsanwalt Böhme, Mössingen. Gerade mal einen Tag Zeit hatte er gehabt, um sich mit der endgültig verabschiedeten Version des TVöD vertraut zu machen. Der neue Tarifvertrag für die Beschäftigten von Bund und Kommunen, der den BAT ablöst, wurde erst am 13.09. vorgestellt und soll zum 1. Oktober in Kraft treten. Für die Beschäftigten kirchlicher Träger, der Länder und auch der Universitätsklinika gilt er jedoch noch nicht.
Böhme zeigte die wesentlichen Unterschiede zum BAT auf. So kann der Arbeitgeber nun Überstunden in einem Zeitraum bis zu vier Wochen zuschlagsfrei zurückgeben und die Einrichtung von Arbeitszeitkonten wird möglich. Zugunsten der Arbeitnehmer vermindern Wochenfeiertage nun die Sollarbeitszeit und Pausen werden in die Arbeitszeit eingerechnet.
Die bisherige Kr-Tabelle gibt es nicht mehr. Alle Beschäftigten werden in neue Eingruppierungen überführt, sollen aber unterm Strich nicht schlechter darstehen als zuvor.

Da die Fragen des neuen Tarifrechts existentielle Bedeutung haben, dauerte die Diskussion im Anschluss bald länger als Böhmes eigentlicher Vortrag. Auch nach der Veranstaltung dürfte das Thema noch für reichlich Gesprächstoff gesorgt haben.

>>> weiter zu Tag zwei >>>

Fotos
Hanno H. Endres, zwai.media


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Links zum Artikel:
    Fotogalerie der Reutlinger Fortbildungstage 2005
    Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste e.V.
    Netzwerk für Anwendungs- und Logistiksupport bei fortschreitenden Lebererkrankungen
    Kompetenznetz Sepsis
    „Tod im Zeitraffertempo“ Sepsis-Artikel aus dem Spiegel 37/2005






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Forendiskussionen zum Thema:
    Reutlinger Fortbildungstag

Letzte Aktualisierung: 10.05.2008 Der Webcode dieser Seite lautet ZW0111

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