Frühe enterale Ernährung von Intensivpatienten
Dr. Ulrich Kampa
Bis zur Mitte der neunziger Jahre war die vollständige parenterale Ernährung
das Standardverfahren zur Behandlung kritisch kranker Patienten auf der Intensivstation.
Insbesondere in der operativen Intensivmedizin wurde traditionell erst nach
mehreren Tagen mit einem Kostaufbau begonnen. Begründet wurden diese Vorgehen
in der Regel zum Einen mit einer „physiologischen“ Magen-Darmatonie
bei akuten Erkrankungen zum Anderen im abdominalchirurgischen Bereich mit dem
Risiko einer Anastomoseninsuffizienz bei frühzeitiger enteraler Ernährung.

Angeregt durch die Erkenntnis, dass ein nicht mit Nährsubstraten versorgter
Darm eine Schwächung des Immunsystems darstellt und damit der Gastrointestinaltrakt
eine zentrale Rolle im Rahmen von Infekten spielen kann (Gut origin theory
of sepsis; Wilmore 1989), kam es zu einer Renaissance der enteralen Ernährung.
Hierbei wurde in den letzten Jahren die enterale Ernährungstherapie immer
früher gestartet. Frühzeitig heißt in diesem Kontext nicht,
auf den Beginn von Darmgeräuschen oder das Abgehen von Winden bzw. Stuhlgang
zu warten, sondern posttraumatisch innerhalb von 6 Stunden mit der Ernährung
zu beginnen.
Als beeindruckendes Beispiel hat die Fast-Track Chirurgie die alten Traditionen
des postoperativen Fastens gebrochen und zeigen können, dass die Angst
vor der Anastomoseninsuffizienz unberechtigt ist (Schwenk 2005) und in diesem
Zusammenhang die vollständige parenterale Ernährung keinen Vorteil
bietet. Aber auch für eine klassische Kontraindikation aus dem internistischen
Bereich, die akute Pankreatitis, konnten die Vorteile einer frühzeitigen
enteralen Ernährung dargestellt werden. Aktuelle Leitlinien (DGEM 2003,
ESPEN 2006) empfehlen mit wenigen Ausnahmen (z.B. mechanischer Ileus, ausgeprägtes
Kurzdarmsyndrom, akute gastrointestinale Blutung) frühzeitig mit einer
enteralen Substratzufuhr zu beginnen. Wichtig ist hierbei ein vorsichtiges
Einschleichen der Ernährungstherapie (z.B. 10ml/Stunde) mit dem Ziel zunächst
die Darmmukosaintegrität zu erhalten. Die parenterale Ernährung kommt
in der Regel in diesem Therapieregime als Ergänzung einer nicht ausreichenden
enteralen Zufuhr zum Einsatz.
Ein weiterer Vorteil der frühzeitigen enteralen Ernährung ist eine
erhebliche Kostensenkung im Gegensatz zur parenteralen Ernährung, welcher
einerseits aus einer preiswerteren Verfahrenstechnik (z.B. Substrate) andererseits
auch im Wesentlichen aus einer Reduktion der Infektkomplikationen resultiert.
Die frühzeitige enterale Ernährung beinhaltet nicht nur die klassische
Sondenkost sondern auch eine leichte normale Krankenhauskost sowie die Verwendung
von oralen Trinklösungen. Je nach Indikation erfolgt die Zufuhr von Sondenkost über
transnasale Sonden oder perkutane Zugangswege, wobei der Applikationsort gastral
oder jejunal liegen kann.
Auf die differenzierte Auswahl von Substraten kann in diesem Zusammenhang
nicht eingegangen werden. Wichtig erscheint zu betonen, dass die Indikationen
für
niedermolekulare Lösungen, auch bei jejunaler Applikation in den Hintergrund
getreten sind.
Eine frühzeitige Blutzuckereinstellung durch eine intensivierte Insulintherapie,
vor allen Dingen im operativen Bereich, wird durch eine Vielzahl von Studien
gestützt. Für die Pflege wichtig erscheint jedoch, dass ein großes
Augenmerk auf eine potentielle Hypoglykämie zu legen ist, was bei analgosedierten
Patienten häufige Kontrollen erfordert.
Zur Komplikationsprophylaxe - insbesondere der Aspirationspneumonie - ist es
von entscheidender Bedeutung, bei der enteralen Ernährungtherapie auf
eine stringente Oberkörperhochlagerung zu achten.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die frühzeitige enterale Ernährung
von Intensivpatienten aufgrund vieler Vorteile bei den allermeisten Patienten
als primäres Verfahren zur Nährstoffzufuhr gewählt werden sollte.
Dr. Ulrich Kampa
EvK Hattingen