Neue Aufgaben für die Pflege im Beatmungsprozess
Lorenz Droll
Die Vision – Beatmung als rationaler Prozess
Beatmung findet mittlerweile nicht nur auf hoch technisierten Intensiv-Einheiten
unter einem entsprechend hohen Ressourcenverbrauch statt. Wir finden beatmete
Patienten in Intermediate Care Einheiten, in spezialisierten Zentren mit einem
deutlich niedrigen Maß an Technik-Einsatz und sogar im ambulanten Sektor.
Wenngleich die weitaus größere Zahl an Beatmungsstunden nach wie vor
auf herkömmlichen Intensivstationen erbracht wird, darf davon ausgegangen
werden, dass die epidemologische Entwicklung zusammen mit den erwarteten strukturellen
Veränderungen im Gesundheitssystem hier zu einer Veränderung führen
werden.
Beatmung ist nach wie vor ein komplexer therapeutischer Vorgang und darüber
hinaus ein Schlüsselprozess bei der Intensivbehandlung schwer kranker Patienten.
Dabei bietet Beatmung günstige Voraussetzungen für eine wissenschaftliche
Betrachtungsweise mit dem Ziel der kontinuierlichen Prozessoptimierung. Beatmung
zeichnet sich aus durch:
Planbarkeit. Es lässt sich in allen Stadien einer respiratorischen Insuffizienz
ein therapeutisches Ziel definieren und notwendige Zwischenschritte festlegen.
Spezifische Terminologie. Sowohl die pathophysiologischen
als auch die gerätespezifischen
Faktoren beinhalten eine eigene und präzise Terminologie.
Evaluierbarkeit. Die jeweiligen Beatmunsprozess-Schritte lassen sich anhand
messbarer
Größen beschreiben.
Technologischen Optimismus. Die Hersteller von Beatmungsgeräten partizipieren
am wissenschaftlichen Diskurs und können signifikante Innovationen mit einer
optimistischen Rendite-Erwartung umsetzen.
All diese Punkte sind Voraussetzung und bedingen einen Beatmungs-Makroprozess,
in dem die von den Anwendern ausgehenden Erwartungen an Verbesserungen oder Innovationen
wissenschaftlich und technisch umgesetzt werden. Die Implementierung auf breiter
Ebene wird unterstützt durch unterschiedliche und bindende Empfehlungen
von Fachgremien.
Auch auf Anwendungsebene lässt sich Beatmung prozedural beschreiben als
ein rückgekoppelter Vorgang, der zudem in vielen Punkten der Ausführung
und Überprüfung redundant angelegt ist und sich in Teilschritte untergliedern
lässt. Weiterhin ist Beatmung in ihrer maschinellen Implementierung durch
ein Beatmungsprogramm und die dazugehörigen Parameter beschrieben und kann
hierdurch eindeutig dokumentiert werden.
Da die Fachgremien teilweise weit gefasste Empfehlungen zu grundsätzlichen
Beatmungsproblematiken geben, darf auch der Anspruch von Verbindlichkeit bei
der Umsetzung vorausgesetzt werden.

Die Organisation des Beatmungsmanagements heute
Die Beatmung eines Patienten kann natürlich nicht als isolierte therapeutische
Maßnahme begriffen werden sondern ist zwangsläufig interprofessional.
Diese Therapieform hat Auswirkungen auf das kardiovaskuläre System, die
Ernährungssituation und Organperfusion sowie auch die psychosoziale Situation,
wobei die Aufzählung selbstverständlich nicht vollständig ist.
Hieraus darf gefolgert werden, dass zwischen den unterschiedlich Berufsgruppen,
die an der Behandlung eines beatmeten Patienten beteiligt sind, zum Erreichen
eines optimalen Ergebnisses intensive Kommunikation und Koordination notwendig
sind. Es sollte möglich sein, eine eingeschlagene Beatmungstherapie nach
einem reproduzierbaren Verfahren zu bewerten und bei Bedarf neu auszurichten.
Je nach Krankheitssituation sollte der Fokus ein anderer sein: Ventilation
und Oxigenierung, Organperfusion, Ernährung, Mobilität und Kommunikation
könnten Aspekte im Krankheitsverlauf sein, denen die Beatmung anzupassen
wäre.
Diese prozedurale und Patienten-Ressourcen basierte strategische Ausrichtung
einer Respiratorbehandlung spiegelt sich allerdings in unserem Klinikalltag überwiegend
nicht wieder. Wir sehen im Bereich der stationären Versorgung eine Vielzahl
von konkurrierenden und aus organisatorischer sowie qualitativer Sicht oftmals
auch ineffizienten Konzepten. Einige Ansätzen zur Organisation des Beatmungsmanagements
setzen auf die Ausführung und Evaluierung des Prozesses allein durch die
jeweiligen Ärztinnen und Ärzte, die häufig im Schichtbetrieb
und wechselnden Einsatzorten tätig sind.
In anderen Bereichen liegt die
Ausführungskompetenz bei den Pflegenden solange, bis der Zustand des Patienten
eine kritische Phase erreicht hat und sich Ärztin oder Arzt erst in eine
bestehende Situation einarbeiten müssen. Und nicht selten sehen wir ein
Management ohne definierte Kompetenzen.
Neben einer mangelnden Darstellung und Dokumentation zur Umsetzung von interprofessionalen
Kompetenzen muss auch die unzureichende Umsetzung von wissenschaftlichen Standards
kritisiert werden. Der aktuelle Konsensus zu bestimmten Beatmungsfragen ist
in vielen Fällen unbekannt oder wird zugunsten eines bisher tradierten
Konzepts ignoriert. Somit entbehren Beatmungskonzepte in vielen Fällen
der Rationalität und einer organisierten Kommunikation.
Die Aufgaben der Pflegenden im Beatmungsprozess
Eine ganz zentrale Forderung an die Pflegenden, die professionell mit Beatmeten
Patienten arbeiten, besteht darin zu akzeptieren, dass Pflege in ihrem Selbstverständnis
die menschliche Ressource Atmung sowie deren maschinengestützte Substituierung
nicht ignorieren darf. Die Pflege muss formale Kompetenzen erlangen, um zusammen
mit anderen Berufsgruppen den Beatmungsprozess gestalten zu können.
Zur Umsetzung dieses Ziels bedarf es allerdings einer grundlegenden Änderung
im Selbstverständnis der Pflege und ihrer Organisation. Um verbindlich
und gestalterisch in den Beatmungsprozess eingreifen zu können, muss die
Pflege an der wissenschaftlichen Konsensbildung mitwirken, sie muss in der
Lage sein, für die Pflege bindende Standards zu definieren, sie muss weiterhin
die Ausbildungsstufen und deren Inhalte selbst festlegen und nicht zuletzt
muss sie auch in der Lage sein zu sanktionieren. All diese Forderungen setzt
die Organisation aller Pflegenden in einer vom Gesetzgeber mit definierten
Rechten und Pflichten ausgestatteten Kammer voraus.
Diese Organisation der Pflegenden ermöglicht das Entsenden von Kompetenzträgern
in nicht-pflegerische Fachgremien und könnte somit die Einhaltung der
Standards erzwingen. Andererseits wären die in einer Kammer organisierten
Pflegenden durch den Verband protektiert, wenn verbindliche Aspekte bei der
Durchführung der Beatmung von anderen Berufsgruppen nicht beachtet werden.
Selbstverständlich würde die Organisation der Pflege in und durch
eine Kammer Auswirkungen auf viele Gesichtspunkte von Pflegetätigkeiten
haben,. Hieraus resultiert die Möglichkeit einer erheblichen qualitativen
Verbesserung des Beatmungsprozesses durch formale Integration pflegerischer
Kompetenz.
Von herausragender Bedeutung und im Rahmen der Kammerstatuten einzufordern
ist die geregelte Qualifikation von Pflegenden zur aktiven Gestaltung des Beatmungsprozesses.
Die gegenwärtigen Konzepte zur Fachweiterbildung für Intensiv- und
Anästhesiepflege sind eher generalistisch ausgelegt. Zwingende Voraussetzung
im Beatmungsmanagement müssen eine fundierte Basisqualifikation und die
regelmäßige Teilnahme an Weiterbildungen sein.
Demzufolge bestehen die Aufgaben der Pflegenden bei der künftigen Gestaltung
der Beatmung nicht in erster Linie darin, die für sie relevanten Beatmungsformen
einsetzen zu können (dieser Umstand wird bereits jetzt durch das Medizinproduktegesetz
gefordert), sondern die formalen, rechtlichen und qualitativen Aspekte des
gesamten Beatmungsprozesses zusammen mit besonders der ärztlichen Berufsgruppe
verbindlich zu definieren und auf deren Einhaltung zu achten.
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