Novalung - Beatmung ohne Beatmungsgerät
Christian Beyer
Die hohe Mortalität (ca. 40-50%) [1] des akuten respiratorischen Versagens
(ARF) impliziert die Notwendigkeit einer lungenprotektiven Strategie, die neben
invasiven, differenzierten Beatmungskonzepten die Anwendung adjuvanter Therapien,
unter anderem Bauchlagerungstherapie, permissive Hyperkapnie, etc. involviert
[2].
Der notwendig werdende Einsatz einer mechanischen Beatmung als ultima ratio
in der Behandlung eines ARF kann eine präexistente Lungenschädigung
aggravieren, sie unter bestimmten Bedingungen sogar erst auslösen und
darüber hinaus über humorale oder zelluläre Mediatoren ein Multiorganversagen
induzieren, welches in der Mehrzahl der Patienten die Prognose limitiert [3].

Die Grenzen dieser Konzepte liegen in den resultierenden Komplikationen wie
Hyperkapnie oder Azidose, bzw. in der Gefahr einer fortgesetzten Schädigung
der Lunge – mit allen Konsequenzen – durch exzessiv hohe Beatmungsdrucke.
Hier liegt die Bedeutung einer adjuvanten Beatmungstherapie, die das schädigende
Potential einer mechanischen Beatmung (Überdehnung, Atelektasen, alveolar
cycling) reduzieren hilft.
Eine mögliche Alternative diesbezüglich ist die partielle extrapulmonale
pumpenlose Unterstützung des Gasaustausches in Form einer passiven Ventilation
(iLA System, Novalung), um einen suffizienten Gasaustausch des Patienten unabhängig
von den momentan eingeschränkten atemmechanischen Eigenschaften der Lunge
zu etablieren.
Nach Kanülierung der A. und V. Femoralis in Seldingertechnik erfolgt die
Perfusion des Systems druckpassiv durch die Pumpleistung des Herzens. Die fast
vollständige Eliminierung von CO2 aus dem Blut, welches das System durchströmt,
wird durch einen variablen Spülgasfluss bedingt, der einen kontinuierlich
hohen Gradienten für CO2 über die Membran aufrechterhält.
Der mechanische Anteil der Beatmung, der für die Triggerung respektive
Unterhaltung eines ARF verantwortlich ist, wird hierbei durch das iLA System
ersetzt.
Für die CO2 Eliminierung ist die Generierung von Atemzugvolumina notwendig,
nicht aber für die Oxygenierung des Patienten, dies kann unter signifikanter
Reduktion des applizierten Atemminutenvolumens (ca 5 Atemzüge/min, ca
3-4 ml/kgKG Tidalvolumen) bzw. unter Akzeptanz einer Spontanatmung über
die Patientenlunge erreicht werden, was eine maximale Schonung des Lungengewebes
ermöglicht. Durch das Prinzip der extrakorporalen Lungenunterstützung
wird eine getrennte Beeinflussung von Ventilation (CO2-Elimination) und Oxygenierung
möglich.
Der schädigende Einfluss von exzessiven Beatmungsdrucken bzw. der Länge
der Respiratortherapie [4] kann unter Verwendung der iLA reduziert werden,
die im Vergleich zu anderen existierenden extrakorporalen Methoden mit geringeren
Risiken assoziiert ist.
Ein wesentlicher Punkt in diesem Zusammenhang ist das Zulassen einer Spontanatmung
mit diesbezüglich bekannten Vorteilen für den Patienten [5]. Speziell
Patientengruppen mit pulmonalen Begleiterkrankungen, für die eine Reduktion
der mechanischen Beatmungsdauer überlebensnotwendig ist, können von
dieser neuen Behandlungsmethode profitieren. Weaningprobleme bei bis zu 80%
dieser Patienten sind beschrieben [6], eine erneute Reintubation aufgrund respiratorischer
Erschöpfung bei dieser Klientel steigert das Mortalitätsrisiko um
durchschnittlich das 6-fache [7]. Unabhängig davon ist es schwierig, den
optimalen Exubationszeitpunkt für einen Patienten vorherzusagen, nicht
zuletzt weil diesbezüglich objektive Kriterien fehlen. Dies belegt die
Reintubationsrate in einem gemischten intensivmedizinisch versorgten Patientengut
von 15-20% [8].
Der Einsatz der iLA erlaubt durch Beeinflussung der CO2-Elimination über
das System die direkte Kontrolle über die vom Patienten aufzubringende
Atemarbeit unabhängig von der atemmechanischen Leistungsfähigkeit.
Somit kann im ARF eine Schonung des Lungengewebes durch Ruhigstellung bzw.
in der Frühphase der Erkrankung eine mechanische Beatmung unter Umständen
vermieden werden. Durch Kontrolle des Weaningprozesses kann sowohl die Dauer
der mechanischen Beatmung als auch die Gefahr einer Reintubation bei respiratorischer
Erschöpfung reduziert werden.

Literatur
1. Luhr et al, 2000, Intensive Care Med, 26: 508-517
ARDS Network, 2000, NEJM, 342: 1301-1308
Gattinoni et al, 2001, NEJM, 345: 568-573
2. Kopp R et al, 2003, Anaesthesist 52:195–203
3. Dreyfuss et al, 1993, Am Rev Respir Dis, 148:1194-1203
Girou et al.,2000, JAMA, 284: 2361-7
Ranieri et al, JAMA, 2000, 284: 43-44
Imai et al, JAMA, 2003, 289: 2104-2112
4. Brower et al, Am J Resp Crit Care Med, 2002, 166: 1516-1517
Esteban et al, JAMA, 2002, 287: 345-355
5. Putensen et al, Am J Resp Crit Care Med, 2001, 164: 43-49
Putensen et al, Am J Resp Crit Care Med, 1999, 159: 1241-1248
Laghi et al, J Appl Physiol, 1995, 79 (2): 539-546
6. Kuhlen et al, Anaesthesist, 1998, 47: 614-627
7. Epstein et al, Chest, 1997, 112: 186-192
8. Esteban et al, NEJM, 1995, 332: 345-350
Christian Beyer
Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin, Katharinenhospital, Stuttgart