Patienten mit Adipositas - eine Herausforderung oder bald Alltag?
Karl Sabel
Obwohl die Mc Donald`s Generation in Amerika an uns bisher weitgehend vorbeigegangen
zu sein scheint, haben wir immer öfter mit dem Problem der Versorgung
schwergewichtiger Patienten zu tun. Dies bereitet nicht nur logistische Schwierigkeiten,
sondern stellt uns auch bei der Auswahl geeigneter Gerätschaften und der
pflegerischen Versorgung vor enorme Herausforderungen.

Logistische Probleme
Bereits der Transport in die Klinik stellt aus juristischer Sicht vielfach
ein Problem dar, da herkömmliche Krankentransportliegen älterer Bauart
nur bis zu einem Gewicht von 130 kg Belastung konzipiert sind.
In der Notaufnahme wartet das nächste Hindernis, wenn der Patient auf
einer Notfallliege gelagert wird, die je nach Hersteller mit einem sicheren
Arbeitsgewicht von 130 kg bis maximal 250 kg Körpergewicht in Verkehr
gebracht wird.
Thoraxröntgen und Computertomographie sind die nächsten Hemmschwellen,
die ab einem bestimmten Körperumfang einer aussagekräftigen Notfalldiagnostik
im Wege stehen.
Während die Versorgung mit zentralvenösen Kathetern, arteriellen
Zugängen, Venenverweilkanülen oder zum Beispiel Thoraxdrainagen zwar
erschwert, aber zumeist noch möglich ist, bewegen wir uns beim Umlagern
in ein einfaches Krankenhausbett bereits auf juristisch sehr dünnem Eis.
Da das Patientengewicht allein nicht immer ein vorstellbares Bild ergibt,
wird zur umfassenden Patienteneinschätzung vermehrt der Body Mass Index
(BMI) verwendet.
Dieser BMI lässt sich ermitteln, in dem man das Körpergewicht in
kg durch das Quadrat der Körpergröße in Metern dividiert.
Beispiele: 100 kg : (1.87 x 1.87 m) 3,5 = 29
54 kg : (1.66 x 1.66 m)2,76 = 20
Normwerte Frauen Männer
Untergewicht bis 18 bis 19
Normal 19-24 20-25
Ü
bergewicht 25-30 26-30
Adipositas > 30 > 30
Wenn die Aufnahme in die Klinik oder die Verlegung in ein anderes Krankenhaus
zeitlich planbar ist, sollte gleich zu Beginn der Übernahme der Transfer
in ein für den Patienten adäquates und zugelassenes Lagerungssystem
stehen.
Pflegerische Versorgung der Patienten
Die Limitationen denen diese Patienten unterliegen, greifen aber nicht nur
bei technischen Problemen, sondern bereits bei der Durchführung alltäglicher
pflegerischer Arbeit. So sind nahezu alle Tätigkeiten am Patienten schwerer
oder nur mit geringerer Effektivität durchzuführen, was sich unter
anderem auch bei der Durchführung prophylaktischer Maßnahmen deutlich
bemerkbar macht.
Alleine schon die pflegerische Grundversorgung und das regelmäßige
Umlagern des Patienten stellen hohe personelle Ansprüche, denen sicher
nicht jede Klinik nachkommen kann.
Auch die Dosierung des Medikamentenbedarfs für diese Patientengruppe
gestaltet sich viel schwieriger als im Bereich der normalgewichtigen Personen.
Wirkspiegel oder Depoteffekte durch Aufnahme ins Gewebe sind praktisch nicht
oder nur sehr schwer zu verifizieren, so dass man sich meist am klinischen
Verlauf orientieren muss. Dies gilt besonders für die benötigte Analgosedierung,
trifft aber auch für alle anderen Medikamente zu, bei denen die Dosierungsberechnung
nach Kilogramm teilweise erschreckende Medikamentendosen erforderlich macht.
Ein ganz entscheidendes pflegerisches Problem stellen die Positionierung und
der Transfer des Patienten aus dem Bett oder ins Bett dar, da der Patient nur
dann eine realistische Überlebenschance hat, wenn die Immobilisierungsphase
nur kurzmöglichst beibehalten werden muss.
Hervorragend eignen sich hierzu Anwendungen aus dem Kinästhetikbereich.
Selbst darin weniger geübte Kollegen werden gerade während der Arbeit
mit solch schwergewichtigen Patienten merken, dass hier jede Art von Hau Ruck
Verfahren an ihre Grenzen stößt.
Durch kinästhetische Dreh- oder Schiebeverfahren lassen sich gerade diese
Patienten, wenn auch erschwert, erfolgreich im Bett transferieren.
Aber auch der Selbstschutz hat hier für alle Beteiligten hohe Priorität,
so dass man ohne rückenschonende Arbeitstechniken sehr bald für „aufopferndes“ Engagement
bestraft wird.
Leider erfährt dieser Aspekt bisher in Reihen der Pflegekräfte nur
wenig Akzeptanz, was bestimmt eine Aufgabe für die Zukunft bei der Ausbildung
unseres Nachwuchses sein muss.
Denn ich kann nicht erst dann meinen Rücken schonen wenn Probleme bereits
aufgetreten sind, sondern wenn ich durch geschicktes Arbeiten, bei gleichem
Effekt für den Patienten, das Risiko für mich selbst minimiere.

Kosten für die Therapie
Der in heutigen Zeiten nicht mehr außer Acht zu lassende Aspekt der
Bezahlbarkeit solcher extremer Therapieversuche führt sicher mit dazu,
dass jede kleine Klinik versuchen wird, diese Patienten an Häuser der
höchsten Versorgungsstufe zu verlegen.
Aber auch an Kliniken der Maximalversorgung ist der Personalbedarf nur schwer
darstellbar.
Die im Intensivbereich zur Beurteilung der Krankheitsschwere und zur Kostenbemessung
mit herangezogenen Scores TISS 28 und SAPS II stiegen erst im Verlauf des stationären
Aufenthalts deutlich an, während der pflegerische Aufwand von Beginn der
Versorgung an maximal erhöht war.
Gerätschaften und Hilfsmittel
Eingesetzte Klinikbetten, Liftersysteme, Notfallliegen, Mobilisationsstühle,
Toilettenstühle, Diagnostikeinrichtungen ( in unserer Klinik), Pathologie,
Bei den Angaben zur Ausstattung handelt es sich um hausspezifische Aussagen,
die jeder Anwender in seiner Klinik für sich selber klären muss,
da es abhängig vom Hersteller und vom Baujahr des Produkts erhebliche
Unterschiede gibt.
Abschließendes Statement muss aus derzeitiger Sicht wohl sein, dass
Patienten mit Adipositas sowohl eine Herausforderung, als auch bald Alltag
in unseren Kliniken sein werden.
/ Karl Sabel
Fachkrankenpfleger für
Innere Medizin und Intensivmedizin
Poliklinik Innere Medizin I
Klinikum der Universität
93042 Regensburg
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