Sekret oberhalb des Cuffs - Absaugen bei der Mundpflege und / oder Spezialtuben?
Arnold Kaltwasser
In der Intensivpflege gehört Mund-, Nasen- und Rachenraumpflege zu den
täglichen Routinemaßnahmen, die in der Regel mehrmals pro Schicht
nach Standard durchgeführt wird. Die Speichelmengen, die schon unter normalen
Bedingungen auftreten und bei einem Patienten mit Endotrachealtubus oder Tracheostoma
nicht auf dem natürlichen Weg resorbiert werden können sind nicht
unerheblich.
„Unter physiologischen Bedingungen werden 700 bis 1500 Milliliter Speichel
oder Mundflüssigkeit pro Tag sezerniert. Es finden sich erhebliche tageszeitliche
Schwankungen, mit nachts sehr geringer Speichelproduktion und einem Maximum
in den Mittags- bis Nachmittagsstunden [Machtens 1991]. Daneben ist die Speichelsekretion
erheblich von gustatorischen, mastikatorischen, optischen, geruchlichen, mechanischen
und psychischen Stimuli abhängig. Die quantitative Bestimmung (Sialometrie)
differenziert deshalb zwischen unstimulierter (physiologisch mehr als 0,4 Milliliter
pro Minute) und stimulierter Fließrate (mehr als 1,5 Milliliter pro Minute).“

In der Prävention der Ventilator assoziierten Pneumonie (VAP) werden
viele Maßnahmen in der evidence based medicine diskutiert. Eine der neueren
Empfehlungen sind die Leitlinien zur Prävention nosokomialer Pneumonien,
2003 des CDC und des Beratungsgremiums zur Infektionsüberwachung im Gesundheitswesen
der USA.
Hier steht „... Die Änderungen der Empfehlungen zur Prävention
bakterieller Pneumonien, insbesondere ventilatorassoziierter Pneumonien, betreffen „...,
(wenn möglich) die Verwendung eines Endotrachealtubus´ mit dorsalem
Lumen zur Absaugung von Atemwegssekreten;...“ (siehe auch saferhealthcarenow.ca).
Der Einsatz von Tuben mit der Möglichkeit der Sekretabsaugung im subglottischen Bereich ist kostengünstig im Zusammenhang mit der VAP: „Subglottic
suction significantly reduces the incidence of VAP in high-risk patients (NNT
of 8 if ventilated over 3 days), although the benefit is lower in elective
cardiac patients. Subglottic suction is currently not commonly used, but even
with marginal benefits, its use is likely to be highly cost effective“.
Mit anderen Worte bei diesem Tubus wäre das Problem der so genannten „Jammerecke“ also
des subglotischen Raumes oberhalb des Cuffs gelöst und es kann oder sollte
kein Sekret am Cuff des Tubus vorbei in das Trachealsystem gelangen. Der Wechsel
des Tubus aber kann normalerweise nicht empfohlen werden, da das Risiko (Nebenwirkungen
der Intubation) für den Patienten steigt.
Eine weitere Lösung wäre das Entblocken des Cuffs zur Sekretabsaugung.
Dies sollte unterlassen werden, außer bei der geplanten Extubation.
Ein anderer Denkansatz ist das Verwenden von mikro-dünnwandige Cuffs
mit einer optimierten Sekretdichtung bei reduziertem Cuffdruck (z.B. Kimberly
Clark/microcuff endotracheal Tuben). Diese Tuben haben folgende Vorteile:
- Dimension und Geometrie wie konventioneller residual-volumiger Cuff
- ideale Wandstärke: 5 - 10µm
- Material : PU
- Elastisches Verhalten
- Mechanische Stärke
und verhindern mit diesem Konzept ein Vordringen von Sekret, Magensaft oder
z.B. auch Sondennahrung in das Trachealsystem .
Interessant ist, dass es zur Mundpflege in Deutschland keine Empfehlungen
z.B. vom Robert Koch Institut im Zusammenhang mit der VAP gibt. Ein Standard,
wie z.B. der nationale Dekubitusstandard, fehlt ebenso und die Mundpflege wird
von Klinik zu Klinik sehr uneinheitlich durchgeführt . In ein Konzept
zur basalen Stimulation ist sie in der Regel auch nicht eingebettet .
Der Autor Gottschalk kommt zum Schluss:
„
Obwohl die Praxis der Mundpflege in vielen Punkten nicht dem aktuellen Wissensstand
entspricht, wird die Qualität von den Pflegenden überwiegend als
gut eingeschätzt. Die Mängel sind den Pflegenden offensichtlich nicht
bewusst. Das wurde auch nicht anders erwartet, denn die Pflegepraxis spiegelt
den Wissensstand der deutschsprachigen Pflegelehrbücher wider.“

Ein modernes Management der Mundpflege ist im Sinne des Patienten und die
Industrie liefert in der Zwischenzeit auch sehr gute Systeme zur Durchführung
der Mundhygiene. Das „normale“ putzen der Zähne darf zur Infektionsprophylaxe
nicht vergessen werden und folgendes sollte auch in der Intensivpflege bedacht
werden: "Brushes that worked with a rotation oscillation action removed
more plaque and reduced gingivitis more effectively than manual brushes in
the short and long term. No other powered brush designs were consistently superior
to manual toothbrushes" .
Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Frage: Absaugen bei der Mundpflege
und / oder Spezialtuben? nicht abschließend beantwortet werden kann.
Der Einsatz neuerer Tuben (subglottische Absaugung, mikro-dünnwandige
Cuffs) sollte bei den Intensivpatienten bedacht werden. Bei der Logistik spielt
die Intensiv- und Anästhesiepflege eine entscheidende Rolle. Der Einsatz
von Spezialtuben muss aber immer im Zusammenhang mit der professionellen Mundpflege
gesehen werden und kann diese auch nie ersetzen.
Literatur:
1. Knut A. Grötz: Die trockene Mundhöhle: Ätiologie, Klinik,
Diagnostik, Therapie http://www.zm-online.de/m5a.htm?/zm/22_02/pages2/titel2.htm (26.06.2006)
2. Rahul Gujadhur, Bruce W. Helme, Aliu Sanni and Joel Dunning: Continuous
subglottic suction is effective for prevention of ventilator associated pneumonia
Registrars
in Cardiothoracic Surgery 2005
3. Oliver Rothaug, Stefan Köberich: Aspekte der prophylaxe beatmungsassoziierter
Pneumonien durch Mikroapiration bei beatmeten Patienten intensiv 2006/14
4. Gabriele Weiß: Die Mundpflege beim beatmeten Patienten unter Berücksichtigung
der Häufigkeit der Tubusumlagerung Facharbeit Weiterbildung Intensivpflege
und Anästhesie Kurs 04_06 Reutlingen
5. Andrea Habermehl: Basale Stimulation Der Theorie/Praxis – Konflikt
Weiterbildung Intensivpflege und Anästhesie Kurs 04_06 Reutlingen
6. Heanue M, Deacon SA, Deery C, Robinson PG, Walmsley AD, Worthington HV,
Shaw WC: Manual versus powered toothbrushing for oral health Cochrane Database
Syst
Rev. 2005 Apr 18;(2):CD002281