Temperaturmanagement im OP und Aufwachraum
Ina Welk
Ziel der Regulation der Körpertemperatur ist die Gewährleistung einer
konstanten Körperkerntemperatur durch ein Gleichgewicht zwischen Wärmeproduktion
und Wärmeabgabe. Das Thermoregulationszentrum im Gehirn verarbeitet Informationen
thermosensitiver Rezeptoren und induziert ggf. ein entsprechendes Regulationsverhalten
(Muskelzittern, Schwitzen), um die Körpertemperatur konstant zu halten.
Fragen im Anästhesiealltag
Jede Pflegekraft in der Anästhesie sollten sich vor Beginn der Anästhesie
folgende Fragen zum Thema Wärmeprotektion stellen:
Wie beeinflusst die Anästhesie die Thermoregulation?
Wo drohen Gefahren durch eine unbeabsichtigte Hypothermie?
Welche Maßnahmen können zur Vermeidung getroffen werden?

Phasenablauf der Hypothermie durch Auswirkungen von Narkose und Operation
Phase I
Initiale Wärmeumverteilung innerhalb der ersten 30 - 45 Minuten mit relativ
steilem Abfall der Körperkerntemperatur. Umverteilung bedeutet eine durch
die Anästhesiemedikamente induzierte Vasodilatation mit Verschiebung von
Wärme aus dem zentralen in das periphere Kompartiment, dabei kann der
Temperaturabfall bis zu 1,6°C betragen. Dieser initiale Abfall lässt
sich nicht verhindern, er kann jedoch durch thermoprotektive Maßnahmen
und das sog. Pre - warming hinausgezögert werden.
Phase II
Relativ langsamer linearer Abfall der Temperatur (Wärmeverlust > Wärmeproduktion)
durch Wärmeabgabe an die Umgebung. Hier erfolgt der Temperaturabfall bis
zu 1° C pro Stunde.
Phase III
Sog. Plateauphase, hier herrscht ein thermische Gleichgewicht in dem die Körperkerntemperatur
weitgehend stabil bleibt, die Hypothermie schreitet jedoch weiter vor (sog.
thermoregulatorische Vasokonstriktion).
Allgemeine Einflussfaktoren
- Operationsverfahren
- Dauer der Operation
- Körperoberfläche die für thermoprotektive Maßnahmen
zur Verfügung steht
- Wundfläche
- Lagerung
- Blutverlust
- Volumenumsatz
- Anästhesieverfahren(z.B. bei SPA / EDA wird die Thermoregulation zentral
gehemmt, Blockade sympathischer und motorischer Nerven und damit keine kompensatorische
Vasokonstriktion möglich (Vasodilatation führt zu Temperaturabfall),
durch die sensorische Blockade bemerkt der Patient kein Kältegefühl,
oft wird auf Temperaturmessung verzichtet, d.h. die Ausprägung einer Hypothermie
wird nicht bemerkt!)
- Alter- und Konstitution des Patienten
Formen der Hypothermie
Man unterscheidet folgende Formen der Auskühlung, wobei die akzidentelle
Hypothermie im operativen und anästhesiologischen Alltag den höchsten
Stellenwert einnimmt.
- Akzidentell = unbeabsichtigt durch Kälteexposition (häufigste
Ursache)
- Untertemperatur = unbeabsichtigt, Begleitsymptom bei einigen Erkrankungen
- Induziert = beabsichtigt, prophylaktisch u. therapeutisch
Bei Patienten, die über die Notaufnahme (Schockraum) in den OP verbracht
werden, beginnt die Kälteexposition bereits in der präklinischen
Phase und wird während der Dauer der Untersuchungs- und Diagnostikzeit
unterhalten. Schon im Aufnahmebereich beginnt die Verantwortlichkeit für
die Erhaltung einer Normothermie!
Hypothermie - Ursachen im OP durch Abhängigkeit der Temperaturregulation
durch Dritte
- OP-Hemd, kalter OP-Tisch, kalte Schleusenanlage, dünne Tücher
- Klimaanlage (OP-Räume habe hohe Luftumwälzung)
- Hautdesinfektion
- Nasse Tücher
- Anästhetika, Endoskopiegase
- Spüllösungen
- Volumen-Management

Wirtschaftlichkeit und perioperatives Temperaturmanagement
Gerade im Spannungsfeld zwischen Medizin und Ökonomie ist der Kostenaspekt
nicht zu vernachlässigen. Zählt der OP doch zu den kostenintensivsten
Bereichen im Krankenhaus, so werden durch ein fehlendes Temperaturmanagement
zusätzliche Kosten generiert. Auch können für den Patienten
unnötige Beatmungszeiten und Intensivaufenthalte vermieden werden. Folgende
Faktoren werden durch eine gezielte Vermeidung einer perioperativer Auskühlung
unterstützt:
- Frühextubation
- Vermeidung Nachbeatmung nach Auskühlung
- Vermeidung Intensivstationsaufenthalt
- Reduzierung Blutverlust
- Senkung postoperative Komplikationsrate
- Senkung Krankenhausverweildauer
Der Erhalt der Normothermie ist Ziel aller thermoprotektiven Maßnahmen
im OP und Aufwachraum. Dabei ist der Aspekt der Patientenzufriedenheit ebenfalls
ein wichtiger Punkt im Erleben der Operation. Postoperatives Shivering hat
genau wie Übelkeit und Erbrechen einen hohen Wiedererinnerungswert in
der Befindlichkeit und des Wahrnehmens und beeinflusst die postoperative und
postanästhesiologische Erholungszeit.
Ein adäquates Temperaturmanagement beinhaltet ein Temperatur-Monitoring
von Narkosebeginn an, sowie einen konsequenten Einsatz thermoprotektiver Maßnahmen
in der prä-, intra- und postoperativen Phase. In der präoperativen
Phase können z. B. angewärmte Tücher bereits im Einschleusungsbereich
zum Einsatz kommen und den Patientenkomfort erhöhen. Effektiv ist der
Einsatz apparativer Unterstützung bereits während der Wartezeit im
Einleitungsbereich (Pre - warming). Ergänzend finden sich intraoperativ
Infusions- und Blutwärmer, sowie die Vorhaltung von Wärmeschränken
zur Bereitstellung angewärmter Infusions und Spüllösungen, Wärmematten
als OP-Tischauflage und Wärmedeckensysteme mit Luftgebläse (Konvektive
Systeme) zur positiven Unterstützung des Wärmeerhaltens. Als Konzept
für ein adäquates Temperaturmanagement ist nicht die ausschließliche
Therapie der Hypothermie, sondern das Wissen um die Negativfaktoren und der
möglichst schon präventive Einsatz geeigneter Maßnahmen bereits
präoperativ wirksam und sollte von jeder Anästhesiepflegekraft als
integraler Bestandteil der Narkosevorbereitung verstanden werden. Für
das Gesamtkonzept gilt zusammenfassend:
- An ein Temperaturmanagement denken (bereits im Schockraum, Untersuchung-
und Diagnostik)
- Möglichst frühzeitige Wärmezufuhr bereits in der Holding Area
und Einleitung
- Wärmezufuhr nicht längerfristig unterbrechen für Lagerung
und Abdeckung des Patienten
- Reduzierung aller möglichen Ursachen für Wärmeverluste
Wann beginnt die Thermoprotektion?
Temperaturmanagement beginnt bereits in der präoperativen Phase und erfolgt
kontinuierlich weiter bis zur Verlegung aus dem Aufwachraum. Der Stellenwert
des sog. Pre-warming ist von oft unterschätzter Bedeutung, so „bringt“ bereits
der Einsatz eines konvektiven Systems in der Einleitung oder in einer Patient
Holding Area von 30 Minuten einen Erhalt der Körpertemperatur im normothermen
Bereich von bis zu einer Stunde.
Als Empfehlung gilt deshalb, die Hypothermie nicht erst bei Messung zu therapieren,
sondern ihre Entstehung zu vermeiden..
Ina Welk
Pfleg. Zentrumsleitung
Med. Leistungszentrum Anästhesie u. Radiologie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein/Campus Kiel
Schwanenweg 21
24105 Kiel
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