Reutlinger Fortbildungstag 2006
Redaktion zwai
(hhe) Wenn Klaus Notz in den vergangenen 20 Jahren zum Reutlinger Fortbildungstag
eingeladen hat, stand seit 1994 immer die List-Halle als Veranstaltungsort
im Programm.
Aber 12 Reutlinger Fortbildungstage haben ihre Spuren hinterlassen:
am Dach bröckelt's, sodass die traditionelle Heimat des Traditionskongresses "rein
vorsorglich" gesperrt wurde und die Veranstalter um Klaus Notz gezwungen
waren, Referenten und Teilnehmer kurzfristig in die Wittum-Halle im Reutlinger
Ortsteil Rommelsdorf zu bitten.
Ebenso kurzfristig wurde ein Shuttle-Service organisiert, der die
gut 300 Pflegenden bei strahlendem Wetter pünktlich an der zum Kongress-Saal
umfunktionierten Turnhalle ablieferte - das Klassenfahrt-Ambiente war perfekt!
In seiner Eröffnungsrede freute sich Notz besonders darüber, dass
er bereits zum 20. Mal so viele Pflegende aus ganz Deutschland in
Reutlingen begrüßen konnte - natürlich nicht, ohne sich bei
seinem vierköpfigen Organisationsteam zu bedanken. "Es ist eines, eine
Veranstaltung anzubieten, aber es ist eine Leistung, in direkter Folge 20 Veranstaltungen
anzubieten,
die sich gezielt um die Fortbildungsinteressen der der Fachkrankenpflege drehen.",
so Notz.

Nächstes Dia, bitte!
Den ersten der insgesamt 22 Vorträge hielt anders als angekündigt
nicht Tilmann Müller-Wolff (Marburg), sondern Klaus
Hartmann (ebenda).
Hartmann hat die Entwicklung der noninvasiven Ventilation (NIV) seit ihrem
Beginn in den frühen 80er Jahren verfolgt und berichtete über seine
positiven Erfahrungen mit dem Verfahren.
Neben den stationär längst
bekannten günstigen Auswirkungen auf Behandlungsdauer und Infektionsrate
konnte Hartmann ebenso erste Erfolge bei der präklinischen Anwendung vorweisen:
seit Beginn des Marburger Modellprojekts Anfang des Jahres 2006 wurde bereits
in der Hälfte der respiratorisch insuffizienten Fälle eine Intubation
vermieden.
Von einem Mehr an Invasivität profitieren die Patienten hingegen, wenn
es um das Wärmemanagement in OP und Aufwachraum geht: Ina Welk (Kiel)
zeigte, dass die Ursache von Blutungen und Infektionen häufiger als
vermutet in akzidentellen Hypothermien zu finden ist. Als ersten Schritt
empfahl Welk, bereits in der Einleitung die initiale Temperatur zu messen
und den Patienten nach seinem Temperaturempfinden zu befragen. Nachdem die
effektivste Hypothermie-Therapie noch immer deren Vermeidung darstellt, gab
Welk Tipps zum perioperativen Wärmeerhalt - Prewarming ist hier nur
eines der großen Stichwörter.
Weniger technisch begann Prof. Lamesch (Leipzig) sein Referat: zwar wollte
der Laserpointer nicht auf den Zuruf "Nächstes Dia, bitte" reagieren,
aber schnell verstand Lamesch, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und präsentierte
Fakten zu den aktuellen Therapieformen des akuten Leberversagens (ALV): der
bestehende Organmangel macht auch vor der Leber nicht halt und so können
derzeit nur 10% der ALV-Patienten erfolgreich transplantiert werden.
Eine wirkungsvolle
Alternative stellt die MARS-Therapie dar, die - sofern rechtzeitig begonnen
- eine Langzeitüberlebensrate von 75% bedeuten kann. Mit dem Workshop "Nurses
On MARS" wurde interessierten Teilnehmern am Nachmittag ein ausführlicher
Einblick in das noch wenig etablierte Therapieverfahren geboten.
Bevor es in die Mittagspause ging, bekam Fachkrankenpfleger Mario
Hohenegger (Speyer) noch Gelegenheit, sein gründliches Grundlagen-Referat zur Pathophysiologie,
Diagnostik und Therapie der Lungenembolie zum ersten Mal vor großem Auditorium
zu halten.
In den vergangenen Jahren nutzen die Teilnehmer die zentrale Lage der List-Halle
gerne dazu, um zum Mittagessen in die Reutlinger City zu flüchten. Mit
dem Umzug in die in eine beschauliche Hügellandschaft eingebettete Wittum-Halle
bestand hierzu jedoch keinerlei Chance:
Ebenso beschaulich stellte sich die
gastronomische Landschaft in Rommelsbach dar, sodass Klaus Notz einmal mehr
außerplanmäßig in die Kongress-Kasse griff, um mit der traditionellsten
aller schwäbischen Mahlzeiten - Eierspätzle, Maultäschle und
Kartoffelsalätle - die körperliche Unversehrtheit der Besucher an
beiden Tagen sicherzustellen.
Sympathy For The Industry
Nach dem schwäbischen Picknick kam der angenehme Plauderton, mit dem
Rolf Dubb (Stuttgart) die Entwicklung konventioneller Thoraxdrainagensysteme
von einer bis hin zu vier Kammern erläuterte, gerade recht.
Weit weniger konventionell hingegen das Thema von Dr. Christian Beyer (Stuttgart):
Beatmung
ohne Beatmungsgerät. Das Novalung-System setzt dort an, wo herkömmliche
Beatmungsverfahren versagen und kann mit der Trennung der Oxygenation von der
Ventilation helfen, das Biotrauma zu reduzieren: ein pumpenloses System sorgt
hier über arteria und vena femoralis für den Gasaustausch. Da das
Unternehmen auch in der Industrieaustellung vertreten war, hatten die Teilnehmer
Gelegenheit, sich die extrakorporalen Elemente auch aus der Nähe anzusehen.
"We don't need no education" könnte der Untertitel
des anschließenden
Vortrags von Gerd Müller (Bremen) lauten. Der Kaufmann,
selbst seit 15 Jahren Kongressveranstalter, hält in Punkto "Wissensvermittlung" eigentlich
nichts von seinem Kerngeschäft: abgesehen davon, dass seinen Untersuchungen
zufolge nur knappe 5% der Beschäftigten überhaupt Gelegenheit haben,
externe Fortbildungsveranstaltungen zu besuchen, können sich Kongressbesucher
bei der Vielzahl der Referate keine ... Moment, was war's noch gleich?
Achja, richtig: ... keine Details merken, sodass seiner Ansicht nach hauptsächlich
noch die soziale Komponente einem Kongressbesuch Sinn verleiht.
Eine internetbasierte Alternative "unter Ausschöpfung aller Möglichkeiten
des Mediums" mit CME-Zulassung bietet Müllers Unternehmen seit geraumer
Zeit ausschließlich für den ärztlichen Bereich an.
An den Vorzügen der örtlich und zeitlich uneingeschränkt verfügbaren
Online-Videoreferate lies Müller keinen Zweifel. Im Gegensatz zum Live-Kongress
zählt hier nicht die bloße Anwesenheit, sondern jeder Vortrag wird
mit einem Test beendet. Ob und wie sich diese Form auch für ein im Rahmen
der Freiwilligen Registrierung für beruflich Pflegende zu schaffendes
Punktesystem etabliert, bleibt abzuwarten.
Als weiteren Einsatzbereich für seine Technologie möchte Müller
Geräteeinweisungen gemäß MPG erobern. Geräteeinweisung
ohne Gerät? Einige Schulungsvideos für Narkose- und Hämofiltrationsgeräte
wurden bereits produziert.
Ein ähnliches Beispiel für Computer Based Training (CBT) präsentierten
Martin Allgeier und Volker Hubert (Böblingen), deren Arbeitgeber nicht
nur Patientenmonitore entwickelt, sondern auch dazugehörige Schulungsprogramme.
Ich will - Ich kann - Ich darf
Leichtes Spiel hatte der erneut als Headliner am Ende des Tagesprogramms angesetzte
Wendelin Herbrand (Murnau) mit seinen Ideen zur Mitarbeitermotivation - schließlich
durfte er ruhigen Gewissens davon ausgehen, dass der Pflegende, der einen Kongress
besucht, über ein hinreichendes Maß an Motivation verfügt.
Herbrand beklagte, dass über Motivation nur immer dann gesprochen wird,
wenn diese nicht mehr vorhanden oder bedroht ist und demonstrierte - sichtlich
um Einhaltung des ihm vom Kongressprogramm zugestandenen Zeitfensters bemüht
- wie die Schaffung eines motivationsfördernden Arbeitsklimas gelingen
kann.
Mit seiner bekannten charmant-herzlichen Art begeisterte der Leiter der Weiterbildungsstätte
am BGU Murnau sein Publikum derart, dass es auch noch die um 15.57 Uhr angebotene
Zugabe dankbar annahm.
Kongresstag #2 eröffnete DGF-Geschäftsführer Andreas
Westerfellhaus (Gütersloh). In seiner Ansprache bedauerte
Westerfellhaus die Folgen der Gesundheitsreformen und der ärztlichen
Arbeitskämpfe mit ihren "unsinnigen
Gehaltsforderungen", bei denen der Mensch - Patient, Angehöriger
und Beschäftigter - auf der Strecke bleibt.
Westerfellhaus, der in der vergangenen Woche in seinem Amt als Vizepräsident
des Deutschen Pflegerats (DPR) bestätigt wurde, machte deutlich, dass
die Pflege in Zusammenarbeit mit den anderen Berufsgruppen nicht umhin kommen
wird, auf Augenhöhe, mit Mut und Sachverstand, vor allem aber ideologiefrei
neue Wege zu beschreiten. „Es geht nicht um das 'Bewahren' und 'Abschotten',
sondern um ein zukunftsfähiges System im Ganzen – nämlich für
die Menschen. Und das bedeutet ein hohes Maß an Verantwortung bei allen
Beteiligten.“, so Westerfellhaus weiter.
Unmissverständlich machte Westerfellhaus deutlich, dass der DPR mit seinen
ehrenamtlich tätigen Funktionären dazu dringend auf die Unterstützung
aller Pflegenden angewiesen ist.
Als Beispiel nannte Westerfellhaus die Entwicklung der elektronischen Gesundheitskarte,
für die für die Pflegeberufe und insgesamt 2,7 Mio. Beschäftigten
in den Heilberufen keine Zugangsberechtigung vorgesehen ist, da für diese
Berufe kein Heilberufsausweis vorliegt.
Nachdenklich macht Westerfellhaus , dass bei ca. 1,5 Mio. Pflegekräften
in Deutschland den Berufsverbänden nur ca. 100.000 Menschen auch tatsächlich
ihre Unterstützung durch eine Mitgliedschaft zukommen lassen. Schwierig
wird es somit in der Umsetzung der Forderungen in Regierungskreisen und den
Verantwortlichen anderer berufsständischer Organisationen gegenüber.
"Werden Sie Mitglied in einem Berufsverband!" rief er den Anwesenden
in der Wittum-Halle zu.
In die Zukunft gerichtet waren auch die Aussagen von Karl Sabel (Regensburg)
zur Versorgung
von adipösen Patienten. Das zunehmend erhöhte Patientengewicht
- die Prävalenz schwergewichtiger Menschen hat sich seit den 80er Jahren
verdreifacht - bedeutet nicht nur einen gesteigerten pflegerischen Aufwand,
sondern hat auch forensische Bedeutung, da zahlreiche Gerätschaften wie
Betten, OP-Tische und Lifter in der Regel nicht für die derartig erhöhten
Gewichtsklassen zugelassen sind. Sabel zeigte anhand von Fallbeispielen Lösungen
aus dem eigenen Klinikum auf. So wurde mittlerweile von der Berufsfeuerwehr
München ein eigenes Fahrzeug eingerichtet, das den Transport auch des
schwersten Patienten inklusive Bett erlaubt.
If the gut works, use it!
...plädierte Wilmore bereits 1989 für die frühe
enterale Ernährung
von Intensivpatienten. Die Vorteile der zügigen Enteralisierung, also innerhalb
von 24h nach Aufnahme, sind spätestens seit Herausgabe der DGEM-Leitlinien
der breiten Fachöffentlichkeit bekannt. Die Kernaussagen stellte Dr.
Ulrich Kampa (Hattingen) pragmatisch auf dem Reutlinger Fortbildungstag
vor: Kampa sieht den Darm als zentrales Sepsis-Organ, dessen Funktion mit der
zügigen
Nahrungsversorgung aufrecht erhalten werden kann. Kampa machte deutlich, dass
auch fehlende Darmgeräusche keine Kontraindikation bedeuten, sodass er
das Wilmore-Zitat bereits 1999 umformulierte: If you use the gut, it works!

Beim Wullacken niemals mit dem Mottek wackeln!
Dass dieses Sprichwort in der ehemaligen Bergbau-Metropole Duisburg noch bestens
bekannt ist und auch Übertage erfolgreich beherzigt werden kann, zeigte
Ute Storm, Hygienefachkraft der dortigen Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik.
Storm hat dort auf Basis von KISS - dem Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System
- mit der Einführung eines standardisiertes Atemwegmanagements in Form
von Mundpflegesets und der Anwendung geschlossener Absaugsysteme nachweislich
die device-assoziierten
Atemwegsinfektionen reduzieren können.
Ein weiterer Aspekt stellt der dadurch verbesserte Prozessablauf dar, da die
Verwendung von industriell gepackten Sets zum einen die Maßnahme als
solche perfekt standardisiert, zum anderen für verbesserte hygienische
Verhältnisse sorgt und zudem die Vorbereitungszeit reduziert.
Zahlreiche weitere Aspekte, wie sich das "Wackeln des Motteks beim Wullacken" -
bezogen auf das Sekret
oberhalb des Cuffs - verhindern lässt, präsentierte
Arnold Kaltwasser (Reutlingen) im zweiten Teil der Vormittagssitzung.
Nach wie vor können die 3,5 bis 10ml Sekret, die sich unvermeidbar bei
allen Arten von Tuben oberhalb des Cuffs ansammeln zum Problem werden, belässt
man sie dort.
Spezialtuben mit der Möglichkeit zur kontinuierlichen Sekretabsaugung
können, so die von Kaltwasser vorgestellte Untersuchung, vergleichsweise
kostengünstig Pneumonien verhindern. Jedoch ergeben sich weitere Risiken
aus der erforderlichen Umintubation.
Ursächlich für die Mikroaspiration sind in vielen Fällen die
Tuben selbst, deren dickwandige Cuffs Einstülpungen bilden und damit eine
Sekretstraße in die Lunge entstehen lassen. Eine industrielle Lösung
stellen hier Tuben mit mikro-dünnwandigen Cuffs dar, deren Einsatz jedoch
aufgrund des Preises sich nur für sog. "Langlieger" empfiehlt.
Obwohl – wie auch der Vortrag von Ute Storm gezeigt hat - einfache pflegerische
Maßnahmen ventilator-assoziierte Pneumonien verhindern können, existiert
bislang kein nationaler Standard zur Durchführung der Mundpflege. Ebenso
hat das Robert-Koch-Institut noch keinerlei Empfehlung ausgesprochen.
Nachdem Lorenz Droll (Hannover) seine Vision
zur Beatmung als rationalem Prozess vorgestellt hatte, gehörte das Ende der 1. Nachmittagssitzung Leif
Dryden (Münster).
Bevor der Fachkrankenpfleger jedoch selbst auf sein Thema - Humor,
die unbekannte Ressource - zu sprechen kam, wollte er zunächst herausfinden, wie es um
das Humorbasiswissen seines Publikums bestellt ist.
Dazu hatte er nicht nur ein Quiz im "Wer wird Millionär"-Stil
vorbereitet, sondern auch sein Äußeres perfekt an das Erscheinungsbild
des RTL-Erfolgsmoderators Jauch angepasst.

Spritzig, wortgewandt und mit zahlreichen Beispielen garniert verdeutlichte
Dryden zunächst die verschiedenen, in der Gelotologie beschriebenen Humorarten
und deren jeweiligen Eignung zum Einsatz im Krankenhaus.
Wenngleich keinerlei formale Studien vorliegen, gilt es als bewiesen, dass
Lachen den Krankheitsverlauf positiv beeinflusst. So vermag der therapeutische
Humor z.B. das Immunsystem zu stärken und den Blutdruck zu regulieren.
Nach der letzten Kaffeepause stand das eineinhalbstündige Mammut-Forum "Organspende
und Transplantation" auf dem Programm - und das verlangte sowohl dem Auditorium
als auch der Wittum-Halle einiges an Wandlungsfähigkeit ab: war sie gerade
noch Showbühne für muntere Unterhaltung, strahlte sie in der abschließenden
Sitzung durch die auf der Bühne aufgestellten Kerzen beinah eine andächtige
Stimmung aus.

Mit Prof. Wolfgang Steurer (Tübingen), Monika
Weber (Stuttgart) und
Dr. Carl-Ludwig Fischer-Fröhlich (Stuttgart) hatten sich auf dem Gebiet
der Organtransplantation und Organspende hochkarätige Referenten versammelt.
Von einer ganz anderen, unbekannt emotionalen Qualität waren jedoch
die Berichte einer herz-lungen-transplantierten Patientin und von Gisela
Oppenheimer, die von ihren Erfahrungen als Angehörige eines Spenders berichtete.
Ein thematisch nicht einfacher, aber um so eindruckvollerer Abschluß des
20. Reutlinger Fortbildungstags, den kein Kongressbericht adäquat wiedergeben könnte.
Der Reutlinger Fortbildungstag 2007 findet am 20. und 21. September 2007 statt.
Fotos: Hanno H. Endres
(19.09.2006)
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