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14. - 15.09.2006

Reutlinger Fortbildungstag 2006

Redaktion zwai

Reutlinger Fortbildungstag 2006

(hhe) Wenn Klaus Notz in den vergangenen 20 Jahren zum Reutlinger Fortbildungstag eingeladen hat, stand seit 1994 immer die List-Halle als Veranstaltungsort im Programm.

Aber 12 Reutlinger Fortbildungstage haben ihre Spuren hinterlassen: am Dach bröckelt's, sodass die traditionelle Heimat des Traditionskongresses "rein vorsorglich" gesperrt wurde und die Veranstalter um Klaus Notz gezwungen waren, Referenten und Teilnehmer kurzfristig in die Wittum-Halle im Reutlinger Ortsteil Rommelsdorf zu bitten.

Ebenso kurzfristig wurde ein Shuttle-Service organisiert, der die gut 300 Pflegenden bei strahlendem Wetter pünktlich an der zum Kongress-Saal umfunktionierten Turnhalle ablieferte - das Klassenfahrt-Ambiente war perfekt!

In seiner Eröffnungsrede freute sich Notz besonders darüber, dass er bereits zum 20. Mal so viele Pflegende aus ganz Deutschland in Reutlingen begrüßen konnte - natürlich nicht, ohne sich bei seinem vierköpfigen Organisationsteam zu bedanken. "Es ist eines, eine Veranstaltung anzubieten, aber es ist eine Leistung, in direkter Folge 20 Veranstaltungen anzubieten, die sich gezielt um die Fortbildungsinteressen der der Fachkrankenpflege drehen.", so Notz.

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Nächstes Dia, bitte!

Nächstes Dia, bitte!

Den ersten der insgesamt 22 Vorträge hielt anders als angekündigt nicht Tilmann Müller-Wolff (Marburg), sondern Klaus Hartmann (ebenda). Hartmann hat die Entwicklung der noninvasiven Ventilation (NIV) seit ihrem Beginn in den frühen 80er Jahren verfolgt und berichtete über seine positiven Erfahrungen mit dem Verfahren.

Neben den stationär längst bekannten günstigen Auswirkungen auf Behandlungsdauer und Infektionsrate konnte Hartmann ebenso erste Erfolge bei der präklinischen Anwendung vorweisen: seit Beginn des Marburger Modellprojekts Anfang des Jahres 2006 wurde bereits in der Hälfte der respiratorisch insuffizienten Fälle eine Intubation vermieden.

Von einem Mehr an Invasivität profitieren die Patienten hingegen, wenn es um das Wärmemanagement in OP und Aufwachraum geht: Ina Welk (Kiel) zeigte, dass die Ursache von Blutungen und Infektionen häufiger als vermutet in akzidentellen Hypothermien zu finden ist. Als ersten Schritt empfahl Welk, bereits in der Einleitung die initiale Temperatur zu messen und den Patienten nach seinem Temperaturempfinden zu befragen. Nachdem die effektivste Hypothermie-Therapie noch immer deren Vermeidung darstellt, gab Welk Tipps zum perioperativen Wärmeerhalt - Prewarming ist hier nur eines der großen Stichwörter.

Weniger technisch begann Prof. Lamesch (Leipzig) sein Referat: zwar wollte der Laserpointer nicht auf den Zuruf "Nächstes Dia, bitte" reagieren, aber schnell verstand Lamesch, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und präsentierte Fakten zu den aktuellen Therapieformen des akuten Leberversagens (ALV): der bestehende Organmangel macht auch vor der Leber nicht halt und so können derzeit nur 10% der ALV-Patienten erfolgreich transplantiert werden.

Eine wirkungsvolle Alternative stellt die MARS-Therapie dar, die - sofern rechtzeitig begonnen - eine Langzeitüberlebensrate von 75% bedeuten kann. Mit dem Workshop "Nurses On MARS" wurde interessierten Teilnehmern am Nachmittag ein ausführlicher Einblick in das noch wenig etablierte Therapieverfahren geboten.

Bevor es in die Mittagspause ging, bekam Fachkrankenpfleger Mario Hohenegger (Speyer) noch Gelegenheit, sein gründliches Grundlagen-Referat zur Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie der Lungenembolie zum ersten Mal vor großem Auditorium zu halten.

In den vergangenen Jahren nutzen die Teilnehmer die zentrale Lage der List-Halle gerne dazu, um zum Mittagessen in die Reutlinger City zu flüchten. Mit dem Umzug in die in eine beschauliche Hügellandschaft eingebettete Wittum-Halle bestand hierzu jedoch keinerlei Chance:
Ebenso beschaulich stellte sich die gastronomische Landschaft in Rommelsbach dar, sodass Klaus Notz einmal mehr außerplanmäßig in die Kongress-Kasse griff, um mit der traditionellsten aller schwäbischen Mahlzeiten - Eierspätzle, Maultäschle und Kartoffelsalätle - die körperliche Unversehrtheit der Besucher an beiden Tagen sicherzustellen.





Sympathy For The Industry

Sympathy For The Industry

Nach dem schwäbischen Picknick kam der angenehme Plauderton, mit dem Rolf Dubb (Stuttgart) die Entwicklung konventioneller Thoraxdrainagensysteme von einer bis hin zu vier Kammern erläuterte, gerade recht.

Weit weniger konventionell hingegen das Thema von Dr. Christian Beyer (Stuttgart): Beatmung ohne Beatmungsgerät. Das Novalung-System setzt dort an, wo herkömmliche Beatmungsverfahren versagen und kann mit der Trennung der Oxygenation von der Ventilation helfen, das Biotrauma zu reduzieren: ein pumpenloses System sorgt hier über arteria und vena femoralis für den Gasaustausch. Da das Unternehmen auch in der Industrieaustellung vertreten war, hatten die Teilnehmer Gelegenheit, sich die extrakorporalen Elemente auch aus der Nähe anzusehen.

"We don't need no education" könnte der Untertitel des anschließenden Vortrags von Gerd Müller (Bremen) lauten. Der Kaufmann, selbst seit 15 Jahren Kongressveranstalter, hält in Punkto "Wissensvermittlung" eigentlich nichts von seinem Kerngeschäft: abgesehen davon, dass seinen Untersuchungen zufolge nur knappe 5% der Beschäftigten überhaupt Gelegenheit haben, externe Fortbildungsveranstaltungen zu besuchen, können sich Kongressbesucher bei der Vielzahl der Referate keine ... Moment, was war's noch gleich? Achja, richtig: ... keine Details merken, sodass seiner Ansicht nach hauptsächlich noch die soziale Komponente einem Kongressbesuch Sinn verleiht.

Eine internetbasierte Alternative "unter Ausschöpfung aller Möglichkeiten des Mediums" mit CME-Zulassung bietet Müllers Unternehmen seit geraumer Zeit ausschließlich für den ärztlichen Bereich an.
An den Vorzügen der örtlich und zeitlich uneingeschränkt verfügbaren Online-Videoreferate lies Müller keinen Zweifel. Im Gegensatz zum Live-Kongress zählt hier nicht die bloße Anwesenheit, sondern jeder Vortrag wird mit einem Test beendet. Ob und wie sich diese Form auch für ein im Rahmen der Freiwilligen Registrierung für beruflich Pflegende zu schaffendes Punktesystem etabliert, bleibt abzuwarten.
Als weiteren Einsatzbereich für seine Technologie möchte Müller Geräteeinweisungen gemäß MPG erobern. Geräteeinweisung ohne Gerät? Einige Schulungsvideos für Narkose- und Hämofiltrationsgeräte wurden bereits produziert.

Ein ähnliches Beispiel für Computer Based Training (CBT) präsentierten Martin Allgeier und Volker Hubert (Böblingen), deren Arbeitgeber nicht nur Patientenmonitore entwickelt, sondern auch dazugehörige Schulungsprogramme.

Ich will - Ich kann - Ich darf

Leichtes Spiel hatte der erneut als Headliner am Ende des Tagesprogramms angesetzte Wendelin Herbrand (Murnau) mit seinen Ideen zur Mitarbeitermotivation - schließlich durfte er ruhigen Gewissens davon ausgehen, dass der Pflegende, der einen Kongress besucht, über ein hinreichendes Maß an Motivation verfügt.

Herbrand beklagte, dass über Motivation nur immer dann gesprochen wird, wenn diese nicht mehr vorhanden oder bedroht ist und demonstrierte - sichtlich um Einhaltung des ihm vom Kongressprogramm zugestandenen Zeitfensters bemüht - wie die Schaffung eines motivationsfördernden Arbeitsklimas gelingen kann.

Mit seiner bekannten charmant-herzlichen Art begeisterte der Leiter der Weiterbildungsstätte am BGU Murnau sein Publikum derart, dass es auch noch die um 15.57 Uhr angebotene Zugabe dankbar annahm.

Kongresstag #2 eröffnete DGF-Geschäftsführer Andreas Westerfellhaus (Gütersloh). In seiner Ansprache bedauerte Westerfellhaus die Folgen der Gesundheitsreformen und der ärztlichen Arbeitskämpfe mit ihren "unsinnigen Gehaltsforderungen", bei denen der Mensch - Patient, Angehöriger und Beschäftigter - auf der Strecke bleibt.

Westerfellhaus, der in der vergangenen Woche in seinem Amt als Vizepräsident des Deutschen Pflegerats (DPR) bestätigt wurde, machte deutlich, dass die Pflege in Zusammenarbeit mit den anderen Berufsgruppen nicht umhin kommen wird, auf Augenhöhe, mit Mut und Sachverstand, vor allem aber ideologiefrei neue Wege zu beschreiten. „Es geht nicht um das 'Bewahren' und 'Abschotten', sondern um ein zukunftsfähiges System im Ganzen – nämlich für die Menschen. Und das bedeutet ein hohes Maß an Verantwortung bei allen Beteiligten.“, so Westerfellhaus weiter.
Unmissverständlich machte Westerfellhaus deutlich, dass der DPR mit seinen ehrenamtlich tätigen Funktionären dazu dringend auf die Unterstützung aller Pflegenden angewiesen ist.

Als Beispiel nannte Westerfellhaus die Entwicklung der elektronischen Gesundheitskarte, für die für die Pflegeberufe und insgesamt 2,7 Mio. Beschäftigten in den Heilberufen keine Zugangsberechtigung vorgesehen ist, da für diese Berufe kein Heilberufsausweis vorliegt.

Nachdenklich macht Westerfellhaus , dass bei ca. 1,5 Mio. Pflegekräften in Deutschland den Berufsverbänden nur ca. 100.000 Menschen auch tatsächlich ihre Unterstützung durch eine Mitgliedschaft zukommen lassen. Schwierig wird es somit in der Umsetzung der Forderungen in Regierungskreisen und den Verantwortlichen anderer berufsständischer Organisationen gegenüber.

"Werden Sie Mitglied in einem Berufsverband!" rief er den Anwesenden in der Wittum-Halle zu.

In die Zukunft gerichtet waren auch die Aussagen von Karl Sabel (Regensburg) zur Versorgung von adipösen Patienten. Das zunehmend erhöhte Patientengewicht - die Prävalenz schwergewichtiger Menschen hat sich seit den 80er Jahren verdreifacht - bedeutet nicht nur einen gesteigerten pflegerischen Aufwand, sondern hat auch forensische Bedeutung, da zahlreiche Gerätschaften wie Betten, OP-Tische und Lifter in der Regel nicht für die derartig erhöhten Gewichtsklassen zugelassen sind. Sabel zeigte anhand von Fallbeispielen Lösungen aus dem eigenen Klinikum auf. So wurde mittlerweile von der Berufsfeuerwehr München ein eigenes Fahrzeug eingerichtet, das den Transport auch des schwersten Patienten inklusive Bett erlaubt.

If the gut works, use it!

...plädierte Wilmore bereits 1989 für die frühe enterale Ernährung von Intensivpatienten. Die Vorteile der zügigen Enteralisierung, also innerhalb von 24h nach Aufnahme, sind spätestens seit Herausgabe der DGEM-Leitlinien der breiten Fachöffentlichkeit bekannt. Die Kernaussagen stellte Dr. Ulrich Kampa (Hattingen) pragmatisch auf dem Reutlinger Fortbildungstag vor: Kampa sieht den Darm als zentrales Sepsis-Organ, dessen Funktion mit der zügigen Nahrungsversorgung aufrecht erhalten werden kann. Kampa machte deutlich, dass auch fehlende Darmgeräusche keine Kontraindikation bedeuten, sodass er das Wilmore-Zitat bereits 1999 umformulierte: If you use the gut, it works!



Beim Wullacken niemals mit dem Mottek wackeln!

Beim Wullacken niemals mit dem Mottek wackeln!

Dass dieses Sprichwort in der ehemaligen Bergbau-Metropole Duisburg noch bestens bekannt ist und auch Übertage erfolgreich beherzigt werden kann, zeigte Ute Storm, Hygienefachkraft der dortigen Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik.

Storm hat dort auf Basis von KISS - dem Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System - mit der Einführung eines standardisiertes Atemwegmanagements in Form von Mundpflegesets und der Anwendung geschlossener Absaugsysteme nachweislich die device-assoziierten Atemwegsinfektionen reduzieren können.
Ein weiterer Aspekt stellt der dadurch verbesserte Prozessablauf dar, da die Verwendung von industriell gepackten Sets zum einen die Maßnahme als solche perfekt standardisiert, zum anderen für verbesserte hygienische Verhältnisse sorgt und zudem die Vorbereitungszeit reduziert.

Zahlreiche weitere Aspekte, wie sich das "Wackeln des Motteks beim Wullacken" - bezogen auf das Sekret oberhalb des Cuffs - verhindern lässt, präsentierte Arnold Kaltwasser (Reutlingen) im zweiten Teil der Vormittagssitzung.

Nach wie vor können die 3,5 bis 10ml Sekret, die sich unvermeidbar bei allen Arten von Tuben oberhalb des Cuffs ansammeln zum Problem werden, belässt man sie dort.
Spezialtuben mit der Möglichkeit zur kontinuierlichen Sekretabsaugung können, so die von Kaltwasser vorgestellte Untersuchung, vergleichsweise kostengünstig Pneumonien verhindern. Jedoch ergeben sich weitere Risiken aus der erforderlichen Umintubation.

Ursächlich für die Mikroaspiration sind in vielen Fällen die Tuben selbst, deren dickwandige Cuffs Einstülpungen bilden und damit eine Sekretstraße in die Lunge entstehen lassen. Eine industrielle Lösung stellen hier Tuben mit mikro-dünnwandigen Cuffs dar, deren Einsatz jedoch aufgrund des Preises sich nur für sog. "Langlieger" empfiehlt.

Obwohl – wie auch der Vortrag von Ute Storm gezeigt hat - einfache pflegerische Maßnahmen ventilator-assoziierte Pneumonien verhindern können, existiert bislang kein nationaler Standard zur Durchführung der Mundpflege. Ebenso hat das Robert-Koch-Institut noch keinerlei Empfehlung ausgesprochen.

Nachdem Lorenz Droll (Hannover) seine Vision zur Beatmung als rationalem Prozess vorgestellt hatte, gehörte das Ende der 1. Nachmittagssitzung Leif Dryden (Münster).

Bevor der Fachkrankenpfleger jedoch selbst auf sein Thema - Humor, die unbekannte Ressource - zu sprechen kam, wollte er zunächst herausfinden, wie es um das Humorbasiswissen seines Publikums bestellt ist.

Dazu hatte er nicht nur ein Quiz im "Wer wird Millionär"-Stil vorbereitet, sondern auch sein Äußeres perfekt an das Erscheinungsbild des RTL-Erfolgsmoderators Jauch angepasst.



Spritzig, wortgewandt und mit zahlreichen Beispielen garniert verdeutlichte Dryden zunächst die verschiedenen, in der Gelotologie beschriebenen Humorarten und deren jeweiligen Eignung zum Einsatz im Krankenhaus.

Wenngleich keinerlei formale Studien vorliegen, gilt es als bewiesen, dass Lachen den Krankheitsverlauf positiv beeinflusst. So vermag der therapeutische Humor z.B. das Immunsystem zu stärken und den Blutdruck zu regulieren.

Nach der letzten Kaffeepause stand das eineinhalbstündige Mammut-Forum "Organspende und Transplantation" auf dem Programm - und das verlangte sowohl dem Auditorium als auch der Wittum-Halle einiges an Wandlungsfähigkeit ab: war sie gerade noch Showbühne für muntere Unterhaltung, strahlte sie in der abschließenden Sitzung durch die auf der Bühne aufgestellten Kerzen beinah eine andächtige Stimmung aus.



Mit Prof. Wolfgang Steurer (Tübingen), Monika Weber (Stuttgart) und Dr. Carl-Ludwig Fischer-Fröhlich (Stuttgart) hatten sich auf dem Gebiet der Organtransplantation und Organspende hochkarätige Referenten versammelt. Von einer ganz anderen, unbekannt emotionalen Qualität waren jedoch die Berichte einer herz-lungen-transplantierten Patientin und von Gisela Oppenheimer, die von ihren Erfahrungen als Angehörige eines Spenders berichtete.
Ein thematisch nicht einfacher, aber um so eindruckvollerer Abschluß des 20. Reutlinger Fortbildungstags, den kein Kongressbericht adäquat wiedergeben könnte.

Der Reutlinger Fortbildungstag 2007 findet am 20. und 21. September 2007 statt.

Fotos: Hanno H. Endres

(19.09.2006)

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Links zum Artikel:
    Foto-Galerie zur Veranstaltung
    Abstractband des Reutlinger Fortbildungstages 2006







Letzte Aktualisierung: 04.02.2012 Der Webcode dieser Seite lautet ZW0192

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