Anästhesie und Intensivmedizin im Auslandseinsatz – Ein Erfahrungsbericht
Rainer Dembert
Ich habe für Sie heute dieses Thema gewählt um allen Interessierten
einen Einblick in die Arbeit eines Fachpflegers der Bundeswehr in den Auslandseinsätzen
zu geben, Grundsätzliches
zu beschreiben, die Möglichkeiten und Grenzen darzustellen sowie Ihnen
meine eigene Erfahrungen mitzuteilen.
Dieser Vortrag soll ihnen einen Überblick über die Leistungsfähigkeit
des Systems „Sanitätsdienst" aus eigener Sicht geben, und dies am
Beispiel verschiedener ausgewählter
Einsätze detailliert darstellen. Bei der Ansprache als Soldaten gilt dies
für Männer und
Frauen gleichermaßen.
Der Sanitätsdienst der Bundeswehr befindet sich nun im 51sten Jahr
seines Bestehens und die Einsätze der Bundeswehr sind in den vergangenen
Jahren nicht nur stetig angestiegen, nein auch das Aufgabenspektrum und die
Intensität haben sich
verändert. Derzeit
befinden sich ca. 7600 Soldaten in Auslandseinsätzen der Bundeswehr.
Begonnen hat alles im Jahre 1960 als die ersten Soldaten zum Zwecke der Humanitären
Hilfe nach einem Erdbeben in Agadir/ Marokko eingesetzt wurden. Damals noch
untergebracht in Einheitszelten Typ 1, mit Material wie dem Feldnarkosegerät
K1 der Fa. Dräger oder
einem Zahnarztstuhl mit Selbstbeteiligung. Bis zum heutige Tag wurden 130 Einsätze
und Hilfsleistungen durchgeführt, 10 Einsätze davon als militärische
Missionen abgeschlossen.
Im Laufe der Jahre veränderte der Sanitätsdienst der Bundeswehr
sein Erscheinungsbild grundlegend und stellte sich den Herausforderungen die
es
zu Bewältigen gab. Um für
die eingesetzten Soldaten eine optimale medizinische Versorgung im Einsatzland,
sowie ein Weiterführen
bzw. Optimieren der Therapie und Pflege im Heimatland sicher stellen zu können,
war es nötig,
ein geeignetes Konzept zu entwickeln.
Durch die Aufgaben und den Erfahrungen die allesamt die Auslandseinsätze
der Bundeswehr mit sich brachten, hat der Sanitätsdienst frühzeitig
eine Anpassung durchlaufen um sich den Anforderungen heutiger Einsätze
zu stellen. Im Vordergrund steht die medizinische Versorgung der Soldaten,
eine umfangreiche Therapieauswahl,
Weiterführung des hohen
Materialansatzes, Verlegung ins Heimatland sowie ein weiteres sicherstellen
des militärischen
Auftrages. Wurde in früheren
Planungen bzw. in Humanitären Einsätzen die so genannten Hauptverbandsplätze
der Brigaden als ein Eckpfeiler der medizinischen Versorgung genutzt, ist dieses
5 Ebenenmodell – Selbst
/ Kameradenhilfe - Truppenverbandplatz – Hauptverbandsplatz – Reservelazarettgruppen
( Bundeswehrkrankenhaus ) so heute nicht mehr vorhanden. Die Veränderungen
nennen sich heute Selbst / Kameradenhilfe - Rettungsstation – Rettungszentrum – Einsatzlazarett – STRATAIRMEDEVAC
- (Bundeswehrkrankenhaus).
Früh wurde man sich im Klaren, dass auch tausende Kilometer von Deutschland
entfernt die Maxime: „Die medizinische Versorgung des Soldaten im
Einsatzland muss im Ergebnis
der Versorgung im Heimatland gleichen.“ (Zitat Genoss a.D. Dr. G.
Desch) nur auf den
Pfeilern von Hochflexiblen sanitätsdienstlichem Material,
bestausgebildetem Personal und der Möglichkeit sofortigen Strategischem
Lufttransport zu gewährleisten
ist. Das bisherige Einsatzspektrum der Bundeswehr im Auslandseinsatz ist geprägt
durch Katastrophenhilfe, Humanitäre Hilfe sowie der Kernkompetenz, die
Versorgung deutscher Soldaten im Ausland.

Material im Auslandseinsatz
Um die Versorgungsqualität an den Sanitätsdienst im Ausland sicher
zu stellen war eine Anpassung des Einsatzmaterials dringend notwendig. Heute
werden in Abhängigkeit
von Risikolage vor Ort, gesetzter Auftrag, sanitätsdienstliche Zusammenarbeit
mit anderen Nationen und vorhandenen Kapazitäten im Inland die notwendigen
Fähigkeiten
definiert.
Gab es in Frühen Einsätzen noch den Status die Erstversorgung nur
im Zelt oder in geeigneten Gebäuden zu bewerkstelligen wurde in den frühen
90 zigern das System MSE sprich Modulare-Sanitäts-Einrichtungen in Container
geplant und in der Folge eingeführt.
Dies ermöglichte eine völlig neue Art der medizinischen Versorgung
von Patienten. Sie erlaubte eine Umsetzung von fachlichen Vorgaben, hygienischen
Standards, technischer Bereitstellung
von Medien, Schutz vor Umwelteinflüssen und Klimabedingungen sowie der
Einsatz von bereits in Deutschland eingeführten und bewährten Medizinprodukten.
Beginnend mit der Stufe Rettungsstation inklusiver eigener Versorgungspalette,
den beweglichen
Arzttrupps, wird das
System erweitert zum Rettungszentrum und in Folge von Einsatzlazaretten komplementiert.
Diese befinden
sich in unterschiedlicher Größe und Ausstattung in ISO 20 Fuß-Containern,
zugleich in Zelten oder Euro-Light-Containern und soweit möglich auch
in festen Gebäuden.
Der Transport ins Einsatzgebiet erfolgt meißtens per Luftweg oder Straße.
Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass sich eine Luftlanderettungsstation oder
ein Luftlanderettungszentrum mit
notwendigem Personal in einem Großraumflugzeug
Typ Antonow 124/100 transportieren lässt, auf einer Wiese aufgebaut werden
kann aber nur über eine relativ kurz definierte Zeit einzusetzen ist.
Dieses Zeitfenster muss konsequent genutzt werden um ein Einsatzlazarett auf
dem Seeweg/Luftweg
und Landweg über
Tage bzw. weinige Wochen in das Einsatzgebiet zu verlegen und auf Arbeitsbereitschaft
zu bringen.
Der logistische Aufwand ist allerdings immens, so muß der gesamte Platz
betoniert bzw. geschottert werden, darf keine Seitenneigung über 2°
Grad aufweisen und kann nur mit Spezialgerät wie einem 100 to Kran aufgebaut
werden. Anhand diesem ineinander greifendem System im Einsatzland vor Ort,
dem Bindeglied des strategischem Lufttransport mit speziell ausgerüsteten
Luftfahrzeugen zwischen Einsatzland und Deutschland und der Abschlussversorgung
in Bundeswehrkrankenhäuser
im Heimatland ließ sich
die aufgestellte Maxime umsetzen.
Bedarf an Fachpersonal
Zu Beginn eines jeden Auslandseinsatz steht als erstes der Bedarf an Fachpersonal.
Sind es bei kleinen, relativ kurzen Einsätzen in Abhängigkeit des
geforderten Spektrums bis zu 30 % Sanitätspersonal der gesamten Kontingentstärke,
wird es bei großen,
bzw. langfristigen Einsätzen weniger. Nach Zusammenstellung dessen was
für den geforderten Einsatzablauf
notwendig ist, wird aus allen Bereichen der Sanitätsstruktur das Personal
benannt. Nach Auswahl schließt sich eine umfangreiche Ausbildung über
Verhalten als Soldat im jeweiligen Einsatzlandes an, spezifische Landeskunde,
die Bewältigung
entsprechender Situation wie Minenkunde und Geiselnahme/Geiselhaft, Retten
und Bergen aus Gefahrensituationen,
Umgang mit
Medienvertretern, Notfallmaßnahmen,
Verhalten als Soldat im Check Point und als Führer von Konvois an, der
Umgang mit Stress und dessen Auswirkungen wird ebenfalls gelehrt. Dieses Personal
benötigt neben
seiner medizinischen Fachqualifikation, körperlicher und geistiger Unversehrtheit,
die Einweisung aller benutzten Geräte im Einsatz nach MedProdBetrVerOrd,
völlige
körperliche Gesundheit, weitreichenden
Impfstatus und die uneingeschränkte Unterstützung der Familie. Auch
dazu später
noch etwas mehr. Bei Soldaten die sich bereits mehrfach in Einsätzen befanden,
kann der eine oder andere genannte Punkt verkürzt werden. Aufgrund der
vorangegangenen Einsätze hat
es sich bewährt, das Soldaten
die nicht aus den Bundeswehrkrankenhäusern, sondern aus den Sanitäts.-
und Lazarettregimentern sowie Sanitätszentren kommen, eine sogenannte
fachliche Inübunghaltung
am Patientenbett zu ermöglichen, um auch hier eine optimale Voraussetzung
für den Einsatz zu gewährleisten.
Sie beinhaltet gestaffelt den praktischen Übungszeitraum im klinischen
Betrieb.
Durch das veränderte Spektrum der Einsätze und Hilfsleistungen ist
von bodengebundenen, luft.- sowie seegestützten medizinischen Einrichtungen
eine dieser Säule gewährleistet.
Zu Beginn steht der Transport eines Soldaten oder zivilen Patienten. Für
die präklinische
Versorgung stehen dem Sanitätsdienst der Bundeswehr ähnlich dem zivilen
Rettungssystem an die militärische Situation angepasste geländegängige,
gepanzerte luft- und bodengebundene Rettungsmittel zur Verfügung. Die
Primärversorgung
steht hier im Vordergrund. So genannte bewegliche Arzttrupps mit Notärzten, Ärzten
mit Zusatzbezeichnung Fachkunde Rettungsmedizin und Rettungsassistenten seien
hier als erstes genannt.
Analog gibt es diesen
Personalpool auch luftbeweglich
sowie seegestützt.
Die Ausstattung wird durch umfangreiches zusätzliches Verbrauchsmaterial,
Blut und Blutprodukten vervollständigt, mit den notwendigen Facharztgruppen
erweitert und unter optimalen Voraussetzungen zu einem Krankenhaus der Regelversorgung
komplementiert.
Durch die vorhandenen Erfahrungen der vergangenen Jahre sind spezielle Bereiche
wie Trauma-Line,
Akutversorgung, Op-Kapazitäten
oder der Bereich Labor und Radiologische Diagnostik erweitert bzw. verstärkt
ausgelegt um die notwendigen Kompetenzen sicher stellen zu können. Hierzu
sei nochmals Erwähnt,
dass die Bundesmarine an Bord der Einsatzgruppenversorger ein MERZ ( Marine-Einsatz-Rettungs-Zentrum
) unterhält,
das mit einer Bettenkapazität von 45 plus 4 Intensivbetten, sowie ebenfalls
einer kompletten medizinischen Infrastruktur wie Op-Säle, Labor usw. vor
Küstengebiete
weltweit eingesetzt werden kann. Für den luftgebundenen Weitertransport
( AirMedEvac ) zur definitiven Versorgung im Heimatland stehen der Bundeswehr
neben genannten
Luftfahrzeugen die intensiv
medizinischen Patiententransporteinheiten (PTE) zur Verfügung. Ferner
dient für alle genannten Bereiche auch
das System Telemedizin als Ressource, auf die in Deutschland zurück gegriffen
werden kann.
Aufgrund der genannten Faktoren ergeben sich auch Grenzen der Intensivmedizin.
Man kann nicht uneingeschränkt Verbrauchsmaterial nach beschaffen, erkranktes
Personal kann nicht ohne weiteres durch anderes ersetzt werden, beschädigtes
oder fehlerhaftes Medizingerät
nicht zwingend kurzfristig repariert werden. In Einsatzländern wie Afghanistan
wird alles über
die Logistikbasis in Termez/ Usbekistan bewerkstelligt. Bei schlechten Wetterverhältnissen
sitzen Materialtransporte oft tagelang dort fest. Ausgewähltes Personal
hat einen umfangreichen Vorlauf zum Einsatz einzuhalten. Diese zwei Beispiele
von Ereignissen sind
ein Teil
dessen, was
es gilt im Einsatzfall mit Mut, Cleverness und Motivation zu überbrücken
um trotzdem die Versorgung des Soldaten bestmöglichst
zu bewerkstelligen.

Der Mensch im Mittelpunkt
Allumfassend steht allerdings der Mensch im Mittelpunkt unseres Handelns.
Keine noch so moderne medizinisch-technische Ausstattung, keine noch so fundierte
Ausbildung vermag alleine die Maxime zu erfüllen, wenn der Soldat bzw.
die Soldatin nicht die uneingeschränkte
Unterstützung der Familie hinter sich weiß. Der Einsatzzeitraum
von bis zu 6 Monaten kann bei Problemen, tausende Kilometer von Deutschland
entfernt,
es ihm nicht ermöglichen
mal schnell von seiner Arbeitsstelle nach hause zu fahren. Dies bedeutet das
meiner
Ansicht nach die
größte Last eines
Sanitätssoldaten, gleich eines jeden Soldaten die Familie zu hause schultern
muss. Einen Teil dieser Last kann über
eingerichtete Familienbetreuungsstellen und Zentren abgefedert werden. Sie
haben das recht schnell und unbürokratisch den Kontakt ins Einsatzgebiet
herzustellen und mit dem Soldaten die notwendigen Entscheidungen für die
Familie zu Hause zu treffen. Militärseelsorge,
Psychologischer Dienst und Sozialdienst runden das Konzept zur Betreuung im
Heimatland ab.
Der Sanitätsdienst hat sich in den letzten 51 Jahren deutlich gewandelt.
Die Teilnahme der Bundeswehr an internationalen Einsätzen und Missionen
erfordert ein an die militärischen Gegebenheiten angepasstes Konzept der
sanitäsdienstlichen
Versorgung. Mit den enormen Möglichkeiten von Luftlanderettungseinheiten,
der MSE gestützten
Komponente an Land und auf See, sowie dem strategischen Lufttransport steht
eines der leistungsfähigsten
und in dieser Form einmaligen Systeme zur Versorgung von verletzten und erkrankter
Soldaten und Zivilisten weltweit zur Verfügung. Die Tätigkeit und
das Mitwirkung als Fachkrankenpfleger Anästhesie
und Intensivmedizin bei Einsätzen im Rahmen von Humanitären Hilfeleistungen,
militärischen Missionen
und Evakuierungsoperationen dürfte zu den abwechslungsreichsten, interessantesten
und anspruchsvollsten innerhalb des Zentralen Sanitätsdienstes der Deutschen
Bundeswehr gehören.
Rainer Dembert, Fachkrankenpfleger Anästhesie / Intensivmedizin