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Abstract des Vortrags vom Reutlinger Fortbildungstag 2007

Anästhesie und Intensivmedizin im Auslandseinsatz – Ein Erfahrungsbericht

Rainer Dembert

Anästhesie und Intensivmedizin im Auslandseinsatz – Ein Erfahrungsbericht

Ich habe für Sie heute dieses Thema gewählt um allen Interessierten einen Einblick in die Arbeit eines Fachpflegers der Bundeswehr in den Auslandseinsätzen zu geben, Grundsätzliches zu beschreiben, die Möglichkeiten und Grenzen darzustellen sowie Ihnen meine eigene Erfahrungen mitzuteilen.
Dieser Vortrag soll ihnen einen Überblick über die Leistungsfähigkeit des Systems „Sanitätsdienst" aus eigener Sicht geben, und dies am Beispiel verschiedener ausgewählter Einsätze detailliert darstellen. Bei der Ansprache als Soldaten gilt dies für Männer und Frauen gleichermaßen.

Der Sanitätsdienst der Bundeswehr befindet sich nun im 51sten Jahr seines Bestehens und die Einsätze der Bundeswehr sind in den vergangenen Jahren nicht nur stetig angestiegen, nein auch das Aufgabenspektrum und die Intensität haben sich verändert. Derzeit befinden sich ca. 7600 Soldaten in Auslandseinsätzen der Bundeswehr.

Begonnen hat alles im Jahre 1960 als die ersten Soldaten zum Zwecke der Humanitären Hilfe nach einem Erdbeben in Agadir/ Marokko eingesetzt wurden. Damals noch untergebracht in Einheitszelten Typ 1, mit Material wie dem Feldnarkosegerät K1 der Fa. Dräger oder einem Zahnarztstuhl mit Selbstbeteiligung. Bis zum heutige Tag wurden 130 Einsätze und Hilfsleistungen durchgeführt, 10 Einsätze davon als militärische Missionen abgeschlossen.

Im Laufe der Jahre veränderte der Sanitätsdienst der Bundeswehr sein Erscheinungsbild grundlegend und stellte sich den Herausforderungen die es zu Bewältigen gab. Um für die eingesetzten Soldaten eine optimale medizinische Versorgung im Einsatzland, sowie ein Weiterführen bzw. Optimieren der Therapie und Pflege im Heimatland sicher stellen zu können, war es nötig, ein geeignetes Konzept zu entwickeln.

Durch die Aufgaben und den Erfahrungen die allesamt die Auslandseinsätze der Bundeswehr mit sich brachten, hat der Sanitätsdienst frühzeitig eine Anpassung durchlaufen um sich den Anforderungen heutiger Einsätze zu stellen. Im Vordergrund steht die medizinische Versorgung der Soldaten, eine umfangreiche Therapieauswahl, Weiterführung des hohen Materialansatzes, Verlegung ins Heimatland sowie ein weiteres sicherstellen des militärischen Auftrages. Wurde in früheren Planungen bzw. in Humanitären Einsätzen die so genannten Hauptverbandsplätze der Brigaden als ein Eckpfeiler der medizinischen Versorgung genutzt, ist dieses 5 Ebenenmodell – Selbst / Kameradenhilfe - Truppenverbandplatz – Hauptverbandsplatz – Reservelazarettgruppen ( Bundeswehrkrankenhaus ) so heute nicht mehr vorhanden. Die Veränderungen nennen sich heute Selbst / Kameradenhilfe - Rettungsstation – Rettungszentrum – Einsatzlazarett – STRATAIRMEDEVAC - (Bundeswehrkrankenhaus).

Früh wurde man sich im Klaren, dass auch tausende Kilometer von Deutschland entfernt die Maxime: „Die medizinische Versorgung des Soldaten im Einsatzland muss im Ergebnis der Versorgung im Heimatland gleichen.“ (Zitat Genoss a.D. Dr. G. Desch) nur auf den Pfeilern von Hochflexiblen sanitätsdienstlichem Material, bestausgebildetem Personal und der Möglichkeit sofortigen Strategischem Lufttransport zu gewährleisten ist. Das bisherige Einsatzspektrum der Bundeswehr im Auslandseinsatz ist geprägt durch Katastrophenhilfe, Humanitäre Hilfe sowie der Kernkompetenz, die Versorgung deutscher Soldaten im Ausland.

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Material im Auslandseinsatz

Um die Versorgungsqualität an den Sanitätsdienst im Ausland sicher zu stellen war eine Anpassung des Einsatzmaterials dringend notwendig. Heute werden in Abhängigkeit von Risikolage vor Ort, gesetzter Auftrag, sanitätsdienstliche Zusammenarbeit mit anderen Nationen und vorhandenen Kapazitäten im Inland die notwendigen Fähigkeiten definiert.
Gab es in Frühen Einsätzen noch den Status die Erstversorgung nur im Zelt oder in geeigneten Gebäuden zu bewerkstelligen wurde in den frühen 90 zigern das System MSE sprich Modulare-Sanitäts-Einrichtungen in Container geplant und in der Folge eingeführt. Dies ermöglichte eine völlig neue Art der medizinischen Versorgung von Patienten. Sie erlaubte eine Umsetzung von fachlichen Vorgaben, hygienischen Standards, technischer Bereitstellung von Medien, Schutz vor Umwelteinflüssen und Klimabedingungen sowie der Einsatz von bereits in Deutschland eingeführten und bewährten Medizinprodukten. Beginnend mit der Stufe Rettungsstation inklusiver eigener Versorgungspalette, den beweglichen Arzttrupps, wird das System erweitert zum Rettungszentrum und in Folge von Einsatzlazaretten komplementiert. Diese befinden sich in unterschiedlicher Größe und Ausstattung in ISO 20 Fuß-Containern, zugleich in Zelten oder Euro-Light-Containern und soweit möglich auch in festen Gebäuden. Der Transport ins Einsatzgebiet erfolgt meißtens per Luftweg oder Straße. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass sich eine Luftlanderettungsstation oder ein Luftlanderettungszentrum mit notwendigem Personal in einem Großraumflugzeug Typ Antonow 124/100 transportieren lässt, auf einer Wiese aufgebaut werden kann aber nur über eine relativ kurz definierte Zeit einzusetzen ist. Dieses Zeitfenster muss konsequent genutzt werden um ein Einsatzlazarett auf dem Seeweg/Luftweg und Landweg über Tage bzw. weinige Wochen in das Einsatzgebiet zu verlegen und auf Arbeitsbereitschaft zu bringen. Der logistische Aufwand ist allerdings immens, so muß der gesamte Platz betoniert bzw. geschottert werden, darf keine Seitenneigung über 2° Grad aufweisen und kann nur mit Spezialgerät wie einem 100 to Kran aufgebaut werden. Anhand diesem ineinander greifendem System im Einsatzland vor Ort, dem Bindeglied des strategischem Lufttransport mit speziell ausgerüsteten Luftfahrzeugen zwischen Einsatzland und Deutschland und der Abschlussversorgung in Bundeswehrkrankenhäuser im Heimatland ließ sich die aufgestellte Maxime umsetzen.



Bedarf an Fachpersonal

Zu Beginn eines jeden Auslandseinsatz steht als erstes der Bedarf an Fachpersonal. Sind es bei kleinen, relativ kurzen Einsätzen in Abhängigkeit des geforderten Spektrums bis zu 30 % Sanitätspersonal der gesamten Kontingentstärke, wird es bei großen, bzw. langfristigen Einsätzen weniger. Nach Zusammenstellung dessen was für den geforderten Einsatzablauf notwendig ist, wird aus allen Bereichen der Sanitätsstruktur das Personal benannt. Nach Auswahl schließt sich eine umfangreiche Ausbildung über Verhalten als Soldat im jeweiligen Einsatzlandes an, spezifische Landeskunde, die Bewältigung entsprechender Situation wie Minenkunde und Geiselnahme/Geiselhaft, Retten und Bergen aus Gefahrensituationen, Umgang mit Medienvertretern, Notfallmaßnahmen, Verhalten als Soldat im Check Point und als Führer von Konvois an, der Umgang mit Stress und dessen Auswirkungen wird ebenfalls gelehrt. Dieses Personal benötigt neben seiner medizinischen Fachqualifikation, körperlicher und geistiger Unversehrtheit, die Einweisung aller benutzten Geräte im Einsatz nach MedProdBetrVerOrd, völlige körperliche Gesundheit, weitreichenden Impfstatus und die uneingeschränkte Unterstützung der Familie. Auch dazu später noch etwas mehr. Bei Soldaten die sich bereits mehrfach in Einsätzen befanden, kann der eine oder andere genannte Punkt verkürzt werden. Aufgrund der vorangegangenen Einsätze hat es sich bewährt, das Soldaten die nicht aus den Bundeswehrkrankenhäusern, sondern aus den Sanitäts.- und Lazarettregimentern sowie Sanitätszentren kommen, eine sogenannte fachliche Inübunghaltung am Patientenbett zu ermöglichen, um auch hier eine optimale Voraussetzung für den Einsatz zu gewährleisten. Sie beinhaltet gestaffelt den praktischen Übungszeitraum im klinischen Betrieb.
Durch das veränderte Spektrum der Einsätze und Hilfsleistungen ist von bodengebundenen, luft.- sowie seegestützten medizinischen Einrichtungen eine dieser Säule gewährleistet. Zu Beginn steht der Transport eines Soldaten oder zivilen Patienten. Für die präklinische Versorgung stehen dem Sanitätsdienst der Bundeswehr ähnlich dem zivilen Rettungssystem an die militärische Situation angepasste geländegängige, gepanzerte luft- und bodengebundene Rettungsmittel zur Verfügung. Die Primärversorgung steht hier im Vordergrund. So genannte bewegliche Arzttrupps mit Notärzten, Ärzten mit Zusatzbezeichnung Fachkunde Rettungsmedizin und Rettungsassistenten seien hier als erstes genannt. Analog gibt es diesen Personalpool auch luftbeweglich sowie seegestützt.

Die Ausstattung wird durch umfangreiches zusätzliches Verbrauchsmaterial, Blut und Blutprodukten vervollständigt, mit den notwendigen Facharztgruppen erweitert und unter optimalen Voraussetzungen zu einem Krankenhaus der Regelversorgung komplementiert. Durch die vorhandenen Erfahrungen der vergangenen Jahre sind spezielle Bereiche wie Trauma-Line, Akutversorgung, Op-Kapazitäten oder der Bereich Labor und Radiologische Diagnostik erweitert bzw. verstärkt ausgelegt um die notwendigen Kompetenzen sicher stellen zu können. Hierzu sei nochmals Erwähnt, dass die Bundesmarine an Bord der Einsatzgruppenversorger ein MERZ ( Marine-Einsatz-Rettungs-Zentrum ) unterhält, das mit einer Bettenkapazität von 45 plus 4 Intensivbetten, sowie ebenfalls einer kompletten medizinischen Infrastruktur wie Op-Säle, Labor usw. vor Küstengebiete weltweit eingesetzt werden kann. Für den luftgebundenen Weitertransport ( AirMedEvac ) zur definitiven Versorgung im Heimatland stehen der Bundeswehr neben genannten Luftfahrzeugen die intensiv medizinischen Patiententransporteinheiten (PTE) zur Verfügung. Ferner dient für alle genannten Bereiche auch das System Telemedizin als Ressource, auf die in Deutschland zurück gegriffen werden kann.

Aufgrund der genannten Faktoren ergeben sich auch Grenzen der Intensivmedizin. Man kann nicht uneingeschränkt Verbrauchsmaterial nach beschaffen, erkranktes Personal kann nicht ohne weiteres durch anderes ersetzt werden, beschädigtes oder fehlerhaftes Medizingerät nicht zwingend kurzfristig repariert werden. In Einsatzländern wie Afghanistan wird alles über die Logistikbasis in Termez/ Usbekistan bewerkstelligt. Bei schlechten Wetterverhältnissen sitzen Materialtransporte oft tagelang dort fest. Ausgewähltes Personal hat einen umfangreichen Vorlauf zum Einsatz einzuhalten. Diese zwei Beispiele von Ereignissen sind ein Teil dessen, was es gilt im Einsatzfall mit Mut, Cleverness und Motivation zu überbrücken um trotzdem die Versorgung des Soldaten bestmöglichst zu bewerkstelligen.



Der Mensch im Mittelpunkt

Der Mensch im Mittelpunkt

Allumfassend steht allerdings der Mensch im Mittelpunkt unseres Handelns. Keine noch so moderne medizinisch-technische Ausstattung, keine noch so fundierte Ausbildung vermag alleine die Maxime zu erfüllen, wenn der Soldat bzw. die Soldatin nicht die uneingeschränkte Unterstützung der Familie hinter sich weiß. Der Einsatzzeitraum von bis zu 6 Monaten kann bei Problemen, tausende Kilometer von Deutschland entfernt, es ihm nicht ermöglichen mal schnell von seiner Arbeitsstelle nach hause zu fahren. Dies bedeutet das meiner Ansicht nach die größte Last eines Sanitätssoldaten, gleich eines jeden Soldaten die Familie zu hause schultern muss. Einen Teil dieser Last kann über eingerichtete Familienbetreuungsstellen und Zentren abgefedert werden. Sie haben das recht schnell und unbürokratisch den Kontakt ins Einsatzgebiet herzustellen und mit dem Soldaten die notwendigen Entscheidungen für die Familie zu Hause zu treffen. Militärseelsorge, Psychologischer Dienst und Sozialdienst runden das Konzept zur Betreuung im Heimatland ab.

Der Sanitätsdienst hat sich in den letzten 51 Jahren deutlich gewandelt. Die Teilnahme der Bundeswehr an internationalen Einsätzen und Missionen erfordert ein an die militärischen Gegebenheiten angepasstes Konzept der sanitäsdienstlichen Versorgung. Mit den enormen Möglichkeiten von Luftlanderettungseinheiten, der MSE gestützten Komponente an Land und auf See, sowie dem strategischen Lufttransport steht eines der leistungsfähigsten und in dieser Form einmaligen Systeme zur Versorgung von verletzten und erkrankter Soldaten und Zivilisten weltweit zur Verfügung. Die Tätigkeit und das Mitwirkung als Fachkrankenpfleger Anästhesie und Intensivmedizin bei Einsätzen im Rahmen von Humanitären Hilfeleistungen, militärischen Missionen und Evakuierungsoperationen dürfte zu den abwechslungsreichsten, interessantesten und anspruchsvollsten innerhalb des Zentralen Sanitätsdienstes der Deutschen Bundeswehr gehören.

Rainer Dembert, Fachkrankenpfleger Anästhesie / Intensivmedizin



Links zum Artikel:
    Review: Reutlinger Fortbildungstage 2007







Letzte Aktualisierung: 17.05.2008 Der Webcode dieser Seite lautet ZW0296

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