Angehörigenanwesenheit während der kardiopulmonalen Reanimation – Vermutungen und Fakten
Stefan Köberich
Seit nunmehr über zwanzig Jahren wird über die Anwesenheit von Angehörigen
während der kardiopulmonalen Reanimation (AACPR) diskutiert. Beginnend
in den USA mit der Weigerung von zwei Angehörigen, während der Reanimation
des Patienten den Raum zu verlassen [1], haben sich in der Folge dieses Ereignisses
zahlreiche pflegewissenschaftliche und medizinische Studien mit dieser Thematik
auseinander gesetzt.

Rege Diskussion
Die Ergebnisse dieser Studien trugen dazu bei, dass die American Heart Association
in ihren Empfehlungen zur kardiopulmonalen Reanimation im Jahr 2000 die an
einem Wiederbelebungsversuch beteiligten Berufsgruppen dazu aufforderte, die
Anwesenheit von Angehörigen in Betracht zu ziehen .
Im deutschsprachigen Raum wurde diesem Konzept bisher kaum Beachtung geschenkt.
Es lassen sich nur wenige Veröffentlichungen und Studien hierzu finden.
Lediglich Kirchhoff und Kollegen (2007) untersuchten die Einstellungen von
deutschen Traumatologen zur Anwesenheit von Angehörigen während der
kardiopulmonalen Reanimation [2].
In den diversen Internetforen für Intensivpflegekräfte wird dieses
Thema rege diskutiert. Im Folgenden soll die Diskussion aufgenommen und die
einzelnen Argumente gegen die AACPR vor dem Hintergrund der internationalen
Studien beleuchtet werden.
Pro und Contra
Aus der Analyse der Beiträge aus zwei Internetforen lassen sich u.a.
folgende Argumente gegen die Anwesenheit von Angehörigen während
der kardiopulmonalen Reanimation herausfiltern:
1. Die CPR ist für Angehörige schwer zu verkraften bzw. birgt ein
traumatisches Moment in sich
Vor allem der den Angehörigen zugeschriebene Laienstatus scheint Ausgangspunkt
dieser Argumentation zu sein. Es wird dargelegt, dass sowohl Pflegekräfte
als auch Ärzte eine Reanimation als belastend empfinden. Angehörigen
müssten diese als noch belastender empfinden, zumal sie die Prozeduren
einer CPR z.T. zum ersten Mal erleben. Robinson et al. (1998) haben in einer
Studie aufzeigen können, dass sowohl posttraumatisches Abwehrverhalten
als auch Trauersymptome bei Angehörigen, welche die Möglichkeit der
Anwesenheit wahrnahmen, weniger vorkamen als bei Angehörigen, welche bei
der CPR nicht anwesend waren [3]. Die Studie muss jedoch aufgrund eines vorzeitigen
Abbruchs und der damit verbundenen Qualitätsminderung mit entsprechender
Vorsicht betrachtet werden. Andere Studien belegen jedoch diese Ergebnisse
weitestgehend [4-8].
2. Während der Reanimation sind keine Ressourcen für die Betreuung
Angehöriger vorhanden
Fehlende Ressourcen sind vor allen Dingen der mangelnde Platz und nicht ausreichend
vorhandenes Personal. Dieses Argument ist nicht verallgemeinerbar. Es kann
davon ausgegangen werden, dass die Platzverhältnisse und Personalsituation
in der jeweiligen Institution und/oder auf der jeweiligen Station sehr unterschiedlich
sind, aber in die Überlegung, inwieweit eine AACPR möglich ist, mit
einbezogen werden müssen.
3. Das Personal empfindet die Angehörigenanwesenheit als störend
Vielmals wird befürchtet, dass Angehörige aus Verzweifelung die Reanimationsbemühungen
stören. Hierfür liegt bis dato keine Evidenz vor [9, 10]. Auch die
Angst vor falschen Handlungen, die später zu rechtlichen Auseinandersetzungen
führen, ist vor dem Hintergrund der heutigen Studienlage unbegründet.
Neben diesen Argumenten werden weiterhin angeführt: Angehörige verstehen
die CPR nicht, die CPR stellt für alle Beteiligten eine Ausnahmesituation
im Krankheitsverlauf dar, die vom Personal auf eine für den Angehörigen
unverständliche Art kompensiert wird (lautes Fluchen, derbe Sprüche)
und es wird vermutet, dass Angehörige die CPR nicht sehen möchten.
Auch wenn die aufgeführten Argumente weitestgehend durch qualitative und
quantitative Studien widerlegt wurden, ist bei der Einführung der AACPR
in einer Einrichtung aufgrund der Studienqualität und der vorhandenen
Rahmenbedingungen eine kritische Herangehensweise zu empfehlen.

Literatur
1. Jezierski M. Foote hospital emergency department: shattering a paradigm.
J Emerg Nurs 1993; 19: 266-267
2. Kirchhoff C, et al. Trauma surgeons' attitude towards family presence
during trauma resuscitation: A nationwide survey. Resuscitation 2007 (in
press)
3. Robinson SM, et al. Psychological effect of witnessed resuscitation
on bereaved relatives. Lancet 1998; 352: 614-617
4. Belanger MA, Reed S. A rural community hospital's experience with family-witnessed
resuscitation. J Emerg Nurs 1997; 23: 238-239
5. Meyers TA, et al. Do families want to be present during CPR? A retrospective
survey. J Emerg Nurs 1998; 24: 400-405
6. Doyle CJ, et al. Family participation during resuscitation: an option.
Ann Emerg Med 1987; 16: 673-675
7. Duran CR, et al. Attitudes toward and beliefs about family presence:
a survey of healthcare providers, patients' families, and patients. Am
J Crit
Care 2007;
16: 270-279; quiz 280; discussion 281-272
8. Weslien M, et al. Narratives about resuscitation--family members differ
about presence. Eur J Cardiovasc Nurs 2006; 5: 68-74
9. Hanson C, Strawser D. Family presence during cardiopulmonary resuscitation:
Foote Hospital emergency department's nine-year perspective. J Emerg Nurs
1992; 18: 104-106
10. O'Shea F, Dight A. Should relatives be allowed into the resuscitation
room? Nurs Times 1999; 95: 30-31
Stefan Köberich, RbP, Dipl. Pflegepäd. (FH), cand. MSc.
Universitätsklinikum Freiburg i.Br.