Der alkohol- und drogenabhängige Patient auf der Intensivstation
Ina Welk
Der alkoholkranke Patient auf der Intensivstation
Betrachtet man neben den medizinischen Aspekten auch die volkswirtschaftlichen
Konsequenzen, finden sich folgende relevante Aussagen (Quelle: Deutsche Hauptstelle
für Suchtfragen):
» 2 % der stationären Behandlungsfälle sind dem Konsum von Alkohol
allein zuzurechnen
» 20,6 Mrd. € Kosten für alkoholbedingte Krankheiten jährlich
Prävalenz alkoholkranker Patienten
» Jeder 5. Patient, der ins Krankenhaus aufgenommen wird, betreibt chronischen
Alkoholmissbrauch. (JAMA 1989; 261: 403 – 407)
» Jeder 2. polytraumatisierte Patient auf der Intensivstation ist alkoholkrank.
(New Engl J Med 1994; 331: 513 - 517 & Intensive Care Med 1996; 22: 286 – 293)
Stellt sich für die anästhesiologische Notfallversorgung die akute
Alkohol- und Drogenintoxikation als Herausforderung dar, ist die postoperative
intensivmedizinische Behandlung meist begleitet von möglichen Komplikationen
durch chronische Konsumgewohnheiten, oftmals gekoppelt mit einer Zufuhr verschiedener
pharmakologisch wirksamer Substanzen und Nikotinabusus (Polytoxikomanie).
In der unmittelbaren postoperativen Phase ist die Früherkennung von Entzugssymptomatiken
durch kontinuierliche Patientenüberwachung wichtig. Je nach Anamnese und
Ausprägung einer Abhängigkeit muss eine geeignete und zeitnahe Prophylaxe
durchgeführt werden, um die Ausprägung einer Entzugsproblematik abzufangen.
Das Therapiekonzept stellt Herausforderungen an ein interdisziplinäres
und Berufsgruppen übergreifendes Team in der Patientenversorgung, da die
Patientenführung aufgrund der beeinträchtigten Vigilanz und Kooperationsbereitschaft
oftmals nicht einfach ist.
Die Diagnosestellung einer Entzugssymptomatik kann bei Patienten im Rahmen
einer Intensivmedizinischen Behandlung erschwert sein. Eine sorgfältige,
meist umfangreiche Ausschlussdiagnostik (z.B. postoperative Blutungskomplikationen,
Stoffwechselentgleisungen, Infektionen lokal /systemisch, etc.), sowie Anamnese
und laborchemische Parameter sichern die Diagnosefindung.
Klinisches Bild
Das Alkoholentzugssyndrom kann sich zu einem lebensbedrohlichen Zustand entwickeln
und tritt postoperativ im Rahmen einer intensivmedizinischen Behandlung oftmals
nach Reduzierung der Analgosedierung auf. Die Ausprägung des Erscheinungsbildes
findet sich von der Steigerung der Sympathikusaktivität bis hin zum
klassischen Vollbild des Delirium tremens mit halluzinatorischer Komponente
und Senkung der cerebralen Krampfschwelle. Ursächlich ist die Störung
im Gleichgewicht exzitatorischer und inhibitorischer Transmitter des GABAergen,
dopaminergen und noradrenergen Systems.
| Prädelir |
Delir |
• Unruhe
• Schlaflosigkeit
• Schreckhaftigkeit
• Schwitzen
• Tremor
• Erhöhte Krampfbereitschaft |
• Bewusstseinstrübung
• Desorientierung
• Illusionäre Verkennung der Umgebung
• Optische Halluzinationen
• Bewegungsdrang
• Schwitzen
• Tachykardie
• Hypertonus |
Abb. 1 Symptome des Alkoholentzugssyndroms
mit Unterteilung in Prädelir
und Delir (fließende Übergänge)
Ziel der intensivmedizinischen Behandlung und Pflege
• Stabilisierung der Vitalfunktionen
• Beseitigung vegetativer Störungen
• Allgemeine intensivmedizinische Therapie
• Engmaschige Überwachung
•Übernahme und Assistenz bei Aktivitäten des täglichen Lebens

Schwerpunkte der pflegerischen Aufgaben
Das auf der Intensivstation tätige Pflegepersonal ist durch die Nähe
zum Patienten gefordert, eine beginnende Abstinenzproblematik zeitnah zu erkennen.
Die apparative Überwachung bietet hier Unterstützung und ergänzt
die persönliche Zuwendung bei der Patientenüberwachung. Bei den zahlreichen
Manipulationen am Patienten, z.B. Absaugen, Magensonde legen etc. ist es wichtig,
Risikofaktoren, die durch den chronischen Abusus ausgeprägt sind zu kennen
(z.B. Ösophagusvarizen). Durch die oftmals fehlende Kooperation der Patienten
ist die Kommunikation erschwert. Der Stellenwert einer Interaktion ist jedoch
sehr hoch, um Orientierung zu bieten und dem Patienten ein Sicherheitsgefühl
zu vermitteln. Eine Bewertung der Lebens- und Begleitumstände in der Patientenanamnese
darf durch das interdisziplinäre Behandlungsteam nicht erfolgen.
Im Rahmen des chronischen Alkoholkonsums finden sich bei den Patienten zahlreiche
konsekutive Begleiterkrankungen, die Komplikationsmöglichkeiten beinhalten:
Nutritiv-toxischer Leberparenchymschaden mit Zirrhose, Aszites, Fettleber
• Gerinnungsstörungen
• Eiweißsynthesestörung
• Entleerung der hepatischen Glykogenspeicher
• Portale Hypertension (Cave: Ösophagusvarizen)
• Vitaminmangelerscheinungen
Nervensystem
• Polyneuropathie
• Enzephalopathie (Wernicke-Enzephalopathie)
• Korsakow-Syndrom
Herz-Kreislauf-System
• Kardiomyopathie
• Rhythmusstörungen
Lunge
• COPD
• Verminderte Lungenvolumina bei Aszites
Magen-Darm-Trakt
• Gastritis (oftmals erosive Form)
• Magen-Darm Ulcera
• Pankreatitis
• Verminderung Sphinktertonus (Refluxösophagitis)
• Mallory-Weiss-Syndrom
•Ösophagusvarizen
Blut und Serum
• Anämie
• Elektrolytentgleisung (z.B. Hypokaliämie, Hypernatriämie)
• Hypoglykämie
• Metabolische Azidose
Medikamentöse Therapieansätze in der Therapie des Alkoholentzugssyndroms
Der Therapieansatz erfolgt beim Alkoholentzugssyndrom Symptom orientiert. Als
erste Therapiemaßnahme ist die Volumen- und Elektrolytsubstitution
zu nennen. Folgende Medikamentengruppen kommen additiv zum Einsatz (Beispiele):
Benzodizepine, a-Agonisten, Neuroleptika.
Der drogenkranke Patient auf der Intensivstation – Opioidentzugssyndrom
Heroin ist das am häufigsten konsumierte Opioid, eine Konsumzunahme von
sog. Designerdrogen ist zu beobachten.
Die wichtigste perioperative Gefahr bei Patienten mit einer Drogenabhängigkeit
ist das Entzugssyndrom. Entzugssymptome treten in unterschiedlichem Zeitabstand
nach der letzten Aufnahme auf, sind unterschiedlich in der Ausprägung
und abhängig von Art und Dosis der Substanz, sowie Häufigkeit der
Einnahme. Auch der Missbrauch von Opioiden ist oftmals gekoppelt mit einer
Polytoxikomanie. Bei den Komplikationen stehen durch den chronischen Konsum
kardiologische (z.B. Endokarditis), neurologische und infektiöse (z.B.
Abszesse, HIV, Hepatitis) Komplikationen im Vordergrund. Ein Zustand der Mangelernährung
und eine pulmonale Beeinträchtigung (z.B. Bronchitis, chronische Aspirationspneumonie)
finden sich bei dieser Patientengruppe gehäuft.
Entzugserscheinungen bei z.B. Heroinabusus
Um die Begleiterscheinungen des Entzuges zu kupieren, empfiehlt sich ein sog.
ausschleichender Entzug mit schrittweiser Reduktion der zugeführten
Dosis und /oder einer Substitutionstherapie. Folgende Symptome weisen auf
den Beginn einer Entzugsproblematik hin:
•Ängstlichkeit, Agitiertheit, Aggressives Verhalten
• Hypertonie – Hypotonie
• Tachycardie
• Steigerung der Körpertemperatur
• Schwitzen
• Gänsehaut
• Zittern (Tremor)
•Übelkeit, Erbrechen
• Diarrhoe
• Schwindel
• Schlafstörungen
• Epileptische Anfälle
Die Hauptursache der Entzugssymptomatiken bei Drogenabusus ist die Konzentrationsverminderung
des Botenstoffes Dopamin im Körper. Als medikamentöse Therapie kommen
zum Einsatz:
• Clonidin
• Haloperidol
• Clomethiazol
• Oxazepam
Bei schweren Formen ist eine kontinuierliche Applikation mittels Spritzenpumpe
(Diazepam oder Midazolamperfusor) notwendig. Zur Kupierung von Entzugserscheinungen
wird symptomatisch ein a - Agonist eingesetzt.
Umgang mit ehemaligen Suchtkranken Patienten im Krankenhaus
Eine Sonderstellung nehmen ehemalige suchtkranke Patienten ein, hier besteht
die Befürchtung, dass bei erneuter Applikation von z.B. Opioiden ein
Rückfall induziert werden kann. Forensische Anforderungen bedingen eine
strenge Betrachtung der Indikationsstellung und eine detaillierte Dokumentation.
Pflegerische Besonderheiten beim Umgang mit drogenabhängigen
Patienten
Bei Aufnahme des Patienten mit Hinweis auf Drogenmissbrauch müssen alle
an der Behandlung beteiligten Personen an ein möglicherweise erhöhtes
Infektionsrisiko beim Umgang mit Sekreten und Körperflüssigkeiten
denken und entsprechende Schutzmaßnahmen einhalten (z.B. Handschuhe,
Mundschutz etc.). Extrem wichtig ist auch die Vermeidung eines Zurücksteckens
von Kanülen in die Schutzkappe (sog. „Recapping“).
Nach Gabe von Antagonisten (cave: Halbwertszeit) muss der Patient engmaschig überwacht
werden, da z.B. die Gabe von z.B. Naloxon ein akutes Entzugssyndrom auslösen
kann.
In der Regel wird sich die postoperative intensivmedizinische Versorgung nicht
auf den Entzug fokussieren. Im Rahmen eines Schmerzmanagements muss außer
der vom Patienten zugeführten Opiatmenge auch die zusätzliche Schmerzmedikation
berücksichtigt werden, d.h. in der Regel besteht ein erhöhter Analgetikabedarf
auch bei substituierten Patienten.

Andere Substanzgruppen
Zunehmend findet sich im Konsumverhalten auch der Abusus von synthetischen
Drogen. Diese auch als Designerdrogen (z.B. Ectasy, Liquid Ectasy, Amphetamine)
bezeichneten Substanzen haben aktuell die höchste Konsumsteigerungsrate
aufzuweisen.
Ectasy Missbrauch - Klinik und Komplikationen
• Bewusstseinsstörungen bis Koma
• Krampfanfälle durch extreme Dehydratation
• Dehydrierung durch Verlust des Durstgefühls
• Elektrolytentgleisung
• Hyperthermie
•Übermäßiges Schwitzen
• Hyperreflexie
• Tremor
• Extreme Agitiertheit mit zentraler Enthemmung
Therapie
Hier steht die Symptom orientierte Akutbehandlung im Vordergrund, da es bei
Konsumierung zu einer Freisetzung von Serotonin und Störung der Serotoninwiederaufnahme
kommt (überschießende Aktivierung des Sympathikus mit exzessiver
psychischer Antriebssteigerung).
Amphetamine bewirken eine erhöhte Ausschüttung von Katecholaminen
mit Ausprägung z.B. eines Hypertonus, Herzrhythmusstörungen und zentraler
Erhöhung der Körpertemperatur (Hyperthermie).
Medikament der Wahl ist hier die Gabe von Benzodiazepinen (sedierende und
antikonvulsive Komponente). Auch hier sollte nach erfolgter Intensivtherapie
eine interdisziplinäre Beratung und ggf. eine weiter führende Therapie
erfolgen.
Besonderer Schwerpunkt liegt auf der engmaschigen Patientenbeobachtung und Überwachung
der Vitalparameter. Cave: Auftreten einer Amphetamin induzierten Psychose.
Zusammenfassung
Alkohol- und drogenkranke Patienten sind im Rahmen einer postoperativen intensivmedizinischen
Therapie durch eine erhöhte Morbidität und Mortalität gefährdet,
da neben der chronischen Suchtproblematik vor allem die organischen Begleiterkrankungen
zu Komplikationen führen können. Durch eine prophylaktische Therapie
kann die systemische Ausprägung einer Entzugssymptomatik gemildert oder
vermieden werden. Patienten mit exzessiven Konsumgewohnheiten zeigen in der
Regel eine Verkennung der aktuellen Situation und bieten eine Herausforderung
im täglichen Umgang auf der Intensivstation. In dieser Behandlungsphase
ist das therapeutische Team Berufsgruppen übergreifend und interdisziplinär
gefordert. Die Therapie endet nicht mit dem Aufenthalt auf der Intensivstation,
sondern begleitet den Patienten auch in den Nachsorgeeinheiten. Die Schwerpunkte
der Intensivpflege bei Patienten mit Alkohol- und Drogenproblematik sind:
» Erkennen von Anzeichen einer Abstinenzproblematik
Ȇberwachung aller Vitalfunktionen
» Kenntnis möglicher Risikofaktoren bei Manipulationen am Patienten
» Patienten bezogene Fürsorge ohne Bewertung
» Adressatengerechte Kommunikation
» Für Sicherheit sorgen (Fremd- und Eigengefährdung)
» Interdisziplinäre und Berufsgruppen übergreifende Zusammenarbeit
Ina Welk
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein/Campus Kiel
Pfleg. Zentrumsleitung
Med. Leistungszentrum MLZ K 5
Kiel