Erfahrungen, Erlebnisse und Erleben des analgosedierten, beatmeten Intensivpatienten
Andrea Brunke
Die Analgosedierung und die Beatmung sind feste Bestandteile auf den Intensivstationen.
Die Unfähigkeit des Patienten, Reaktionen für uns verständlich
zu machen, interpretieren wir oft mit Bewusstlosigkeit. Denn oftmals trügt
der Anschein, dass unsere Patienten schlafen und sich und ihre Situation nicht
wahrnehmen. Andere Patienten scheinen viel wacher zu sein: sie sind agitiert,
liegen quer im Bett oder ziehen an ihren Zugängen und Ableitungen.
Die Körperlichkeit unserer Patienten steht oft im Vordergrund und ihre
Möglichkeiten zur Autonomie sind ihnen häufig versagt. Veränderungen
in den Wahrnehmungen unserer Patienten sind damit vorprogrammiert.
Können wir durch wahrnehmungsfördernde Maßnahmen wie einem
modernen Analgosedierungskonzept und dem Konzept der Basalen Stimulation® einen
Benefit für unsere analgosedierten, beatmeten Patienten erwirken?
Die Ursachen für die Veränderung in den Wahrnehmungen unserer Patienten
können sehr vielfältig sein [1]. Ein häufiger Grund ist die
Analgosedierung und die Habituation. Daraus entstehen Defizite für unsere
Patienten, die sich in Körperbildstörungen, einer räumlichen
und zeitlichen Desorientierung und Koordinations- und Kommunikationsstörungen
zeigen können [1].
Eine weitere zusätzliche Belastung stellen die Nebeneffekte der Intensivstation
dar, wie der Schlafentzug, der ständige Lärmpegel, Stress, die Aufhebung
des Tag- Nacht- Rhythmus und fehlende Orientierungshilfen. Das kann zu weit
reichenden Störungen und Schäden bei den Patienten führen, die
auch nach dem Intensivaufenthalt bestehen bleiben können [2] [3].
Doch ist sich der Patient seiner Wahrnehmung immer bewusst, oder kann Wahrnehmung
auch unbewusst stattfinden?
Um ein Erlebnis im expliziten Gedächtnis abzuspeichern, muss es bewusst
wahrgenommen werden. Erlebt man hingegen eine Situation unbewusst, wird sie
im impliziten Gedächtnis gespeichert. Diese Erlebnisse sind nicht bewusst
abrufbar, können aber das Verhalten beeinflussen, z. B. Angst auslösen
[4]. Ein Faktor der verhindern kann, dass ein reales Erlebnis in das explizite
Gedächtnis eingetragen werden kann, kann die Analgosedierung sein [5].
Häufig werden die unbewussten Wahrnehmungen in den Träumen unserer
Patienten verarbeitet. 37-53% der Patienten die aus dem Koma erwachten, erinnern
sich an ihre Träume, Wahrnehmungen und Gefühle [6]. Bewusstlos heißt
also nicht erlebnisarm.
Die Inhalte des Erlebten spielen eine wichtige Rolle. Denn Patienten mit illusionären
Erinnerungen haben eine höhere Wahrscheinlichkeit am Posttraumatischen
Stresssyndrom (PTSD) zu erkranken als Patienten mit realen Erinnerungen [7].
Die Wahrscheinlichkeit nach einem Intensivaufenthalt an einem PTSD zu erkranken,
wird mit 14 - 20% angegeben [5]. Wir sollten also die realen Erlebnisse fördern.

Wahrnehmungsförderungen
Ziel der modernen Analgosedierung ist es, den Patienten frühstmöglich
ihre körpereigenen Funktionen wahrnehmen zu lassen. Der Bewusstseinsgrad
der Patienten sollte deshalb nur soweit eingeschränkt sein, wie das zugrunde
liegende Krankheitsbild und die entsprechende Therapie erfordern. Dieses bedarf
einer ständigen Kontrolle. Hierzu bietet sich der Ramsay Score an.
Des Weiteren sollte eine gezielte Auswahl der Medikamente auf die zu erwartende
Sedierungsdauer getroffen werden, wobei Analgetika und Sedation getrennt voneinander
verabreicht werden sollten, um eine bedarfsgerechtere Steuerung zu erreichen.
Um einer Entzugsproblematik entgegen zu wirken, sollte ein abruptes Absetzen
der Medikamente vermieden werden [8].
Eine tägliche Unterbrechung der Sedierung bis zur kompletten Wachheit
kann die Beatmungs- und Aufenthaltsdauer signifikant verkürzen [9].
Neben der Basisanalgosedierung mit einem Sedativum und Analgetika wird zunehmend
der ?-2-Adrenozeptoragonist Clonidin zur Therapie empfohlen [10].Clonidin wies
in Studien eingeringeren Verbrauch von Sedativa und Analgetika auf.
Lediglich durch ein Anpassen der Medikamente kann die Habituation jedoch nicht
vermieden werden. Wir, die Behandelnden, müssen unsere Sinne schärfen
um ressourcen-, rhythmus- und persönlichkeitsorientiert am Patienten arbeiten
zu können. Diese Art zu Arbeiten schafft beim Patienten Vertrauen als
wichtige Grundlage für unsere Arbeit. Der Patient erfährt durch das
Konzept der Basalen Stimulation® eine Qualitätssteigerung und hat
so ein besseres Verständnis von seinen Wahrnehmungen und seiner Orientierung.
Dies zeigt auch die Argumentation von Pickenhain, der die Ziele des Pflegekonzeptes
der Basalen Stimulation® wie folgt beschreibt:
„
Die Aufnahme der Umwelteinwirkungen auf den Organismus durch die Sinnesorgane
stellt einen aktiven Prozess dar, der die Orientierung des Menschen in seiner
Umwelt ermöglicht und seine Handlungsfähigkeit sichert. Die eingehenden
multisensorischen Informationen werden in das neuronale Netzwerk des Gehirns
eingegeben, in den bestehenden funktionellen Systemen verarbeitet und in die
Verhaltenssteuerung des Organismus einbezogen. Die Verfahren der Basalen Stimulation® müssen
das Ziel haben, die verloren gegangene aktive Aufnahme der multisensorischen
Umweltinformationen durch den schwergeschädigten Menschen – so weit
irgend möglich, und sei es nur in Ansätzen – wiederherzustellen
[11].“
Darüber hinaus sollten wir als Behandelnde ein besseres Gespür für
die Umwelt unserer Patienten bekommen. Lärm und Lichtverhältnisse
auf den Intensivstationen führen oft zu einer Beeinträchtigung unserer
Patienten [12]. Das hat häufig einen Schlafentzug zur Folge, der zu Desorientierung,
Halluzinationen, Bewusstseinsstörungen sowie dysphorisch-depressiven Zuständen
führen kann [3]. Ein weiterer Faktor, der verhindern kann, dass ein reales
Erlebnis in das explizite Gedächtnis eingetragen, wird und somit dem PTSD
entgegen wirken könnte, ist ein gestörter Tag-Nacht-Rhythmus [6].
Um unseren Patienten die Möglichkeit zu geben, ihre realen Erlebnisse
zu verarbeiten, sollten wir ihnen Ruhepausen im Stationsalltag ermöglichen.
Kontakt zu ihren Angehörigen und bewusste Berührungen durch die Behandelnden
unterstützen die Patienten zusätzlich in ihrer Orientierung, denn
die Welt der Intensivstation ist ihnen weitgehend unbekannt [1][13].
Diskussion
Bei einer Behandlung mit der Methode der Basalen Stimulation® und der
modernen Analgosedierung benötigen die Behandelnden oftmals mehr Zeit
als bei herkömmlichen Pflegemodellen. Wie können wir diese Zeit trotz
zunehmender Arbeitsverdichtung gewinnen?
Einige Vorschläge:
- Pflegerische Tätigkeiten überdenken, Prioritäten setzen
- Arbeitszeitabläufe optimieren
- Bessere Organisation im Team
- Vereinfachung der Durchführung administrativer Tätigkeiten
- Umgestaltung der Pflege
Zusammenfassung
Mit illusionären Erinnerungen unserer Patienten steigt für sie das
Risiko an einem PTSD zu erkranken. Durch eine Reduktion der Nebeneffekte einer
Intensivstation wird die Wahrnehmung unserer Patienten gefördert. Weitere
wahrnehmungsfördernden Maßnahmen im Rahmen der Basalen Stimulation® und
des modernen Analgosedierungskonzeptes leisten einen erheblichen Beitrag zur
Orientierung unserer Patienten und können somit zu einer signifikanten
Verkürzung der Beatmungs- und Aufenthaltsdauer führen.
Fazit
Bewusstlos heißt nicht erlebnisarm.
Betrachten sie den Patienten als Individuum mit seinen Wünschen und vor
allen Dingen mit seinen Bedürfnissen.

Literatur
[1] Nydahl, P., Bartoszek, G. Basale Stimulation – Neue Wege in der
Pflege Schwerstkranker, Urban und Fischer Verlag München, Jena 2003
[2] Hannich, H.J. Medizinische Psychologie in der Intensivbehandlung. Springer
Verlag, Berlin, Heidelberg, 1987
[3] Wendt, M. Die Intensivbehandlung und ihre Belastungsfaktoren. In: Hannich,
H.J., Wendt, M., Lawin, P.: Psychosomatik der Intensivmedizin – Symposium
in Münster - . Georg Thieme Verlag Stuttgart, New York, 1983
[4] Schwender, D., Klasing, S., Daunderer, M., Madler, C., Pöppel, E.,
Peter, K. Wachzustände während Allgemeinanästhesie. In: Anästhesist
(1995) 44: 743-745, Springer-Verlag 1995
[5] Linstedt, U., Willweber, A., Michels, M., Strumpf, M. Wahrnehmungsfähigkeit
von Intensivpatienten unter sedierenden Medikamenten. In: Kuckelt, W., Hankeln,
K.: Journal für Anästhesie und Intensivbehandlung Nr. 1-2005, S.
210-211
[6] Wilpsbäumer, S., Ullrich, L. Bewusstseinsbeeinträchtigte Intensiv-Patienten
verstehen und fördern. In: Intensiv 2000;8, S. 96-105, Thieme Stuttgart
[7] Wehler, M., Strauß, R., Hahn, E.G. Überleben nach der Intensivtherapie.
In: Intensiv 2004;12, S. 206-217, Thieme Stuttgart
[8] Anästhesiologie und Intensivmedizin: s2 Leitlinien der DGAI Analgesie
und Sedierung in der Intensivmedizin –Kurzversion- Supplement Nr. 1/2005)
[9] Tonner, P.H. Analgosedierungskonzepte – Nur bloße Theorie?
In: Kuckelt W., Hankeln K.: Journal für Anästhesie und Intensivbehandlung
Nr. 1-2002, S. 210
[10] Tonner, P.H. Bewertung der Spontanatmung beim beatmeten Patienten. In:
Kuckelt W., Hankeln K.: Journal für Anästhesie und Intensivbehandlung
1 Quartal 2001, S. 259
[11] Pickenhain, L. Basale Stimulation – Neurowissenschaftliche Grundlagen.
Verlag selbstbestimmtes Leben, Düsseldorf, 1998, S. 69
[12] Siebert, J. Lärmbelastung des Patienten auf einer chirurgischen
Intensivstation: Analyse und Änderungsmöglichkeiten. Disseration
zur Erlangung des Doktorgrades der Medizin. Medizinische Hochschule Hannover
1996
[13] Bienstein, C.; Fröhlich A. Basale Stimulation in der Pflege – Die
Grundlagen. Kallmeyer, Hannover, 2003