Evidence based nursing in der Intensivpflege – Geht das?
Prof. Dr. Eva-Maria Panfil
Evidence-based Nursing (EBN), im Zuge der Diskussion um evidenz-basierte Medizin
(EBM) entstanden, ist eine Methode zur Vereinbarkeit von forschungsbasierter
Praxis angesichts von Informationsflut, Zeitnot, abnehmender Halbwertzeit des
Wissens und einer nicht zeitgemäßen Aus- und Weiterbildung. EBN
beinhaltet drei Konzepte: das Zusammenwirken der beteiligten "Akteure" bei
klinischen Entscheidungen, ein pädagogisches Konzept mit fünf Arbeitsschritten
und Methoden zur Realisierung der Arbeitsschritte.

Phasen des pflegerischen Problemlösungsprozesses
1. EBN wird als Integration von auf Forschung basierender Evidenz (externe
Evidenz), der Einbezug klinischer Expertise (interne Evidenz) und Patientenpräferenzen
in Entscheidungen über die Gesundheitsversorgung von individuellen Patienten
verstanden. EBN kann deswegen in allen Phasen des pflegerischen Problemlösungsprozesses
eingesetzt werden.
2. Die zweite Bedeutung beschreibt das pädagogische Konzept, das auf lebenslanges
Lernen zielt und auf der Methode des problembasierten Lernens aufbaut. Folgende
fünf Arbeitsschritte gilt es bei der Anwendung von EBN abzuarbeiten: Fragestellung,
Literaturrecherche, kritische Bewertung der Evidenz, Entscheidung über
passende Interventionen incl. deren Anwendung und Evaluation. Behrens/Langer
(2006) ergänzen einer weiteren ersten Schritt, den der Klärung der
Aufgabenstellung einer Einrichtung, denn nur so kann eine Fragestellung überhaupt
formuliert werden.
3. Die am meisten genutzte Bedeutung von EBN reduziert sich auf die externe
Evidenz im Sinne der "wissenschaftlichen Belegbarkeit". Diese findet
Niederschlag in Expertenstandards, Guidelines und systematischen Reviews. Zur
Einschätzung der externen Evidenz wurden spezielle Methoden entwickelt,
z.B. Evidenzhierarchien, wesentliche Aspekte zur kritischen Bewertung von Studien
und Qualitätsstandards für Publikationen:
a. Evidenzhierarchien ermöglichen eine Aussage zur internen Validität
von Studien. Je nach Fragestellung gelten andere Evidenzhierarchien. In der
Regel weisen jedoch Meta-Analysen und systematische Reviews den höchsten
Evidenzgrad aus.
b. Jede Studie muss auf ihre Aussagekraft hin überprüft werden. Dazu
werden verschiedene Kriterien der Designs geprüft, z.B. Zielkriterien,
Stichprobengröße, Verblindung, Randomisierung, Verfahren der Datenanalyse
und Art der Schlussfolgerungen.
c. Bei der Analyse von Studien stellt man oft fest, dass zu wesentlichen Analysekriterien
keine oder unzureichende Aussagen zu finden sind. Deswegen wurden Qualitätsstandards
für eine einheitliche Veröffentlichung von Studien entwickelt, z.B.
das CONSORT-Statement (experimentelle Studien), das QUORUM (Meta-Analysen)
oder DELBI (Analyse von Leitlinien).
Evidence based nursing in der Intensivpflege – Geht das?
Evidence based nursing in der Intensivpflege – Geht das? Mit der Nutzung
und Umsetzung von EBN sind einige Implikationen verbunden. EBN ist nur sinnvoll
und auch möglich, wenn eigenständige Aufgabenstellungen von Pflege
geklärt sind. Diese werden international unterschiedlich beantwortet.
Weiterhin sollte man davon ausgehen, dass pflegerisches Handeln Auswirkungen
auf die Pflegeempfänger hat, Pflegekräfte autonome Entscheidungen
hinsichtlich der Versorgung treffen können, eine forschungsbasierte Pflegepraxis
notwendig ist und Pflegen mehr ist als "Handwerk", "Denken“ auch
Arbeit ist.

Evidence based nursing in der Intensivpflege – Will man das?
Evidence based nursing in der Intensivpflege – Will man das? Das relativ
junge Konzept EBN hat in kurzer Zeit eine erstaunliche Karriere durchlebt und
sich in der Bewertung qualitativer Studien von EBM emanzipiert. Publikationen
der vergangenen Jahre beurteilen die Notwendigkeit und Umsetzungsmöglichkeiten
von EBN relativ positiv, benennen aber auch Hindernisse bzw. Schwierigkeiten.
Dazu gehören u.a. mangelnde Kompetenzen der Pflegekräfte (Formulieren
von Fragestellungen, Lesen englischsprachiger Studien, Recherche und Analyse
von Studien) und mangelnde Ressourcen (Zugang und Nutzung von Computern, Zeitkorridore,
Handlungsspielräume für eine Umsetzung von EBN). Für eine Einführung
und Umsetzung von EBN sollten die genannten Hindernisse und Schwierigkeiten
behoben werden.
Behrens, J.; Langer, G. (2006): Evidence-based Nursing and Caring. 2. vollst. überarb.
und erg. Aufl., Bern u.a.: Hans Huber.
Panfil, E. (2005): Evidence-based Nursing: Definition, Methoden, Umsetzung.
PrInterNet, Angewandte Pflegeforschung, 7 (9), 457-463.
Panfil, E.; Wurster, J. (2001): Evidenzbasierte Pflege. Dr. med. Mabuse, 26
(131), 33-36.
Sackett, D.; Rosenberg, W.; Muir Gray, J.; Haynes, R.; Richardson, W. (1996):
Evidence based medicine: what is is und what it isn't. BMJ, 312, 71-72.
Prof. Dr. Eva-Maria Panfil
Fachhochschule Frankfurt am Main
Nibelungenplatz 1
D-60318 Frankfurt am Main