Problemlösungskompetenzen von Intensivpflegenden
Marcel Sailer
Die Arbeitswelt der Pflegenden auf Intensivstationen hat sich in den letzten
zwei Jahrzehnten, wie in allen Bereichen der stationären und ambulanten
pflegerischen und medizinischen Versorgung, stark verändert. Neben medizintechnischen
und -therapeutischen Entwicklungen erhöhen die steigende Anzahl an Innovationen,
die zeitliche Dringlichkeit und kürzere Phasen der Konsolidierung von
Arbeitsprozessen die Komplexität der täglichen Handlungsanforderungen.
Dies kann zu Überforderungen und Frustrationen in beruflichen Lernprozessen
führen, die sich letztendlich auch auf berufliche Handlungskompetenzen
auswirken.

Kompetenzdifferenzierung pflegerischer Tätigkeiten
In den Unternehmen (Kliniken) werden die Lernprozesse primär
unter dem Aspekt betrachtet, ob und auf welche Weise sie dem Wertschöpfungsprozess
des Unternehmens dienlich sind (vgl. Stieler-Lorenz, Krause 2003). Dieser
Wertschöpfungsprozess wird im klinischen Bereich insbesondere seit Einführung
der fallpauschalisierten Krankenhausfinanzierung durch das DRG-System kritisch überprüft.
Aufgrund dieser ökonomischen Zwänge werden zunehmend Fragen nach
Qualifikations- und Kompetenzanforderungen gestellt. Die berufliche Landschaft
der Pflegenden in Akutkliniken war in den vergangenen drei Jahren insbesondere
durch Personaleinsparungen und Einstellungssperren geprägt (Sailer,
2005). Gerade in der Intensivpflege werden aktuell Modelle der Kompetenzdifferenzierung
pflegerischer Tätigkeiten (Advanced Level program) diskutiert, Kriterien
zur Differenzierung von Personal (Qualifikationsmix) oder Kriterien für
eine leistungsorientierte Vergütung gesucht. Auf der betrieblichen Ebene
besteht also ein Interesse einer Kompetenzanalyse zur Verbesserung des internen
Personalmanagements in Form von Personalauswahl, Personalentwicklung und –beurteilung
sowie zur Optimierung des Personaleinsatzes (vgl. Gillen, Kaufhold 2005).
Symptomatisch für die skizzierte Situation zeigt sich die Diskussion
um die betriebliche Weiterbildung für Pflegeberufe, insbesondere bei
Intensivpflegepersonen.
Auch hier müssen Ausgaben reduziert werden,
was eine konkrete Auswirkung auf die fachbezogene Weiterbildung für
Intensivpflege und Anästhesie mit sich bringt. Während die Effizienz
pflegerischer Maßnahmen durch aus- und weitergebildetes Personal international
signifikant belegt wurde (vgl. Dang et al., 2002; Hall et al., 2003; Yang,
2003; Needleman, 2002 u.a.), besteht in Deutschland hinsichtlich des Pflegeoutcomes
noch ein erheblicher Forschungsbedarf. D.h. für die Intensivpflege liegen
in Deutschland derzeit keine gesicherten Ergebnisse vor. Sowohl in der betrieblichen
Bildung im Allgemeinen, als auch in der beruflichen Bildung der Pflege mündet
der Tenor der Anforderungen in einer übergeordneten Forderung: Die Flexibilität
der Mitarbeiter in ihren direkten Einsatzfeldern sowie in anderen Fachabteilungen
und Bereichen. Neben dem klassischen Können ist insbesondere das situationsbezogene
Handeln, das Mitdenken, die zielgerichtete Beobachtungsgabe und die Handlungskompetenz
in unsicheren, unbekannten Situationen gefragt (Sailer, 2005). Aus der Sicht
der Weiterbildung von Pflegenden im Intensivpflegebereich stellt sich die
Frage, was an Lernpotenzialen in realen Arbeitsprozessen steckt, wenn das
Lernen in Realsituationen in den Mittelpunkt ausbildungspraktischer Überlegungen
rückt und das Lernen außerhalb pädagogischer Arrangements
stattfindet bzw. damit verbunden wird (vgl. Pätzold 2004). Aus einer
berufswissenschaftlichen Perspektive interessiert insbesondere, wie Situationen
der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung unter Einbezug des expliziten
und impliziten berufs- und berufsfeldspezifischen Wissens und Könnens
gestaltet werden (vgl. Rauner, 2002). Und weiterhin, wie sich diese Kompetenzen
im Laufe der beruflichen Erfahrungen weiter entwickeln. Erweitern Intensivpflegekräfte
im Laufe der Jahre ihre Kompetenzen in der Lösung und Bearbeitung komplexer
Fälle? Sind sie in der Lage, komplexe Problematiken besser zu analysieren,
haben eine reichhaltigere Auswahl an Hypothesen und Handlungsoptionen und
können Fälle prozessorientierter bearbeiten?
Kein linearer Anstieg der Komptenz mit zunehmender Erfahrung
Diese Fragen wurden mit Hilfe einer fallorientierten, multimedial aufbereitenten
Fallkasuistik bei 104 Intensivpflegenden an sieben Einrichtungen in Süddeutschland
untersucht (FAPROLINT). Auf der Basis empirisch-analytisch erhobener Daten
wurden Erkenntnisse über die Problemlösungskompetenz, die Leistungsmotivation
sowie das Prozessdenken von Intensivpflegekräften gewonnen. Dabei wurden
die Intensivpflegenden nach Berufserfahrung und abgeschlossener Weiterbildung
miteinander verglichen. In den Ergebnissen zeigt sich ein heterogenes Bild,
welches Unterschiede zwischen weniger Erfahrenen und sehr Erfahrenen in der
klinischen Entscheidungsfindung deutlich macht. Vorliegende Ergebnisse zur
Expertiseforschung bei (Intensiv-)Pflegenden konnten dabei nur teilweise belegt
werden. So konnte kein linearer Anstieg der Problemlösungskomptenz mit
zunehmender Erfahrung nachgewiesen werden. Die Unterschiede bei weitergebildeten
Intensivpflegenden zeigen sich unter bestimmten Gegebenheiten.
Grundsätzlich unterstreichen die heterogenen Ergebnisse der Studie die
Binsenweisheit, dass erfolgreiche Intensivpflegeteams ein ausgeglichenes Maß an
Pflegekräften unterschiedlicher Berufserfahrung als auch an Fachkompetenzen
benötigt, um eine größtmögliche Kompetenzstruktur gemeinsam
aufzubauen. Sie unterstreichen aber auch, dass sowohl Berufserfahrung als auch
formale Bildungsabschlüsse kein automatischer Garant dafür sind.

Literatur
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In:
Rauner F (2005) (Hrsg.). Handbuch Berufsbildungsforschung. Bielefeld: Bertelsmann.
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Rauner F (2005). Handbuch Berufsbildungsforschung. Bielefeld: Bertelsmann.
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Unveröff. Dissertation.
Sailer M (2005) (Fach-)Weiterbildungen der Pflege in der DRG-Kostenzange. PR-
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Yang, K (2003). Relationships between nurse staffing and patient outcomes.
Journal of Nursing research. 11 (3). S. 149-157.
Marcel Sailer, Pflegedirektion IBF, Universitätsklinikum Ulm