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zwai Home : Weiterbildung : Reviews : Reutlinger Fortbildungstag : Reutlinger Fortbildungstag 2007 : Reutlinger Fortbildungstag 2007
 


20.-21.09.2007

Reutlinger Fortbildungstage 2007

Holger Beuse

Reutlinger Fortbildungstage 2007

Wenn Popstars reisen, tun sie das in Limousinen oder Flugzeugen. Dachte zumindest der Autor dieser Zeilen, bis er bei der Anreise nach Reutlingen im 2. Klasse-Abteil eine leibhaftige Schlagersängerin entdeckte. Dass deren aktuelles Video auch noch einen Bezug zu den 21. Reutlinger Fortbildungstagen hat, ahnte er nicht. Doch dazu später mehr.

Bereits am Morgen des ersten Tages war die Friedrich-List-Halle mit etwa 350 Zuhörern gut gefüllt, als Klaus Notz als 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste und zugleich Leiter der Akademie der Kreiskliniken Reutlingen die Veranstaltung eröffnete.
Als erster Fachreferent ein vertrautes Gesicht auf dem Podium: Arnold Kaltwasser (Reutlingen) stellte das Beatmungsmanagement aus Sicht der Pflege dar und forderte eine enge Verknüpfung von ärztlicher Therapie und pflegerischer Versorgung. Oliver Rothaug (Göttingen) setzte die Thematik fort. Das Weaning endet nicht mit der Extubation, doch atemtherapeutische Maßnahmen bei spontan atmenden Intensivpatienten kommen aus seiner Sicht oftmals zu kurz. Er zeigte auf, wie Reintubationen mit eigentlich simplen, aber gezielten Mitteln vermieden werden können: VAS-gesteuerte Analgesie, richtige Lagerung, Mobilisation, ASE und einiges mehr.

Dr. Eva-Maria Panfil (Frankfurt/M) stellte die Grundzüge des Evedence based nursing (EBN) dar. Die Professorin für klinische Pflegeforschung hält EBN auch in der Intensivpflege für nötig und möglich. Um jedoch regelmäßig aktuelle Literatur recherchieren, brauchen Pflegende nicht nur Kompetenzen wie Englisch- und PC-Kenntnisse als auch Ressourcen wie einen dienstlichen Internetzugang und entsprechende Zeit. Unabdingbar ist auch das Selbstverständnis jedes Pflegenden, EBN praktizieren zu wollen.

Wie Intensivpflegende fachliche Entscheidungen treffen, welche Kompetenzen sie haben und ob die Qualifikation Auswirkung auf das Outcome hat, wollte Marcel Sailer (Ulm) wissen. Er ließ einige Hundert Mitarbeiter verschiedener Krankenhäuser ein Patienten-Fallbeispiel in einer aufwändigen Computersimulation bearbeiten.
Sailer stellte größere Kompetenzen bei längerer Berufserfahrung fest. Fachkrankenpflegende waren ihren nicht weitergebildeten KollegInnen überlegen, allerdings nicht mehr, wenn das Fachexamen schon viele Jahre zurück lag. Mit der Feststellung, dass Intensivpflegende mit einem durchschnittlichen IQ von 114,5 relativ schlaue Leute sind, entließ er die Teilnehmer in die Mittagspause.

Anschließend hätten sich Einzelne zwar vielleicht ein Mittagsschläfchen gewünscht, doch Andreas Schabbach sprach sich in seinem Vortrag explizit gegen das Liegen aus. Patienten sind zu oft und zu lange in liegender Position, dabei sind die Vorteile des aufrechten Sitzens im Bett eigentlich hinlänglich bekannt. Das Sitzen muss aber auch durch das Krankenbett unterstützt werden, was bei vielen Modellen leider nicht der Fall ist. Das Bett ist laut Schabbach das am meisten unterschätzte Medizinprodukt – Wen wundert’s, ist er doch Angestellter eines Herstellers. Seine Ausführungen jedoch waren von erfreulich fachlichem und nicht werbendem Charakter.

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Risk Management, liegen lernen und ein Stück Plastik

Risk Management, liegen lernen und ein Stück Plastik

Ebenfalls um Lagerung ging es Harry Wolpert (Ludwigsburg). Er stellte das LiN-Konzept (Lagerung in Normalstellung) vor. Dabei werden die Körperabschnitte möglichst in Neutralstellung gebracht, um nicht nur bequemes Liegen sowie Wohlbefinden zu fördern, sondern auch u.a. Kontrakturen, Dekubiti und spastische Muster bei Patienten mit zentralen Läsionen zu vermeiden.

Um Vermeidung ging es auch Dr. Bert Urban (München). Nämlich um die von Fehlern. Der Experte für Risk Management kritisierte den zumeist noch anzutreffenden Null-Fehler-Anspruch in der Medizin. Dabei sind Fehler unvermeidlich. Spektakulär sind oft die Fälle, die zum Tode eines Patienten führen. Doch auf jeden Todesfall kommen 1000 Beinahe-Zwischenfälle. Es gilt, im Rahmen einer Fehlerkultur im Team offen darüber zu sprechen und daraus zu lernen, statt sie unter den Teppich zu kehren oder einen vermeintlich Schuldigen nach dem Motto „name – blame – shame“ als Buhmann in die Ecke zu stellen.

Über aktuelle Entwicklungen in der Pflegepolitik informierte der Vizepräsident des Deutschen Pflegerates (DPR), Andreas Westerfellhaus. Die Chancen für die Pflege in Deutschland sind 2007 so gut wie lange nicht mehr und sie hängen an einem Stück Plastik.
Denn die Lobbyarbeit des DPR und anderer Verbände nicht verkammerter Gesundheitsberufe hat nicht nur erreicht, dass Pflegende wichtige Patientendaten der kommenden elektronischen Gesundheitskarte auslesen können werden. Um die dazu notwendige Berechtigung zu erlangen, wird auch ein bundesweites elektronisches Gesundheitsberuferegister aufgebaut werden. Damit werden die Ziele der Freiwilligen Registrierung beruflich Pflegender offiziell anerkannt und erreicht, nämlich verlässliche Daten über die Anzahl, Alter und Qualifikation unserer Berufsangehörigen zu bekommen. Denn nur mit solchen Zahlen lassen sich berufpolitische Forderungen belegen und durchsetzen.

Zum Abschluss des ersten Tages versuchte Jurist und Soziologe Hans Böhme(Mössingen), etwas Klarheit zur rechtlichen Situation bei Delegation und Übernahme ärztlicher Tätigkeiten zu schaffen.




Ran ans Bett

Ran ans Bett

Fachliche Fakten lieferte am nächsten Morgen Dr. Thomas Künstle(Krefeld) zum Thema Sepsis. Zudem beklagte er die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, zwischen anerkannten Leitlinien auf der einen und der oftmals tatsächlich durchgeführten Diagnostik und Therapie auf der anderen Seite. Es nutzt nicht viel, so Künstle, wenn die Leitlinien irgendwo abgeheftet im Stationsbüro sind. Um praktisch angewendet zu werden, müssen sie vor Ort, also am Bett des Patienten sein.

Ob dort auch die Angehörigen hingehören, während der Patient reanimiert wird? Stefan Köberich ging dieser Frage nach, siehe auch seine Beiträge im zwai-Journal und im zwai-Forum. Eine popkulturelle Interpretation bietet das eingangs schon erwähnte Video „Die erste Träne“ des Schlagertrios „Bisou“ [hier].

Eine erfolgreiche Wiederbelebung bedarf im Allgemeinen eines vorherigen guten Trainings der Handelnden. Dr. Roman Skowronski (Danzig) hat mit „IGOR“ (Individuelle- und Gruppen Observation der Reanimation) eine Systematik entwickelt, mit der er die Ausbildungseffektivität von Reanimationsschulungen überprüfen und bewerten kann.



Pflege heute, früher und im Besonderen

Pflege heute, früher und im Besonderen

Andrea Brunke (Salzgitter) stellte das Erleben des Intensivpatienten in den Mittelpunkt ihres Vortrags. Empathisch zeigte sie, wie beispielsweise durch moderne Analgesierung oder Basale Stimulation® der an sich unangenehme Aufenthalt für den Patienten möglichst erträglich gestaltet werden kann.

Nachdem sich die Besucher in der Mittagspause die neuesten Errungenschaften der Industrie anschauen konnten, wurde es hernach historisch. „Schwester Anneliese“ hatte sich aus Südostfriesland nach Schwaben herbemüht und erzählte erstmals südlich des Mains aus ihrem bewegten Berufsleben. Die alte Dame könnte als wandelndes A+I-Museum bezeichnet werden, allerdings träfe das Verb „wandeln“ nicht auf ihre aktuellen, schon etwas eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten zu. Ihre launigen Anekdoten aus der Zeit der monochromen Monitorbildschirme wussten aber sehr wohl zu unterhalten.

Ina Welk (Hamburg) stellte eine oft unterschätzte Patientengruppe in den Fokus: alkohol- und drogenabhängigen Intensivpatienten. Nach aktuellen Unersuchungen hat jeder fünfte Krankenhauspatient ein Alkoholproblem. Somit ist eine speziell abgestimmte Behandlung und Pflege vonnöten, anstatt diese Patienten stigmatisiert ihren spezifischen Problemen im Rahmen der Intensivtherapie zu überlassen.

Wie eng Mediziner und Pflegende miteinander arbeiten können, zeigte das folgende Double Feature aus Münster: Anästhesist Dr. Alexander Reich beschrieb schmerztherapeutische Verfahren bei Kindern, insbesondere auch Kathetertechniken. Anästhesiefachpfleger Michael Klatthaar erweiterte die Thematik um die pflegerischen Komponenten.

In Reutlingen ist es gute Sitte, auch ungewöhnliche pflegerische Arbeitsbereiche vorzustellen und so trat zum Abschluss der Veranstaltung Fachkrankenpfleger und Oberstabsfeldwebel Rainer Dembert (Dornstadt) an. In seinem eindrucksvollen Vortrag („Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kameraden…“) zeigte er, wie die Bundeswehr in kürzester Zeit große Lazarette aufbauen kann, die kleine, komplett funktionstüchtige Krankenhäuser darstellen. So lassen sich an fast jedem beliebigen Ort verwundete Soldaten wieder kampffähig machen.

Damit gingen die 21. Reutlinger Fortbildungstage zu Ende. Es gehört wohl neben einem gehörigen Maß an Routine schon eine große Portion Elan dazu, um auch noch nach zwei Jahrzehnten so ein interessantes wie ausgewogenes Programm auf die Beine zu stellen. Somit darf man auch schon getrost die 22. Fortbildungstage am 11. und 12.09.2008 empfehlen. Bleibt nur noch die Frage, ob „Bisou“ bis dahin schon 1. Klasse fahren.

(08.10.2007)

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Links zum Artikel:
    Rothaug O, Köberich S: Aspekte der Prophylaxe beatmungsassoziierter Pneumonien…
    Köberich S: Anwesenheit von Angehörigen während einer kardiopulmonalen Reanimation
    Video der Girlband Bisou
    Lagerung in Neutralstellung
    Abstracts zu den Vorträgen






Ähnliche Artikel - weitere Informationen:
    Reutlinger Fortbildungstag 2006
    Reutlinger Fortbildungstag 2005
    weitere Kongressberichte

Letzte Aktualisierung: 31.07.2010 Der Webcode dieser Seite lautet ZW0284

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