Reutlinger Fortbildungstage 2007
Holger Beuse
Wenn Popstars reisen, tun sie das in Limousinen oder Flugzeugen. Dachte
zumindest der Autor dieser Zeilen, bis er bei der Anreise nach Reutlingen im
2. Klasse-Abteil
eine leibhaftige Schlagersängerin entdeckte. Dass deren aktuelles Video
auch noch einen Bezug zu den 21. Reutlinger Fortbildungstagen hat, ahnte
er nicht. Doch dazu später mehr.
Bereits am Morgen des ersten Tages war die Friedrich-List-Halle mit etwa 350
Zuhörern gut gefüllt, als Klaus Notz als 1. Vorsitzender der Deutschen
Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste und zugleich Leiter
der Akademie der Kreiskliniken Reutlingen die Veranstaltung eröffnete.
Als erster Fachreferent ein vertrautes Gesicht auf dem Podium: Arnold
Kaltwasser
(Reutlingen) stellte das Beatmungsmanagement aus Sicht der Pflege dar und forderte
eine enge Verknüpfung von ärztlicher Therapie und pflegerischer Versorgung.
Oliver Rothaug (Göttingen) setzte die Thematik fort. Das Weaning endet
nicht mit der Extubation, doch atemtherapeutische Maßnahmen bei spontan
atmenden Intensivpatienten kommen aus seiner Sicht oftmals zu kurz. Er zeigte
auf, wie Reintubationen mit eigentlich simplen, aber gezielten Mitteln vermieden
werden können: VAS-gesteuerte Analgesie, richtige Lagerung, Mobilisation,
ASE und einiges mehr.
Dr. Eva-Maria Panfil (Frankfurt/M) stellte die Grundzüge des Evedence
based nursing (EBN) dar. Die Professorin für klinische Pflegeforschung
hält EBN auch in der Intensivpflege für nötig und möglich.
Um jedoch regelmäßig aktuelle Literatur recherchieren, brauchen
Pflegende nicht nur Kompetenzen wie Englisch- und PC-Kenntnisse als auch Ressourcen
wie einen dienstlichen Internetzugang und entsprechende Zeit. Unabdingbar ist
auch das Selbstverständnis jedes Pflegenden, EBN praktizieren zu wollen.
Wie Intensivpflegende fachliche Entscheidungen treffen, welche Kompetenzen
sie haben und ob die Qualifikation Auswirkung auf das Outcome hat, wollte Marcel
Sailer (Ulm) wissen. Er ließ einige Hundert Mitarbeiter verschiedener
Krankenhäuser ein Patienten-Fallbeispiel in einer aufwändigen Computersimulation
bearbeiten.
Sailer stellte größere Kompetenzen bei längerer Berufserfahrung
fest. Fachkrankenpflegende waren ihren nicht weitergebildeten KollegInnen überlegen,
allerdings nicht mehr, wenn das Fachexamen schon viele Jahre zurück lag.
Mit der Feststellung, dass Intensivpflegende mit einem durchschnittlichen IQ
von 114,5 relativ schlaue Leute sind, entließ er die Teilnehmer in die
Mittagspause.
Anschließend hätten sich Einzelne zwar vielleicht ein Mittagsschläfchen
gewünscht, doch Andreas Schabbach sprach sich in seinem Vortrag explizit
gegen das Liegen aus. Patienten sind zu oft und zu lange in liegender Position,
dabei sind die Vorteile des aufrechten Sitzens im Bett eigentlich hinlänglich
bekannt. Das Sitzen muss aber auch durch das Krankenbett unterstützt werden,
was bei vielen Modellen leider nicht der Fall ist. Das Bett ist laut Schabbach
das am meisten unterschätzte Medizinprodukt – Wen wundert’s,
ist er doch Angestellter eines Herstellers. Seine Ausführungen jedoch
waren von erfreulich fachlichem und nicht werbendem Charakter.

Risk Management, liegen lernen und ein Stück Plastik
Ebenfalls um Lagerung ging es Harry Wolpert (Ludwigsburg). Er stellte das LiN-Konzept
(Lagerung in Normalstellung) vor. Dabei werden die Körperabschnitte
möglichst in Neutralstellung gebracht, um nicht nur bequemes Liegen
sowie Wohlbefinden zu fördern, sondern auch u.a. Kontrakturen, Dekubiti
und spastische Muster bei Patienten mit zentralen Läsionen zu vermeiden.
Um Vermeidung ging es auch Dr. Bert Urban (München). Nämlich um
die von Fehlern. Der Experte für Risk Management kritisierte den zumeist
noch anzutreffenden Null-Fehler-Anspruch in der Medizin. Dabei sind Fehler
unvermeidlich. Spektakulär sind oft die Fälle, die zum Tode eines
Patienten führen. Doch auf jeden Todesfall kommen 1000 Beinahe-Zwischenfälle.
Es gilt, im Rahmen einer Fehlerkultur im Team offen darüber zu sprechen
und daraus zu lernen, statt sie unter den Teppich zu kehren oder einen vermeintlich
Schuldigen nach dem Motto „name – blame – shame“ als
Buhmann in die Ecke zu stellen.
Über aktuelle Entwicklungen in der Pflegepolitik informierte der Vizepräsident
des Deutschen Pflegerates (DPR), Andreas Westerfellhaus. Die Chancen für
die Pflege in Deutschland sind 2007 so gut wie lange nicht mehr und sie hängen
an einem Stück Plastik.
Denn die Lobbyarbeit des DPR und anderer Verbände nicht verkammerter Gesundheitsberufe
hat nicht nur erreicht, dass Pflegende wichtige Patientendaten der kommenden
elektronischen Gesundheitskarte auslesen können werden. Um die dazu notwendige
Berechtigung zu erlangen, wird auch ein bundesweites elektronisches Gesundheitsberuferegister
aufgebaut werden. Damit werden die Ziele der Freiwilligen Registrierung beruflich
Pflegender offiziell anerkannt und erreicht, nämlich verlässliche
Daten über die Anzahl, Alter und Qualifikation unserer Berufsangehörigen
zu bekommen. Denn nur mit solchen Zahlen lassen sich berufpolitische Forderungen
belegen und durchsetzen.
Zum Abschluss des ersten Tages versuchte Jurist und Soziologe Hans
Böhme(Mössingen), etwas Klarheit zur rechtlichen Situation bei Delegation und Übernahme ärztlicher
Tätigkeiten zu schaffen.
Ran ans Bett
Fachliche Fakten lieferte am nächsten Morgen Dr. Thomas Künstle(Krefeld) zum Thema Sepsis. Zudem beklagte er die Diskrepanz zwischen Theorie
und Praxis, zwischen anerkannten Leitlinien auf der einen und der oftmals tatsächlich
durchgeführten Diagnostik und Therapie auf der anderen Seite. Es nutzt
nicht viel, so Künstle, wenn die Leitlinien irgendwo abgeheftet im Stationsbüro
sind. Um praktisch angewendet zu werden, müssen sie vor Ort, also am Bett
des Patienten sein.
Ob dort auch die Angehörigen hingehören, während der Patient
reanimiert wird? Stefan Köberich ging dieser Frage nach, siehe auch seine
Beiträge im zwai-Journal und im zwai-Forum. Eine popkulturelle Interpretation
bietet das eingangs schon erwähnte Video „Die erste Träne“ des
Schlagertrios „Bisou“ [hier].
Eine erfolgreiche Wiederbelebung bedarf im Allgemeinen eines vorherigen guten
Trainings der Handelnden. Dr. Roman Skowronski (Danzig) hat mit „IGOR“ (Individuelle-
und Gruppen Observation der Reanimation) eine Systematik entwickelt, mit der
er die Ausbildungseffektivität von Reanimationsschulungen überprüfen
und bewerten kann.

Pflege heute, früher und im Besonderen
Andrea Brunke (Salzgitter) stellte das Erleben des Intensivpatienten in den
Mittelpunkt ihres Vortrags. Empathisch zeigte sie, wie beispielsweise durch
moderne Analgesierung oder Basale Stimulation® der an sich unangenehme
Aufenthalt für den Patienten möglichst erträglich gestaltet
werden kann.
Nachdem sich die Besucher in der Mittagspause die neuesten Errungenschaften
der Industrie anschauen konnten, wurde es hernach historisch. „Schwester
Anneliese“ hatte sich aus Südostfriesland nach Schwaben herbemüht
und erzählte erstmals südlich des Mains aus ihrem bewegten Berufsleben.
Die alte Dame könnte als wandelndes A+I-Museum bezeichnet werden, allerdings
träfe das Verb „wandeln“ nicht auf ihre aktuellen, schon etwas
eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten zu. Ihre launigen Anekdoten
aus der Zeit der monochromen Monitorbildschirme wussten aber sehr wohl zu unterhalten.
Ina Welk (Hamburg) stellte eine oft unterschätzte Patientengruppe in
den Fokus: alkohol- und drogenabhängigen Intensivpatienten. Nach aktuellen
Unersuchungen hat jeder fünfte Krankenhauspatient ein Alkoholproblem.
Somit ist eine speziell abgestimmte Behandlung und Pflege vonnöten, anstatt
diese Patienten stigmatisiert ihren spezifischen Problemen im Rahmen der Intensivtherapie
zu überlassen.
Wie eng Mediziner und Pflegende miteinander arbeiten können, zeigte
das folgende Double Feature aus Münster: Anästhesist Dr.
Alexander Reich beschrieb schmerztherapeutische Verfahren bei Kindern, insbesondere auch
Kathetertechniken. Anästhesiefachpfleger Michael Klatthaar erweiterte
die Thematik um die pflegerischen Komponenten.
In Reutlingen ist es gute Sitte, auch ungewöhnliche pflegerische Arbeitsbereiche
vorzustellen und so trat zum Abschluss der Veranstaltung Fachkrankenpfleger
und Oberstabsfeldwebel Rainer Dembert (Dornstadt) an. In seinem
eindrucksvollen Vortrag („Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kameraden…“)
zeigte er, wie die Bundeswehr in kürzester Zeit große Lazarette
aufbauen kann, die kleine, komplett funktionstüchtige Krankenhäuser
darstellen. So lassen sich an fast jedem beliebigen Ort verwundete Soldaten
wieder kampffähig machen.
Damit gingen die 21. Reutlinger Fortbildungstage zu Ende. Es gehört wohl
neben einem gehörigen Maß an Routine schon eine große Portion
Elan dazu, um auch noch nach zwei Jahrzehnten so ein interessantes wie ausgewogenes
Programm auf die Beine zu stellen. Somit darf man auch schon getrost die 22.
Fortbildungstage am 11. und 12.09.2008 empfehlen. Bleibt nur noch die Frage,
ob „Bisou“ bis dahin schon 1. Klasse fahren.
(08.10.2007)
Emailadresse Autor: