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„Was willst du damit sagen?“

Tagung Sprache und Pflege

Holger Beuse, Redaktion zwai

Tagung Sprache und Pflege

Für Prof. Dr. Martin W. Schnell ist es eine Grundwahrheit, dass Pflege ein kommunikationsintensiver Beruf ist. Dabei sei jedoch, frei nach Ernst Jandl, mehr gefordert als nur „das Öffnen und Schließen des Mundes“.

Pünktlich zum Erscheinen der 2., vollständig überarbeiteten Auflage ihres Buches „Sprache und Pflege“ luden die Herausgeber Angelika Zegelin und Martin W. Schnell zu einer gleichnamigen Tagung am 14. und 15. Oktober 2005 in die Universität Witten/Herdecke. Damit feierten sie auch ein Jubiläum, denn genau zehn Jahre zuvor hatte das Institut für Pflegewissenschaft erstmals einen Kongress zum Thema veranstaltet.

Zwar hatten Kommunikationsmodelle und Konzepte zur Verständigung mit Patienten schon Einzug in die pflegerische Ausbildung gehalten, doch mit dem pflegerischen Sprachgebrauch als solchem hatte man sich bis 1995 kaum beschäftigt. Die Tagung und das daraus resultierende Buch „Sprache und Pflege“ waren seinerzeit die Initialzündung für eine Reihe von Untersuchungen, Publikationen und Diskussionen.


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Standortbestimmung

Standortbestimmung

Somit traf man sich nun auch zu einer Art Standortbestimmung. Dr. Angelika Zegelin ließ die Entwicklung Revue passieren. Der damals angestoßene Diskurs über „Unworte“ und nachlässigen Sprachgebrauch sorgte für Furore und zeigte recht schnell Wirkung auch im pflegerischen Alltag. Die Sensibilität ist deutlich gestiegen.

Neu in der Diskussion waren auch „Pflegeklassifikationen“, ein wichtiger Baustein zur Ausbildung einer eigenen Fachsprache. Heute stellen sie ein eigenes Gebiet in der Pflegeforschung dar.

Dennoch sei die Pflege weit entfernt von einer eigenen Fachsprache, so Zegelin. Vieles sei „Schattenarbeit“, die die Berufsangehörigen nur schwer verbalisieren könnten. Schwestern können zwar prompt handwerkliche Anteile ihrer Arbeit benennen, doch so wichtige Aspekte wie Patientengespräche sind weniger versprachlicht und dadurch auch kaum bewusst.

Hinzu kommen viele diffuse Begriffe, so gibt es laut Zegelin keine allgemeingültige Definition von „Bettlägerigkeit“. Viele Wortbedeutungen werden erst eindeutig definiert, wenn es um sozialrechtliche Fragen geht. Unkritische Übernahmen aus der Sprache der Versicherungsbürokratie und der Ökonomie haben tiefere Einschnitte in das Denken und Handeln von Pflegenden gebracht als jede Pflegetheorie.

Im Anschluss referierte Prof. Dr. Sabine Bartholomeyczik, Lehrstuhlinhaberin für Epidemiologie und Pflegewissenschaft, über Sprache in der Pflege und ihre Standardisierung. Im Rahmen der Professionalisierung muss die beruflich
genutzte Sprache eindeutiger gefasst, definiert und standardisiert werden, um eine wirkliche Fachsprache entstehen zu lassen.



Theoretiker und Praktiker im Gespräch

Theoretiker und Praktiker im Gespräch

Auffällig an der Wittener Veranstaltung war die Heterogenität der Teilnehmer. Unter den gut 60 Besuchern waren natürlich Akademiker und Studierende – nicht ungewöhnlich an einer Universität. Aber desgleichen nahmen viele Leute aus der pflegerischen Praxis, aus Krankenpflegeschulen und auch Pflegedienstleitungen teil.
So traten Menschen mit den unterschiedlichsten pflegerischen Hintergründen miteinander in den Dialog. Insbesondere den zahlreichen Workshops zwischen den Vorträgen kam diese Mischung konstruktiv zugute.

In kleinen Gruppen von selten mehr als 15 Teilnehmern konnten spezielle Fragestellungen diskutiert werden. Dazu konnten die Veranstalter renommierte Experten gewinnen, wie zum Beispiel Dr. Franz Sitzmann, Dr. Sabine Walther, Yvonne Ford und Dr. Mechthilde Kütemeyer. Jeweils unter Bezug auf Sprache ging es um so unterschiedliche Themen wie Pflegeversicherung, Pflegeklassifikation, Ästhetische Literatur aus pflegewissenschaftlicher Perspektive, Wechselwirkungen von Pflege, Sprache und Recht oder die Interpretation einer Pflegedokumentation

Abseits des eigenen beruflichen Tuns legten die Veranstalter und viele Teilnehmer am Ende des ersten Tages noch eine „Spätschicht“ ein: Mit dem Bus ging es nach Hattingen, wo nach einer Führung durch das Industriemuseum „Henrichshütte“ bei einem gemeinsamen Abendessen Feierabend gemacht wurde.

Am nächsten Morgen gab Prof. Dr. Rudolf Schmitt eine Übersicht über Studien zur Verwendung von Metaphern in der Pflege und zu einzelnen erkrankungsspezifischen Sprachbildern. So wird beispielsweise in Bezug auf Alkoholsucht häufig eine Maschinenmetaphorik gebraucht: „abschalten, aushaken, klick machen, Ausfall“ sind hier gängige Begriffe. Eine erfolgreiche Therapie beschreiben Betroffene vielfach als „Rundumerneuerung“. So heißt auch der Vorgang, in dem alten Reifen unter hohem Druck und Hitze ein neues Profil gegeben wird.

Auf das Phänomen des „Baby-Talk“ ging der Psychologe und Germanist ebenfalls ein. Wenn Pflegende mit alten Menschen wie mit Kleinkindern reden, fühlten sich - so meint Schmitt - manche Alte in einer solchen Sprache geborgen.

Schmitt hat auch die Pflegeliteratur untersucht und fand dabei viele Sprachbilder, etwa Pflege als „Anwalt des Patienten“. In Texten zur Professionalisierung stieß er auf eine Reihe von militärischen Ausdrücken wie „Befreiungskrieg“ oder „Fremdherrschaft“. Er fühle sich dabei gelegentlich an den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnert.


Nach diesem Vortrag fanden sich die Teilnehmer erneut zu Workshops ein, um Themen wie Förderung sprachlicher Kompetenzen in der Ausbildung, Umgang mit Patienten fremder Kulturen, Fachsprache – zwei Seiten einer Medaille, Metaphorik in der Schmerzbeschreibung oder Verstehen von und Verständigung mit Demenz-Kranken zu bearbeiten.

Anschließend traf man sich wieder zu zwei Vorträgen im Plenum. Prof. Gunnar H. Nielsen hat als Projektleiter maßgeblich an der Entwicklung einer Internationalen Klassifikation für die Pflegepraxis (ICNP) mitgewirkt. Die theoretischen Grundüberlegungen, aber auch die Schwierigkeiten und deren Überwindung in der Umsetzung stellte Nielsen in einem souveränen Vortrag vor.
ICNP ist mittlerweile in 17 Sprachen übersetzt und stellt ein Instrument dar, das nicht nur dem Praktiker am Bett die Möglichkeit zur Dokumentation seiner Arbeit gibt. Zugleich werden Daten zu Prozessmanagement- und zu Finanzierungszwecken generiert und en passant eine Pflegeterminologie ausgebildet.




Wo bitte geht's zum Arztdienstplatz?

Wo bitte geht's zum Arztdienstplatz?

In einer Klinik finden sich Zeichen und Hinweisschilder an beinahe jeder Ecke. Wegweiser, Info-Tafeln, handgeschriebene Auskünfte wohin das Auge blickt. Prof. Dr. Martin W. Schnell und Anika Mitzkat warfen in ihrem Abschlussvortrag einen Blick auf das Krankenhaus als „Reich der Zeichen“. Über 400 haben sie in nur einem Haus fotografiert und nur 10 davon wiesen auf eine Außenwelt jenseits der totalen Institution Krankenhaus hin.
Das so amüsante wie seriöse Referat erinnerte in seiner Diktion stellenweise an die feine Ironie eines Max Goldt. Dennoch lieferten Schnell und Mitzkat eine inhaltlich präzise Analyse. Anhand entsprechender Fotos erläuterten sie die Bildsprache von Piktogrammen, die teilweise Widersprüchlichkeit von schriftlichen Auskünften und den Subtext, der manch einer harmlos und objektiv scheinenden Beschriftung innewohnt. Wer hätte ad hoc einen Ausdruck von Wertigkeit in den Raumbenennungen „Arztzimmer“ und „Schwesterndienstplatz“ vermutet? Warum heißt es nicht „Arztdienstplatz“ und „Schwesternzimmer“?

Nach all der konzentrierten Arbeit der beiden vergangenen Tage hatten die Veranstalter als Comic Relief zwei Schauspieler engagiert. In einer heiteren Improvisations-Theater-Einlage zeigten sie Erhellendes über die Wahrnehmung von Beziehung, Abhängigkeit und vermeintlicher Freundschaft.

Nach diesem für eine kopflastige Tagung sicher ungewöhnlichen Ausklang machte Frau Zegelin nur wenige Schlussworte. Sie wünsche sich, dass allmählich ein Netzwerk sprachinteressierter und –sensibler Pflegender entsteht, das die Thematiken dieser Tagung auch in Zukunft weiter bearbeitet.

Somit bleibt zu hoffen, dass das Intervall bis zur nächsten Tagung deutlich unter zehn Jahren bleibt.


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Links zum Artikel:
    Website zur Tagung „Sprache und Pflege“ (Programm & Abstracts)
    Buch „Sprache und Pflege“






Ähnliche Artikel - weitere Informationen:
    Beuse H: Pflegefachsprache - Eine Analyse der Entwicklung (PDF, 192 kb)

Letzte Aktualisierung: 31.07.2010 Der Webcode dieser Seite lautet ZW0120

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