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Herausgegeben von Hannelore Josuks

Buchbesprechung: Praxisanleitung in der Intensiv- und Anästhesiepflege

Martin Allgeier

Buchbesprechung: Praxisanleitung in der Intensiv- und Anästhesiepflege

Einleitung
Das Werk erscheint mit dem 30-jährigen Jubiläum der Weiterbildungsstätte für Intensiv- und Anästhesiepflege am Allgemeinen Krankenhaus Celle im Verbund mit weiteren 11 Krankenhäusern der Region. Die Herausgeber, allesamt in der Fachweiterbildung beschäftigt, legen nach eigenen Angaben ein Nachschlagewerk für Mentoren, Praxisanleiter, Leitungen von Fachweiterbildungen bzw. ein Handbuch für die Teilnehmer an Weiterbildungen und für neue Mitarbeiter vor. Im Vorwort kündigt Prof. Dr. phil. habil. Herwig Oelschläger - Akademischer Direktor der Universität Hannover im Fachbereich Erziehungswissenschaften - ein einheitliches Konzept an: eine umfassende Hilfe für alle, die sich im Aus- und Weiterbildungsbereich mit der Praxisanleitung beschäftigen.
Das Buch ist zweiteilig angelegt. Im ersten Teil versucht Josuks theoretische Grundlagen der Praxisanleitung sowie der Pädagogik aufzuzeigen. Zusammen mit Pech und Woecht überträgt sie die Methodik des Lehrens auf das bekannte Pflegeprozessmodell. Interessant scheint die Einbindung eines pflegewissenschaftlichen Ansatzes: die Einarbeitung neuer Mitarbeiter in einer Konzeption nach dem Pflegemodell von Peplau. Überleitend zeigt Josuks am Ende des ersten Teils Grundlagen zu Pflegestandards als Basis der Anleitung auf.

Im zweiten Teil werden 36 Prozess-Standards aus dem Bereich der Anästhesie und Intensivpflege aufgeführt. Diese wurden von 26 Praxisanleitern der Verbundweiterbildung entwickelt, eingeführt und evaluiert. Die Standards sind zweispaltig tabellarisch dargestellt. Im Buch werden allerdings lediglich die fachlichen Fakten und Inhalte checklistenartig dargestellt. Die üblichen Hilfsmittel einer Standardsystematik, wie z.B. Gliederungshilfen, Abkürzungen zur schnellen Dokumentation, Überarbeitungshinweise, Quellenangaben, Autorenhinweise etc. fehlen.

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Zielgruppe

Leider wird das Werk den angegebenen Kollegen der Zielgruppe keine große fachliche Freude bereiten. Die Autoren versuchten, ähnlich den Zutaten für eine Pastete, jeder Zielgruppe einige fachliche Ingredienzien zu verpacken:

  • Praxisanleiter, Mentoren und erfahrene Kollegen werden mit den ausgewählten pädagogisch-didaktischen Definitionen und Inhalten wohl eher verwirrt.
  • Lehrer werden sich über die konfusen, z.T. weitschweifig angelegten und überwiegend veralteten didaktisch-methodischen Ansätze eher verwundern.
  • Neue Mitarbeiter werden die Standards zunächst als wenig verständlich wahrnehmen.
  • Josuks selbst weist schon in der Einleitung auf die Mängel bezüglich der Verständlichkeit hin. Sie sieht den Vorteil ihres Werks jedoch in den sehr kurzen theoretischen Formulierungen als Grundlage für eine fachliche Diskussion vor Ort. Zum richtigen Verständnis der theoretischen Angaben sind, sowohl für die Grundlagen, als auch für die Standards, umfangreiche Studien weiterer Lehrwerke notwendig.

    Die Verfügbarkeit der angeführten Ideen und Konzepte für die Berufsgruppe ist mehr als fraglich, sie besteht allenfalls im Insider-Kreis der Autorengruppe, kaum darüber hinausgehend.



    Allgemeine fachwissenschaftliche Hinweise

  • Die theoretischen Ausführungen sind, vielfach ohne inneren Zusammenhang, aus überwiegend veralteter pädagogischer Fachliteratur zusammengewürfelt. An manchen Stellen erinnert der Inhalt eher an die Mitschrift eines pädagogischen Seminars als an die reflektierte Meinung einer Fachautorin. Oft werden mehrere, sich ab und zu sogar widersprechende, Definitionsangaben ohne kritische Stellungnahme der Autoren nebeneinander aufgeführt.
  • Hinweise auf pädagogische, pflegerische und intensivmedizinische Fachliteratur sind bei näherer Betrachtung für einen tatsächlich interessierten Leser völlig frustrierend, die angegebene Fachliteratur ist ebenfalls veraltet.
  • Moderne pädagogische Ansätze, die vor allem für das Lernen in der Praxis und mit Erwachsenen relevant sind, werden gar nicht angesprochen, wie z.B. Schlüsselqualifikationen, handlungsorientiertes Lernen, Problem-based-Learning.
  • Die (unvollständigen) Angaben zur Fachliteratur entsprechen in keiner Weise den üblichen Vorgaben zur Zitation.


  • Auswahl und Anordnung der Inhalte

  • Bezüglich der Anzahl der Seiten liegt der Schwerpunkt auf der Pflegepraxis. Die Auswahl der Standard-Themen ist sehr medizinisch orientiert, spezielle Pflegethemen sind kaum zu finden. Berufspolitisch leider eine Bankrott-Erklärung für die Berufsgruppe der Pflegenden. Dabei gäbe es viele pflegerische Themen, die es wert wären, in diesem Fachbuch zu stehen.
  • Die Auswahl und Anordnung der Themen ist eine Seite, die der Präsentation und didaktischen Darstellung eine andere. Die Auswahl und Anordnung der Standards wurde ohne jegliches methodisches bzw. didaktisches Konzept getroffen. Wo wirkte hier der Pflegepädagoge ?
  • Die numerische Gliederung und das Register erscheinen zum Teil unübersichtlich und wenig durchdacht, sie wirken daher wenig benutzerfreudlich. In Verbindung mit dem Fehlen einer modernen didaktischen und medialen Lehrbuch-Konzeption stellt sich die Frage: Wurde hier wieder einmal mehr beim Layout eines Pflegebuchs gespart? Der Drucksatz jedenfalls erweckt den Anschein eines Kamera-Ready-Projekts. Wo wirkten hier der Lektor und der Drucksetzer?



    Umsetzung in der Anleitepraxis
    Die Brauchbarkeit eines Fachbuchs entscheidet sich durch die Bewährung in der Pflegepraxis. Daher sind Kriterien der Praxistauglichkeit für die Bewertung entscheidend:

    • Erfahrungen der Durchführung von Anleitesituationen anhand des vorgestellten Konzepts bleibt uns das Autorenteam schuldig. Selbst die im Buch vorgestellten Checklisten stammen nicht aus der Celle'schen Pflegepraxis sondern aus einem weiteren Fachbuch.
    • Die praktische Umsetzung der Flussdiagramme des sog. ‚Praxisanleitungs-Prozesses' scheint mehr als fraglich. Durch das Fehlen jeglicher Kommentare scheint eine schnelle Übertragung des Pflegeprozessmodells im Sinne eines kybernetischen Regelkreises auf die pädagogische Praxisanleitung möglich. Die zweifellos vorhandenen Interdependenzen und die völlig unterschiedlichen Lerntypen, Bildungsintentionen etc. scheinen wie weggeblasen. Spätestens hier stellt sich die Frage nach dem zugrunde liegenden Menschenbild.
    • Die Autoren behaupten, dass die Lernziele das Ergebnis des angestrebten Wissens, Fühlens, Denkens und Handelns beschreiben. Dies lässt sich allenfalls für die kognitiven bzw. psychomotorischen Lernziele aufrecht erhalten. Wer dies für den affektiven Lernzielbereich postuliert und umsetzt unterrichtet wie vor 100 Jahren.
    • Einschränkungen oder Abweichungen vom vorgestellten Anleiteprozess werden nach Aussagen der Autoren zum Problem, wenn das Lernziel feststeht, der Weg dahin aber noch unklar ist. Die Antwort liegt in der gedanklichen Entwicklung (des Anleiters!) einer ‚kurz und knappen', ‚objektiven', ‚präzisen und spezifischen' Problemlösung. Hier wird der Anschein erweckt, dass prinzipiell jeder Mitarbeiter alle Lernziele erreichen können muss. Das Lernziel wäre dann nur von der intellektuellen Kapazität des Anleiters abhängig. Wieder stellt sich die Frage nach dem zugrundeliegenden Menschenbild: Wo bleibt die Freiheit und Individualität des Anzuleitenden - und damit auch implizit, später, des Patienten?
    • Die Übertragung der Peplau'schen Pflegetheorie, deren Ursprünge im Jahr 1952 liegen, führt zu einem Vokabular in Bezug auf die Interaktion zwischen Anleiter und Anzuleitendem, das berufspolitisch mehr als bedenklich ist: Mutterersatz, Führungsperson, Ersatzperson, Identifikation, Nutzung, Ablösung. Wo bleibt hier die freie Entfaltung eines menschlichen Geistes?





    Bewertung und Fazit

    • Das vorliegende Konzept der Praxisanleitung ist geleitet vom überholten, mythischen Denken, dass Lernen und Lehren nur vom Anleiter und dessen Aktionen abhängig sei. Eine Pluralität von unterschiedlichen Denk-, Lebens-, Lehr-, Lern- und Wertformen und deren gleichzeitigem Auftreten in der pflegerischen Wirklichkeit wird gar nicht erst angedacht.
    • Das eigene Leben allein und verantwortlich in die Hand zu nehmen und innerhalb der vielen täglichen Lebensmöglichkeiten zurechtzukommen ist ein Hauptlernziel zeitgemäßer Erwachsenenbildung. Für moderne Anleiter bedeutet dies eine totale Abkehr von veralteten Wissenshaltungen und Verharren auf nur einer Sichtweise.
    • Das Monopol der Leistungsbeurteilung muss im Rahmen der formal zulässigen Möglichkeiten verlassen werden.
    • Moderne Anleiter müssen eine Vielfalt von Methoden und Zugangsweisen kennen, um den vielfältigen Charakteren der Mitarbeiter gerecht zu werden.
    • Eine sozialgeschichtliche, wirtschaftliche, kulturelle und politische Auseinandersetzung findet im Werk nicht statt, obwohl gerade die Praxisanleitung eine sehr bewegte berufspolitische Vergangenheit aufzeigt. An dieser Stelle wäre auch der Aspekt der Qualitätssicherung betrachtenswert. Nur in der Einleitung wird die Aktualität der DRG's angesprochen.
    • Die Rolle der Pflegenden im Kontext der Gesamtwirklichkeit eines Krankenhauses ist in der Vergangenheit vielseitig diskutiert worden. Pflege als Frauenberuf mit einer wechselvollen Geschichte und einer spannungsvollen Gegenwart ist geprägt von Vorurteilen und Klischees. Besonders die Rolle der Lehrenden bzw. der Anleitenden ist in vielen Arbeitsbereichen mit dem Vorurteil der ‚nicht wirklich Arbeitenden' behaftet. Die Zusammenarbeit im Team befindet sich nach wie vor im Spannungsfeld Pflege-Medizin. All diesen Gegebenheiten ist in einem solchen Grundlagenwerk Aufmerksamkeit zu schenken.
    • Aussagen wie ‚Ängste der Lernenden bearbeiten' oder ‚Gezielter Einsatz von Motivationsmitteln (z.B. Lob)' implizieren ein stark hierarchisch geprägtes Menschenbild. Die im Werk gemachten Aussagen zu Normen sind sprachlich durchweg statisch dargestellt, so dass befürchtet werden muss, dass die Autoren eine relativ normative Grundhaltung vertreten.





    Fazit
    Das vorliegende Werk kann nach meiner Ansicht weder für die von den Autoren gedachte Zielgruppe, noch für den gedachten Zweck, als Nachschlagewerk oder Handbuch empfohlen werden. Die Liste kritikwürdiger Kriterien könnte noch um ein Vielfaches erweitert werden. So bleibt mir nur, es Pflegestudenten und deren Dozenten zu empfehlen, die das Thema ‚vergleichende Literaturstudien' bearbeiten. Sie werden eine wahre Fundgrube vorfinden.

    Schade um das schöne Hochglanzpapier des fadengebundenen Luxusbuchs. Hier stellt sich nun die Frage, wer hier wem einen Dienst erwiesen hat. Hochmotivierte Kollegen legen einem Verlag ein pflegerisches Konzept vor und erhalten von dort - wie es scheint - keinerlei Unterstützung in Lektorat und Satz. Die eklatanten Mängel dieses Buchs können den engagierten Pflegekräften kaum zur Last gelegt werden, sie hätten schon bei der ersten Durchsicht des eingereichten Manuskripts auffallen müssen. Die Herstellung von Pflegeliteratur muss in der Zukunft verstärkt sorgfältig beachtet werden.



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    Letzte Aktualisierung: 16.05.2008 Der Webcode dieser Seite lautet zw0057

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