Einleitung
Das Werk erscheint mit dem 30-jährigen Jubiläum der Weiterbildungsstätte
für Intensiv- und Anästhesiepflege am Allgemeinen Krankenhaus Celle
im Verbund mit weiteren 11 Krankenhäusern der Region. Die Herausgeber,
allesamt in der Fachweiterbildung beschäftigt, legen nach eigenen Angaben
ein Nachschlagewerk für Mentoren, Praxisanleiter, Leitungen von Fachweiterbildungen
bzw. ein Handbuch für die Teilnehmer an Weiterbildungen und für neue
Mitarbeiter vor. Im Vorwort kündigt Prof. Dr. phil. habil. Herwig Oelschläger
- Akademischer Direktor der Universität Hannover im Fachbereich Erziehungswissenschaften
- ein einheitliches Konzept an: eine umfassende Hilfe für alle, die sich
im Aus- und Weiterbildungsbereich mit der Praxisanleitung beschäftigen.
Das Buch ist zweiteilig angelegt. Im ersten Teil versucht Josuks theoretische
Grundlagen der Praxisanleitung sowie der Pädagogik aufzuzeigen. Zusammen
mit Pech und Woecht überträgt sie die Methodik des Lehrens auf das
bekannte Pflegeprozessmodell. Interessant scheint die Einbindung eines pflegewissenschaftlichen
Ansatzes: die Einarbeitung neuer Mitarbeiter in einer Konzeption nach dem Pflegemodell
von Peplau. Überleitend zeigt Josuks am Ende des ersten Teils Grundlagen
zu Pflegestandards als Basis der Anleitung auf.
Im zweiten Teil werden 36 Prozess-Standards aus dem Bereich der Anästhesie
und Intensivpflege aufgeführt. Diese wurden von 26 Praxisanleitern der
Verbundweiterbildung entwickelt, eingeführt und evaluiert. Die Standards
sind zweispaltig tabellarisch dargestellt. Im Buch werden allerdings lediglich
die fachlichen Fakten und Inhalte checklistenartig dargestellt. Die üblichen
Hilfsmittel einer Standardsystematik, wie z.B. Gliederungshilfen, Abkürzungen
zur schnellen Dokumentation, Überarbeitungshinweise, Quellenangaben, Autorenhinweise
etc. fehlen.
Zielgruppe
Leider wird das Werk den angegebenen Kollegen der Zielgruppe keine große
fachliche Freude bereiten. Die Autoren versuchten, ähnlich den Zutaten
für eine Pastete, jeder Zielgruppe einige fachliche Ingredienzien zu verpacken:
Praxisanleiter, Mentoren und erfahrene Kollegen werden mit den ausgewählten
pädagogisch-didaktischen Definitionen und Inhalten wohl eher verwirrt.
Lehrer werden sich über die konfusen, z.T. weitschweifig angelegten
und überwiegend veralteten didaktisch-methodischen Ansätze eher
verwundern.
Neue Mitarbeiter werden die Standards zunächst als wenig verständlich
wahrnehmen.
Josuks selbst weist schon in der Einleitung auf die Mängel bezüglich
der Verständlichkeit hin. Sie sieht den Vorteil ihres Werks jedoch in den
sehr kurzen theoretischen Formulierungen als Grundlage für eine fachliche
Diskussion vor Ort. Zum richtigen Verständnis der theoretischen Angaben sind,
sowohl für die Grundlagen, als auch für die Standards, umfangreiche
Studien weiterer Lehrwerke notwendig.
Die Verfügbarkeit der angeführten Ideen und Konzepte für die
Berufsgruppe ist mehr als fraglich, sie besteht allenfalls im Insider-Kreis
der Autorengruppe, kaum darüber hinausgehend.
Allgemeine fachwissenschaftliche Hinweise
Die theoretischen Ausführungen sind, vielfach ohne inneren Zusammenhang,
aus überwiegend veralteter pädagogischer Fachliteratur zusammengewürfelt.
An manchen Stellen erinnert der Inhalt eher an die Mitschrift eines pädagogischen
Seminars als an die reflektierte Meinung einer Fachautorin. Oft werden mehrere,
sich ab und zu sogar widersprechende, Definitionsangaben ohne kritische Stellungnahme
der Autoren nebeneinander aufgeführt.
Hinweise auf pädagogische, pflegerische und intensivmedizinische Fachliteratur
sind bei näherer Betrachtung für einen tatsächlich interessierten
Leser völlig frustrierend, die angegebene Fachliteratur ist ebenfalls
veraltet.
Moderne pädagogische Ansätze, die vor allem für das Lernen
in der Praxis und mit Erwachsenen relevant sind, werden gar nicht angesprochen,
wie z.B. Schlüsselqualifikationen, handlungsorientiertes Lernen, Problem-based-Learning.
Die (unvollständigen) Angaben zur Fachliteratur entsprechen in keiner
Weise den üblichen Vorgaben zur Zitation.
Auswahl und Anordnung der Inhalte
Bezüglich der Anzahl der Seiten liegt der Schwerpunkt auf der Pflegepraxis.
Die Auswahl der Standard-Themen ist sehr medizinisch orientiert, spezielle
Pflegethemen sind kaum zu finden. Berufspolitisch leider eine Bankrott-Erklärung
für die Berufsgruppe der Pflegenden. Dabei gäbe es viele pflegerische
Themen, die es wert wären, in diesem Fachbuch zu stehen.
Die Auswahl und Anordnung der Themen ist eine Seite, die der Präsentation
und didaktischen Darstellung eine andere. Die Auswahl und Anordnung der Standards
wurde ohne jegliches methodisches bzw. didaktisches Konzept getroffen. Wo
wirkte hier der Pflegepädagoge ?
Die numerische Gliederung und das Register erscheinen zum Teil unübersichtlich
und wenig durchdacht, sie wirken daher wenig benutzerfreudlich. In Verbindung
mit dem Fehlen einer modernen didaktischen und medialen Lehrbuch-Konzeption
stellt sich die Frage: Wurde hier wieder einmal mehr beim Layout eines Pflegebuchs
gespart? Der Drucksatz jedenfalls erweckt den Anschein eines Kamera-Ready-Projekts.
Wo wirkten hier der Lektor und der Drucksetzer?
Umsetzung in der Anleitepraxis
Die Brauchbarkeit eines Fachbuchs entscheidet sich durch die Bewährung
in der Pflegepraxis. Daher sind Kriterien der Praxistauglichkeit für die
Bewertung entscheidend:
Erfahrungen der Durchführung von Anleitesituationen anhand des vorgestellten
Konzepts bleibt uns das Autorenteam schuldig. Selbst die im Buch vorgestellten
Checklisten stammen nicht aus der Celle'schen Pflegepraxis sondern aus einem
weiteren Fachbuch.
Die praktische Umsetzung der Flussdiagramme des sog. ‚Praxisanleitungs-Prozesses'
scheint mehr als fraglich. Durch das Fehlen jeglicher Kommentare scheint eine
schnelle Übertragung des Pflegeprozessmodells im Sinne eines kybernetischen
Regelkreises auf die pädagogische Praxisanleitung möglich. Die zweifellos
vorhandenen Interdependenzen und die völlig unterschiedlichen Lerntypen,
Bildungsintentionen etc. scheinen wie weggeblasen. Spätestens hier stellt
sich die Frage nach dem zugrunde liegenden Menschenbild.
Die Autoren behaupten, dass die Lernziele das Ergebnis des angestrebten
Wissens, Fühlens, Denkens und Handelns beschreiben. Dies lässt sich
allenfalls für die kognitiven bzw. psychomotorischen Lernziele aufrecht
erhalten. Wer dies für den affektiven Lernzielbereich postuliert und
umsetzt unterrichtet wie vor 100 Jahren.
Einschränkungen oder Abweichungen vom vorgestellten Anleiteprozess
werden nach Aussagen der Autoren zum Problem, wenn das Lernziel feststeht,
der Weg dahin aber noch unklar ist. Die Antwort liegt in der gedanklichen
Entwicklung (des Anleiters!) einer ‚kurz und knappen', ‚objektiven',
‚präzisen und spezifischen' Problemlösung. Hier wird der Anschein
erweckt, dass prinzipiell jeder Mitarbeiter alle Lernziele erreichen können
muss. Das Lernziel wäre dann nur von der intellektuellen Kapazität
des Anleiters abhängig. Wieder stellt sich die Frage nach dem zugrundeliegenden
Menschenbild: Wo bleibt die Freiheit und Individualität des Anzuleitenden
- und damit auch implizit, später, des Patienten?
Die Übertragung der Peplau'schen Pflegetheorie, deren Ursprünge
im Jahr 1952 liegen, führt zu einem Vokabular in Bezug auf die Interaktion
zwischen Anleiter und Anzuleitendem, das berufspolitisch mehr als bedenklich
ist: Mutterersatz, Führungsperson, Ersatzperson, Identifikation, Nutzung,
Ablösung. Wo bleibt hier die freie Entfaltung eines menschlichen Geistes?
Bewertung und Fazit
Das vorliegende Konzept der Praxisanleitung ist geleitet vom überholten,
mythischen Denken, dass Lernen und Lehren nur vom Anleiter und dessen Aktionen
abhängig sei. Eine Pluralität von unterschiedlichen Denk-, Lebens-,
Lehr-, Lern- und Wertformen und deren gleichzeitigem Auftreten in der pflegerischen
Wirklichkeit wird gar nicht erst angedacht.
Das eigene Leben allein und verantwortlich in die Hand zu nehmen und innerhalb
der vielen täglichen Lebensmöglichkeiten zurechtzukommen ist ein
Hauptlernziel zeitgemäßer Erwachsenenbildung. Für moderne
Anleiter bedeutet dies eine totale Abkehr von veralteten Wissenshaltungen
und Verharren auf nur einer Sichtweise.
Das Monopol der Leistungsbeurteilung muss im Rahmen der formal zulässigen
Möglichkeiten verlassen werden.
Moderne Anleiter müssen eine Vielfalt von Methoden und Zugangsweisen
kennen, um den vielfältigen Charakteren der Mitarbeiter gerecht zu werden.
Eine sozialgeschichtliche, wirtschaftliche, kulturelle und politische Auseinandersetzung
findet im Werk nicht statt, obwohl gerade die Praxisanleitung eine sehr bewegte
berufspolitische Vergangenheit aufzeigt. An dieser Stelle wäre auch der
Aspekt der Qualitätssicherung betrachtenswert. Nur in der Einleitung
wird die Aktualität der DRG's angesprochen.
Die Rolle der Pflegenden im Kontext der Gesamtwirklichkeit eines Krankenhauses
ist in der Vergangenheit vielseitig diskutiert worden. Pflege als Frauenberuf
mit einer wechselvollen Geschichte und einer spannungsvollen Gegenwart ist
geprägt von Vorurteilen und Klischees. Besonders die Rolle der Lehrenden
bzw. der Anleitenden ist in vielen Arbeitsbereichen mit dem Vorurteil der
‚nicht wirklich Arbeitenden' behaftet. Die Zusammenarbeit im Team befindet
sich nach wie vor im Spannungsfeld Pflege-Medizin. All diesen Gegebenheiten
ist in einem solchen Grundlagenwerk Aufmerksamkeit zu schenken.
Aussagen wie ‚Ängste der Lernenden bearbeiten' oder ‚Gezielter
Einsatz von Motivationsmitteln (z.B. Lob)' implizieren ein stark hierarchisch
geprägtes Menschenbild. Die im Werk gemachten Aussagen zu Normen sind
sprachlich durchweg statisch dargestellt, so dass befürchtet werden muss,
dass die Autoren eine relativ normative Grundhaltung vertreten.
Fazit Das vorliegende Werk kann nach meiner Ansicht weder für die von den
Autoren gedachte Zielgruppe, noch für den gedachten Zweck, als Nachschlagewerk
oder Handbuch empfohlen werden. Die Liste kritikwürdiger Kriterien könnte
noch um ein Vielfaches erweitert werden. So bleibt mir nur, es Pflegestudenten
und deren Dozenten zu empfehlen, die das Thema ‚vergleichende Literaturstudien'
bearbeiten. Sie werden eine wahre Fundgrube vorfinden.
Schade um das schöne Hochglanzpapier des fadengebundenen Luxusbuchs.
Hier stellt sich nun die Frage, wer hier wem einen Dienst erwiesen hat. Hochmotivierte
Kollegen legen einem Verlag ein pflegerisches Konzept vor und erhalten von dort
- wie es scheint - keinerlei Unterstützung in Lektorat und Satz. Die eklatanten
Mängel dieses Buchs können den engagierten Pflegekräften kaum
zur Last gelegt werden, sie hätten schon bei der ersten Durchsicht des
eingereichten Manuskripts auffallen müssen. Die Herstellung von Pflegeliteratur
muss in der Zukunft verstärkt sorgfältig beachtet werden.
Dies ist ein Ausdruck des Online-Journals zwai PORTAL - JOURNAL - FORUM - WEITERBILDUNG
für Anästhesie- & Intensivpflege.
Das Dokument ist unter folgender Adresse zu finden:
http://www.zwai.net/zw0057