Anästhesie
HolBeu
Martin Kleen
Anästhesie
Kriminalroman
Broschiert - 208 Seiten - Leda Verlag
Erscheinungsdatum: Oktober 2004
ISBN: 3934927513

Charlotte Arbro ist eine junge Anästhesie-Fachärztin, die eine neue Stelle in einer Klinik angetreten hat. Und es ist zu befürchten, dass es sich in der Probezeit schlecht macht, wenn aus ungeklärten Gründen ein Patient nach dem anderen während der Narkose verstirbt.
Martin Kleen ist ebenfalls Anästhesist, daneben hat er seinen ersten Kriminalroman veröffentlicht. Und es ist zu befürchten, dass ein Erstlingsautor das ihm vertraute Milieu lediglich nutzt, um seine noch unbedarften literarischen Gehversuche wenigstens auf sicherem – weil ihm bekannten - Terrain spielen zu lassen.
Weit gefehlt! Von Anfang an fasziniert die Geschichte um die vermeintliche Pechsträhne der Anästhesistin. Ist der erste Todesfall vielleicht noch als „schicksalhaft“ zu erklären, die weiteren sind es nicht. Ist Dr. Abro einfach unfähig oder hilft jemand nach? Hat sie persönliche Feinde oder ist sie nur zufällig unwissendes Werkzeug eines Mörders, der genau weiß, wie die Mittel der Heilkunst zur Waffe werden?
Kleen gibt Hinweise, legt Fährten, doch er macht es dem Leser nicht einfach. Im Netzwerk aus ärztlichem Standesdünkel, persönlichen Abhängigkeiten und anderen gewöhnlichen Unbilden des Klinikalltags finden sich immer wieder neue Motive möglicher Täter.
Die wirklich spannende Handlung würzt der Autor mit seinem detaillierten anästhesiologischen Wissen und seiner genauen Kenntnis über die Banalitäten des Arbeitsplatzes Krankenhaus. Wenn er die Abläufe im Schockraum, in der Einleitung oder im OP beschreibt, ist jegliches TV-Klischee à la „Helden im OP“ fern. Jede Kleinigkeit kommt dem fachkundigen Leser vertraut vor.
Eine kleine Liebesgeschichte, ein Nebenstrang zum Thema Opiat-Missbrauch sowie ein schwuler und daher anscheinend selbstredend freakiger Kollege als vermeintlich komisches Element: Kleen benutzt auch Standard-Ingredenzien, doch sie vermögen die Spannung nicht zu verwässern.
Punktabzug gibt es leider für die Darstellung der Pflegekräfte. Ein Makel, den „Änästhesie“ mit dem ansonsten auch großartigen „House of God“ gemein hat. Schwestern und Pfleger agieren hier nur im Hintergrund - entweder ruhig und verlässlich oder nervig und laut. Ihre Charaktere bleiben farblos. Ärzte unter sich. Aber immerhin haben die Pflegenden Vor- und Nachnamen und – soviel sei verraten – haben mit den kriminellen Vorgängen in der Klinik nichts zu tun.
Nichtsdestotrotz ist „Anästhesie“ ein tolles Buch. Gerade weil die Umgebung so vertraut und die Schilderung äußerst realistisch ist, zieht die Kriminalgeschichte jeden in der Anästhesie Tätigen in ihren Bann.
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