Klaus Dörner
Die Gesundheitsfalle
Woran unsere Medizin krankt – Zwölf Thesen zu ihrer Heilung
1. Auflage 2003
Econ Verlag
In Zeiten des politisch brisanten Umbaus des Sozialstaates mangelt es nicht an klugen Verbesserungsvorschlägen zur Gesundheitspolitik. Oft fehlt es jedoch an Hintergrundüberlegungen, die die Probleme eingehend analysieren und das wandelbare aktuelle Tagesgeschehen überdauern.
Klaus Dörner, Altmeister der Sozialspychiatrie, versucht in seinem im Econ-Verlag erschienenen Buch „Die Gesundheitsfalle“, die grundlegenden Probleme des Gesundheitssystems zu erklären. Ausgangspunkt und Kernthema seiner Überlegungen ist das Phänomen „Gesundheit“ selbst.
Der Arzt und Historiker Dörner wählt einen philosophisch orientierten Zugang. Die Gesundheit – benennbar als „selbstvergessenes Weggegebensein“ - ist ein Zustand des Verborgenen, sie entzieht sich einer klaren Definition und wird erst durch ihr Fehlen – nämlich als Krankheit – bewusst.
Dörner kritisiert bestehende Missstände, wie beispielsweise die Pathologisierung, die Erfindung von Krankheiten und die Ausweitung von behandlungsbedürftigen Normabweichungen. So bedeutet dies zum Beispiel für die Schmerztherapie, dass die Versprechung auf immerwährende vollständige Schmerzfreiheit zu einem übersteigerten Schmerzempfinden führt – ein riesiger Markt z. B. für Analgetika-Hersteller. Auch in anderen medizinischen Feldern sieht Dörner das Problem der Übertherapie, Überdiagnostik und eine Zukunftsdiagnostik für „Noch-Nicht-Kranke“.
Der Autor prangert die Entmischung der sozial Benachteiligten, Schwachen und Kranken an, die durch die zunehmende Institutionalisierung aus der Gesellschaft gedrängt werden. Dies ist verständlicherweise ein Lieblingsthema Dörners, der an der Psychiatriereform der 70er und 80er Jahre mitwirkte, an deren Ende die Auflösung kompletter psychiatrischer Krankenhäuser stand. Nahezu alle Langzeitpatienten wurden seinerzeit in gemeindenahe eigene (betreute) Wohnungen entlassen.
Wie geht nun die Gesellschaft mit der Gesundheit um, warum läuft sie in die „Gesundheitsfalle“? Laut Dörner wird die Gesundheit in der heutigen Zeit zur Idealform erhoben. Gesundheit habe schon den Stellenwert einer Ersatz-Religion mit teilweise pseudoreligiösen sakralen Elementen. „Eine Gesellschaft, die Gesundheit zu ihrem höchsten Gut erklärt, treibt als Gesundheitsgesellschaft sich selbst die Gesundheit aus.“, schreibt Dörner. Endstation dieser zerstörerischen Eigendynamik sei die „Gesundheitsfalle“, das komplette Versagen des Gesundheitssystems in der Gesellschaft.
Als Wege aus der Sackgasse bringt Klaus Dörner außergewöhnliche, oft radikale und unpraktikabel wirkende Vorschläge, verliert jedoch nicht die Bodenhaftung und bietet eine idealistische, aber positive Perspektive. Seine Argumente sind philosophisch und ärztlich begründet und argumentativ auf der Seite des Patienten, des Schwachen. Um es in Dörners eigenwilliger Diktion zu formulieren – er spricht „vom Letzten her“. Insgesamt wirkt diese Argumentation erstaunlich einfach und logisch schlüssig.
Fazit:
Mit Klaus Dörner wagt sich ein erfahrener Arzt, philosophisch orientierter Beobachter und sprachgewandter Buchautor an das heikle Thema unserer Gesundheits- und Sozialsysteme. Ihm gelingt eine nachvollziehbar kritische Analyse vieler Problembereiche, besonders der „Gesundheit“ selbst. Seiner väterlich wirkenden und stets am Schwachen orientierten Argumentation gelingt es, der „gesundheits-besoffenen“ Gesellschaft radikale, innovative und positiv-illusorische Wege zur „Ernüchterung“ aufzuzeigen.
Dies ist ein Ausdruck des Online-Journals zwai PORTAL - JOURNAL - FORUM - WEITERBILDUNG
für Anästhesie- & Intensivpflege.
Das Dokument ist unter folgender Adresse zu finden:
http://www.zwai.net/ZW0047