Editorial
Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege & Funktionsdienste
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
Streiks an klinischen Einrichtungen bestimmen zurzeit das Bild in
den Medien und sind Ausdruck von Unzufriedenheit, die die Arbeitsbedingungen,
Bezahlung
und auch Bildungsarbeit betreffen. Immer mehr werden Bildungsmaßnahmen
nicht genehmigt, finanzielle Förderungen eingestellt und Bildungseinrichtungen
rationalisiert.

Betrachtet man den Begriff Bildung, so wird deutlich, dass der moderne Bildungsbegriff
für den lebensbegleitenden Entwicklungsprozess des Menschen steht, in
dem er seine kulturellen, geistigen und lebenspraktischen Fähigkeiten
mit samt seiner sozialen und personalen Kompetenzen erweitern kann. Unter pädagogischer
Betrachtung ist Klafkis Perspektive relevant, wonach Bildung darauf abzielt,
drei spezifische Fähigkeiten zu vermitteln:
- Selbstbestimmungsfähigkeit,
- Mitbestimmungsfähigkeit und
- Solidaritätsfähigkeit.
Diese Grunddimensionen menschlicher Fähigkeiten werden nicht nur für
die Schulbildung als notwendige Voraussetzung betrachtet, sich in der Lebenswelt
zu Recht zu finden, sondern sie sind auch das Gerüst für die Fortsetzung
von Bildung nach einer erworbenen Erstausbildung. Demnach soll Bildung u. a.
zu einer handwerklich-technischen Bildung führen, die Interaktion zwischenmenschlicher
Beziehungen ermöglichen, eine politische und ethische Handlungsfähigkeit
entwickeln sowie weitere spezifische Fähigkeiten vermitteln.
Dazu gehören
Schlüsselqualifikationen wie Kritik- und Teamfähigkeit, Empathie,
Kooperations-, Kommunikations-, Argumentations-, Entscheidungsfähigkeit
und Selbständigkeit sowie logisches, systematisches und vernetztes Denken,
um nur einige zu nennen. Die drei Grundelemente von Bildung können nach
Klafkis Vorstellung im Rahmen einer betrieblichen Bildung nicht ausgeblendet
werden, sondern sind die Basis für weiter zu entwickelnde Fähig-
und Fertigkeiten.
Führungskräfte von Kliniken müssten demnach
ein großes Interesse daran haben, ihren Mitarbeiten ein breitflächiges
Bildungsangebot zu unterbreiten.
Ä
hnlich sieht es Decker , indem er die Wichtigkeit von Bildung vor allem für
Betriebe apostrophiert, die um ihre Wettbewerbsfähigkeit ringen, und in
denen Mitarbeiter im Kontext einer schnelllebigen Zeit versuchen müssen
mit entsprechenden Lern- bzw. Bildungsprogrammen quantitativen wie qualitativen
Veränderungsprozessen Stand zu halten. Er fordert dahingehend eine Systematisierung
von Bildungsarbeit, um die individuellen Belange sowie die Ziele der Unternehmungen
von Erfolg gekrönt zu sehen.
Durch Rationalisierung von Mitarbeitern sowie Beschneidung von gezielten
Bildungsmaßnahmen
erhöhen sich in allen klinischen Einrichtungen allerdings die Risiken,
die eigentlich vor dem Hintergrund von qualitätssichernden Maßnahmen
reduziert werden sollen. Hier scheint sich ein Widerspruch zu entwickeln, was
mit einem Beitrag über Nadelstichverletzungen unterlegt wird.
Zeitgleich werden allerdings in verschiedenen Bundesländern in Bezug auf
Fachweiterbildung neue Modelle überlegt. Hierzu gehört die Frage,
ob Weiterbildungslehrgänge nicht mehr als Kurs- sondern als Modulsystem
angeboten werden können. Die Überlegungen gehen zurzeit einher mit
der Idee einer erhöhten Vergleichbarkeit auf nationaler und internationaler
Ebene sowie einer Kooperation mit Hochschulen. Diese Anbindung beinhaltet die
Gedanken, absolvierte Module an Weiterbildungseinrichtungen und Hochschulen
mit dem Grad des Bachelors zu versehen, womit die Professionalisierung auch
durch Akademisierung vorangebracht werden könnte. Entscheidungen dazu
werden allerdings erst in den nächsten Jahren erwartet. Manche sehen in
den Entwicklungen eine Krise. Unter den vorangegangenen Betrachtungen hoffe
ich dass Richard von Weizäcker recht behält mit seiner Aussage: „Von
den Chinesen können wir derzeit viel lernen. Sie benutzen für Krise
und Chance dasselbe Wort.“
Dietmar Stolecki
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