Ohne Bauchschmerzen wieder aus dem OP
Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege & Funktionsdienste
Die DGF fordert einen Fachkrankenpflegestandard
für den pflegerischen Anästhesie-
und OP-Dienst zur Einhaltung qualitativer und quantitativer Mindeststrukturen
im Regelbetrieb der stationären Versorgung. Eine umfassende qualitäts-
und sicherheitsorientierte Patientenversorgung in den Bereichen der Narkose-
und Chirurgiedienstleistungen funktioniert nur unter Berücksichtigung der
notwendigen pflegerischen Kompetenz. Hochwertige Pflege ist die Grundlage jeder
erfolgreichen stationären Behandlung.
Die Rahmenbedingungen
Das deutsche Gesundheitswesen stellt derzeit hohe Anforderungen an die
Mitarbeiter in der stationären Versorgung. Bedingt durch reduzierte Budgets, jüngste
Umstellungen der Vergütung von Krankenhausbehandlungen, erhöhtem
Wettbewerb und einer damit einhergehenden Arbeitsverdichtung in den Krankenhäusern,
sind enorme Anforderungen an pflegerische und ärztliche Mitarbeiter
in den Operations- und Narkoseabteilungen deutscher Kliniken entstanden.
Das hohe Maß an Arbeitsverdichtung und die Zunahme der Komplexität
der Behandlungen stehen im direkten Zusammenhang mit der erwartbaren Outcome-Qualität
bei den Patienten.
Die Berufsgruppen
Direkt davon betroffen sind die im OP
tätigen nicht-ärztlichen
Berufsgruppen der Fachkrankenpflege2 Anästhesie
und Funktionsdienste (im weiteren FKP-A und FKP-OP genannt). Die
FKP-A arbeitet hauptsächlich
in der Erbringung und Assistenz von Narkosen, der perioperativen
Patientenpflege, der Schmerztherapie und der innerklinischen Notfallbehandlung.
Die FKP-OP
arbeitet hauptsächlich in der Erbringung und Assistenz von
chirurgischen Interventionen und der invasiven und non-invasiven
Diagnostik sowie der perioperativen
Pflege. Beide Berufsgruppen verfügen über umfangreiche
und originäre
Kompetenzen, Tätigkeitsprofile und relative Vorbehaltsaufgaben3.
Schon heute kann die chirurgische und anästhesiologische Versorgung
der Bevölkerung,
gerade auch in Not- und Katastrophenfällen, nur über
die Einbindung der Fachkrankenpflege gesichert werden. Durch kompetenzorientierte
und überwiegend
staatlich anerkannte Weiterbildungen werden diese beiden Berufsgruppen
seit Jahrzehnten für die für Chirurgie und Anästhesie
notwendigen Aufgabenbereiche analog zu den sich entwickelnden OP
Spektren und anästhesiologischen
Interventionsstrategien weitergebildet, damit die Komplexität
der Aufgabenbereiche bewältigt werden kann. Die zunehmende
Multimorbidität der Patienten,
bedingt durch die demografische Entwicklung und damit einhergehende
Zunahme an chronischen Erkrankungen verschärft diese Ausgangslage
auf Seiten der Patienten.

Chancen und Grenzen aktueller Entwicklungen
Gerade im Bereich der Operations-
und Anästhesieabteilungen
wird versucht, über
die Etablierung neuer Strukturen die Arbeitsverdichtung zu kompensieren.
Hierbei steht die interdisziplinäre und multiprofessionelle Zusammenarbeit
stets im Vordergrund der Optimierungsprozesse. Diese Bestrebungen können,
wenn mit Augenmaß und kompetenzorientierter Analyse der Tätigkeiten
und Berufsgruppen, zum Erfolg führen. Das bedeutet zu erheben, welche
spezifischen Kompetenzen welche Berufsgruppe unter welchen Bedingungen zum
bestmöglichen
Ergebnis in den Behandlungsprozess einbringt. Nur so kann das Ziel
der sicheren und bestmöglichen Patientenversorgung erreicht werden.
Diese Veränderungen in den Organisationsstrukturen der Klinken, hin zu
fachübergreifend geleiteten Zentren für z.B. operative Medizin mit
einhergehender Zusammenfassung aller Berufsgruppen führen aber zu einer
Abwertung der unterschiedlichen eingebrachten Kompetenzen und Tätigkeiten
der Berufsgruppen. Über eine oftmals rein ökonomische Betrachtungsweise
wird eher Gleichmacherei und eine teils gefährliche Vermischung der berufsgruppenspezifischen
Tätigkeiten gefördert.
Nur über die Beibehaltung der Diversifikation beider Berufsgruppen und
der verschiedenen Aufgabenbereiche kann eine sichere und effiziente Patientenversorgung
gewährleistet werden.
Ohne eine ausreichend Differenzierung der Kompetenzen und Tätigkeitsprofile
der FKP-A und FKP-OP ist die Bildung effektiver multiprofessioneller Teams
nicht denkbar. Diese Teambildung ist notwendig, um die aktuell prozessorientierte
Krankenhausbehandlung von Patienten auch unter Berücksichtigung der aktuellen ökonomischen
Zwänge sinnvoll weiterzuentwickeln.
Spezifische Kompetenzen erhalten
Die FKP-A und FKP-OP ermöglichen mit ihren
jeweiligen Kompetenzen erst die Durchführung und Anwendung differenzierter
Operationen und Anästhesieverfahren
durch die zuständigen Ärzteteams. Die Chirurgen und Anästhesisten
haben intraoperativ oftmals keinerlei zeitliche Ressourcen, allen technischen
Voraussetzungen und Neuerungen der Patientenbegleitung und dem Ablaufmanagement
genügend Aufmerksamkeit zu widmen.
Hier springen die Fachkrankenpflegenden nicht nur regelhaft ein, sondern
sind unabdingbares Mitglied des therapeutischen Teams, um die sichere Patientenversorgung
aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig treiben sie dabei die Weiterentwicklungen
der medizinischen und pflegerischen Fachgebiete zukunftsfähig voran. Dies
knüpft auch an die historische Entwicklung der nicht ärztlichen Berufsbilder
im OP an. Das sichere Beherrschen und die umfangreichen Kenntnisse der Operations-
und Anästhesietechniken erfordern zwei verschiedene Berufsbilder im
Bereich der pflegerischen perioperativen Patientenversorgung.
Fachkrankenpflege fördert
Sicherheit
Eine umfassende qualitäts-
und sicherheitsorientierte Patientenversorgung in den Fachbereichen der Anästhesie
und des Funktionsdienstes OP funktioniert nur unter Berücksichtigung
der hierfür notwendigen
pflegerischen Voraussetzungen. Hochwertige Pflege bereits im OP bildet die
prinzipielle Grundlage
jeder stationären Behandlung.
Die DGF fordert entsprechend den kompromisslosen Fortbestand und die Weiterentwicklung
der vorhandenen pflegerischen Fachweiterbildungen für den Funktions- und
Anästhesiedienst und den flächendeckenden verpflichtenden Einsatz
dieser Berufsgruppen im Sinne eines Fachpflegestandards für alle Kliniken.
Die DGF fordert deutlich definierte Aufgabengebiete für die pflegerischen
Berufsgruppen im OP, die anhand der Weiterbildungsinhalte für einerseits
gemeinsame und andererseits originär vorbehaltene Tätigkeiten im
Prozess der perioperativen1 Patientenversorgung stehen.
Erstrebenswerte Konzepte der multiprofessionellen Teambildung
funktionieren nur über klare Aufgabenabgrenzungen und -verteilungen. Den aktuellen Entwicklungen
der Schaffung von multidisziplinär fortgebildeten Pflegekräften zur
reinen Arztassistenz in OPs, stehen zwei starke, umfänglich aus- und weitergebildete,
pflegerische Berufsgruppen gegenüber, ohne die ein regelhafter OP- und
Narkosebetrieb aktuell nicht mit gleicher Qualität denkbar ist.
Team- und Partikularkompetenzen
Bereits heute arbeiten beide Berufsgruppen in
vielen Bereichen der direkten Patientenversorgung in den OPs eng zusammen.
Dazu
gehören
Tätigkeiten
wie:
- Überwachung und Anwendung der hygienischen Anforderungen
- Ablauf- und Kontinuitätsmanagement
- Schnittstellenmanagement zu inner- und außerklinischen Bereichen
- Betreuung, Überwachung und Lagerung der Patienten im OP
- Management der Patientendaten und Datendokumentation
- Risiko- und Qualitätsmanagement im OP
- Fort- und Weiterbildung von Auszubildenden und nachgeordneten Berufsgruppen
Hinzu kommen spezifische Aufgabenbereiche beider Berufsgruppen,
die aufgrund ihrer ureigensten Komplexität nicht fachübergreifend ausgeführt
werden können. Hierzu zählen insbesondere:
- Vorhalten und Anwenden von medizintechnischen Geräten zur Diagnostik
und Therapie
- Vor- und Nachbereitung von fachspezifischen Materialien und Ressourcen
- Eigenverantwortliche patientenzentrierte Pflegeinterventionen und Überwachungsaufgaben
- Patientenadaptierte Assistenztätigkeiten zur Unterstützung chirurgischer
und anästhesiologischer Tätigkeiten
- Notfall- und Akutinterventionsmanagement
- Fort- und Weiterbildung von Auszubildenden
- Weiterentwicklung der Berufs- und Tätigkeitsprofile
- Delegation und Kontrolle von supplementären und nachgeordneten Aufgabenbereichen

Die Forderungen im Einzelnen
Die DGF fordert folgende Mindeststrukturen für den quantitativen und qualitativen
Personaleinsatz in OP- und Anästhesieabteilungen:
- Die Besetzung mit jeweils einer fachweitergebildeten [2] Krankenschwester
bzw. –pfleger
pro OP-Tisch,
- im Bereich der Fachkrankenpflege Funktionsdienste eine weitere tischgebundene
Fachkraft [4] (mit mind. dreijähriger Ausbildung),
- im Bereich der Fachkrankenpflege Anästhesie eine weitere nicht-tischgebundene
Fachkraft [4] / 2 Tische (s. g. Springer).
- Im Bereich der Aufwacheinheiten [5] ist zwingend die Besetzung mit Fachkrankenpflegekräften
zu gewährleisten und zwar in der Relation 1:4 Patienten.
(Die Zahlen gelten für den Regelbetrieb von OP Einheiten, exklusive
den für OP-Koordination und Leitungsaufgaben abgestellten Mitarbeitern.
Für
Häuser mit Maximalversorgungscharakter und / oder Universitätskliniken
gelten ggf. nach oben zu korrigierende Zahlen.)
Weiterhin unterstützt die DGF fortwährend die
- staatliche Anerkennung der bestehenden Berufsbilder der Fachkrankenpflege
bundesweit,
- kontinuierliche Weiterentwicklung der bestehenden Berufsbilder analog der
Weiterentwicklung des medizinischen Fortschritts,
- juristische Absicherung der Fachkrankenpflegenden im Sinne von schärfer
definierten Tätigkeitsmerkmalen und Vorbehaltsaufgaben,
- Bestrebungen, klare gesetzgeberische Aussagen zur Distribution und Allokation
medizinischer Aufgaben voranzutreiben,
- Weiterentwicklung der Fachweiterbildungen im Sinne verbesserter internationaler
Vergleichbarkeit und ggf. verbesserter Anbindung an die Hochschulen,
- die wissenschaftliche Auseinandersetzung und Erarbeitung mit/von pflegerischen
Fragestellungen und
- verpflichtende tarifliche Würdigung der Fachweiterbildungen.
Die DGF steht für die Weiterführung der pflegerischen Fachweiterbildungen
Funktionsdienste und Anästhesie/Intensivpflege als Grundlage von Pflegequalität
in den OP- und Anästhesieabteilungen. Ablehnend steht die DGF neueren
Ansätzen der unternehmensinternen Fortbildungsvarianten gegenüber,
die weder den allgemeinen Anforderungen genügen, noch zu anerkannten Abschlüssen
führen.
Die Patienten, welche sich mit ihren Leiden den OP- und Narkoseabteilungen
anvertrauen, benötigen keine Pseudo-Universalkräfte, die von allem
etwas, aber von vielem zu wenig verstehen. Sicherheit für die Patienten
läßt sich nur durch qualitativ sehr gut ausgebildetes Fachpflegepersonal
sicher stellen.
Für zukunftsweisende Diskussionen zur positiven Entwicklung des deutschen
Gesundheitswesens steht die DGF mit seinen Organen allen Ansprechpartnern zur
Verfügung.
DGF-Arbeitsgruppe Anästhesie und Vorstand
(31.03.2007)
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